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Donaufestival Krems: Hoffentlich geht die Welt frühestens Mitte Mai zu Grunde

11.03.2026 von Stefan Baumgartner

Anfang Mai geht an zwei Wochenenden erneut das Donaufestival in Krems über die Bühne. Unter dem Programmtitel “Mad Hope” verspricht das diesjährige Diskursfestival, etwas Hoffnung in die grassierende Tristesse zu bringen. Die Basis liefern dafür nicht wenige exorbitante Highlights.

“Hoffnung”, das ist ein ziemlich nebulöser und vielleicht auch etwas esoterisch anmutender Begriff: Sie bedeutet eine positive, zukunftsorientierte Erwartungshaltung, Zuversicht und Optimismus. Hoffnung, das ist eine psychische Kraftquelle, die das alltägliche Wohlbefinden steigert, insbesondere in Krisenzeiten Resilienz fördert und Selbstheilungskräfte mobilisiert. Kurz: Hoffnung ist wie Sauerstoff, sie ist der Motor dafür, dass wir an eine (bessere) Zukunft glauben und demnach auch unsere Energie darauf verwenden, unser Leben nicht vorüberziehen zu lassen, sondern es tatsächlich auch zu leben - ein Möbelgigant hat dies im Werbeslogan “Wohnst du noch oder lebst du schon?” durchaus treffend verarbeitet.

Allerdings braucht man heutzutage lediglich einen Blick in die Tagesmedien werfen, um die zu den frühen Sonnenstrahlen knospende Hoffnung gleich mit der Morgenroutine am Abort runterzuspülen: Gibt es eigentlich noch Tage ohne Hiobsbotschaften? Klimakrise, Inflation, Kriege, Demokratieverdruss und eine grassierende Destabilisierung von Persönlichkeitsrechten sind nur wenige Schlagworte dafür, wieso es heute schwerfällt, überhaupt noch einen Sinn im Leben zu finden. Es entsteht gerade der Eindruck, als stünden wir wie Dante vorm Höllentor, über dem steht: “Lasst fahren all eure Hoffnung.”

Allerdings ist dies lediglich ein theologisches Denkmuster, an dem wir immer noch festhalten, wenn wir die Zukunft schwarz/weiß denken, sie uns nur als entweder Apokalypse oder als Paradies imaginieren. In Wahrheit ist die eigene, aber auch die Weltgeschichte immer ein Sich-Durchwurschteln - manchmal geschieht das unter schwierigeren Umständen, und manchmal unter einfacheren.

Hoffnung ist kein passives Gefühl

Dass wir in diesem Hamsterrad feststecken, liegt wohl darin begründet, dass wir “Hoffnung” als passives Gefühl wahrnehmen und nicht als etwas, das aktiv gefördert werden kann: Niemand von uns wird die Welt retten, einen Krieg oder ein Hungerleid beenden. Aber wir können im Kleinen einen Sinn in unserem eigenen Umfeld finden, uns kleine, erreichbare, dabei aber konkrete Ziele setzen. Wir müssen einerseits die Realität akzeptieren, aber auch unsere persönlichen Werte reflektieren und unsere eigenen sozialen und emotionalen Ressourcen stärken - eine Gelegenheit dazu bietet das diesjährige Kremser Donaufestival, das an den beiden Wochenenden vom 1. bis 3. und 8. bis 10. Mai über die Bühne geht und - wie die Ankündigung verspricht - eine "vibrierende Parallelwelt" zu eröffnen trachtet.

Dabei erachtet selbst Thomas Edlinger, künstlerischer Leiter des Donaufestivals, das Prinzip Hoffnung irgendwie als naiv, geradezu verrückt. Aber, so Edlinger weiter, ist es “vielleicht gerade das Verrückte, das Perspektiven verrücken kann”. Ein gutes Beispiel dafür liefert etwa die Gruppenausstellung Hope4Hope der Masterstudierenden der Abteilung Cross-Disciplinary Strategies der Universität für angewandte Kunst Wien, die beim Donaufestival im Fokus steht: Hier wird Hoffnung auch so verstanden, dass sie als nötiges Gegengift zur Verzweiflung in den Blick rückt. “Mad Hope”, das ist also das Motto des diesjährigen Diskursfestivals - und wird verstanden als ein geballtes Vertrauen der Desillusionierten, der Mut zu bisher unerprobten Formen des Miteinanders und nicht zuletzt auch als ein kleinteiliger Aufstand gegen die Wirklichkeit.

Jedoch wird nicht nur in der Performance-, Kunst- und Diskurs-Abteilung des Festivals danach getrachtet, sich der Tristesse der Realität zwar nicht zu verschließen, sie dabei aber auch nicht lediglich zu akzeptieren. Auch das Musikprogramm ist mehr als reiner (dabei dringend notwendiger) Eskapismus, sondern zudem reich an Eindrücken, die danach trachten, eingefahrene Strukturen und Grenzen zu verschieben. Aus dem umfangreichen Programm heben wir die subjektiv formidabelsten Schlüsselfiguren hervor.

Donaufestival Krems: das Musikprogramm

Soeben wurden neben dem vollständigen Art-, Performance- und Diskurs-Programm des Festivals auch das vollständige musikalischen Programm angekündigt. Auf die einzelnen Tage verteilt liest sich das Line-up wie folgt:

  1. Freitag, 1. Mai: Ak'chamel / Abdullah Miniawy / Exit Void / Selvhenter / Makaya McCraven / Ex-Easter Island Head / Marie Davidson
  2. Samstag, 2. Mai: claire rousay / Joe Rainey / SANAM / Quade / Peaches / Pain Magazine / DJ Haram
  3. Sonntag, 3. Mai: FRANKIE & Kelman Duran / pmxper / Alan Sparhawk (of Low)
  4. Freitag, 8. Mai: Nina Garcia / feeo / The New Eves / caroline / Blawan / Maruja / Operant
  5. Samstag, 9. Mai: Chino Amobi / Rainy Miller / Dälek / Barker / Oneohtrix Point Never with Freeka Tet / NikNak / Kiara
  6. Sonntag, 10. Mai: Slumberland / Olga Anna Markowska / John Maus

Die Highlights

Selbstverständlich lohnt es sich, für zwei Wochenenden durchgehend in das Donaufestival einzutauchen, das eigene, diffuse Gefühl einer Nicht-Hoffnung zu dekonstruieren und sämtliche Programmpunkte zu erleben - darunter auch am 9. Mai (12:00 und 13:50 Uhr) das Screening des Films “Even Hell has its Heroes” von Clyde Petersen über die Drone-Doom-Band Earth, in dem man erlebt, dass sogar die Hölle einen Platz für Heldinnen und Helden bereithält.

Aber natürlich lassen sich auch einige Programmpunkte gesondert herauspicken:

Ikone Peaches ist natürlich einer der Gründe, warum wir uns auf das diesjährige Donaufestival in Krems freuen dürfen - am 20. Februar erschien ihr neues Album “No Lube So Rude”. Wie gewohnt springt sie wild zwischen Punk, Industrial, Pop und Electro hin und her, vermischt Persönliches mit Politischem und präsentiert den (weiblichen) Körper nicht nur als sexuelles und spirituelles Gefäß, sondern auch als Frontlinie “im Kampf um grundlegende Menschenrechte”. Das wird derb, explizit, sarkastisch - aber auch clever. Da wird es aber auch wohl ihre großen Hits wie “Fuck The Pain Away” oder “Lovertits” geben, bevor sie im nächsten Moment ihre Inszenierung zerfetzt und sexpositive Ansagen abfeuert.

Eine "produktive Reibung" mit der Gegenwart ist aber auch bei Exit Void zu erwarten - eine heimische “Supergroup”, der unter anderem Anja Plaschg (Soap&Skin), Wolfgang Lehmann von Naked Lunch und Manfred Engelmayr von Bulbul angehören und die eine experimentelle Klangperformance auf die Bühne zaubern, die nach einer Unvorhersehbarkeit des Augenblicks strebt. Nicht minder auch beim Kopenhagener Kollektiv Selvhenter, das musikalische Genres negiert und stattdessen etwas Elementarerem entgegenstrebt - ihre (instrumentale) Musik schafft ein auffallend direktes, körperliches Klangerlebnis, das sich aus Polyrhythmen, akustischen und elektrischen Melodien und Improvisation zusammensetzt: Das ist weder Heavy Metal noch Free Jazz, sondern etwas ganz Eigenes. Ja, das ist zwischen Posaune und zwei Schlagzeugen komplex und überaus fein strukturiert, mit einem Füllhorn aus klanglichen Details - aber selten hat man so eine fesselnde, treibende, dichte und ekstatische Musik gehört, die mit ihrer Brillanz sowohl anstrengt als auch löst.

Beim Debüt-Album “Pain To Power” der gehypten britischen Postpunk-Band Maruja schneiden sich Saxofon-Salven in einem Potpourri aus Post Punk, Hip-Hop, Free Jazz und Alt Rock durch Gitarrenwände, Bässe und Schlagwerk, die sich wiederum an Texten vorbeihämmern, die Wut als einziges Fundament haben: Ja, hie und da hören wir auch sanftere Töne, aber die Grundausrichtung ist ganz klar auf Streit gebürstet, den Herren aus Manchester ist die Vehemenz ins Antlitz geschrieben - Michael Gira von den Swans wäre wohl ein Fan. Maruja verstehen dabei insbesondere ihre Konzerte als “fucking exorcism”, und ich bin geneigt, das bereits vorab zu unterschreiben - denn erst am Donaufestival werden sie ihr Österreich-Debüt geben!

In eine filigranere Kerbe schlägt hingegen das Quartett The New Eves aus Brighton, das mit ihrem psychedelischen Post Punk “Freak Folk im Hexenkleid” kredenzt: Mit ihren windschiefen Sprechgesängen bestürmen sie nämlich die konservativen Vorstellungen von Weiblichkeit, setzen anstatt auf Bewahrung auf Zersetzung. Irgendwo im Umfeld zwischen The Velvet Underground und den ekstatischen Spoken-Word-Beschwörungen einer Patti Smith kann man nun auch ihre Lieder verorten, optisch tauchen wir ein in den flirrenden Horror, der etwa an “Midsommar” denken macht. Das ist The Last Dinner Party kurz vor der Apokalypse!

Vor vier Jahren spielten die Indierocker Low zuletzt im Wiener WUK: Damals schrieb ich, dass ihre fließenden Klänge nicht selten anstrengend, dabei aber so kathartisch wie eine Meditation sein können. Schlagzeugerin Mimi Parker erlag noch im selben Jahr im Alter von nur 55 Jahren an Eierstockkrebs. Ihr Partner, Alan Sparhawk, verarbeitet diesen Verlust seit ehedem - auch musikalisch: Im Herbst 2024 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, eine eindringliche Sammlung von überwiegend elektronischen Hymnen und Lobgesängen mit dem Titel “White Roses, My God”. Das renommierte Musikmagazin Pitchfork fragte sich damals laut, wie etwas so “Unmenschliches” gleichzeitig “Freiheit” und “spirituelle Notwendigkeit” hervorrufen könne - eine Kombination, die bereits in den letzten Veröffentlichungen von Low zu finden war. Dabei dachte Sparhawk in Folge das Material gar noch weiter, erweiterte es um Soul- und Drone-Momente und driftet sogar in an Crazy Horse erinnernde Passagen ab: Das Ergebnis von diesem Irrlichtern nach stetiger Wiedergeburt hört man auf dem aktuellsten Album “With Trampled by Turtles”.

Mit retrofuturistischem Techno und Alarm-Electro stemmt sich die kanadische Produzentin Marie Davidson der lückenlosen digitalen Kontrolle, die in unseren Alltag eingezogen ist, entgegen: Ihre nachtschwarze, minimalistische Maschinenmusik ist nicht einmal weit entfernt von dem, was Kraftwerk zu ihren Hochzeiten brillieren ließen.

Auch der Amerikaner Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never “verbindet dystopische Elektronik, emotionalen Ambient mit hypermoderner Klangforschung und erschafft damit einen einzigartigen Sound”. Kein Wunder, dass Lopatin mittlerweile einer der gefragtesten und renommiertesten Musiker in diesem immer etwas fluiden Genre der Ambient-Avantgarde ist, arbeitete sogar schon mit so großen Namen wie The Weeknd, FKA twigs, Rosalía und Charli XCX zusammen - und zuletzt komponierte er die Musik für “Marty Supreme” mit Timothée Chalamet. Ja, das was Lopatin da durch den Äther zaubert, ist massiv kopflastig, aber nicht zwingend sperrig: Sein neues (zehntes) Album “Tranquilizer” ist nämlich alles andere als die titelgebende Schlaftablette geworden, sondern vielmehr ein betörendes, flirrendes Meisterwerk, das insbesondere auf Sounds, die für die Spa- und Yoga-Bedudelung gedacht waren, fußt. Da dominieren synthetisches Gebimmel, Plastik-Meeresrauschen und ein esoterisches Lichtern: Chill-out-Musik, würde da die jüngere Generation wohl darüber urteilen. Und dabei ist es auch noch ganz große, sprudelnde, funkige, pathetische Kunst!

Am 27. März erscheint zudem mit “Brilliance Of A Falling Moon” auch das neue Album des experimentellen Hip-Hop-Duos Dälek, das auch live am Donaufestival vorgestellt wird: Wir erwarten - nicht unähnlich zu ihren Vorbildern Public Enemy - hierauf und hierbei eine düstere Grundstimmung, geloopte Gesangssamples, verzerrte E-Gitarren und Texte, die in ihrer Dichte und Komplexität in einer Liga mit Propagandhi spielen - es wird ein “aufwühlendes Bild vom Leben und Widerstand in den faschistisch geprägten USA” gezeichnet. Diesem Faschismus, dem stellt MC Dälek eine Wall-of-sound gegenüber, die klingt wie sonst nur Banksy sprayt.


Live-Termine


Donaufestival - "Mad Hope"

01. bis 03. und 08. bis 10. Mai 2026 | Krems, verschiedene Locations


Infos auf dem Stand vom 11.03.2026  

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