Bild: Barracuda Music
Das britische Duo Eurythmics, bestehend aus der Sängerin Annie Lennox und dem Multiinstrumentalisten und Produzenten Dave Stewart, zählt mit 75 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Acts der Achtziger. Ihr größter Hit „Sweet Dreams“ ist sowieso unsterblich. Nun geht Mr. Stewart mit dem einflussreichen Eurythmics Songbook auf Tour.
Die größten Hits der Popgeschichte sind zumeist keine geplanten Charterfolge, sondern schöne Zufallsprodukte. Dave Stewart und Annie Lennox waren im Jahr 1982 ganz unten. Ihre erste Band, das Rocktrio The Tourists, hatte sich als katastrophaler Flop erwiesen. Was nun?
Mit der aufkommenden Welle an kühlem Synth-Pop konnten die beiden musikalisch durchaus etwas anfangen. Also gründeten sie das Duo Eurythmics und schafften mit Hilfe eines kleinen Bankkredits recht rudimentäres Equipment an: einen Tape Recorder, ein kleines Mischpult, einen Synthesizer, einen Drumcomputer und ein paar Effektgeräte. Eines Tages fiel Stewart beim Herumprobieren ein einfacher, aber höchst effizienter Synthesizer-Basslauf ein, den er mit einer massiven Bassdrum unterlegte: „Ich hatte nur sieben Spuren zur Verfügung, also mussten alle Bestandteile des Songs stark sein“, erinnert sich Dave Stewart im Interview. „Heutige Popmusik klingt oft sehr komprimiert, die Bassline und der Drum-Sound von ,Sweet Dreams’ sind dagegen massiv.“
Als Annie Lennox das kleine Hinterhof-Studio in London betrat, war sie erst bass erstaunt und dann gebannt. Stewart spielte gerade auf einem zweiten, ausgeliehenen Synthesizer eine Melodie, die dem Bass in Genialität um kaum etwas nachsteht. Die Musik von „Sweet Dreams“ besteht im Grunde aus zwei sich überlagernden, duellierenden Synthesizern, fast so wie in Rocksongs, in denen sich mehrere Gitarren aneinander reiben. Das führt zu wunderbaren Soundeffekten.
Damit hatten Eurythmics bereits eines ihrer Erfolgsrezepte gefunden: In ihrer Version klang Synth-Pop weitaus lebendiger als bei vielen anderen Acts aus der Zeit. Das lag auch an der fantastischen Stimme von Annie Lennox, die das Duo in späteren Jahren noch in Gefilde wie Soul und sogar Gospel beamen sollte. Wobei: Auch in „Sweet Dreams“ gibt es schon Passagen, in denen Lennox wie ein Ein-Frau-Gospelchor singt.
Das zeichnete das Duo aus: Es blieb musikalisch nie stehen. „Annie und ich mochten Synth-Pop, aber auch Soul und R’n’B, Orchestermusik und laute Gitarren“, erzählt Stewart. „Und wir wollten das im Verlauf unserer Karriere auch alles ausprobieren:“
Aber zurück in die frühen Achtziger: „Sweet Dreams“ ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Song. Er brach mit Regeln. Die Plattenfirma der Eurythmics stellte jedoch fest, dass dem Stück etwas Wichtiges fehle – nämlich ein Refrain – und wollte es vorerst nicht als Single veröffentlichen. Nachdem der Song Anfang 1983 die Charts in Europa erobert hatte, war die Absenz einer konventionellen Hookline den US-Labelbossen auf einmal egal. Fast müßig zu erwähnen, dass der Song in der Folge auf Position 1 in den Billboard kletterte.
Denn natürlich hat „Sweet Dreams“ einen Refrain. Ja, es ist einziger Refrain: „Sweet dreams are made of this / Who am I to disagree / I travel the world and the seven seas / Everybody's looking for something“. Es besteht lediglich aus einem Hauptpart, der unzählige Male wiederholt wird, sowie einem kurzen Zwischenspiel. Aber die wenigen Teile, aus den das Stück besteht, sind in der Form absolut perfekt. Mehr braucht es nicht.
Steigerung durch Reduktion: Die süßen Träume von Annie Lennox und Dave Stewart nahmen Minimalismus und Monotonie von House Music, Techno und Electro, aber auch im Hip-Hop vorweg. Kein Wunder, dass das Stück unzählige Male gesampelt und geremixt wurde. Von Coverversionen ganz zu schweigen: Die berühmteste stammt von Schockrocker Marilyn Manson.
Erstaunlich ist, wie frisch der Song auch 40 Jahre später noch klingt. In Sachen Synth-Pop kann man sich von Dave Stewart bis heute eine Scheibe abschneiden. Das gilt auch für die anderen Songs des Duos, das in den Achtzigerjahren eine Reihe von Hits landete: „Love Is A Stranger“, „Who’s That Girl“, „There Must Be An Angel (Playing With My Heart)“ oder „Sisters Are Doing It For Themselves“. Der Sound war in Bewegung: Bald kamen Gitarren dazu, dann immer süßere Soul-Chöre.
Bis das Projekt Eurythmics nach einem hochproduktiven Jahrzehnt mit jährlich neuen Studioalben plus Tourneen irgendwann durchdekliniert war. 1999 drehte man noch eine Ehrenrunde, natürlich nicht ohne Hit. „I Saved the World Today“ klang eigentlich schon wie ein Solo von Annie Lennox. Beide Eurythmics hatten in der Zwischenzeit bereits erfolgreiche Solokarrieren gestartet.
Nach vier Jahrzehnten fand Dave Stewart: Es ist Zeit, die ganzen alten Ohrwürmer noch einmal geballt aufzuführen. Obwohl die beiden Protagonisten bis heute eine Freundschaft verbindet, hat Annie Lennox leider abgewunken. „Sie tut sich den Stress einer Tournee schon lang nicht mehr an“, so Stewart. „Schade. Mir hat Reisen immer Spaß gemacht.“
Bei den Konzerten wird er von einer großzügig besetzten, rein weiblichen Band begleitet. Und auch die auf der Bühne singenden Ersatz-Annies – die Australierin Vanessa Amorisi, RAHH aus Manchester und Stewarts Tochter Kaya – können sich mehr als hören lassen. Der Hit-Reigen funktioniert wie eine musikalische Revue, die das Publikum auf eine Reise mitnehmen will. Nostalgie spielt dabei natürlich eine Rolle. „Ich habe wirklich schöne Erinnerungen an die Jahre mit Eurythmics“, sagt Stewart. „Dabei war ich nie ein nostalgischer Mensch, ich schaue immer nach vorn. Aber unsere Songs haben sich erstaunlich gut gehalten.“ Der Trip führt nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch schnurstracks zurück in die Zukunft, als Pop voller Innovationen war: Das Eurythmics Songbook kann heute noch Popstars von morgen den Weg weisen.
Die „Eurythmics Songbook: Sweet Dreams 40th Anniversary Tour“ gastiert am 25. November im Wiener Konzerthaus. Tickets gibt es bei oeticket.