Zudem bewies man erneut - was bei der obigen, selektiven Retrospektive ohnehin schon angedeutet wurde - ein außerordentliches Gespür für die Zusammenstellung des Programms - mit rotem Faden einerseits, aber auch Mut, hier und da das Erwartete zu dekonstruieren: Insbesondere die deutschen Nachbarn
Coogans Bluff stießen mit ihrer verqueren Blech-Sektion und mantrischen Wiederholungen, die hie und da von barschen Eruptionen unterbrochen wurden, aus dem Naheliegenden hervor. Und galt in der letzten Saison noch ein zaghafter Fokus der Schwermut, so öffnete man sich zum halben Jubiläum mit den Australiern
Filthy Lucre, den Griechen
Naxatras, den Niederländern
Gomer Pyle und den Amerikanern
The Flying Eyes dem beschwingt-leichtfüßigen Freigeist ("musikalischen Metaebenen", wie der Szeneexperte und A&R des heimischen Labels PANTA R&E, Prof. Dr. Jonathan Gabler gerade bei den Griechen zu hören vermeinte) und ließ selbige ihre Töne durch den Tag und die frühen Abendstunden schwirren, gleich den Motten, die nächtens den Lichtprojektorstrahl etwas aufgeregt kreuzten und sie für einen Moment zu
Lampyridae gereichen ließen. Am Lake on Fire ist es das stets Unerwartete, das ein nagendes Gefühl des Gewöhnlichen nicht einschleichen lässt, dabei aber in jedem Moment vertraut genug bleibt, auf dass man sich nicht unliebsam vor den Kopf gestoßen fühlt - ja selbst
Conan, die als kurzfristiger Ersatz für die verlustig gegangenen Lowrider einspringen durften, fügten sich aller Spontaneität zum Trotz mehr als nur gelungen ans erste Tagesende ein: Denn hier wird der Brückenschlag zwischen düsteren, drückenden und hypnotisch-erstarrten Tönen auf den Punkt getroffen, paaren sich abgespacte Klarklänge gekonnt mit zentnerschweren, monotonen Ungetümen.
Es ist gerade in der heutigen, wirtschaftsorientierten Zeit mehr als nur ein Geschick, sondern vielmehr ein hehres Ziel der Saitwärts-Kulturorganisation, dass man sich nicht Trendbewegungen anbiedert oder zwanghaft verstellt, um etwas zu lukrieren, sondern schlichtweg Freude am Lustgewinn hat und diese Momente gerne miteinander teilt - von daher vermag man kitschbefreit, aber doch entflammt und ergriffen eingestehen, dass ein Besuch dieses Festivals beinah dem Aufwachen neben einer geliebten Person gleichkommt, wissend, dass es heute Mußestunden werden und man diese - ganz gleich, ob es draußen stürmt oder strahlt - tunlichst gemeinsam im Bett verbringen wird, einer Bettstatt wie im Gedicht des mittelalterlichen Minnedichters Walter von der Vogelweide, wo „
under der linden“ zum vertrauten Beischlaf frohlockt wird. Lake on Fire, im
post scriptum gestehe ich dir – da du glänzt, in jedem einzelnen Mitarbeiter, Musiker und Besucher gleichermaßen – beschwingt von der Leber weg mit den Worten
Kurt Schwitters: "O du, Geliebte meiner siebenundzwang Sinne, ich liebe dir!"
PPs.: Zum nächsten Jahrestag wünsche ich mir
Demon Lung,
Weedpecker,
Bad Acid,
Lord Of The Grave,
King Buffalo,
Mountain Dust,
Psychedelic Witchcraft und
Gorilla Pump - ja, Schatz?
Bewertung des Lake on Fire:
Essen: 1
Sound: 1-2
Ambiente: 1+
Publikum: 1
Wetter: 2-3
Organisation: 1
Service (Einlass, Beschilderung, Beleuchtung, Informationen): 1
Preisgestaltung am Gelände: 1
Location: 1
Bandauswahl: 1