Bild: Sophie Imhof
Auf Social Media klärt die St. Pöltener Neurowissenschaftlerin Dr. Sophie Imhof als “Healthfluenza” auf, was hinter den Gesundheits-Hacks, die uns Influencer und andere Promis gern verkaufen möchten, verborgen ist. Ab Februar präsentiert sie mit viel Witz ihr Fachwissen dann auch auf den Bühnen in ganz Österreich: Wir haben uns schon jetzt vorab beraten lassen …
Man kennt das: Wer (plötzlich) an irgendeinem Wehwehchen laboriert, konsultiert im ersten Schritt mittlerweile nicht mehr den Hausarzt, sondern Dr. Google. Für deutlich über 50 Prozent aller Österreicher*innen ist das Internet die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden - und das, obwohl die Ärztinnen und Ärzte seit Jahren davor warnen. Nicht, weil alles, was im Internet steht, falsch ist. Sondern weil einerseits Suchmaschinen nach Klicks und Emotionen statt nach medizinischer Wahrscheinlichkeit gewichten, was zu riskanten Selbstdiagnosen führen kann. Das führt dann andererseits oft zu unnötiger Angst, weil harmlose Beschwerden schnell dramatisierenden Diagnosen - etwa Krebs - zugeordnet werden.
Spätestens seit Corona ist jedoch nicht nur Dr. Google Konkurrent des medizinischen Fachpersonals geworden, sondern auch zahlreiche “Experten”, Influenzer auf Instagram und TikTok, die alternative “Wundermittel” für (fast) alle Leiden und/oder "Selbstoptimierungen" anbieten. Da ist etwa der Unternehmer Christian Wolf, eines der bekanntesten Gesichter der Fitness- und Ernährungsszene: Nach drei ziemlich rasch abgebrochenen Studiengängen (Pharmazie, Medizin, BWL) gründete er vor knapp 10 Jahren die Marke More Nutrition, mittlerweile wird er für seine Nahrungsergänzungsmittel - Proteinpulver, Vitamintabletten, Sirupe - gefeiert wie ein Popstar. Ob seine Produkte ihr Versprechen tatsächlich auch halten, das hat sich die St. Pöltner Neurowissenschaftlerin Dr. Sophie Imhof erst diesen April angeschaut und kam dabei zum Schluss, dass seine Versprechen “fragwürdig” seien. Er reagierte daraufhin mit einem mittlerweile gelöschtem Kommentar, in dem er unter anderem schrieb, er wolle ihr dafür “gerne ins Gesicht treten”.
Doch es ist nicht nur Wolf, der gerne seine eigenen Produkte verkaufen will, die Leidtragenden rasche, unkomplizierte Hilfe versprechen. Auch Bill Kaulitz ist nicht nur der grell schillernde Kopf von Tokio Hotel, sondern im Nebenberuf zudem ein Gesundheitsexperte - und er muss es ja doch wissen! Immerhin ist es für einen Popstar unabdingbar, sich hie und da auch zu “detoxen” - um nach getaner Party auch wieder Leistung auf der Bühne erbringen zu können! Deswegen hat er “Bill Pill” auf den Markt gebracht, ein Wundermittel, das “lange Partynächte” abfedern soll - und zwar besser als vergleichbare Produkte aus der Apotheke. Klingt super - aber bringt das auch etwas? Dr. Imhof sagt: Nunja.
Man könnte also sagen: Dr. Imhof ist der Albtraum der Wundermittel-Verkäufer, wenn sie vermeintliche Gesundheitsversprechen unter die Lupe nimmt und nicht nur mit wissenschaftlichem Background, sondern vor allem auch mit viel Witz aufklärt, was tatsächlich dahintersteckt. Ein großer Dienst für die Gesellschaft: Denn natürlich kann jede und jeder von uns seinen Vorbildern nacheifern und es sich etwa zur Angewohnheit machen, jeden morgen drei Rosinen zu frühstücken, damit der Tag so richtig gut kickt. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Menschen gefangen werden, die schon lange nach einer Lösung für ihre Beschwerden suchen und mit vermeintlichen Wundermitteln immer wieder neue Hoffnungen gemacht werden, die sie letztlich nicht erfüllen. Ihr Rat liegt nahe: Lieber auf wissenschaftliche Fakten schauen, statt jedem neuen Internet-Wunder hinterherzulaufen.
Sehr schwierig. Die WHO nennt die Zeit, in der wir uns befinden, eine “Infodemie”. Das heißt, wir werden mit Informationen überflutet und wissen oft nicht mehr eindeutig, was wahr und was falsch ist. Bei Gesundheitsfragen sollte man allerdings immer darauf achten, wie sich jemand rhetorisch ausdrückt: Christian Wolf ist ein gutes Beispiel – ich sage ja nicht, dass alles, was er sagt, falsch ist. In erster Linie sprechen er und auch Alina Walbrun jedoch einfach nur sehr gut. Diese Rhetorik ist für den Otto Normalverbraucher manchmal nur schwer von tatsächlicher Kompetenz zu unterscheiden. Insbesondere, wenn sich diese Personen einen weißen Kittel anziehen oder ein Stethoskop umhängen: Dann schauen sie auch noch schlau aus.
Am Ende des Tages gilt für uns alle: Wir sollten Informationen hinterfragen und versuchen, eine Sachlage und unseren eigenen Organismus selbst zu verstehen. Es gibt keine Faustregel dafür, wann eine Information richtig oder falsch ist. Ein gutes Anzeichen ist aber, wenn jemand sich einer Sache ganz sicher ist: Wissenschaftlich gesehen ist leider genau das eine Red Flag, denn alles hat eine Nuance, alles hat ein Spektrum. Das ist zwar das Schöne an der Wissenschaft, aber natürlich wollen wir alle viel lieber knallharte, einfache Lösungen (lacht).
Ein Punkt ist, sich bewusst zu machen, wie viel Geld bei Influencern fließt: Prominente Influencer bekommen bis zu sechsstellige Beträge für eine Story. Das zu wissen schafft beim Otto Normalverbraucher vielleicht etwas gesunden Abstand. Aber in erster Linie muss man sich eben eingestehen, wie kompliziert der menschliche Körper ist. Wenn dir jemand eine einfache Lösung garantiert, ist das biologisch nicht plausibel. Und nicht zuletzt muss man sich wohl auch selbst begegnen: Gerade wenn man sich auf einem chronischen Leidensweg befindet, muss man noch sensibler mit Informationen umgehen, denn am Ende des Tages fällt das auf einen selbst zurück.
Absolut. Das ist ein großes Thema. Die Pharmafirmen haben viel Geld, und es gibt auch hier viele Skandale. Trotz allem muss man das größere Bild sehen und das Konzept dahinter verstehen. Man darf und soll auch die Pharmaindustrie kritisieren, aber letztlich retten Medikamente immer noch Leben. Ich arbeite zum Beispiel in New York an einem unabhängigen Institut, und wir arbeiten teils Hunderte Jahre an einem Medikament. Ohne diesen Schritt der Industrialisierung wären wir heute wahrscheinlich schon alle tot oder hätten zumindest nicht den Lebenskomfort, den wir heute genießen.
Es gibt ausreichend Studien speziell für Frauen, die zeigen, dass das ständige Vergleichen auf Social Media das eigene Körperbild stark verändern kann. Was unser Hirn immer macht, ist, Durchschnitte zu bilden: Wenn wir in der realen Welt unterwegs sind, sehen wir Menschen mit ganz unterschiedlichen Körperbauten. Auf Social Media sieht man bevorzugt die Ausnahmen – nicht nur beim Körper, sondern etwa auch beim Erfolg.
Gleichzeitig arbeite ich aber auch mit sehr seltenen Erkrankungen. In dieser Hinsicht ist es sehr wohl positiv an Social Media hervorzuheben, dass sich betroffene Menschen dort weltweit finden. Diese Community-Bildung ist natürlich etwas Fantastisches. Früher gab es bestenfalls eine Selbsthilfegruppe in ganz Österreich, heute bist du weltweit vernetzt. Das ist natürlich auch für Fachkräfte super spannend.
Auch bei Social Media gilt also – wie überall: Es gibt etwas Positives, aber auch etwas Negatives. Um das für die Gesellschaft gut zu lenken, müssen wir kritisch sein.
Tatsächlich habe ich früher einen englischen Blog gehabt – eben auch, weil ich im amerikanischen Ausland studiert habe. Irgendwann bin ich dann aber für mich zum Schluss gekommen, dass ein großer Teil meiner Identität österreichisch ist. Mein Dialekt und vielleicht auch die Art und Weise, wie ich über das Leben denke, zeigen, wie sehr ich in meinem Heimatland verwurzelt bin – auch wenn ich geografisch nicht vor Ort bin. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt. Ich gebe ja auch viele Vorträge auf Englisch.
Es gibt Studien dazu, dass Social Media das Vertrauen in die Wissenschaft verringert, weil dort eben genau diese “alternativen Fakten” kursieren. Generell muss man sagen, dass alternative Ansätze nicht per se schlecht sind, sondern dass jeder Mensch zum Glück selbst entscheiden kann, wie er durchs Leben gehen möchte, solange diese Ansätze nicht mit einer “normalen” Therapie interferieren.
Gleichzeitig wird die Skepsis gegenüber der Wissenschaft immer größer, und das wird zum Problem, wenn jeder in seiner eigenen Realität lebt – obwohl die Realität für uns alle gleich ist. Impfungen schützen beispielsweise vor viralen Infektionen, das ist ein Faktum. Das muss man zwar nicht annehmen, aber man ist immer noch Teil einer Gesellschaft: Wir haben ja auch den Konsens, dass wir uns beim Autofahren anschnallen und nicht bei Rot über die Straße gehen. Wenn man Vorteile aus der Gesellschaft zieht, sollte man sich schon anpassen. Als Fachkraft da gegenzusteuern, ist jedoch schwierig, weil der Diskurs oft nicht gegeben ist.
Es ist sehr schwierig. Ich mache das jetzt seit circa zwei Jahren, und langsam bekommt man zumindest für die eigene Zielgruppe ein Gefühl dafür. Da weiß man dann auch, welchen Fachjargon man verwenden kann. Ich versuche allerdings, möglichst wenig davon zu nutzen, weil es auch nicht wirklich notwendig ist: Das Schwierige an Wissenschaft ist, dass man sie beim Herunterbrechen nicht gleichzeitig verfälschen darf.
Ich ziehe Leute durch den Kakao, wenn man so will – und ich finde, Humor hat auch da eine wichtige Daseinsberechtigung. Trotz allem muss man verstehen, dass hinter dem Bildschirm Patientinnen und Patienten sitzen. Jedes Thema verdient also auch eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Erneut: beides. In erster Linie sehe ich es als positiv an, wenn sich Menschen mit ihrer Gesundheit und Ernährung auseinandersetzen. Ich hatte das Thema erst kürzlich mit meiner Mama: Ich verwende heute jeden Tag Sonnencreme, weil Hautschutz wichtig ist. Vor 30 Jahren wusste man das aber noch nicht. Auch wenn manches vielleicht ein Trend ist, bekommen die Menschen dadurch Einblick in das Ganze.
Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man nicht in solche Trends abrutscht, denn der Körper ist nicht auf Dauer für Extremismus gemacht. Klar, wenn man abnehmen möchte, ist High Protein die Devise. Auch eine Abnehmspritze kann dir helfen. Ob es aber auf Dauer vernünftig ist, sich ausschließlich mit High Protein und Supplements zu ernähren, ist eine andere Frage. Es geht immer um Nuancen, und generell ist die richtige Ernährung unglaublich wichtig für unseren Körper. Wenn man auf den Körper und seine Signale hört, verliert man diesen Extremismus auch: Wir wissen, dass Ernährung über den Vagus direkt ins Hirn fließt und unsere Laune, unsere Motivation, unsere Ambitionen reguliert.
Weil Dopamin und Serotonin viel schneller reagieren. Unser System liebt Zucker – evolutionär gesehen war Zucker früher ja eine Rarität. Früher hat man Zucker für Energiegewinn genutzt, heute nehmen wir ihn im Übermaß zu uns. Das verschiebt dann auch die Toleranzen. Es ist jedoch nichts dagegen einzuwenden, auch einmal eine Fertigpizza am Abend zu essen – es sollte nur kein Dauerzustand sein (lacht).
Wir haben ein Systemproblem, bei dem eine Regulierung schon eingreifen müsste. Wir kennen die Statistiken: Adipositas ist ein großes Problem, ebenso kardiovaskuläre Erkrankungen. Ich habe erst kürzlich Statistiken mit dermaßen hohen Prozentzahlen gesehen – und dabei könnten wir diese Erkrankungen verhindern. Was das die Krankenkassen kostet!
Jeder beschwert sich über Steuern, aber dann raucht man doch wieder eine Zigarette. In vierzig Jahren wird der Raucher uns allen ordentlich Geld kosten! Aber wieder: Du bist Teil der Gesellschaft, du kannst vieles machen, was du möchtest. Wenn wir die Gesellschaft aber möglichst lange gesund halten wollen, ist es im Grunde kein schlechter Ansatz, auch Regulierungen einzuführen. Wo diese ansetzen müssen, weiß ich allerdings nicht – da bin ich keine Expertin dafür.
Auch eine Tablette gegen Kopfschmerzen hilft nur temporär. Alle Chemikalien, die man sich zuführt, haben eine bestimmte Halbwertszeit. Das heißt, sie werden vom Körper wieder abgebaut. Die Abnehmspritze simuliert zum Beispiel ein körpereigenes Hormon. Du trickst deinen Körper also aus. Wenn man das auf Dauer machen würde, wissen wir noch nicht, welche Langzeitfolgen das mit sich bringt. Ich möchte also nicht sagen, dass eine Abnehmspritze nicht dauerhaft wirken kann – wir wissen es nur nicht.
Adipositas ist zudem sehr heterogen, also unterschiedlich: 100 adipöse Patienten haben 100 verschiedene Pathologien. Beim einen sind es psychologische Manifestationen aus der Kindheit, der andere hatte ein traumatisches Erlebnis im Erwachsenenalter, andere wiederum sind stoffwechselerkrankt. Dass man so etwas nicht einfach mit einer Pille oder einer Spritze lösen kann, dessen müssen wir uns bewusst sein.
Genau. Aber man muss immer schauen, was in den Produkten drin ist: Supplements, also Nahrungsergänzungsmittel, durchlaufen keine Regulierung wie Medikamente.
Der Unterschied liegt zwischen Prävention und Optimierungswahn. Oft ist es auch eine Geldfrage. Bryan Johnson ist da ein gutes Beispiel: Er wollte die “ewige Jugend” und hat jetzt eine Stoffwechselerkrankung bekommen. Wir können viel regulieren, aber nicht alles. Letztlich ist die Frage: Wie willst du dein Leben verbringen? Wissenschaftlich fundiert gibt es nichts, das uns tatsächlich länger leben lässt – außer dem, was wir ohnehin schon propagieren: Bewegung und Ernährung, eine gute Psyche und Schlaf. Und natürlich möglichst wenig Substanzen: Selbstverständlich darf man auch Alkohol konsumieren, aber ein langes, gesundes Leben mit einem täglichen Rausch wird schwierig.
Wir sind ja im Grunde genommen auch Maschinen. Wir sind ein Wunderwerk, in dem Millionen Mechanismen ablaufen.
Es gibt zwei aktuelle Studien, die zwölf Kennzeichen des Alterns beschreiben. Auf biologischer Ebene können wir das Altern schon sehr gut definieren. Ich als Epigenetikerin sehe darin einen Verlust an Informationen: Unsere Zellen haben alle ein Programm, das ihnen sagt, was sie sind und was ihre Aufgabe ist. Über unser Leben hinweg verlieren wir diese Informationen.
Rein evolutionär gesehen stellt sich die Frage: Warum sterben wir überhaupt? Der Körper war nie dafür ausgelegt, für immer zu leben – wir sind eigentlich nur für die Reproduktion da. Deswegen sind zumindest wir Frauen im Alter zwischen 14 und Mitte 30 am fittesten. In dieser Zeit muss unser Körper performen – danach gibt es, so blöd das klingt, für ihn keinen Nutzen mehr.
Das ist unser Egozentrismus! Der Mensch will immer länger leben, weil er sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen möchte. Vergänglichkeit an sich selbst oder an den Menschen zu erleben, die wir lieben, ist nicht einfach. Aber nur weil etwas schwierig ist, verschwindet es nicht: Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als uns das einzugestehen, anstatt mit einer Illusion an der Realität vorbeizurennen.
Ich arbeite seit acht Jahren an ALS, an amyotropher Lateralsklerose. Betroffene sterben innerhalb von Monaten. Da habe ich schlimme Krankheitsverläufe miterlebt, bei denen junge Familienväter und -mütter sehr früh den Tod gefunden haben. Das ändert die Perspektive auf alles. Ich bin ein totaler Moment-Mensch, ich liebe und genieße die Bewegung und mein Umfeld, bin sehr bewusst in einzelnen Momenten und akzeptiere alles, was kommt.
Auch bei Krankheiten in meiner Familie gilt: annehmen, was ist. Was passiert, passiert – man muss nur schauen, dass man selbst so gesund wie möglich durchs Leben navigiert. Hürden werden immer kommen, so oder so.
Neurobiologisch gibt es für mich keine Erklärung dafür, warum ein Jenseits existieren sollte – wenn im Hirn kein Strom mehr fließt, ist es aus. Gleichzeitig gibt es aber auch die Metaphysik. Wenn man in der Wissenschaft eines lernt, dann ist es, dass alles möglich ist – auch wenn es noch so absurd klingt. Darauf hoffe natürlich auch ich ein bisschen (lacht): Vielleicht passiert tatsächlich etwas, das wir als Menschen – noch – nicht begreifen.
Auch hier wieder: ein Verständnis für den eigenen Körper entwickeln. Man muss sich etwa bewusst machen, dass es viele Menschen gibt, die sich krankheitsbedingt gar nicht oder nur unter Schmerzen bewegen können – für alle anderen ist es ein Privileg, eine Chance, die wir nutzen können.
Aber man muss Schwierigkeiten auch einfach annehmen: Unser Körper ist komplex, und du hast jeden Tag die Wahl zwischen dem einfachen und dem schwierigen Weg. Es ist okay, hie und da auch den einfachen Weg zu nehmen und auf der Couch eine Serie zu bingen. Aber prinzipiell muss man verstehen, dass uns die einfachen Wege gerade wegen unserer Komplexität auf Dauer nicht ans Ziel führen.
Auch mich freut es nicht immer, jeden Tag nach dem Abendessen spazieren zu gehen. Aber ich tue es, weil ich weiß, dass es mir im Nachhinein super geht. Man kann nicht immer auf alles Lust haben, aber manches muss man trotzdem tun, wenn man das Leben halbwegs gesund bestreiten will.
Das ist eine individuelle Einstellung: Wenn man sehr aktiv ist, will man natürlich beobachten, ob man Fortschritte macht. Wenn du jedoch merkst, dass dich dieses Tracking unter Druck setzt, wenn es dir offensichtlich nicht guttut, ist es vollkommen in Ordnung, es sein zu lassen. Was für andere Menschen passt, muss für dich nicht passen. Die Schwierigkeit des Lebens liegt auch darin, sich von Trends abzusetzen.
Das kann man so einfach nicht beziffern. Aber sich mit sich selbst zu beschäftigen bedeutet ganz automatisch, dass man nicht jeden Tag einen Rausch hat und eine Packung Zigaretten raucht. Alles, was du tust, fällt am Ende auf dich zurück, und zwar nur auf dich. Du tust niemandem etwas zuleide außer dir selbst. Im besten Fall lebst du gesund und lustig – und im Hier und Jetzt, denn spätestens im Alter fällt alles auf dich zurück.
Wir sind noch weit davon entfernt, dort zu sein, wo wir hingehören, leider. Es tut sich zwar sehr viel, aber bis vor zehn Jahren war es noch so, dass man ausschließlich an männlichen Tieren experimentiert hat. Die hatten keinen Zyklus, sie wurden nicht schwanger – man hatte in der Forschung also viele Vorteile. Zumindest dachte man das, bis man gemerkt hat, dass der weibliche Körper in vielerlei Hinsicht einfach anders funktioniert. Mittlerweile sind Förderungen so aufgebaut, dass die Forschung beide Geschlechter berücksichtigen muss. Bei vielen Medikamenten haben wir aber noch keine Ahnung, weil sie damals nicht an weiblichen Versuchsobjekten getestet wurden.
Rein evolutionär: Der Mann ist das starke Alphatier, der darf nicht krank sein. Das sieht man auch an den höheren Suizidraten – beim Mann hinkt speziell die mentale Gesundheit hinterher. Frauen sind da aufgeschlossener, weil es ganz generell in ihrer Natur liegt, sich zu kümmern. Ich glaube, beide Geschlechter müssen verstehen, dass wir alle Menschen sind und eigene Anforderungen haben.
Wir alle sind Datenpunkte in einem Diagramm – manche befinden sich näher am Referenzwert, andere weiter davon entfernt. Wenn wir uns mentale Gesundheit anschauen, werden wir immer Extreme haben: Da gibt es diejenigen, die seit 60 Tagen das Bett nicht verlassen können, das aber nicht für voll nehmen. Und es gibt auch diejenigen, die bei der kleinsten Verstimmung eine Pathologie diagnostizieren. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – aber aus gesellschaftlicher Perspektive haben auch die Extreme ihre Daseinsberechtigung.
Wir müssen auch lernen, dass wir alle heterogen sind: Nur weil man selbst von einem Referenzwert weiter entfernt ist, ist man nicht gleich abnormal. Dieses Verständnis hilft, anderen Menschen zu begegnen.
Auch das ist individuell. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich oft unters Messer legen, ein ausgeprägteres gestörtes Bild vom eigenen Körper haben. Dieses Wissen sollte man haben, um sich selbst zu hinterfragen. Deswegen bin ich der Meinung, man sollte sich gerade bei größeren Eingriffen zuerst psychotherapeutischen Rat einholen.
Nicht generell. Bei Geschlechtsumwandlungen ist der Weg irrsinnig lang, aber wenn ich mir meine Brüste auf Doppel-D vergrößern möchte, fragt niemand nach. Da muss man die Schönheitschirurginnen und -chirurgen schon auch an den Pranger stellen: Natürlich darf Geld und der eigene Verdienst wichtig sein, aber letztlich geht es um Menschen und darum, ihnen zu helfen.
Ein großer Teil ist natürlich Genetik und Glück. Das sehen wir auch schon bei soziografischen Daten, etwa bei der Frage, wo man geboren ist und wie gut die Familie finanziell aufgestellt ist. Wenn du in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen bist, zeigt sich, dass du später vermehrt zu Krankheiten neigst. In der Kindheit manifestieren sich zudem viele Allergien – das kannst du als Kind schwer steuern.
Trotz allem hat man oft mehr Spielraum, als man denkt: Man muss diesen Spielraum schlau nutzen, zumal der Körper auch die Möglichkeit hat, sich zu regenerieren. Jeder Tag, an dem du dich entscheidest, gesünder zu leben, ist gut. Wenn du ein Leben lang ungesund lebst, wärst du schon eine krasse Ausnahme, wenn du das Leben auch gesund zu Ende bringst.
Auch Jugendliche sollen ihre Entscheidungsfreiheit haben. Natürlich ist mir bewusst, dass man ganz anders darüber denkt, wenn es das eigene Kind ist (lacht). Aber Kinder gehen sowieso ihren eigenen Weg – besser, du genießt ihr Vertrauen und weißt davon, als dass du es nicht weißt.
Die Gefahr bei Jugendlichen liegt, glaube ich, weniger in der Gesundheit als bei anderen Sicherheitsaspekten – und irgendwann kommen sie schon drauf, oder auch nicht. Die Biologie lehrt uns auch eins: nämlich Gelassenheit (lacht).