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Konzerte

Engtanzparty mit Engelbert

24.05.2024 von Samir H. Köck

Engelbert Humperdinck gibt sich auch mit 88 Jahren sehr fidel. Welttournee statt Pension, das ist die Devise des lang dienenden Crooners, der seine ersten Welthits in den Sixties hatte.

"Musik war von Anbeginn der Reisepass, der mir die Welt eröffnete“, sagt der ewig gut gelaunte König des Evergreen gleich eingangs. Seine Fans nennen ihn schlicht Engelbert. Auf seinen Alben prangt allerdings Engelbert Humperdick, ein Name, den er sich von einem deutschen Klassikkomponisten der Spätromantik entlieh, weil seinem Manager Gordon Mills der Geburtsname Arnold George Dorsey zu gewöhnlich für eine Sangeskarriere schien. Der in Indien geborene Brite stieg in einer idealen Zeit ins Business ein, Mitte der Sechzigerjahre, als die Beatle-Mania die halbe Welt für britische Popmusik entflammen ließ. 1967 hatte er mit der damals schon fast 10 Jahre alten Brachialschnulze „Release Me“ einen Welthit. Begonnen hatte alles damit, dass Sangeskollege Dickie Valentin erkrankte und so ein Slot in der live übertragenen Fernsehsendung „Sunday Night At The London Palladium“ frei wurde. Das Lied mit starkem Countryeinschlag schoss auf Platz 1 der britischen Charts und verkaufte sich in Folge international millionenfach.
 
In der Folge wurde er zum Idol jener, die ein Faible fürs Altvaterische haben. In den Sechzigern wurde er zum größten Konkurrenten für Tom Jones. Beide fischten im Reservoir der älteren, konservativen Damen. Beider Koteletten und Krägen wuchsen dann zu Beginn der Siebziger praktisch gleichzeitig. Ein Unterschied zeigte sich in der Herangehensweise an ihre Songs. Während sich Tom Jones stets eine bestimmte Ironie vorbehielt, entbot Engelbert seine Lieder mit dem Schmelz des echten Romantikers. Die weiblichen Fans warfen ihm, anders als Tom Jones, nie Unterwäsche auf die Bühne. Das wäre zu brüsk für diesen zartfühlenden Crooner gewesen. Bei aller Liebe, war da immer ein wenig Distanz. Und gerade die verlockte zum Träumen. Von „Can’t Take My Eyes Off You“ über „Quando Quando Quando” bis hin zu “Spanish Eyes”: Engelbert versteht es bis heute, Amore in mannigfaltigsten Szenarien herbeizusingen. Mit Albentiteln wie „A Man Without Love“ lockte er jene, die eine virile, aber dennoch sanfte Projektionsfläche brauchten.

Im Mai wird er 88 Jahre alt. Immer noch gibt er überzeugend den amourösen Schwerenöter. Sein aktuelles Album trägt nicht von ungefähr den Titel „All About Love.“ Auf dieser für seine Verhältnisse dezent arrangierten Liedersammlung versammelt der Veteran Klassiker des modernen Torch Songs: Lou Rawls zart pulsierenden Groover „You’ll Never Find Another Love Like Mine”, Barry Whites „You Are The First The Last My Everything” und „How Can You Mend A Broken Heart”, jene Bee-Gees-Ballade, die Soulsänger Al Green unsterblich gemacht hat. Auch „Kiss And Say Goodbye” von den Manhattans und „Will You Still Love Me Tomorrow” von Carole King wurden das Engelbert-Stimmservice zuteil. Lou Rawls’ Phillyklassiker „You´ll Never Find Another Love Like Mine” wird besonders beherzt von ihm interpretiert. Ein Album, wie eine einzige Engtanzparty. Die Damen, die im Hintergrund irgendwo zwischen den Hörnern und den Geigen singen, sind ein wunderbarer Kontrast zu Engelberts immer noch charismatischer Stimme.
 
Vor etwa zehn Jahren hat sein damaliges Management eine Zusammenarbeit mit Damon Albarns Comicfigurenband Gorillaz ausgeschlagen. Als es Engelbert erfuhr, war er sehr enttäuscht. Er persönlich hätte es sofort angenommen. Jetzt, kurz vor seinem 88er, erfährt man, dass er eine Überraschung plant. Einerseits wünscht er sich als ältester Künstler beim Glastonbury Festival zu singen. Der aktuelle Rekordhalter ist Burt Bacharach, der mit 87 vor diesem Meer an Jugendlichen gesungen hat. Andererseits nimmt er gerade unter höchster Geheimhaltungsstufe ein Album auf, auf „dem ich mich aus meiner Komfortzone begebe und in einem ganz anderen Stil singe.“ So etwas Düsteres wie das, was Johnny Cash mit Rick Rubin getan hat, darf man sich wahrscheinlich nicht vorstellen. Auch nicht so etwas Bluesig-Erdiges, wie es Tom Jones auf den letzten drei Alben eingesungen hat. Mit Jones, seinem alten Konkurrenten aus den Sixties, gibt es ein mysteriöses Zerwürfnis, das um die fünfzig Jahre her sein soll. Jüngst gefragt, ob denn keine Versöhnung möglich sei, antwortete Sir Tom Jones recht unhöflich. „It’s as I say – once a cunt always a cunt.”

Und so gibt Engelbert immer noch erfolgreich den „Man Without Love”, obwohl er Millionen Fans hinter sich weiß. Auch im Showbusiness hatte er gute Freunde. Einer davon war Elvis, der die Koteletten noch buschiger trug als Engelbert und Tom Jones zusammen. Auf ihn angesprochen gerät er unmittelbar in den Modus des Schwärmens. „Elvis, das war ein sehr, sehr warmherziger Mensch. Er hat mich schon beim ersten Händedruck umarmt. Und er war der beste Performer, den ich jemals sah.“ Das mag sein, aber die Durchhaltekraft eines Engelbert hatte er nicht.

Mit 88 Jahren begibt Engelbert sich heuer unerschrocken auf eine extensive Welttournee, die ihn am 3. September ins Wiener Konzerthaus führen wird. Dort wird er wohl auch „Everywhere I go“ singen, ein Lied, das er seiner 2021 verstorbenen Frau widmet. „Sie würde wollen, dass ich wieder auf Tournee gehe.“ Und so tut er es halt.

Engelbert Humperdinck vollzieht seinen „last waltz” am 3. September im Wiener Konzerthaus. Tickets gibt es bei oeticket.

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