Bild: Richard Stow
Im Sommer kommen zwei wahre Hardrock-Legenden in zwei der schönsten Open-Air-Locations des Landes: Am 25. Juli gastieren Uriah Heep und Nazareth (mit Bonnie Tyler) im malerischen Kärnten, auf der Moosburger Schlosswiese. Kurz darauf, am 29. Juli, heißen wir Nazareth (ebenfalls mit Bonnie Tyler) dann am Meer der Österreicher, auf der Seebühne Mörbisch willkommen.
Am 24. und 25. Oktober haben wir im Wiener Gasometer und im Linzer Posthof noch ein allerletztes Mal die Gelegenheit, Uriah Heep live zu erleben: Anschließend begibt man sich in die verdiente Pension.
Aber:
Haben diese alten Herren, diese Hardrock-Dinosaurier heute eigentlich noch einen Platz und eine Relevanz in einer Welt, in der in erster Linie starke Frauen von Charli XCX über Billie Eilish bis hin zu Taylor Swift das Sagen haben?
Ja. Und zwar nicht nur für die Ohren alte Herren (und Frauen). Warum? Das ist eigentlich ganz einfach.
“Früher war alles besser” ist so ein Satz, den man eigentlich nicht über die Lippen bringen möchte, weil es einen oft älter macht, als man eigentlich ist. Und weil der Satz meistens in Situationen fällt, die in ihrer Wertigkeit nicht für sich stehen - etwa wenn es heißt, dass man uns “früher” noch nicht “die Plastikstrohhalme weggenommen hat”. Tatsächlich ist es aber durchaus so, dass Menschen, wenn sie - wie heute laufend, und das im Eilzugstempo - mit Neuem konfrontiert sind, dazu neigen, sich an Dinge der Vergangenheit zu klammern - gewissermaßen als Sicherheitsnetz über dem bedrohlichen Abgrund einer unsicheren, überfordernden Zukunft. Gerade dann, wenn die Welt wie heute zerbricht, ist es schwer, sich nicht das verklärte Ideal einer “heilen Welt” zurück zu wünschen, als das Leben noch billiger, vermeintlich einfacher, weniger reglementiert, klarer, weniger hektisch beziehungsweise im Neusprech chilliger war: Die meisten Menschen denken linear, sehen die Zukunft wie einen Zug, der auf sie zurast - und so verhärten sich Sorgen zu absoluten Prophezeiungen und produzieren automatisch eine Perspektive, die wir fürchten.
So eine “rosige Retrospektion”, wie das Psychologen nennen - eine Tendenz, die Vergangenheit durch die rosarote Brille zu sehen - ist jedoch per se nichts Schlechtes. Insbesondere dann, wenn man Versatzstücke aus der Vergangenheit eben tatsächlich als Safe Space für das Hier und Jetzt verinnerlicht: Etwa, wenn man sich nach einer fordernden Arbeitswoche hinstellt und nach Omas Rezept einen Apfelkuchen bäckt, weil der ein wohliges Gefühl an die Kindheit und Jugend erweckt. Oder wenn man im Leben einfach mal Fünfe gerade sein lässt und eine der alten Hardrock-Platten hervorkramt und darin eintaucht.
Die “Demons and Wizards”-Platte mit dem Übersong “Easy Livin'” von Uriah Heep zum Beispiel: Uriah Heep zählen neben Black Sabbath, Deep Purple, Led Zeppelin und Nazareth zu den frühen und erfolgreichsten Vertretern des Hardrocks. Dieser klassische Hardrock der Siebziger, der hat eine zeitlose Qualität, der in der heutigen hektischen, digitalisierten Welt wie ein angenehmer Gegenpol, wie eine sanfte, ehrliche, Sicherheit gewährende Umarmung wirken kann: Es sind die epische Erhabenheit, die melodische Wärme und die handgemachte Authentizität, die es von der ersten Sekunde an vermögen, wie eine entspannende Realitätsflucht zu wirken. Und das aufgrund ihrer Qualitäten nicht nur für Menschen, die mit den urururalten Hadern von damals tatsächlich großgeworden sind und damit Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugend hervorrufen, sondern auch für Menschen, deren Persönlichkeit sich aus TikTok heraus entwickelt:
Die organische, warme, breite Produktion von (nicht nur) “Demons and Wizards” vermittelt ein Gefühl von Tiefe und Natürlichkeit, das in der modernen, oft überproduzierten Popmusik eher selten ist - Vinyl-Wiedergabe verstärkt diesen Effekt noch: Das leichte Knistern, die analoge Wärme, all das macht den Sound greifbarer und intimer.
Dabei erzählen Uriah Heep Geschichten von magischen Reisen, fernen Welten und introspektiven Erfahrungen - eine narrative Dimension, die wie ein gutes Buch eine Flucht aus der Realität bietet, noch dazu mit einer fast cineastischen Atmosphäre. Nicht falsch verstehen: Es ist wichtig und richtig, dass Künstler*innen wie Charli XCX oder Taylor Swift ihre Prominenz und ihre Bühne dafür nutzen, auch eine relevante Message zu verbreiten - aber hie und da sei es auch gestattet, einfach mal nur abzuschalten.
Viele Songs von gerade Uriah Heep haben durch repetitive Riffs, lange Instrumentalpassagen, sanft schwebenden Keyboards und dem einlullenden Gesang zudem fast eine meditative Qualität, die gerade in einer Zeit der ständigen Ablenkung hilft, sich wiederzufinden. Und gerade die dramatische Dynamik zwischen treibenden Rocknummern und folkigen Balladen wirkt überaus kathartisch.
Musik wie die von Uriah Heep ist also mehr als nur verklärende Nostalgie, sie ist tatsächlich ein beruhigendes musikalisches Refugium, das Geborgenheit und Entspannung gleichermaßen bietet.
Nicht minder funktionieren ihre schottischen Kollegen Nazareth: Gerade die unverwechselbare, raue Stimme von Dan McCafferty (mittlerweile verstorben) verleiht den Songs eine greifbare, authentische und vor allem menschliche Qualität - und diese ungeschliffene Direktheit kann besonders in stressigen Zeiten helfen, aufgestauten Druck loszulassen, sich emotional zu entladen.
Stücke wie “Hair of the Dog” oder “Razamanaz” schaffen es mit ihrer rohen, ungeschliffenen Kraft, einen aus dem Alltag herauszureißen: Ihre treibenden Riffs, die rotzige Attitüde sind die starke helfende Hand dafür, sich aus dem engen Korsett der täglichen Verpflichtungen zu befreien. In einer Zeit, in der vieles (über)reglementiert wirkt, kann so ein ungezähmter Rock'n'Roll wie ein erlösender Ausbruch wirken.
Aber Nazareth sind auch die Meister der Ballade: Songs wie “Love Hurts” oder “Where Are You Now” schaffen eine intime Atmosphäre, die wie ein musikalischer Kokon wirkt, aus dem man nach einiger Zeit der wohligen Entspannung revitalisiert wieder in die moderne Welt hinausschlüpfen kann. Nazareth zu hören bedeutet, einen Moment des Innehaltens, einen musikalischen Trost zu genießen - sich wieder erden zu lassen.
Unser letztjähriges Interview mit Nazareth könnt ihr [an dieser Stelle] nachlesen.