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ESC-Anwärterin Bamlak Werner: ein Sudoku mit Kultur, Melodie und Worten

10.02.2026 von Stefan Baumgartner

Bamlak Werner ist eine von zwölf Künstler*innen, die Österreich diesen Mai beim Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle vertreten könnten. Am 20. Februar tritt sie mit ihrem Song “We Are Not Just One Thing” beim Vorentscheid “Vienna Calling – Wer singt für Österreich?” an.

In ihrem Song ergründet sie auch ihre eigenen Wurzeln: Als Vollwaise wurde sie im Alter von drei Jahren adoptiert und kam von Äthiopien nach Kärnten. Bereits als Kind entdeckte sie ihre Liebe zur Klassik, lernte Geige und später auch Flöte, tanzte Ballett. Über klassischen Gesang, Modern und Musical Dance fand sie schließlich zum Jazz – Lebenswelten, die sie zuletzt etwa mit der kelagBIGband auf die Bühne brachte. 

Mittlerweile hat sie ihr Studium der Gesangpädagogik für Popularmusik abgeschlossen und befindet sich im Master für Kulturmanagement – und zugleich mitten im Kosmos des Eurovision Song Contests. Dabei passt ihr Beitrag “We Are Not Just One Thing” darüber hinaus perfekt in einen Zeitgeist, der nach Identität sucht, ohne sie auf eine einzige Facette reduzieren zu wollen.

Der Eurovision Song Contest ist zweifelsohne eines der größten kulturellen Ereignisse – wie lang begleitet er dich schon persönlich?

Seitdem ich 14 Jahre alt bin, also seit 2015. Da bin ich abends beim Büro von meinem Papa vorbeispaziert und habe einen Blick auf seinen Laptop erhascht: Bei der Bühne habe ich mir gedacht, das muss ein Superstar sein, der da auftritt – so wie Michael Jackson! Mein Papa hat mir dann erzählt, dass das der Eurovision Song Contest ist – der größte Songwettbewerb, den wir haben. Wettbewerbe waren mir schon immer ein Begriff, weil ich von klein auf an Tanz- und Musikbewerben teilgenommen habe. Aber das war dann noch einmal eine ganz andere Dimension!

Gibt es seit damals Künstlerinnen und Künstler oder Songs, die dich deinem ESC-Beitrag angenähert haben?

Unbewusst. Erst vor wenigen Wochen bin ich draufgekommen, dass “Ein bisschen Frieden” von Nicole damals beim ESC vertreten war. Oder auch, dass Céline Dion durch den ESC auch international berühmt geworden ist: Das habe ich erst vor vielleicht zwei Jahren erfahren – obwohl sie mich musikalisch begleitet, seitdem ich fünf Jahre alt bin! Und meine Mama liebt französische Chansons – “Der Vogel und das Mädchen” von Marie Myriam kenne ich deswegen schon seit meiner Kindheit auf Deutsch, aber das war tatsächlich sogar ein Gewinner beim ESC! Der Eurovision Song Contest war für mich also immer subtil da: Aber vielleicht ist das auch gut so, weil jetzt kann ich ihn dafür umso bewusster wahrnehmen.

Wofür steht er für dich?

Mich fasziniert nach wie vor diese Vielfalt: Da gibt es abstrakte Songs wie “Cha Cha Cha” (Anm. Käärijä für Finnland, ESC 2023) und “Rim tim tagi dim” (Anm. Baby Lasagna für Kroatien, ESC 2024), aber auch Künstler wie Nemo und JJ, die fast ein eigenes Genre kreiert haben. Für mich, die ja aus der Welt der Klassik und über den Jazz kommt, ist es dann spannend gewesen, wie ich mich da einfüge: Ich habe nämlich das Gefühl, dass es ein ungeschriebenes Gesetz ist, dass du nicht nur machen darfst, was du willst – sondern sogar musst!

Das ist etwas Wunderschönes, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung: Natürlich ist es für mich erst einmal toll, jetzt in der engen Auswahl zu stehen. Aber der wirklich schöne Teil war für mich die Selbstfindung auf dem Weg dorthin, das gemeinsame Kreieren und Tüfteln. Wir Künstlerinnen und Künstler leben ja dafür, uns ständig weiterzuentwickeln und auch zu hinterfragen.

Weil du gerade Nemo und JJ angesprochen hast: “United by Music” ist zwar der Untertitel des Eurovision Song Contests – doch er ist längst mehr als Musik: Politische Debatten und gesellschaftliche Fragen schwingen immer mit. Schmälert diese Kompetente für dich den Wert der Kunst, haderst du damit?

Es beschäftigt mich, aber es zerreißt mich nicht. Kunst und Kultur ist ein Spiegelbild der Zeit – ob wir es wollen oder nicht, wir repräsentieren aktiv die Geschichte, die gerade passiert. Alles andere zu behaupten wäre ignorant - wie wir das dann bewerten, das bleibt jedem selbst überlassen. Aber ich glaube, dass wir Räume schaffen müssen, in denen wir uns mit Respekt begegnen, solange das Grundprinzip die Menschlichkeit bleibt. Wie weit das funktioniert, oder wie naiv diese Haltung ist, das finde ich gerade erst heraus. Niemand weiß über alles Bescheid - das müssen wir uns immer wieder eingestehen. Aber auch das habe ich versucht, in “We Are Not Just One Thing” hervorzuheben: Das Leben ist ein ständiger Prozess, Menschen haben sich immer weiterentwickelt und gewandelt. Ich reflektiere immer - aber habe nicht überall den Durchblick.

Musik ist also für dich ein Raum des Diskurses.

Was wäre Kunst, wenn sie keinen Raum lässt für Fragezeichen und alles mit einem Rufzeichen deklariert! Kunst allein hat die Berechtigung, interpretiert zu werden – ohne, dahinter ein “falsch” oder “richtig” zu setzen. Das hat mir auch mein Professor an der Universität mitgegeben: Kunst ist nie böse oder gut – nur die Interpretationen räumen es ein. Ich glaube, es ist ein ständiger Prozess herauszufinden, wer man als Künstler*in sein möchte – und gerade als junge Künstlerin darf ich mir rausnehmen, mich erst selbst zu finden.

Inwieweit ist dieser große, internationale Scheinwerfer auf die ESC-Bühne auch eine psychische Belastung für dich als Künstlerin?

Ich habe das unglaubliche Glück, eine Familie, ein Umfeld und ein Team zu haben, das mich so stützt, dass ich meistens nichts außer Freude empfinde. Aber gleichzeitig habe ich auch das Privileg, dass das ganze Spektrum an Emotionen erlaubt ist. Erst heute Morgen hat mir mein Creative Director Christian Barylli geschrieben: “Guten Morgen, wir schaffen das!” Meine Mama hat mir einen schönen Wochenstart gewünscht, mein Partner mir viel Glück – und meine Managerin hat mir mein Horoskop geschickt und geschrieben: “Der Löwe hat heute 90 Prozent Energie, du schaffst alles!” All das ist nicht selbstverständlich!

Wer dir schon länger auf Social Media folgt, weiß, dass du dich auch dort sehr offen, emotional, und auch verletzlich zeigst. Wie gehst du mit der “Intimisierung des Öffentlichen” um?

Meine Oma hat meiner Mama und mir einen ziemlich guten Satz mit auf den Weg gegeben: “Du musst immer a bissale du selbst bleiben.” Dieses „bissale“ definiert man selbst so gut und so weit, wie man kann: Man muss nicht alles von sich preisgeben, aber schon immer, es ehrlich zu meinen. Aber ein Stückchen, das darf auch nur einem selbst gehören.

Um “ein bissale” von dir selbst handelt auch dein Song “We Are Not Just One Thing”: Er wurde am 20. Jahrestag deiner Adoption geschrieben, mit der Intention, deine äthiopischen und österreichischen Wurzeln auch für dich zusammenzufügen. Was ist das Bindeglied zwischen den beiden Kulturen?

Meine Familie. Was natürlich mega-emotional ist, weil man als Künstlerin sehr oft auf das eigene Ego setzt. Umso wichtiger ist es zu erkennen, dass man am Ende die Summe aller Teile ist, die einen aufgebaut haben. Ich wäre nicht einmal annähernd da, wo ich jetzt bin, wenn ich meine Familie nicht hätte, aber auch die Lehrerinnen, die mich geprägt haben, und all die Menschen, die mit mir umgegangen sind. Ich bin die Summe meiner Geschichte - aber da ist es mir schon wichtig, dass verstanden wird, dass ein sogenanntes Drittkulturkind, wie ich es bin, auch das Gefühl hat, es gehört zu keiner der Kulturen so richtig dazu. Dass man sich in diesem Zerrissenheitsgefühl nicht verliert, dazu braucht es Arbeit - einerseits von mir selbst natürlich, aber andererseits auch von meinem Umfeld, das mich auffängt.

Du sprichst in deinem Song an, dass wir mehr als nur “eins” sind. Wie wichtig sind dir Spannungsverhältnisse und Widersprüche?

Extrem wichtig. Mittlerweile ist es auch mir selbst bewusst, aber ich habe lang von meinem Umfeld gehört, dass ich meine eigene härteste Kritikerin bin - und zwar von klein auf. Wenn es aber um die Konfrontation mit meinen Mitmenschen geht, da überkompensiere ich das mit meiner ganz sanften Seite - weil ich weiß, wie es ist, hart mit sich ins Gericht zu gehen. Humor löst da sehr viel auf, man muss sich schon selbst auch einmal an der Nase packen, zumal es manchmal ja gar nicht mehr um die Sache geht, sondern man nur mehr gemein zu sich selbst ist. Und man muss sich von niemandem etwas gefallen lassen - auch nicht von einem selbst. Das ist eine wichtige Lektion, die man lernen muss.

Stilistisch pendelt der Song zwischen äthiopischen Trommeln und Kärntner Jodler, du singst auf Englisch und Deutsch: Was kann ein Klang ausdrücken, was wiederum die Sprache – wo ergänzen sie sich, wo arbeiten sie gegengleich?

Eine großartige Frage. Ich habe den Song nicht einfach so dahin geschrieben, sondern es hat durchaus einen Grund, warum zum Beispiel ein Rhythmus von einem Wort genau so gesungen wird. Ich liebe Sprache, und deswegen sind da auch so viele Details drinnen: Sprache kann zwar als Waffe fungieren, aber sie kann auch entwaffnen. Demnach finde ich, dass Musik eine Entwaffnung von Dingen, die man gesellschaftlich aufrütteln oder besprechen will, sein kann.

In meinem Song wird die Kultur - vom Jodler bis hin zu African Drums und Patterns - eingesetzt und dabei mit der deutschen Sprache kombiniert, die meiner Meinung nach viel zu wenig in ihrem rhythmischen Kontext beachtet wird! Die deutsche Sprache ist unglaublich melodiös, viel mehr als Englisch! Aber jede Sprache ist etwas Besonderes. Ich bin da sicherlich nicht die erste, aber für mich war das wie ein Heureka: Die deutsche Sprache wird oft assoziiert mit Aggression, aber sie ist auch feinfühlig und facettenreich in ihren Dialekten, Farben und Nuancen!

Außerdem fand ich die Challenge cool, zwischen Englisch und Deutsch zu switchen – weil ich das sowieso im Alltag auch mache (lacht). Es ist, wie mit Melodie und Rhythmus und Kultur und Worten Sudoku zu spielen: Du musst dich der Kunst komplett hingeben und dein Ego rausnehmen, wir haben über zwei Monate am Song gearbeitet und da erst gemerkt, wie sehr sich Sprache und Musik bei diesem Prozess die Hände geben.

Gab es vor der Beschäftigung mit dem Song bereits einen Moment, wo dir bewusstwurde, dass Äthiopien nicht nur deine Herkunft, sondern auch Teil deiner künstlerischen Sprache ist – also sich deine Identität in der Musik widerspiegelt?

Ich habe im Alter von 12 Jahren angefangen, Songs zu schreiben – das waren immer Balladen, traurige Lieder über Herzschmerz, alle mit immer wieder der gleichen Emotion. Natürlich dachte ich, ich bin damit unglaublich individuell (lacht). Aber da sind wir wieder beim Ego: Wenn die Kunst zu dir kommt, irgendwann bei dir anklopft, dann musst du bereit sein, sie mit offenen Armen zu empfangen.

Für mich war dieser Moment dann beim ESC-Camp, im Juni auf Einladung von Peter Schreiber. Das war damals mein 20. Adoptionstag – und ich habe einfach davon erzählt! Dann sind erst einmal Tränen geflossen, bevor wir überhaupt erst aufgenommen haben – so eine Session habe ich in meinem Leben noch nie erlebt, obwohl ich die ganze Zeit nur traurige Lieder geschrieben habe, hat es mich vorher noch nie so zerrissen! Zwar ist von den ersten Aufnahmen nichts in “We Are Not Just One Thing” übergeblieben, aber das war für mich das erste Mal, dass ich mich der Kunst komplett geöffnet habe, wo es nicht mehr um mich ging, ich mich als Person rausgenommen habe, sondern meine Geschichte verarbeitet habe.

Wie weit hast du dich mit Äthiopien auseinandergesetzt?

Wenn man, so wie ich, adoptiert wurde und in Umfeld hineinkommt, wo man sich nicht wirklich repräsentiert fühlt, dann braucht es schon ein paar Meter mehr, um zu realisieren, wer man sein will. Ich habe sehr viele Identitätsphasen durchgemacht – irgendwann kommt der Moment, wo man wissen will, wer man im tiefsten Inneren eigentlich ist. Ich bin zwar in Äthiopien geboren, spreche aber nicht die Sprachen – die Tracht und die Kaffeezeremonie finde ich aber schön. Aber gehöre ich dazu? Aber dann schaue ich auch auf die Kärntner Kultur - und finde, dass ich im Dirndl richtig doof aussehe. Aber tue ich das wirklich - oder bilde ich mir das nur ein?

So ein Prozess zieht sich über Jahre, man kann frustriert und traurig werden, weil man das Gefühl hat, man gehört nirgends dazu. Oder man hat, so wie ich, ein Glück: Ich habe schon viele Gespräche geführt, es sind viele Tränen geflossen - und ich habe noch immer nicht herausgefunden, wer ich bin. Aber vielleicht ist das auch ein ewiger Prozess, der zum Leben einfach dazugehört? Immerhin setze ich mich mittlerweile mit meiner Kultur immer mehr mit einem Lächeln - und einem Grundrespekt - auseinander.

Spielen Traditionen ganz generell eine große Rolle in deinem Leben?

Ja, weil sie bedeuten, dass man an etwas glaubt. Und ich finde es schön, wenn unterschiedliche Menschen einen Gedanken teilen, in dem sie zusammenkommen. Kärnten wie auch Äthiopien haben viele Traditionen und Bräuche, die mit Respekt verbunden sind. Da ist es etwas Tolles, sich dem auch hinzugeben.

Hast du dich jemals dabei ertappt, die beiden Kulturen auch zu romantisieren – oder im Gegenteil, bewusst auf Distanz zu gehen?

Natürlich, beides ist durchaus menschlich. Ich glaube, das einzig Wichtige ist, sich bewusst zu sein, dass wir alle trotzdem unterschiedlich sind. Wir alle haben unterschiedliche Meinungen, sind anders aufgewachsen. Demzufolge müssen wir uns immer auf Augenhöhe begegnen, miteinander kommunizieren, uns austauschen und uns erklären. Ich bin weltoffen sozialisiert worden, man darf niemals eine Tür zuschlagen!

Eine äthiopische Musiktradition sind die Azmari, die mich ein klein wenig an die europäischen Spielleute des Mittelalters erinnern: Sie ziehen durch das Land, verbreiten alte Geschichten und nehmen zu aktuellen Themen Stellung: Inwieweit hat dich diese Tradition in deinem musikalischen Schaffen bisher beeinflusst?

Noch nicht so sehr, aber ich hoffe, dass ich das noch mehr zulassen kann. Mich prägt aber auch nicht nur die kärntnerische und die äthiopische Kultur: Ich höre und liebe auch italienische und spanische Musik, Kirchenmusik und arabische Koranrezitate, weil die Melodien dort sehr inspirierend sind. Ich höre aber auch Bach, Mozart und Instrumentalmusik, wie auch Flume und PNL. Ich möchte mich nicht nur auf die äthiopische Kultur beschränken, sondern auf alle Formen der Kultur auf dieser Welt. 

Eigentlich die perfekte Voraussetzung für dich als ESC-Künstlerin – denn auch dort geht es ja nicht zuletzt auch um das Verschränken der Vielfalt: Ist dein hehrer Ansatz vielleicht auch der Grund, wieso du zuletzt beim Jazz gelandet bist – ist dies immerhin auch ein Genre, das Freiheit und Improvisation lebt.

Das ist eine sehr coole Theorie – aber für mich stimmt sie in der Praxis nicht ganz. Ich glaube nicht, dass man sich im Jazz mehr finden kann als anderswo. Ich möchte jetzt nicht Klischee dazu sagen, aber es wird oft einfach angenommen.

Eigentlich habe ich ja mit Geige und Ballett begonnen: Die Klassik, Mozart, der Tanz - das hat mich von Anfang an gepackt und ich glaube schon, dass man mir auch dort sehr viel Selbstfindung zugelassen hat. Erst mit 11 Jahren hatte ich Unterricht bei meiner Gesangslehrerin Ali Gaggl, die mir meinen ersten Jazz, Bossa Nova und Blues vorgespielt hatte. Das fand ich damals ganz schrecklich. Erst später, mit Ella Fitzgerald und Nina Simone fand ich meinen Zugang, und über Adele habe ich erst gemerkt, dass Jazz eigentlich in fast jeder Popmusik zu finden ist! Jazz ist superkomplex, aber diesen fließenden Gedanken, den finde ich schön - insofern lässt er sicherlich eine andere Form der Selbstfindung zu. Aber Jazz und Klassik, das sind bei mir zwei Wege - die sich wunderbar zusammenfügen.

Nicht nur an die Herkunft, sondern auch an das Geschlecht wird selbst in der vermeintlich progressiven Kulturbranche leider nicht selten eine Messlatte gelegt: Hast du für dich persönlich Strategien entwickelt, um mit rassistischen und exotisierenden aber eben auch genderfeindlichen Zuschreibungen umzugehen?

Damit muss man sich definitiv auseinandersetzen, alles andere wäre naiv und hochgradig selbstverletzend, weil: Es gibt Menschen, die meinen es nicht gut mit dir. Dessen muss man sich bewusst sein.

Aber es gibt auch Menschen, die es gut mit dir meinen: Bei mir ist das zum Beispiel Chantal Bamgbala, die fantastische Anti-Rassismus-Coachings gibt und immer ein Ohr für mich hat. Meine Managerin Bettina Loibl zweifelt keine Sekunde, wenn sie merkt, ich fühle mich nicht wohl: Da ist sie die erste, die die Reißleine zieht. Und auch mein Creative Director Christian Barylli ist so feinfühlig, dass er weiß, dass er für mich keine afrikanische Savanne wie aus „Der König der Löwen“ inszenieren soll (lacht). Wenn man diese Balance hat, wenn man die richtigen Leute im Team hat, ist es leicht, sich die anderen vom Leib zu halten.

Weil du gerade die Inszenierung angesprochen hast: Was können wir erwarten?

Erstmal: Ich liebe “Der König der Löwen” – ich bin mit den Filmen aufgewachsen und sie sind mit Grund dafür, wieso ich überhaupt Musikerin geworden bin! Und von Hans Zimmer bin ich sowieso ein Fan!

Gerade hat für mich das Training für die Choreografie angefangen - sie ist sehr anspruchsvoll, und das, obwohl ich eine Tanzausbildung habe. Meine Choreografin Chiara Lackner ist eine großartige Frau, es werden Tanzschritte dabei sein, die traditionell äthiopisch sind, aber auch Urban Dance. Christian Barylli arbeitet parallel dazu am Staging - und ich gebe ihm Feedback dazu. Und Markus Spatzier kümmert sich um mein Kostüm, um Make-up und Schmuck: Man wird da, wenn man sich auskennt, ganz klar Elemente der äthiopischen Tracht erkennen, aber auch Elemente vom Dirndl. Ich hebe es immer wieder hervor, dass wir überall immer im Hinterkopf behalten müssen: “We are not just one thing!” Das ist so cute, wir beenden sogar die Meetings immer damit (lacht).

Der ESC ist nicht zuletzt auch eine Repräsentationsfläche, Menschen brauchen leider immer wieder Schubladen. Wen repräsentierst du auf der ESC-Bühne – dich selbst, Österreich, Kärnten, Äthiopien, Adoptivkinder, junge Frauen?

Ich hoffe, das klingt jetzt nicht so, als hätte ich mich mit dieser Frage nicht beschäftigt, aber eben, weil ich mich ganz genau damit auseinandergesetzt habe, ist meine Conclusio: Das habe nicht ich zu entscheiden, das steht mir nicht zu. Ich kann da nur für mich sprechen, aber ich glaube, dass es nicht um mich, als Person - sondern um die Kunst geht, ich darf sie nur präsentieren. Es ist nicht meine Entscheidung, von Adoptivkindern oder schwarzen Frauen zu verlangen, sich in mir zu sehen - das wäre ein Befehl und die falsche Motivation. Die beste Repräsentation ist die, wenn sie einfach nur passiert, wenn es Menschen da draußen gibt, denen meine Kunst etwas bedeutet. Auch ich habe das schon bei anderen Künstlerinnen erlebt, dass es da dann plötzlich in meinem Kopf und in meinem Herz gekribbelt hat!

Demnach liegt die Schlussfolgerung nahe: Du verstehst den Eurovision Song Contest in erster Linie nicht als einen Konkurrenzkampf unter Künstlerinnen und Künstlern?

Diesen Konkurrenzgedanken in der Kunst falsch zu platzieren, das wäre gefährlich und verschließt Türen. Aber diesen Gedanken grundsätzlich und mit einem gewissen Spaß dahinter zu haben, ist wiederum sehr wertvoll. Da ich bereits von klein auf bei Wettbewerben war, konnte ich das für mich selbst schon sehr gut austarieren, was für mich persönlich am gesündesten ist. Ich fände es wunderschön, wenn ich Österreich repräsentieren darf, aber ich weiß auch, dass die anderen elf Kandidatinnen und Kandidaten im Vorentscheid mindestens genauso hart daran gearbeitet haben. Ein Vergleich mit ihnen, das kann ein Dieb an der Freude sein, ein Talent einer anderen Künstlerin oder eines anderen Künstlers nimmt mir nicht mein Talent weg. Ganz im Gegenteil: Wenn ich mich ihnen öffne und mit ihnen in einen Austausch gehe, kann es sogar sein, dass ich noch etwas lerne. Und da sind wir wieder bei dem, was Kunst und Kultur sollte: Uns etwas beibringen, uns bereichern.

Blickst du auch schon hinter den Eurovision Song Contest?

Ich freue mich schon irrsinnig auf meinen Urlaub - und aufs Essen (lacht). Ich esse zurzeit wirklich sehr wenig, und ich freue mich schon sehr, wenn ich dann bei meiner Tante wieder ganz viele Knödel und Nachspeisen essen darf (lacht).

Es ist gerade auch ein seltsamer Moment: Du weißt, es kommt ein Erfolg – aber du weiß nicht, wie groß und in welcher Form. Weil dass sich nach “Vienna Calling” etwas ändert, das ist allen Kandidatinnen und Kandidaten klar – aber du weißt nicht, wer anruft, wer zuschaut und wie viel sich verändern wird. Natürlich: Wenn man dann wirklich auch zum ESC geschickt wird, dann geht’s richtig ab. Aber auch wenn nicht, geht’s rund – nur auf eine andere Art und Weise.

Es gibt ja auch kein Reißbrett: Ein Gewinn des ESC heißt nicht, dass man sich danach auf den Lorbeeren ausruhen kann, und selbst aus einer Platzierung irgendwo im Mittelfeld kann eine veritable Karriere entwachsen.

Genau! Es ist faszinierend, wie viele Künstlerinnen und Künstler nicht gewonnen haben, ja nicht einmal im Finale waren, sich aber so toll präsentiert haben, dass sie bis heute funktionieren. Das regt mich ein bisschen zum Nachdenken, aber auch zum Träumen an – kann ich überhaupt schon einen Urlaub planen? Außerdem: Ich muss meine Masterarbeit ja auch noch schreiben (lacht).

Zumindest lassen sich Masterarbeit und Mehlspeisen problemlos verbinden.

Genau. Wahrscheinlich sieht man mich dann in allen möglichen Kaffeehäusern Wiens, sobald der Spaß vorbei ist!

Und, wer singt nun für Österreich?

Am 20. Februar geht dann der österreichische Vorentscheid “Vienna Calling - Wer singt für Österreich?” über die Bühne - zum ersten Mal seit 2016. Aus mehreren hundert Einsendungen hat der ORF die 12 besten Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt - neben Bamlak Werner ("We Are Not Just One Thing") werden auch Anna-Sophie ("Superhuman"), Cosmó ("Tanzschein"), David Kurt ("Pockets Full Of Snow"), Frevd (”Riddle"), Julia Steen ("Julia"), Kayla Krystin ("I brenn"), Lena Schaur ("Painted Reality"), Nikotin ("Unsterblich"), Philip Piller ("Das Leben ist Kunst"), Reverend Stomp ("Mescalero Ranger") und Sidrit Vokshi ("Wenn ich rauche") auf der Bühne stehen. Mit Stand heute sind allerdings erst 6 der 12 Songs öffentlich bekannt. (Anm. 13. Februar: Mittlerweile sind alle Songs veröffentlicht!)

Mittels Televoting wird am 20. Februar live auf Sendung dann eruiert, wer aus diesem Pool schließlich Österreich beim Eurovision Song Contest Mitte Mai in der Wiener Stadthalle vertreten wird.

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