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Ist uns die Umwelt eigentlich egal?

03.03.2025 von Stefan Baumgartner

Wie so viele andere Großstädter*innen wohne auch ich in einem Mietshaus mit mehreren Parteien. Und wo unterschiedliche Charaktere dicht an dicht gezwungen werden, sind Dispute aufgrund divergierender Lebensansichten freilich vorprogrammiert: Das beginnt bei einer Lärmbelästigung, die die einen lockerer, die anderen wiederum enger sehen. Und das geht hin bis zur Mülltrennung: Ob fettige Pizzakartons und ganze Schachteln ins Altpapier gehören, ist da noch das geringste Problem, wenn einzelne Hausbewohner*innen sogar die vollen Windeln ihrer Kleinkinder in die grünen statt in die schwarzen Kübel stopfen. Ist es Wurschtigkeit, Faulheit, Dummheit? Vermutlich eine Mixtur aus allem.

Und ja, auch auf Festivals leben für wenige Tage plötzlich Menschen dicht an dicht, die - obwohl sie die Liebe zu gewissen Künstler*innen eint - unterschiedlicher nicht sein können: Die einen wünschen sich zumindest ein Mindestmaß an Nachtruhe, während die anderen 24/7 Ballermann dröhnen lassen. Die einen entsorgen den Müll, der anfällt, fachgerecht, während die anderen das Festivalende zelebrieren, indem sie vor der Abreise - überspitzt formuliert - noch die Zelt-Reste in Brand stecken.

Nachhaltigkeit ist Festivalgästen ... egal?

Vergangenen Sommer ist eine Studie erschienen, die mich dann doch verwundert hat: Eigentlich ging ich davon aus, dass spätestens die Gen Z, zumindest aber die Generation Alpha ein hohes Umweltbewusstsein verinnerlicht hat - und aus den beiden Generationen kommt das Gros unserer Festivalbesucher*innen, das Lovely Days vielleicht einmal außen vor gelassen. Doch eine großangelegte Studie der IST-Hochschule für Management spricht andere Töne: Sie zeigt drastisch, dass die Mehrheit der Festivalbesucher*innen dem Thema “Nachhaltigkeit” - zumindest während der Festivals - kaum Beachtung schenkt. Eigentlich ein großer Widerspruch zu globalen Umweltbewegungen und wachsendem Bewusstsein für Klimaschutz.

3.500 Festivalfans sind für diese Studie befragt worden, nur 9,6 Prozent gaben an, dass ihnen Nachhaltigkeit auf Festivals wichtig sei. Dabei zog sich diese Gleichgültigkeit gleich nicht nur durch alle Geschlechter und sozialen Schichten, sondern auch durch alle Altersgruppen: „Die Studie hat weitreichende Konsequenzen für die Festivalindustrie“, sagt der studienverantwortliche Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer und verweist hierbei auf die Verantwortung von Veranstaltern, Sponsoren und Politik. „Festivals dienen dem Eskapismus, also der Alltagsflucht. Und sie führen als liminale Räume, in denen alltägliche Normen und Verantwortungen aufgehoben sind, oft dazu, dass Nachhaltigkeitsthemen als störend empfunden werden“, erklärt Bauer. „Oder weniger akademisch gesagt: Die Leute wollen einfach eskalieren und dabei Alltagssorgen wie den Klimawandel einfach mal hinter sich lassen.“ Doch das hat weitreichende Konsequenzen: „Denn wenn Nachhaltigkeit den Fans nicht so wichtig ist, sind die Veranstalter umso mehr gefragt“, so Bauer. Und viele Veranstalter fühlen sich auch tatsächlich in der Pflicht, auch bei den größten Festivals in Österreich, dem Nova Rock, dem FM4 Frequency und dem LIDO SOUNDS versucht man, “so grün als möglich” zu agieren: das beginnt bereits bei der öffentlich empfohlenen Anreise, das geht über in ein ressourcenschonendes Arbeiten bis hin zum Müllpfand.

Geld für Müll

Erst zu Jahresanfang hat das Landesgericht Eisenstadt nach einer Klage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) entschieden, dass der Müllpfand, der beim Nova Rock Festival in Nickelsdorf 2024 verrechnet worden ist, unzulässig war - das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Was war passiert? Verrechnet wurden den Besucher*innen vor Ort 20 Euro, die Hälfte davon bekam man zurück, wenn man nach dem Festival einen “mindestens halbvollen Müllsack” zu den Abgabestellen zurückbrachte. Die andere Hälfte wurde wohl u. a. dafür verwendet, etwaige Kosten für den Schutz der Umwelt abzufedern. Insbesondere zwei Faktoren waren für das Urteil entscheidend: Zum einen die Ungleichbehandlung von Festivalbesucher*innen, zum anderen die “schwammige Definition” über einen “halbvollen Müllsack”.

Auch hier hakt sich Prof. Dr. Johannes Matthias Bauer wieder ein: „Das Urteil macht deutlich, dass Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit klar und nachvollziehbar formuliert sein müssen. Es reicht nicht aus, lediglich Pfandsysteme einzuführen – die Regeln müssen eindeutig und fair sein, um Verhaltensänderungen zu bewirken.“ Was braucht es also? "Innovative, alternative Strategien", sagt Bauer wieder: „Ein zentrales Ergebnis unserer Studie war, dass das Müllpfand oft mit unerwünschten Nebeneffekten verbunden ist. Einige Festivals berichteten uns, dass manche Gäste absichtlich mehr Müll produzierten. Sie profitierten dadurch von den Rückerstattungen, wie beispielsweise Getränkemarken. Diese Verhaltensweisen zeigen, dass unklare und willkürlich umsetzbare Regelungen zu Fehlanreizen führen können.

Nachhaltigkeit auf Festivals erfordert weit mehr als nur Regelungen, Veranstaltende müssen Anreize schaffen, die nachhaltig wirken, die rechtssicher sind - und nicht als Störfaktor in der Auszeit eines Festivals wahrgenommen werden: Ähnlich wie die kleinen Plastiktore mit Bällchen am Pissoir Männer dazu bewegen, ins Pissoir und nicht auf den Boden davor zu pinkeln.

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