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ESC-Anwärter Nikotin: Der Meister des Jüngsten Tages

17.02.2026 von Stefan Baumgartner

Nikotin ist einer von zwölf Künstler*innen, die Österreich diesen Mai beim Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle vertreten könnten. Am 20. Februar tritt er mit seinem Song “Unsterblich” beim Vorentscheid “Vienna Calling – Wer singt für Österreich?” an.

Mit “1010” und “Kaiser von Österreich” war Nikotin vor drei Jahren zwar in der heimischen Musikszene noch ein Frischling - aber mit einem Fingerschnippen sofort ganz oben dabei: Er wurde auf Ö3 gespielt und tourte im Vorprogramm von Seiler und Speer bis Robbie Williams. Dann der Schicksalsschlag: 2025 verstarb völlig unerwartet sein Vater - ein Erlebnis, das Nikotin nun in seiner neuen Single “Unsterblich” in seiner eigenen Biografie und insbesondere mit Zukunftsperspektive verortet.

Trauer, Wut, Aggression, Unverständnis - in so einem Moment des Verlusts durchwandert die Gefühlswelt zahlreiche Stadien, und springt wild zwischen ihnen hin und her. Bereits auf seiner letzten EP “Totenberg”, Ende Oktober vergangenen Jahres erschienen, hat Nikotin seine einstigen bacchantinischen Pfade, seinen Übermuts-Soundtrack verlassen und versucht, seinen Schmerz ein wenig zu verarbeiten - mit düsteren Liedern, die keinerlei kommerziellen Anspruch in sich trugen. Musik als Therapie, folgert man rasch als Hobby-Psychologe. Doch nun folgt mit “Unsterblich” ein Weg hinaus aus dieser Düsternis, aus der Trauerphase: “Unsterblich” klingt auch epochal und energetisch, sieht das Licht am Ende des Tunnels.

Doch nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch ist “Unsterblich” ein Stück österreichische Musikgeschichte, das im Kosmos des Eurovision Song Contests vielleicht gut aufgehoben ist, das Biotop jedoch nicht per se benötigt, um sich von selbst aus unsterblich zu machen: Wenn wie hier die große Grätsche zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit dermaßen leichtfüßig beschritten wird, ist das schon ganz großes Kino - das zudem auch zeigt, dass hinter jedem guten Stück Musik auch ein Mensch mit Leib und Seele gleichermaßen steckt.

Diesen Menschen, den habe ich zwar nicht in den besungenen Katakomben getroffen, dafür im Wiener Gürtellokal The Loft: Dort präsentierte Nikotin in voller Bandbesetzung am 16. Februar erstmals nicht nur seine ESC-Single “Unsterblich”, sondern mit “International Vampire” auch einen Song, der nicht nur die neue Ausrichtung von Nikotin ankündigt, sondern eingebettet in Klassiker wie natürlich “1010”, aber auch “Discokilla” und “Rambazamba” zeitgleich auch bewies, dass Nikotin seit vergangenem Jahr keinen Bruch mit seinem alten Ich herbeigeführt hat - sondern vielmehr musikalisch gewachsen und gereift ist, und nun wie Phönix aus der Asche aufsteigt.

Du trittst mit „Unsterblich“ beim österreichischen ESC-Vorentscheid an. War der Eurovision Song Contest bisher, in deiner kunst- und musikaffinen Kindheit, je bereits ein Thema?

Nein, gar nicht. Da ging es eher um die „schöne Dinge“ – um Poesie und hochqualitatives Songwriting. Natürlich bekommt man den Eurovision Song Contest trotzdem mit und schaut ihn auch hie und da, aber ich habe nie eine Konversation mit meinen Eltern darüber geführt. Der ESC war für mich immer etwas, das eher von außen passiert.

Jetzt, wo du Teil seiner Geschichte bist: Wofür steht der ESC für dich persönlich – musikalisch, aber auch kulturell?

Für Diversität und Songwriting – für mich ist es eigentlich ein Wettbewerb, wie er ursprünglich in den Siebzigern ausgerichtet war. Das Songwriting steht heute nicht mehr so krass im Fokus, es geht viel mehr um Performance, um Licht, um Tanz, Special Effects – Artefakte auf der Bühne, wenn du so willst. Das ist natürlich dem Zug der Zeit geschuldet. Ich finde beim ESC viele Sachen grandios, manche aber auch nicht: Sachen, die mir nicht so taugen, sind Performances mit hunderttausend Tänzern. Das kann man nicht mehr neu erfinden, kann man nicht mehr besser machen. Ich hingegen finde Songs geil, die unerwartete Teile haben. Aber natürlich singen mich dort alle in Grund und Boden (lacht).

Dafür lassen andere vielleicht Ecken und Kanten missen – etwas, das Musik auch und vielleicht zuallererst ausmacht.

Kann sein. Meine Teilnahme ist sehr spontan passiert, anfangs hatte ich eigentlich sogar abgelehnt. Dann habe ich aber darüber nachgedacht und gesagt, wenn ich die richtige Nummer dafür habe, dann bin ich doch dabei. Ich sehe mich schon eher als Underground-Künstler – natürlich habe ich Hooks, natürlich sind die meisten meiner Nummern zweieinhalb bis drei Minuten lang. Aber mit “Unsterblich” hat es so gepasst, dass es sich für mich natürlich angefühlt hat.

“United by Music”, der Untertitel des ESC, klingt sehr versöhnlich, tatsächlich ist er aber oft auch sozialpolitischer Resonanzraum. Wie blickst du als Künstler auf die Vermischung von Pop und Politik?

Bei “Unsterblich” geht es natürlich nicht um Politik – aber ich finde politische Künstler immer nur bis zu einem gewissen Ausmaß cool. Die Dosis macht das Gift. Natürlich bin auch ich schon oft über meine Einstellung zur Israel-Teilnahme gefragt worden – aber das ist eine demokratische Abstimmung von der EBU, das ist in einem Gremium nun einmal so entschieden worden. Das muss ich, als kleiner Künstler, akzeptieren.

Als Künstler zu viel politisieren finde ich schwierig – man sollte sehr vorsichtig sein, wie und was man sagt. Es ist auch das Thema: Wie gut ist man informiert? Es ist schwierig, ehrlich und authentisch zu antworten, wenn man sich nicht ständig mit einem Thema auseinandersetzt. Natürlich: Klare Meinungen und klare Botschaften sind total wichtig, Leute ausgrenzen, Rassismus und Homophobie sind ein absolutes No-Go. Das passt auch in das Gefüge der Zeit, in der wir uns gerade befinden, überhaupt nicht rein.

Du hast in London, Berlin, Amsterdam und Australien gelebt – betonst aber trotzdem, dass Wien dein emotionaler Fixpunkt geblieben ist. Wien wird oft als Stadt mit einer besonderen Beziehung zur Vergänglichkeit und zum Morbiden beschrieben. Inwieweit ist es gerade das, was dich auch über “Unsterblichkeit” hinaus künstlerisch prägt?

Eine sehr gute Frage – Morbidität finde ich aber eher in Prag beheimatet: Wenn es dort dunkel ist und du über die Brücken wanderst, das finde ich dann richtig, richtig morbid. Natürlich ist es aber zu einer gewissen Jahreszeit auch in Österreich und nicht nur in Wien morbid – du brauchst im Winter nur aufs Land rausfahren, zu einem einsamen Haus im Nirgendwo.

Diese Dunkelheit, die ich in vielen Songs habe und die auch in mir ist, kommt wohl eher daher, dass ich viel Goethe und Hesse gelesen habe. Morbidität finde ich nicht nur in Städten wie in Wien oder Prag – ich muss daheim nur eine Kerze anmachen, dann kann ich für mich dieses Gefühl erschaffen. Ohne esoterisch klingen zu wollen: Wir alle haben irgendwo das Göttliche, aber auch das Diabolische in uns. Und da sind wir wieder bei der Dosis: Wie viel nimmst du davon an, wie viel trägst du davon nach außen? Im Zweifelsfall gewinnt bei mir in meiner Musik immer Moll gegen Dur (lacht)! Heute spielen wir übrigens als Opener “International Vampire”, der kündigt die neue Nikotin-Ära an: Es geht weg von Disco, hin zu Hardrock. Das ist die morbideste Nummer im ganzen Set, es passiert relativ wenig, es geht um ein einziges Riff – und das schlägt dir drei Minuten lang einfach nur in die Fresse und hoffentlich alle Zähne aus, weil er so beißt. Vorher waren bei Nikotin mehr Farben – jetzt ist die Farbe: Rot.

Rot ist ein gutes Stichwort: In “Der Meister des Jüngsten Tages” von Leo Perutz ist die Farbe, in der die Sonne am Tage des Gerichts leuchtet, ein “Drommetenrot” – ein intensives, durchdringendes, bildlich gesprochen: lautes Rot.

Voll. Das Schreiben passiert bei mir aber einfach so, ich schreibe nicht mit Konzept. Bei “Unsterblich” war mir allerdings klar: Ich muss etwas Episches schaffen – und dann kam die Idee mit dem Choralen, das sich auch über den Song hinweg ändert. Im Intro ist der Chor noch sehr pride, es ist noch eine Hoffnung da, aber er wird im Songverlauf immer dunkler. Der Song switcht dann auch zwischen Dur und Moll, damit er diese Spannung kriegt.

“Unsterblich” ist jetzt auch kein klassischer, apokalyptischer Song über den Tod, sondern über die Idee, ewig leben zu können – Stichwort Zellverjüngung und Biotech-Visionen. Faszinieren dich diese Entwicklungen – oder beunruhigen sie dich?

Einerseits finde ich es geil, wenn ich weiß: Ich könnte länger leben. Andererseits macht mir dieses Thema saumäßig Angst. Ich glaube, wir steuern wirklich dahin, dass jeder irgendwann einen Roboter besitzt und die Wichtigkeit des Menschen abnimmt, die Menschheit von einer Technologie ersetzt wird. Eigentlich müsste die Konsequenz dessen sein, dass riesige Bürgerkriege ausbrechen. Weil was passiert? Die Maschinen nehmen Jobs weg, sind billiger und effektiver – was sollen die Menschen dann noch machen? Auch wenn man KI-Trainings anbietet und neue Felder eröffnet: Nicht jeder ist dafür geeignet.

Zumal der Mensch dann Teil der Maschine wird – und nicht umgekehrt.

Ein Sklave der Maschine, ja.

In eine ähnliche Erzählschiene nach der Frage der Verjüngung schlug 2024 der Film “The Substance” mit Demi Moore: Siehst du im Altern einen Gender-Gap – resultierend aus der tickenden Zeitbombe eines male oder female gaze?

Es ist für mich ganz generell ein menschliches Thema. Warum mich das Thema auch sehr beschäftigt, ist, dass mein Vater sehr plötzlich verstorben ist. Aber genau jetzt sind wir so weit, dass wir Krebs leichter heilen können – und vielleicht kommen wir irgendwann an den Punkt, wo wir sogar ganz einfach beschädigte Organe tauschen können. Natürlich findet man so einen Gedanken dann wenn man selbst betroffen ist, grandios und schön.

Aber stellen wir uns vor, Donald Trump lebt 200 Jahre – dann haben wir ein Scheißproblem. Wer mir auch Sorgen bereitet, ist natürlich Elon Musk: Der Typ hat mehr Satelliten im All als alle anderen auf der Welt zusammen. Er hat mehr Geld als wir alle – und ist wahnsinnig. Er ist wie ein moderner Napoleon, wo ich mir denke, dass er der erste sein wird, der es schafft, ein paar hundert Jahre zu leben. Das ist natürlich kein geiler Gedanke – aber für die eigenen Liebsten, für sich selber, sagt man schon, dass man lieber mehr Zeit miteinander verbringen möchte.

Der Tod, die Vergänglichkeit gehört jedoch seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte dazu. Glaubst du, dass wir immer mehr verlernt haben, mit Endlichkeit umzugehen, weil wir permanent nach Optimierung streben?

Das ist ein extrem guter Punkt – und greift die Frage nach dem Gender-Gap auch gut auf. Ich finde, dass Social Media das wahre Gift ist. Wahnsinnig viele Frauen wollen die gleichen Lippen haben, die gleichen Gesichter. Junge Mädchen finden sich einfach nicht mehr schön, lassen sich dieses und jenes machen, damit sie jünger, geiler, straffer ausschauen. Von dem Gesichtspunkt her finde ich diese Optimierung scheiße. Natürlich gibt es Gründe, bei denen dieser Gedanke nachvollziehbar ist – zum Beispiel nach einem Unfall oder wenn man sich aus gesundheitlichen oder auch aus optischen Gründen ein Muttermal entfernen lassen muss. Aber auch hier gilt wieder: Die Dosis macht das Gift. Ich glaube, Schönheitsoperationen können auch süchtig machen – das ist ernst zu nehmen wie eine Droge.

Der „Glööckler-Effekt“.

Der Hund ist ein Wahnsinn! Wenn ich solche Menschen sehe, dann frage ich mich, was in deren Köpfen abgeht. Da ist der Punkt maßlos überschritten.

Ich lese bei dir auch ein bisschen das Fazit heraus, dass für dich als Künstler eine Form der Unsterblichkeit immer noch durch das Schaffen von etwas Beständigem, von der Kunst erreicht werden kann.

Das wäre schön. Es gibt so viele Ansätze, warum man Kunst macht – meistens ist es einfach das, was man halt so tut. Aber je mehr man sich mit verstorbenen Künstlern beschäftigt, wünscht man sich auch selbst heimlich, etwas hinterlassen zu können, das Relevanz hat. Am Ende des Tages wäre es natürlich cool, wenn meine Musik auch nach meinem Ableben noch gehört wird. Das letzte Hemd hat keine Taschen.

Ich möchte mich jetzt nicht im ausgelutschten Falco-Vergleich suhlen, aber: Soeben hat sich sein Todestag zum 28. Mal gejährt und ihm zu Ehren wurde eine Gedenkstätte in der Dominikanischen Republik errichtet. Wie stehst du zur Heldenverehrung, Ikonisierung von Künstlerpersonen?

Ich finde sein Grab am Zentralfriedhof toll – Gräber, ein Mausoleum im Generellen. Aber diese Stätte, die er in der DomRep, wo er mit dem Auto verunglückt ist, hat – welcher Österreicher fährt da hin und schaut sich das an? Ich finde, es sollte lokaler sein, bei Menschen, die mehr Zugang dazu haben, die damit etwas anfangen können.

Es ist ja auch schon ganz prinzipiell ein Unterschied sogar zwischen der örtlichen “Falcostiege” und einer letzten Ruhestätte: Diese wirkt, artifiziell, auch über den Namen hinaus.

So ist es, ja.

Mit welchen verstorbenen Künstlerpersönlichkeiten würdest du dich gerne einmal auf ein paar Tschick und Bier austauschen?

Mit Prince oder David Bowie. Aber ich glaube, Prince hätte keine Tschick mit mir geraucht, also eher Bowie: Der hätte sich gleich ein ganzes Packerl reingezogen (lacht).

Abgesehen vom Optimierungsgedanken ist das FOMO auch ein Zeitgeistproblem, das natürlich ebenso mit der Vergänglichkeit des Seins Hand in Hand geht. Laborierst du an einer “Angst vor der verschissenen Zeit”?

Ich habe ein gutes Körpergefühl – wenn es mir zu viel ist, mache ich gar nichts. Wenn ich an meiner Musik arbeite, kann es aber schon sein, dass ich im Tunnel feststecke und nicht mehr vom Rechner wegzubekommen bin, dann häufen sich neben mir die Tschick, das Essen und die Kaffeehäferl – und du hörst mich schreien und fluchen. Aber wenn ich merke, dass ich chillen muss, dann nehme ich mir dafür auch die Zeit. 

In “Unsterblich” malst du das schöne Bild, dass du den Löffel noch nicht abgeben kannst, weil du ihn noch für das Dessert brauchst: Was wäre dein letztes Abendmahl?

Ganz klassisch: Tafelspitz.

Und was wäre dein letzter Trauermarsch, wie würdest du deine “ewige Ruhe” finden wollen?

Zuerst “Purple Rain” von Prince – und mich dann einäschern und zu irgendetwas machen, zu einer Skulptur, in eine Gitarre verbauen oder als Schallplatte pressen. Das wäre schon fett. Ich bin kein Fan davon, Asche zu verstreuen – irgendeinen Nutzen braucht es (lacht).

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Ja. Ich glaube, dass wir immer wiedergeboren werden, bis wir ein Thema, eine Aufgabe erfüllt haben. Erst, wenn das passiert ist, ist es wirklich vorbei.

Aber bevor wir ins ewige Leben blicken – blicken wir in die Zeit nach “Vienna Calling”: Was steht für Nikotin in den kommenden Monaten am Programm?

Ich schreibe immer an Musik – aber jetzt schaue ich erst einmal, was am Freitag passiert. Und dann werden wir uns intern besprechen, wie es weitergeht.

Und, wer singt nun für Österreich?

Am 20. Februar geht dann der österreichische Vorentscheid “Vienna Calling - Wer singt für Österreich?” über die Bühne - zum ersten Mal seit 2016. Aus mehreren hundert Einsendungen hat der ORF die 12 besten Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt - neben Nikotin ("Unsterblich") werden auch Anna-Sophie ("Superhuman"), Cosmó ("Tanzschein"), David Kurt ("Pockets Full Of Snow"), Frevd (”Riddle"), Julia Steen ("Julia"), Kayla Krystin ("I brenn"), Lena Schaur ("Painted Reality"), Bamlak Werner ("We Are Not Just One Thing"), Philip Piller ("Das Leben ist Kunst"), Reverend Stomp ("Mescalero Ranger") und Sidrit Vokshi ("Wenn ich rauche") auf der Bühne stehen. 

“Vienna Calling” wird im ORF-Hauptabendprogramm ausgestrahlt, mittels Jurywertung und Televoting wird eruiert, wer aus diesem Pool Österreich beim Eurovision Song Contest Mitte Mai in der Wiener Stadthalle schließlich vertreten wird.

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