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Konzerte

Fünf gute Gründe für das Donaufestival 2026 in Krems

17.12.2025 von Stefan Baumgartner

Anfang Mai geht erneut das renommierte Donaufestival in Krems über die Bühne - oder besser gesagt: Bühnen. Abermalig werden nicht nur der Kremser Stadtsaal, sondern auch zahlreiche Nebenschauplätze bespielt. Die ersten Ankündigungen versprechen bereits: Das wird ein überaus starkes Programm!

Neben einem diesmal gar überragend wohlfeil kuratiertem Musikprogramm wird das kommende donaufestival in Krems natürlich erneut auch auf Performance, Kunst, Film und Diskurs einen Schwerpunkt legen: Mit dem Untertitel “Mad Hope” beharrt das donaufestival kommende Saison im Zeitalter multipler Krisen - “naiv”, wie man selbst sagt - auf die zuversichtliche Erwartung der Hoffnung, und das autoritären Gewalten, ökologischen Notlagen und faschistischen Bedrohungen zum Trotz.

Doch angesichts der ersten Ankündigungen für das Programm der kommenden Saison ergibt sich zwangsweigerlich so etwas wie ein Gefühl der Hoffnung - wenn schon nicht im Hinblick auf den Lauf und die Lage der Welt, dann zumindest auf die Katharsis und den Eskapismus, die das donaufestival an zwei Wochenenden im Mai dem geneigten Besucher (und der geneigten Besucherin) kredenzen: Fünf absolute Highlights, deren Verpassen gar sträflich wäre, seien an dieser Stelle genannt!

Gerade lese ich das Buch “Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie” von Sonja Eismann, und darin schreibt die Autorin: “2022 ist ‘The Teaches of Peaches, das legendäre Album von Peaches, über 20 Jahre alt. In einer Jubiläumstour bringt die mittlerweile 55-jährige Musikerin die großen Hits wie ’Fuck The Pain Away' oder 'Lovertits” noch einmal auf die Bühne. Den Rücken gebeugt, schlurft sie langsam auf das Publikum zu, festgeklammert an einen Rollator. Mit riesigen Hausschuhen, einem verrutschten BH, Grandma Glases auf der Nase und einem Vulva-Hut auf dem Kopf. Doch schon im nächsten Moment zerfetzt sie diese Inszenierung und feuert sexpositive Ansagen ab, wirft sich zu hämmernden Elektro-Beats wie entfesselt in die Show, in der nackte Tits und Dicks nur so fliegen und auch von ihrer Haut so gut wie alles zu sehen ist."

Damit ist für das Konzert von Peaches - einer der wohl kultigsten, extremsten, aufreibendsten Musikerinnen unserer Zeit, eigentlich alles gesagt: Peaches macht geile Musik (wer Schubladen braucht: Avantgarde Punk, aber verfickt catchy), zeigt aber auch, dass man keine Angst vor dem Altern haben muss - und pisst im Vorbeigehen auch noch nonchalant dem Patriarchat wortwörtlich ans Bein: Immerhin hat sie dereinst schon einmal in einer schmierigen öffentlichen Toilette performt. Mehr Körperlichkeit - und darum geht's schließlich bei einer musikalischen Entrückung - geht echt nicht.

Es ist selten, dass es ein Debütalbum (!) bei mir in die Jahres-Top-5 schafft, aber im Fall von “Pain To Power” der gehypten britischen Postpunk-Band Maruja kann ich nicht anders. Europaweit haben sie zuvor schon mit teilweise verflixt abgedrehten EPs Vorschusslorbeeren einheimsen können - nicht unähnlich zu Black Midi und Black Country, New Road vor ihnen, die ebenfalls mit angejazztem Sprechgesang und musikalischer Finesse rasch für einen Hype sorgten.

Saxofon-Salven schneiden sich in diesem Potpourri aus Post Punk, Hip-Hop, Free Jazz und Alt Rock durch Gitarrenwände, Bässe und Schlagwerk hämmern sich an den Texten vorbei, die Wut als einziges Fundament haben: Ja, hie und da hören wir auch sanftere Töne, aber die Grundausrichtung ist ganz klar auf Streit gebürstet, den Herren aus Manchester ist die Vehemenz ins Antlitz geschrieben - Michael Gira von den Swans wäre wohl ein Fan. Maruja verstehen dabei insbesondere ihre Konzerte als “fucking exorcism”, und ich bin geneigt, das bereits vorab zu unterschreiben - denn erst am donaufestival werden sie ihr Österreich-Debüt geben!

Vor drei Jahren spielten die Indierocker Low zuletzt im Wiener WUK: Damals schrieb ich, dass ihre fließenden Klänge nicht selten anstrengend, dabei aber so kathartisch wie eine Meditation sein können. “Schwelgerische Passagen tiefer Harmonie treffen auf eine exzessive Dekonstruktion der Klänge, ein pointiert gesetztes Surren, Rauschen - gemeinhin: Noise - erschafft mit mantrischer Hypnose einen suchtgefährdenden Sog, der oftmals vom luziden Zauber der beinah kristallinen Stimmen umhüllt wird.” Da wusste man noch nicht, dass das Konzert zu ihrem letzten Album “Hey What” ihr tatsächlich letztes auf österreichischem Grund und Boden werden würde: Schlagzeugerin Mimi Parker erlag noch im selben Jahr im Alter von nur 55 Jahren an Eierstockkrebs.

Ihr Partner, Alan Sparhawk, verarbeitet diesen Verlust seit ehedem - auch musikalisch: Im Herbst 2024 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, eine eindringliche Sammlung von überwiegend elektronischen Hymnen und Lobgesängen mit dem Titel “White Roses, My God”. Das renommierte Musikmagazin Pitchfork fragte sich damals laut, wie etwas so “Unmenschliches” gleichzeitig “Freiheit” und “spirituelle Notwendigkeit” hervorrufen könne - eine Kombination, die bereits in den letzten Veröffentlichungen von Low zu finden war. Dabei dachte Sparhawk in Folge das Material gar noch weiter, erweiterte es um Soul- und Drone-Momente und driftet sogar in an Crazy Horse erinnernde Passagen ab: Das Ergebnis von diesem Irrlichtern nach stetiger Wiedergeburt hört man auf dem aktuellsten Album “With Trampled by Turtles”.

Der Amerikaner Daniel Lopatin aka Oneothtrix Point Never “verbindet dystopische Elektronik, emotionalen Ambient mit hypermoderner Klangforschung und erschafft damit einen einzigartigen Sound” schreibt das donaufestival kurz und knapp, und wird dabei einem Star eines Genres, das eigentlich keine Stars kennt, nicht vollends gerecht. Denn was man aus Geräuschklängen - Samples und Jingles, also Musik, die immer nur in der Peripherie unserer Wahrnehmung existiert - so zimmern und schustern kann, das zeigt er bereits seit 2011. Mittlerweile ist Lopatin einer der gefragtesten und renommiertesten Musiker in diesem immer etwas fluiden Genre der Ambient-Avantgarde, arbeitete sogar schon mit so großen Namen wie The Weeknd, FKA twigs, Rosalía und Charli XCX zusammen. Und zuletzt komponierte er die Musik für “Marty Supreme” mit Timothée Chalamet, der mit der Rolle des Tischtennis-Genies erneut als Oscarkandidat gilt.

Ja, das was Lopatin da durch den Äther zaubert, ist massiv kopflastig, aber nicht zwingend sperrig: Sein neues (zehntes) Album “Tranquilizer” ist nämlich alles andere als die titelgebende Schlaftablette geworden, sondern vielmehr ein betörendes, flirrendes Meisterwerk, das insbesondere auf Sounds, die für die Spa- und Yoga-Bedudelung gedacht waren, fußt. Da dominieren synthetisches Gebimmel, Plastik-Meeresrauschen und ein esoterisches Lichtern: Chill-out-Musik, würde da die jüngere Generation wohl darüber urteilen. Und dabei ist es auch noch ganz große, sprudelnde, funkige, pathetische Kunst!

Das Kopenhagener Kollektiv Selvhenter negiert musikalische Genres und strebt stattdessen etwas Elementarerem entgegen - ihre (instrumentale) Musik schafft ein auffallend direktes, körperliches Klangerlebnis, das sich aus Polyrhythmen, akustischen und elektrischen Melodien und Improvisation zusammensetzt: Das ist weder Heavy Metal noch Free Jazz, sondern etwas ganz Eigenes.

Seit ihrer Gründung 2010 haben die Schlagzeugerinnen Jaleh Negari und Anja Jacobsen, die Saxophonistin Sonja LaBianca und die Posaunistin Maria Bertel einen einzigartigen Ansatz für das Musizieren entwickelt, der bei ihrer Instrumentierung beginnt: zwei Schlagzeugerinnen, die sich ebenso oft miteinander verzahnen wie sie ihren eigenen Weg gehen, eine Posaune, die durch einen Bassverstärker gespielt wird, der laut genug ist, um einem die Brust zu erschüttern, und ein Saxophon, das mit einer Reihe von Effekten versehen ist, sodass es oft nicht wiederzuerkennen ist. Ja, das ist komplex und überaus fein strukturiert, mit einem Füllhorn aus klanglichen Details - aber selten hat man so eine fesselnde, treibende, dichte und ekstatische Musik gehört, die mit ihrer Brillanz sowohl anstrengt als auch löst.

Alle weiteren, bisher bekannten Programmpunkte findet ihr auf der Website des donaufestivals, das volle Programm wird im März bekanntgegeben - da gehen dann auch die Tageskarten in den Verkauf.


Live-Termine


Donaufestival - "Mad Hope"

01. bis 03. und 08. bis 10. Mai 2026 | Krems, verschiedene Locations


Infos auf dem Stand vom 17.12.2025  

Ticketalarm Donaufestival
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