Bild: Markus C. Hurek / Kiepenheuer & Witsch
Von Alkohol bis Zigarre: Benjamin von Stuckrad-Barre porträtiert seinen Freund und Pop-Koryphäe Udo Lindenberg mit einem eigenen Alphabet, es heißt “Udo Fröhliche” und kommt nach Linz.
Fragt man nach den prägendsten Namen der deutschen Populärmusik, dann bekommt man - je nachdem, wen man fragt - unterschiedliche Antworten kredenzt: Schlagerfans nennen heute wohl Helene Fischer und Andrea Berg, Punk-Rabauken entweder Die Ärzte oder Die Toten Hosen, die ganz Hartgesottenen ziemlich sicher Rammstein, die Pumper vermutlich Scooter und die Feinspitze Kraftwerk. Ihnen allen gemein ist, dass sie das “Quartett der Großen”, die Gründerväter und absoluten Giganten des deutschsprachigen Songwritertums, zumindest in großen Auszügen kennen: Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen und natürlich Udo Lindenberg.
Udo Lindenberg, am 17. Mai 1946 geboren, entdeckte bereits in seiner Kindheit seine Liebe zum Rock'n'Roll, sein erstes Schlagzeug bastelte er sich aus Benzinfässern zusammen. Während seine ersten Gehversuche in der Welt der Musik noch keine kommerziellen Erfolge waren, trommelte er zumindest die Titelmusik der ARD-Fernsehserie “Tatort” ein. Sein drittes Soloalbum, “Alles klar auf der Andrea Doria”, brachte ihn Anfang der Siebziger jedoch den ersten Millionenvertrag eines deutschsprachigen Rockmusikers ein: Im Einerlei der deutschsprachigen Musik fand er nämlich irgendwo zwischen Krautrock und Schlager eine eigene Nische. Und: Lindenbergs schnoddrige Art, alltägliche Geschichten zu erzählen, war einfach ungewöhnlich.
Seitdem hat Udo Lindenberg - übrigens ein ehemaliger WG-Kollege von Spaßpirat Otto Waalkes - Geschichte geschrieben: Nicht nur, dass er zahlreiche Kunst- und Kultfiguren wie Rudi Ratlos, Bodo Ballermann und Elli Pyrelli erfand, auch schreibt man ihm zu, in seinen Liedtexten mit unikalem Wortwitz zeitgeistige Gesellschaftserscheinungen pointiert auf den Punkt zu bringen, wie kaum ein anderer: von Alkoholismus über Neonazis bis hin zur Atomkraft. Und das zu einer Musik, die stets zwischen Chanson und brachialem Rock changierte. Ende der Achtziger war Udo Lindenberg in Deutschland ein derartiger Gigant, dass er 1988 neben Michael Jackson und Pink Floyd (!) vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin auftrat.
In all den Jahren hat er mit zahlreichen anderen Größen zusammengearbeitet, von den Prinzen über Helge Schneider bis Nena, von Silbermond über Max Herre bis Jan Delay. 2011 feierte dann nicht nur sein eigenes Musical “Hinterm Horizont” im Berliner Theater am Potsdamer Platz Premiere, Udo Lindenberg gab - nach Grönemeyer, den Fantastischen Vier, den Ärzten und den Hosen, sowie Sportfreunde Stiller und Sido - zudem in der Lobby seiner “Wahlheimat”, dem Hamburger Hotel Atlantic, auch ein "MTV Unplugged"-Konzert. Etwa 300 Eintrittskarten dafür waren erhältlich und wurden von Udo Lindenbergs (damaligen) Leibwächter Eddy Kante persönlich im Hotel verkauft. Als Gäste traten unter anderem Clueso, Max Herre und Jan Delay auf.
“Unplugged”-Nachschlag gab es bereits 2018, da gab Lindenberg drei Konzerte: Begleitet wurde er diesmal nicht nur erneut von etwa Jan Delay, sondern auch Gentleman, und mehr als ungewöhnlich Schockrocker Alice Cooper und Rapper Marteria.
Zumindest den Rap hat Lindenberg ins neue Jahrzehnt mitgenommen: Nachdem er den Deutschrapper Apache 207 begeistert auf einem seiner Konzerte besucht hatte, nahmen sie zusammen das Lied “Komet” auf. Nach der Veröffentlichung im Januar 2023 erreichte Lindenberg als Leadsänger zum ersten Mal in seiner 54-jährigen Karriere die Spitze der deutschen Singlecharts. Funfact: Parallel dazu zog der Komet C/2022 E3 (ZTF) so nah an der Erde vorbei, wie seit den letzten 50.000 Jahren nicht mehr - bei Lindenberg kann anscheinend nicht einmal der Himmel stillstehen!
Nun feierte Udo Lindenberg vor wenigen Monaten seinen 80. Geburtstag, zu diesem Anlass machte ihm einer seiner größten Fans (und einer seiner besten Freunde) ein besonderes Geschenk: Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre ("Panikherz") stellt mit “Udo Fröhliche” ein “Lindenberg-Alphabet” vor, das sich von “Alkohol” über “Hut” bis “Zigarre” zieht. Ganz neu ist diese besondere Chronik allerdings nicht: Die biografischen Kurzgeschichten über einen Mann, der Deutschland nicht nur durch seine Musik, vor allem aber durch sein gnadenlos unprätentiöses Menschsein geprägt hat, erschienen ursprünglich bereits vor einem Jahrzehnt als reich bebildertes Magazin, das damals jedoch rasch vergriffen war. Nun hat Benjamin von Stuckrad-Barre zu Lindenbergs Geburtstag das Alphabet durchgesehen und überarbeitet, und erstmalig auch als Hörbuch eingesprochen - es ist im renommierten Kiepenheuer & Witsch-Verlag erschienen.
Natürlich ist das Buch kundig, witzig und scharfsinnig geraten, wenn Stuckrad-Barre das Leben des “Mannes mit Hut” durchmaßt, ein langes Leben voller Höhen und Tiefen: “Jahrelanges Extremtrinken hat bei Udo eine auch bei null Promille zu bestaunende habituelle Volltrunkenheit hinterlassen, er spricht und agiert seither einfach immer so, wie andere nur im Vollrausch; wenn jemand diesen Begriff für sich reklamieren kann, dann ist es Udo: naturstoned”, heißt es da etwa.
Dabei ist es beinah aufgelegt, dass Benjamin von Stuckrad-Barre Verfasser ist: Seit seiner Kindheit ist er bekennender Lindenberg-Fan, in seinem Bestseller “Panikherz” hat er ihn sogar als “großen Bruder” beschrieben, dessen Musik ihn nicht nur geprägt hat, sondern der ihm sogar in seiner eigenen schweren, durch Drogenmissbrauch befeuerten Lebenskrise beigestanden hat. Und: Udo Lindenberg hat ihm sogar den Spitznamen “Stuckiman” verpasst. Den hat er sich sogar als Künstlernamen in seinen Ausweis eintragen lassen …
Allerdings sollte man das Buch nicht nur selbst lesen: Denn Benjamin von Stuckrad-Barre begibt sich mit “Udo Fröhliche” auch auf eine große Tournee, die ihn Ende Jänner etwa ins Linzer Musiktheater am Volksgarten führt. Und wer je eine Stuckrad-Barre-Lesung besucht hat, weiß natürlich, dass an diesen Abenden ein Buch nicht bloß vorgelesen, sondern zelebriert wird: Er interpretiert seinen Text, er spielt, improvisiert, singt - und ja, manchmal liest er auch. Das dauert dann mindestens anderthalb Stunden und wird, wie das Buch selbst, nicht nur ein kluger, witziger und historischer Abend, sondern auch unglaublich anrührend.