Bild: Semtainment
Für einen Song wie „Love Hurts“ hat man in Wien die schönste Bezeichnung: „L’Amour-Hatscher”. Geschrieben hat ihn der amerikanische Country-Songwriter Boudleaux Bryant, gespielt haben ihn u. a. die Everly Brothers und Jim Capaldi, aber weltberühmt wurde die eindringliche Power-Ballade durch das raubeinige Schotten-Kollektiv Nazareth. Am 8. November feiert die bekannteste Version dieses schönen Stücks seinen 50. Geburtstag, an Faszination hat sie bis heute nichts verloren. Der Song ist elementarer Bestandteil von Hollywood-Produktionen wie „Dazed And Confused“, „Die wilden Siebziger“ oder „Detroit Rock City“, wurde als Werbung für ein amerikanisches Versicherungsunternehmen eingesetzt und sorgt in bodenständigen Landdiscos noch heute dafür, dass die alkoholbetäubte Zunge zielgerichtet im Rachen der Angebeteten landet, wenn der Putztrupp zum Sonnenaufgang schon mit dem Kärcher anrückt. Oder um gleich beim Niveau zu bleiben: Den L’Amour-Hatscher kann man auch gerne „Dosenöffner“ nennen.
Das Kuriose dabei ist, dass die dafür verantwortliche Band Nazareth zu einem großen Teil ihrer mittlerweile 56 Jahre andauernden Karriere nicht unbedingt für die fein gestrickten Zartmomente bekannt ist, sondern sich vom industriellen schottischen 50.000-Einwohner-Städtchen Dunfermline aus eher dem harten Rock zugetan fühlt. Obwohl Nazareth mit ihren Jeansjacken und Koteletten vor allem die 70er-Jahre entscheidend mitprägten, kamen sie aufgrund des schwierigen Mitbewerbs nie so richtig aus der zweiten Reihe hervor. The Rolling Stones waren natürlich größer, Status Quo hatten mehr Boogie, Deep Purple die markanteren Hits, Led Zeppelin den Sex-Appeal, Black Sabbath den Heavy Metal, Pink Floyd die genialeren Songwriter und Queen, naja, Queen waren sowieso in jeder Hinsicht überdimensional. Noch mehr als ihre alten Kumpels von Purple oder Uriah Heep standen Nazareth aber seit jeher für die Working Class. Hemdsärmelige, rustikale Typen mit hartgeschnitzten Liedern und einer optischen Kratzbürstigkeit, die Respekt einflößte, aber keine Angst versprühte.
In Österreich gelang der Band mit den Alben „Loud’n’Proud“ (1973) und „Rampant“ (1974) sogar zweimal etwas, was ihnen im Rest der Welt niemals vergönnt war: Platz eins in den offiziellen Albumcharts. Auch wenn die großen Chart-Erfolge seit den späten Achtzigern passe sind, gehören Nazareth zu den unkaputtbaren Altrockern, die sich nie auflösten und ihrer erwähnten Working-Class-Attitüde stets gerecht wurden. „Bei uns gab es nie die großen Rockstar-Dramen“, sagt Bassist Pete Agnew im Gespräch voller Stolz, „egal ob mit oder ohne neuem Album, wir sind einfach unterwegs. Wir sichern unseren Licht- und Tontechnikern, der gesamten Crew die Jobs. Zeit unseres Lebens touren und rocken wir, das wird sich nicht mehr ändern.“
Agnew ist nicht nur das einzig verbliebene Gründungsmitglied Nazareths, er ist von der alten Garde auch noch als einziger am Leben. Drummer Darrell Sweet starb 1999 zwischen zwei US-Touren an einem Herzinfarkt, Gitarrist Manny Charlton, der lange in Spanien lebte, im Juli 2022 bei einem US-Besuch in Texas und im November 2022 segnete der langjährige Frontmann Dan McCafferty 76-jährig das Zeitliche. Schuld war die Lungenkrankheit COPD. In die Musikerpension ging er schon neun Jahre früher.
Agnew, als Bassist der öffentlich unscheinbarste Teil der Band, hielt das Werkl über alle Krisen, Rückschläge, Pensionierungen und Todesfälle hinweg am Laufen. „Als Dan 2013 in Rock-Pension ging, war ich das einzige Mal kurz davor, alles hinzuschmeißen“, wird er kurz ernst, „schließlich waren wir beide die Band und daneben war Dan mein bester Freund. Aus gesundheitlichen Gründen ging es aber nicht anders und er gab mir den Segen, weiterzumachen.“ Mit dem stimmstarken Carl Sentance fand Agnew schnell einen würdigen und auch von den Fans akzeptierten Nachfolger, Pets Sohn Lee ist seit mittlerweile 25 Jahren Schlagzeuger. Generationskonflikte oder Familienfehden konnten im Camp der bodenständigen Schotten stets vermieden werden. Humorig sind dafür Anekdoten aus der Vergangenheit. So haben Nazareth tatsächlich abgesagt, auf der Hochzeit von Guns N‘ Roses-Sänger Axl Rose zu spielen, weil sie gerade auf Europa-Tour waren und diese nicht unterbrechen wollten und Pete Agnew schleuderte einst Deep Purple-Gitarrengott Ritchie Blackmore in der Garderobe ein unmissverständliches „Fuck You“ entgegen, weil der McCafferty als Sänger abwerben wollte. „Es war mehr ein Scherz als eine Drohung“, lacht der Bassist, „aber du weißt ja, wie das Rockbusiness funktioniert. Solche Geschichten prägen irgendwann die Legende einer Band.“
Arbeiterkind Agnew hat früh die wichtigsten Unterschiede unter den einzelnen Protagonisten herausgefiltert. „Es gibt Musiker und Rockstars. Das sind zwei grundverschiedene Welten. Und dann gibt es noch die ,Wannabes‘, das sind die Allerschlimmsten. Wir waren auch dumme Jungs, haben aber nie etwas verbrochen. Dan hatte jahrelang zu viel Kaffee getrunken. Ja, ich weiß, langweilig. Aber so war es. Auch Bands wie Deep Purple und Uriah Heep waren immer sehr diszipliniert. Ein richtiger Rockstar war Lemmy. Der kannte Grenzen nur, um sie einzureißen.“ Mit der Vergangenheit ist Agnew heute im Reinen. „Ich kenne keinen Musiker aus den Siebzigern, der finanziell nicht mindestens einmal brutal über den Tisch gezogen wurde. Wir alle hatten keine Ahnung vom Geschäft und liebten nur die Musik.“ Mit der aktuellen Inkarnation von Nazareth tourt Agnew unermüdlich weiter. In aller Demut und Bescheidenheit. „Für manche Menschen sind wir die beste Band der Welt. Darauf bin ich stolz und das mach mich unheimlich froh.“
Nazareth spielen am 4. Juli in der Burgarena Finkenstein, am 5. Juli im Rahmen von Clam Rock auf Burg Clam und am 6. Juli vor Schloss Esterhazy am Lovely Days, am 16. November dann in Wörgl. Tickets gibt es bei oeticket.