Bild: Dominik Gruss Bild: Dominik Gruss
Kultur

Wer ist Banksy?

28.09.2026 von Stefan Baumgartner

Ab 23. Oktober ist die neue, erweiterte Ausstellung "House Of Banksy" in der METAStadt zu sehen. Verrät sie auch, wer dieser gehypte, immer noch anonyme Street-Art-Künstler eigentlich ist?

Bild: Stefan Baumgartner

Es war der 29. April dieses Jahres in London, nicht unweit vom Grätzel des Shopping-Viertels Piccadilly Circus und der royalen Residenz Buckingham Palace: Am Waterloo Place – einem Ort imperialer Geschichte – wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Statue errichtet. Die überlebensgroße Figur scheint von einem Podest in den Abgrund zu schreiten, sie trägt eine große Fahne, die ihr ins Gesicht weht. Als Signatur steht am Fuß des Sockels ein bekannter Name: Banksy. Die Interpretation: Die Statue könnte als Warnung vor einem verblendenden Patriotismus bewertet werden.

Bereits vergangenen Herbst und Winter war Banksy in London umtriebig: Am 22. Oktober sprayte er auf eine Hausmauer in Bayswater zwei Kinder, die zum Himmel schauen – ein Motiv, das mit der grassierenden Obdachlosigkeit in Verbindung gebracht wurde. Und bereits Anfang September wurden die Royal Courts of Justice in London verschönert: Da war ein Graffiti zu sehen, in dem ein Richter einen am Boden liegenden Demonstranten schlägt – eine tiefschürfende Interpretation ist da wohl hinfällig. In ihrer Gesamtbetrachtung stehen Banksys drei aktuellen Werke aber somit programmatisch für sein Gesamtkunstwerk: Ihm geht es darum, mit Guerilla-Aktionen im öffentlichen Raum auf aktuelle, sozialpolitische Missstände aufmerksam zu machen.

Und dies macht er schon seit den frühen Neunzigern, seit grob einem viertel Jahrhundert mit breitenwirksamem Echo: 2002 sprühte er im Osten Londons mit Schablonen ein Mädchen in Schwarz, das einen roten Ballon in Herzform davonfliegen lässt. Dieses “Girl With Balloon” – genauer: ein Druck davon – erlangte im Oktober 2018 globale Berühmtheit, als es bei Sotheby’s um 1,18 Millionen Euro versteigert wurde – und sich während der Versteigerung durch einen im Rahmen versteckten Schredder selbst zerstörte (siehe das Titelbild dieser Geschichte). Banksy ließ damals verlauten, dass es sich bei dieser Aktion um Kritik am Kunstmarkt handle – wobei dies natürlich eine gehörige Wertsteigerung anstieß: Das nun unter dem Titel “Love Is In The Bin” gehandelte Kunstwerk wurde 2021 erneut bei Sotheby’s versteigert, diesmal um fast 22 Millionen Euro.

Banksy: Europa kreuzweise

Bild: Booking.com

Aber nicht nur auf der Insel war Banksy bisher umtriebig, Missstände gibt es bekanntlich europaweit: 2017 eröffnete er etwa das Walled Off Hotel in Bethlehem, das unmittelbar an der Grenzmauer zwischen Israel und Westjordanland gelegen ist. Die Inneneinrichtung gestaltete er mit zahlreichen Bezügen auf den Nahostkonflikt und dem Alltag der Sperranlage. Letztere trägt zur “schlechtesten Aussicht der Welt” bei, mit der das Hotel wirbt – und heute wohl aktueller denn je ist. Man kann dieses Hotel durchaus als dauerhafte Fortsetzung seines Dismaland sehen: Schon 2015 schuf er damit im britischen Weston-super-Mare eine leider nur temporäre Parodie auf Freizeitparks, mit kaputten Attraktionen, Flüchtlingsbooten, Überwachung, Konsumkritik, und einer Verbildlichung von gesellschaftlichen Abgründen – und somit sein erstes Kunstwerk, das von einem reinen Bild zu einem Gesamtkunstwerk, einem Happening wurde.

Im Jahr 2018 tauchte an der Notausgangstür des Bataclan-Theaters in Paris ein ergreifendes Mural auf: Ein verschleiertes Mädchen erinnert in ihrer Trauer an Madonna (nicht die Musikerin, wohlgemerkt) und wurde an genau der Tür angebracht, durch die die Opfer des Terroranschlags vom 13. November 2015 zu fliehen versuchten. Es war dies somit erneut nicht “nur” ein aussagekräftiges Bild, sondern zudem auch angebracht an einem Ort von tragischer Bedeutung: Der Anschlag war Teil einer Serie koordinierter Anschläge in Paris und tötete 89 Menschen und verletzte über 300 während eines Konzerts der Eagles Of Death Metal, einem Nebenprojekt von Josh Homme von Queens Of The Stone Age.

Im November 2022 tauchten plötzlich in den ukrainischen Orten Irpin, Borodjanka und Hostomel nordwestlich von Kiew Werke von Banksy auf – allesamt Mahnmale gegen den Krieg: darunter ein übergroßer Phallus auf einem Raketenwerfer, eine Panzersperre als Kinderwippe und ein Kind im Judoanzug, das seinen scheinbar übermächtigen Gegner (der nicht zufällig stark an Judoka und Präsident Wladimir Putin erinnert) auf den Boden schleudert.

Wer ist Banksy?

So omnipräsent Banksy und so aufsehenerregend seine Werke auch sind: Wer Banksy ist, das ist nach wie vor ein Rätsel und gut gehütetes Geheimnis – nicht nur als Schutz vor eventuell strafrechtlicher Verfolgung (Banksy “beschädigt” immerhin öffentliches Eigentum), sondern auch als Statement. Selbst, als ihm die britische University for the Creative Arts eine Ehrenprofessur verlieh, blieb sein Stuhl leer.

Aber natürlich sind Geheimnisse auch ein gefundenes Fressen für Investigativ-Journalisten und andere neugierige Nasen: Erst dieses Frühjahr hat sich erneut ein Team der Nachrichtenagentur Reuters mit erheblichem Budget aufgemacht, um eine der offenbar dringlichsten Fragen nicht nur der Kunstwelt zu klären: Wer ist dieser Banksy?

Schon vor fast 20 Jahren kursierte aufgrund eines alten Strafzettels die Vermutung, bei dem populärsten Bildermacher der Gegenwart könnte es sich um einen aus Bristol stammenden Mann handeln, sein Name Robin Gunningham. Doch bestätigen konnte das bislang niemand mit Gewissheit. Bei den Graffitis in der Ukraine, so fanden die Reuters-Journalisten nun heraus, sollen gleich drei Männer, die über Polen eingereist waren, beteiligt gewesen sein: der Musiker Rober Del Naja von Massive Attack, ein gewisser Giles Duley und ein Mann, der sich nach dem bürgerlichen Allerweltsnamen von David Bowie nennt, nämlich David Jones. Letzter trägt zumindest dieselben Geburtsdaten wie Robin Gunningham.

Nach wie vor bestreitet Banksy über seine Mittelsmänner, dass es sich bei Robin Gunningham tatsächlich um ihn handele. Ebenso bestritten werden Beschreibungen von Augenzeugen seiner Guerilla-Aktionen: männlich, Anfang 50, robuster Körperbau. Wenngleich es für viele nicht befriedigend sein mag, den Künstler hinter dem Werk nicht mit absoluter Sicherheit zu kennen, steht doch die Frage im Raum: Was würde uns sein Gesicht, sein Name sagen?

Nichts. Zudem würde es das fantastische Spiel, das Banksy seit vielen Jahren kongenial inszeniert, verderben: Die Faszination seiner Werke lag ja nicht nur in den Motiven selbst, sondern auch im Überraschungseffekt. Darin, dass es einem – oder eben: mehreren? – Unbekannten immer wieder gelang, an ungeahnten Orten eine Bildbotschaft zu hinterlassen, die in vielen Fällen abgeklopft, weggekärchert oder auf andere Weise zerstört wurde – sowohl von der Exekutive als auch natürlich von seinen „Fans“. Aber auch wenn einzelne Werke verlustig gingen: Sie blieben auch aufgrund ihrer einzigartigen Entstehung dennoch im kollektiven Gedächtnis verwahrt – denn der öffentliche Raum ist für Banksy sein Atelier, die Viralität des Internets seine Galerie.

Denn wenngleich die Orte der Originale nicht beliebig erwählt sind und die Motive ihrer künstlerischen Simplizität zum Trotz mit einer einzigartigen Handschrift aufgeladen sind, geht es hier nicht um einzelne Kompositionen, sondern um ihre darüberhinausgehende Bedeutung. Demnach ist Banksy auch kein Künstler, der in Erscheinung treten muss und seine Kunst feilbieten: Der Name mag für einen Künstler stehen oder für ein Kollektiv, er steht aber auch für all diejenigen, die im Netz seine Motive verbreiten – denn nur so geht Kunst mit Message in der Digitalmoderne. Wer Banksy nun wirklich ist, das muss wahrlich nicht ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden; Der oder die Menschen hinter der Kunst sind lediglich ein banaler Faktor, der keine Relevanz hat – bei Banksy geht es nicht um irgendeinen Personenkult, sondern um etwas viel Größeres: um einen Spiegel für die Welt.

Banksy in Wien

Die “House Of Banksy”-Ausstellung, die ab Ende Oktober in der METAStadt zu sehen ist, zeigt nun mehr als 150 Reproduktionen aus seinem Gesamtwerk – von Graffitis über Skulpturen bis hin zu Installationen –, die zu großen Teilen im Original entweder bereits zerstört wurden oder sich im Privatbesitz befinden. Nicht wenige davon – etwa die aus der COVID-Zeit bekannten “Ratten” in der U-Bahn Londons – heben nicht nur das Kunstwerk selbst, sondern Banksys Anspruch entsprechend auch das kontextuelle Umfeld hervor.

So taucht man ein in eine Gedankenwelt, die über eine reines Kunsterlebnis hinausgeht: Bei der Ausstellung kann man Banksys Auseinandersetzung mit den verschiedenen Brennpunktthemen wie Krieg, Fremdenhass, Polizeigewalt, Menschen auf der Flucht, Kapitalismus, globale Erderwärmung, Gewalt an Frauen, CCTV oder auch der Corona-Pandemie in einem geballten Empfinden begegnen.

Eine Ausstellung wie diese ist ein Abbild der Gesellschaft – auch wenn sie vom Künstler aufgrund seiner gepflegten Anonymität nicht autorisiert ist: die Reproduktionen mögen nicht aus des Künstlers eigenen Hand stammen, aber ihre aussagekräftige Vehemenz ist davon unbetroffen. Wir erinnern uns: Es geht um einen Spiegel, der der Gesellschaft vorgehalten wird – und nicht um einen Personenkult.


Live-Termine


House Of Banksy

ab 23. Oktober 2026 | Wien, METAStadt
Mi, Do, So & Feiertags 10 bis 18 Uhr
Fr & Sa 10 bis 19 Uhr


Infos auf dem Stand vom 28.09.2026  

Tickets House Of Banksy
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren