Bild: Barracuda Music
Sinéad O’Connor und Enya haben den Boden bereitet – jetzt sprießen Künstlerinnen wie Allie Sherlock: Sie ist wie auch schon Ed Sheeran vor ihr von der 12-jährigen Straßenmusikerin zum Weltstar aufgestiegen, der sich aber die Unmittelbarkeit der Straße und das Erzählen von Geschichten beibehalten hat.
Wenn man dem grünen Fußabdruck zum Trotz hin und wieder mit dem Flugzeug reisen muss, ergeben sich beim Anflug auf die Flughäfen immer wieder malerische Bilder: Über Dubrovnik fliegt man für einige Zeit entlang der malerischen dalmatinischen Küste, vor dem Sinkflug auf Oslo sieht man Wälder, so weit das Auge reicht. Und bevor man in Dublin mit knapp 300 km/h wieder auf festem Boden aufsetzt, sieht man vor allem eins: Sattgrüne Wiesen, gesprenkelt mit weißen Pünktchen, den irischen Schafen, die sich am tiefen Grün laben.
In Irland wächst jedoch nicht nur viel grünes Gras nach, Irland ist auch das Land der geheimnisvollen Küstennebel, der märchenhaften Mythen und der emotionalen Balladen – wie kaum ein anderes Land der Welt steht Irland programmatisch für den Begriff der Folk Music, einer Musik, die aus ergreifender Direktheit, Intimität, tiefen Emotionen und immerwährender Kraft schöpft. Das Mystische ist tief verankert in der irischen Kultur, ebenso die Melancholie – und steht so im krassen Gegensatz zur lustigen, trinkanimierenden Pub-Musik wie der von den Pogues, für das Irland freilich auch bekannt ist: Trost, Zuflucht und Stärke kann der/die geneigte Hörer*in sowohl im kollektiven Taumel, wie auch der sphärischen Entrückung finden.
Ein Land wie Irland ist also nicht nur fruchtbarer Boden für Flora und Fauna, sondern auch musikalische Seelen: Wo einst Sinéad O’Connor ihre Stimme gegen das Schweigen erhob – darunter das Schweigen ob des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche – oder Enya eine Stimme in der Stille war, Musikerinnen wie Mary Black und Lisa Hannigan das emotionale Erbe des Landes in Klang gossen und in eine fast celestische Zwischenwelt entführten, wächst heute eine neue Generation junger Frauen heran, die zwar mit alter Schrummel-Gitarre, aber mit Handy-Mikrofon und Social-Media-Kanal die alte Tradition in die Gegenwart holen: Irlands Stimme verändert sich – verstummt aber nicht. Und vergisst, das Morgen vor Augen, das Gestern dennoch nicht.
Junge Musikerinnen wie Allie Sherlock knüpfen heute an die tiefverwurzelte Folk- und Songwriter-Tradition an – mit modernen Mitteln zwar, aber dem gleichen Gespür für Melancholie und Geschichten. Ihre Lieder klingen selbst auf YouTube oder in TikTok- und Instagram-Reels so, als würde man ihren Stimmen irgendwo im Nirgendwo, auf endlosen Wiesen lauschen: In ihnen schwingt etwas mit, das älter als das Internet ist – die Emotionen, die tief im Landesinneren verwurzelt sind.
Allie Sherlock begann mit Coverversionen auf der Dubliner Grafton Street und brachte der gehetzten Haupt-Einkaufsstraße nicht nur Intimität, sondern sorgte auch für viel satt sprießendes Grün aus der Betoninsel – vielmehr noch, wie wenn heute in Wien die Grünen vereinzelte Bäumchen auf den Asphalt setzen. Ein Video von ihr, in dem sie „Supermarket Flowers“ von Ed Sheeran vortrug, machte sie bereits 2017 im zarten Alter von nur 12 Jahren über Dublin hinaus weltberühmt. Und ja, auch Ed Sheeran trat im ebenfalls zarten Alter von 13 Jahren bereits in Fußgängerzonen auf, bevor er heute mit seinen immer noch intimen Liedern die größten Stadien der Welt bespielt und seine Lieder für jede*n einzelne*n Besucher*in so klingen, als würde er gerade nur für die eine Person allein spielen.
Für Ed Sheeran war die Straße ein Überlebenstraining, eine harte Schule für einen rothaarigen, „nicht besonders gutaussehenden Jungen“, der noch dazu über Gefühle schrieb, aber schon früh wusste, dass er kein stiller Außenseiter, ein Punching-Ball für Gleichaltrige bleiben wollte, sondern vielmehr eine Stimme und eine Kraft für Millionen.
Allie Sherlock jedoch spielte damals, 2017, nicht auf der Straße, weil sie berühmt werden wollte – sondern weil es ihr selbst seelisch gutgetan hat. Berühmt geworden ist sie trotzdem – indirekt eben durch Ed Sheeran: Da ist sogar Ryan Tedder, Sänger von OneRepublic (übrigens: am 11. November in der Wiener Stadthalle D), auf sie aufmerksam geworden und nahm sie unter seine Fittiche. Allie blieb der Straßenmusik dennoch treu und spielte trotz Weltbekanntheit nicht nur für die Queen zu ihrem 75-jährigen Thronjubiläum, sondern weiterhin in Dublin und sondern sogar in ihrer Heimat Cork am anderen Ende der Insel, gratis auf der Straße.
Warum? Weil die Unmittelbarkeit eines saloppen Straßenkonzert im Studio oder auf einer großen Bühne nicht reproduzierbar ist – und das wissen freilich auch jene, die es heute nicht mehr „nötig“ hätten, auf der Straße zu spielen: Darunter U2, die sowohl in New York als auch Berlin schon Spontankonzerte in U-Bahn-Stationen gaben.
Mittlerweile ist Allie Sherlock 20, spielt nicht mehr nur Coverversionen und veröffentlichte zuletzt ihre neueste, eigene Single „Damage Control“ – eine wunderschöne Ode über den sozialen Druck, denen sie und andere junge Frauen heute ausgesetzt sind.
All my life I’ve struggled with expressing myself, and I know I’m not alone in that. A lot of people can relate to what it feels like to force a smile, to be the life of the party even when you’re falling apart inside. That’s what my new song ‘Damage Control’ is about – trying to keep it together when you don’t feel like yourself.
Aber Allie Sherlock gelingt es nicht nur, wie auch Ed Sheeran bereits vor ihr, in ihren Liedern das auszudrücken, wofür viele ihrer Hörer*innen keine Worte finden und ihnen somit eine Stimme zu geben, sondern aber auch, die akustische Intimität der Straße in die Welt des Digitalen und der großen Bühne zu transportieren, ohne die Unmittelbarkeit von früher zu verlieren, sondern einfach nur neu zu kanalisieren.
Doch Allie Sherlock ist nicht die einzige Stimme, die die Seele Irlands und die Gefühle der ganzen Welt über den Globus trägt, sondern noch viele, viele weitere junge Musikerinnen, von denen auch viele auf der Straße begonnen haben, über Handyvideos viral gingen, sich ihre Intimität aber weiterhin bewahrt haben. Ein paar der besten jungen irischen Stimmen habe ich in einer Spotify-Playlist zusammengefasst:
Neben Allie Sherlock hören wir da etwa auch Lea Heart, die auch schon mit Künstler*innen wie Lewis Capaldi, Sigrid und Mimi Webb musiziert hat, oder auch Saibh Skelly – die bereits etwa mit ihrem Billie Eilish-Cover „When The Party’s Over“ begeistern konnte. Gemma Bradley ist nicht nur selbst eine fantastische Musikerin, sondern arbeitet auch für die BBC, immer auf der Suche nach neuen, fantastischen irischen Musikerinnen: Eine der fantastischen, neuen Namen ist auch Lucy Blue, die bereits 2020 mit ihren „Bedroom Demos“ (wir kennen das von Billie Eilish) für Aufmerksamkeit sorgte. Katie Phelan spielte ihre Musik, die wie gemütliche Flauschedecken klingen, bereits am Primavera Sound und gilt als eine der aufregendsten jungen Musikerinnen aus Irland, wie auch Aimée, die mit ihrer Musik die Neunziger – Christina Aguilera und Britney Spears – wiederbelebt, oder auch Roe Byrne, die sowohl Fans von Coldplay als auch Hozier unweigerlich ans Herz wachsen müsste. Viel Spaß beim Hören!