Bild: United Talent Agency
Es ist ein Rezept, von dem alle Köche träumen: leicht zubereitet und trotzdem der Masse mundend. Boybands sind also sowas wie das Würstel – immer ein bisschen belächelt, aber der Renner bei jeder Geburtstagsfeier. Oder sonstigen Veranstaltungen, bei denen viele Menschen zusammenkommen. In dem Fall: viele kreischende Mädchen und junge Frauen. Ohnmachtsfälle, Liebesbriefe, auf die Bühne geworfene Teddybären und BHs, Riesenposter im Kinderzimmer. Wer in den Neunzigern nicht vom Boyband-Virus befallen war, der hat nicht gelebt. Ironie inklusive.
Die Neunziger waren eindeutig das Jahrzehnt der Boybands. Lou Perlman war der erste Musikmanager, der das Boyband-Rezept zur Perfektion erhob. „Solange es kreischende Mädchen gibt, solange gibt es auch Boybands“, so sein berühmtes – sehr wahres – Zitat. Perlman, der Jamie Oliver der Musikszene. Die Zutaten wählte er im Feinkostladen für Junk Food-Liebhaber aus: Fünf (um das Fotoformat gut auszufüllen und auf der Bühne viel Action zu ermöglichen) möglichst unterschiedliche Jungs, die den unschuldigen Romantik-Geschmack der Zielgruppe der zehn-bis vierzehnjährigen Mädels abdecken sollte – der Streber, das süße Nesthäkchen, der Klassenclown, der Bad Boy und der Fitness-Junkie. Sie alle sollten passabel – synchron – singen, vor allem aber perfekt synchron tanzen können. Die Personifizierung des (ersten) feuchten Traums.
Boybands synchronisieren das Kollektiv der Männlichkeit, auch wenn die Jungs eher Geschäftspartner denn Freunde sind: Denn weil nichts dem Zufall überlassen werden darf, wird die Band gecastet und von Minute Null an deren Image streng kontrolliert: Skandale gibt es keine, Single sind natürlich auch alle und schwul ist schon gar keiner – Unerreichbarkeit ist schließlich nur solange begehrenswert, solange es die (kleinste) Möglichkeit des Erreichbaren gibt. Die Boys folgen den aktuellen Trends, eingängige Pop-Nummern werden ihnen auf den durchtrainierten Leib geschneidert, Texte über die Liebe und Musikvideos mit Choreos im Regen inklusive. Eine Scheinwelt, die das Sein uninteressant macht, weil der Eskapismus so verführerisch in der Realität verwurzelt ist.
In den Neunzigern kamen die Boybands von überall her und machten die Welt sexier, kitschiger, poppiger: Aus den USA stammten unter anderem Boyz II Men, Backstreet Boys, *NYSYNC, O-Town und Hanson (viele von Perlman gemanagt, der signifikanterweise auch bei den Chippendales involviert war). Aus den Niederlanden kamen Caught in the Act, aus Irland Boyzone und Westlife, aus Deutschland Bed & Breakfast und Touché. Der Hype (in Europa) wurde aber in Großbritannien von Take That (großes Foto) ausgelöst, die nicht nur Robbie Williams, sondern auch eine Seelsorge-Hotline aufgrund von diversen Selbstmorddrohungen hervorbrachten, als die Band sich 1996 (vorerst) auflöste. Die 90er-Boybands waren ein Produkt ihrer Zeit: Das Künstliche wird zur Kunst erhoben.
Auch wenn der Begriff (und das Konzept) der Boyband streng genommen erst in den Neunzigern erfunden wurde, sind männliche Gesangsgruppen natürlich so alt wie die Musikgeschichte selbst. Schon im späten 19. Jahrhundert gab es sogenannte (sehr beliebte) „Barbershop-Quartette“, also eine Gruppe von Männern mit vierstimmigen Harmonien. In den Vierzigern und Fünfzigern ließen Doo-Wop-Bands wie The Ink Spots diese Tradition wieder aufleben, sie sangen bevorzugt über Liebe, Freundschaft und Selbstfindung.
Mehr in Richtung des modernen Konzepts der Boygroup ging man in den Sechzigern und Siebzigern, in denen vor allem die Jackson 5 (mit einem blutjungen Michael Jackson), The Osmonds, Menudo (mit Ricky Martin!) und The Bay City Rollers (aus Schottland!) die Charts regierten, Trends setzten und bereits Ohrwurm-Songs mit peppigen Choreographen verbanden. Bemerkenswert: Sowohl Jackson 5 als auch The Osmonds bestanden aus Brüdern, eine Tradition, die sich später in Bands wie Hanson, Jonas Brothers oder Tokio Hotel wiederholen sollte.
Rückblickend als „erste Boyband der Welt“ werden gerne die Beatles genannt, die in den Sechzigern eine (Kreisch-)Hysterie auslösten, die als „Beatlemania“ in die Geschichte einging und ihnen die Boygroup-Etikette verpasste – nicht ganz korrekt eigentlich, da die Jungs nicht gecastet wurden, selbst ihre Songs schrieben, Instrumente spielten und sich als „Rockband“ bezeichneten. Aber kreischende Mädchen übertönen eben alles.
Jene Gruppe, die aber tatsächlich den Weg für männliche Popbands wie den BSB oder Take That ebneten (letztere wurden gar nach ihrem Vorbild konstruiert), waren New Kids On the Block, die in den Achtzigern die USA im Sturm eroberten und bis heute als Boyband-Pioniere gelten. Während ihrer aktiven Zeit waren NKOTB zeitweise die bestverdienenden Entertainer der Welt.
Weil auf jeden Trend ein Gegentrend folgt, wurde es nach dem Hype in den Neunzigern ruhig um Boybands. Viele lösten sich auf, Bandmitglieder als auch Fans waren dem Teeniealter entwachsen. Anfang der Nullerjahre hatte man genug vom Pop-Zucker, nun war rotzfrecher Punk angesagt. Ausnahmen gab’s aber nach wie vor, Bands wie Jonas Brothers, Blue, Echt oder (bereits polarisierend-pulsierend) Tokio Hotel hievten die unbekümmerten Spuren der Neunziger in das neue Jahrtausend.
Weil man sich in komplexen Zeiten nach orientierungsgebender Simplizität und tröstender Nostalgie sehnt, gab’s in den 10er-Jahren eine Boyband-Renaissance, angeführt von One Direction, der erfolgreichsten britischen Boyband seit Take That. Auch K-Pop mit BTS war endlich im Mainstream angelangt und hob den poppigen Zuckerschock auf ein neues Level. Auch wenn es ganz im Sinne der Zeit die Frauen sind, die aktuell den musikalischen Ton angeben, wagten Kult-Bands wie BSB, NKOTB, Take That oder auch Tokio Hotel ein (fulminantes) Comeback, um uns die Möglichkeit zu schenken, den Rausch der Jugend niemals enden zu lassen. Auch wenn das Gekreische mittlerweile einem melancholischen, aber immer noch sehnsüchtigen Seufzer gewichen ist.
Die Jonas Brothers gastieren am 1. Juni in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.
Take That gastieren am 4. Juli auf Burg Clam. Tickets gibt es bei oeticket.
Tokio Hotel am gastieren 18. März 2025 (!) im Gasometer. Tickets gibt es bei oeticket.