Bild: Columbia
Wie Phönix aus der Asche: Mit ihrem neuen Album “Your Favorite Toy” haben Dave Grohl und seine Foo Fighters ohrenscheinlich sämtliche Krisen überwunden - und reisen zurück in die Vergangenheit.
Im Vorfeld der Veröffentlichung von “Your Favorite Toy”, dem zwölften Album der Foo Fighters, verriet Dave Grohl, dass er über ein Jahr lang fast täglich in Therapie war - und das ist schon eine ganze Menge. Offensichtlich gab es für den Foo-Fighters-Kopf einiges aufzuarbeiten, nach 30 Jahren in der Band und nach dem erschütternden Verlust prägender Figuren in seinem privaten wie beruflichen Umfeld - Schlagzeuger Taylor Hawkins und Grohls Mutter Virginia. Nicht zu vergessen auch sein Skandal mit dem außerehelichen Fremdvögeln.
Auf “Your Favorite Toy” verarbeitet Grohl all das in Echtzeit, bündelt Reflexionen über Unsicherheit, Trauer, den Wunsch nach Vergebung und Bestätigung, sowie Gedanken über den Tod - all dies musikalisch getragen vom gewohnten Alternative-Rock der Foos. Das Ergebnis klingt selbstbewusst, energetisch, erwachsen, aber dabei auch juvenil.
Wenn “But Here We Are” eine angespannte Gefühlsentladung nach den beiden benannten Todesfällen war, dann ist “Your Favorite Toy” ein Erweckungserlebnis - die Foo Fighters erheben sich wie Phönix aus der Asche: Alle Markenzeichen, die die Foo Fighters auszeichnen, sind vorhanden - die knackigen Akkorde, der Blues, die klassischen Refrains und ein geschicktes Pendeln zwischen Punk-Gummi und gemächlichem Altherren-Rock. Diese Mischung beweist: Dave Grohl führt seine Band - mit Neuzugang Ilan Rubin von Nine Inch Nails am Schlagzeug - auch zurück zu den schnörkellosen Brechern der Anfangstage, während er gleichzeitig die letzten Jahre, das Altern, das Reifen auch nicht außer Acht lässt.
Im Vorfeld von “Your Favorite Toy” hielt sich Grohl eher bedeckt, da hieß es lediglich, es “fühle sich neu an” - was insofern bemerkenswert ist, weil die Foos über weite Strecken eben auch wie früher klingen: Der engste Verwandte im eigenen Katalog ist tatsächlich sogar ihr selbstbetiteltes Debüt, das Grohl damals nahezu im Alleingang schrieb und einspielte, während er nach dem Tod von Kurt Cobain die Grunge-Trümmer von Nirvana aufarbeitete.
In seinen besten Momenten brodelt “Your Favorite Toy” zwar mit einer Reife, aber auch mit jener Energie, die die Frühphase der Foo Fighters schon auszeichnete: Der Titeltrack ist hierfür ein gutes Beispiel, wie auch das wütende “Of All People”, das an die 1995er-Single “I'll Stick Around” erinnert, wobei sich Grohls Wut diesmal nicht gegen Courtney Love (Cobains Ehefrau) richtet, sondern gegen einen Drogendealer aus seinem Umfeld in den Neunzigern, der den zahlreichen Drogenfällen, die er zu verantworten hatte, selbst nicht zum Opfer fiel - ein Frustrationsmoment für Grohl.
Auch “Spit Shine” (der wohl härteste Song am Album) und “Amen, Caveman” zählen zu den Highlights des Albums: Sie reißen mit ihrem halsbrecherischen Tempo mit und treiben das zur Perfektion, was die Foo Fighters immer schon ausmachte: Ein gelungener Wechsel zwischen knackiger Härte und eingängiger Melodie. Gerade der neue Schlagzeuger Ilan Rubin besteht hier seine Feuertaufe mit Bravour, die stärksten Songs am Album sind jene, in denen er maßgeblich den Takt vorgibt und wüten darf wie ein testosterongeladener Bulle.
Auch stimmlich hat sich Grohl wieder verbessert - während er textlich jedoch an der Oberfläche kratzt: Wer ein tatsächliches Aufarbeiten seiner Untreue und seinen mentalen Entwicklungsweg sucht, wird weitestgehend enttäuscht. Einzige - aber dafür große - Ausnahme ist hier “Child Actor”, in dem Grohl schonungslos sein Bedürfnis nach Bestätigung seziert und erkennt, dass er sich selbst vom Sockel gestoßen hat und nun im Zwiegespräch mit dem eigenen Spiegelbild nach Antworten sucht.
“Your Favorite Toy” ist zweifelsohne ein unverkennbares Album der Foo Fighters, jeder einzelne Song hätte problemlos auf eines der elf vorherigen Werke gepasst. Aber: Grohl hat erkannt, dass ihre Stärke definitiv in der Schnörkellosigkeit und nicht im braven Dad-Rock liegt: Das fängt bei der Unmittelbarkeit der Stücke an und zieht sich hin bis zur Rohheit der Produktion.
Dass “Your Favorite Toy” damit im Grunde mehr vom Gleichen liefert, überrascht nicht - ist bei den Foo Fighters aber auch kein wirklicher Makel: Ihr Publikum liebt die Foo Fighters, weil sie auch nach drei Jahrzehnten immer noch genau ihr Ding durchziehen, ähnlich wie AC/DC. Was von den Foos verlangt wird, sind kompakte Songs, die eingängig und lebendig sind - und das gelingt ihnen auf ihrem neuen Album durchaus, mehr, als anderen Bands im oberen Mittel ihres Karriereweges.
“Your Favorite Toy” mag vielleicht nicht als das essenziellste Album der Foo Fighters in Erinnerung bleiben, aber es ist durchaus mit das ehrlichste - oder zumindest selbstreflexivste. Seit über 30 Jahren befindet sich Grohl mit den Foos in Bewegung, immer weiter, immer vorwärts, nach oben, nach oben, nach oben: Diesen Impuls des stetigen Enthusiasmus hinterfragt er erstmals - aber wenn man sich “Your Favorite Toy” zu Gemüte führt, erkennt nicht nur Grohl, sondern auch seine Hörerschaft, dass der Weg das Ziel ist.
Ein derart starkes neues Album sollte jedenfalls ihrem Happel-Gastspiel diesen Sommer den letzten Schub verpassen - und nun auch die wirklich allerallerletzten Tickets an den Mann und die Frau bringen: Zumal mit Fat Dog und den Idles auch das Vorprogramm unglaublich stark geraten ist und garantiert, dass am 3. Juli im Prater-Oval des Ernst-Happel-Stadions mit dieser kathartischen Kraft des Rocks nicht nur für Grohl, sondern auch für 50.000 Besucher*innen eine mehr als konstruktive Therapiestunde gezaubert wird, die in der heutigen Zeit wohl jede*r mehr denn je benötigt …