Bild: Lighthouse Film
Ein Blick zurück: 2018 kam die finnische Komödie „Heavy Trip“ ins Kino. Hier ging es um eine Dorfband, die „Symphonic-Post-Apocalyptic-Reindeer-Grinding-Christ-Abusing-Extreme-War-Pagan-Fennoscandian-Metal“ spielt. Sie nennt sich Impaled Rektum und will beim fiktiven norwegischen Festival Northern Damnation auftreten. Der Weg dorthin ist ein chaotischer Roadtrip mit allerlei absurden Situationen und einigen Malheurs, die sogar die Polizei auf den Plan rufen. Kurz vor ihrer Verhaftung kann Impaled Rektum noch ihren großen Auftritt über die Bühne bringen.
Sechs Jahre später: In der Fortsetzung, die konsequent mit „Heavier Trip“ benannt ist, brechen die Bandmitglieder aus dem Gefängnis aus, um den Familienbetrieb ihres Gitarristen, der kurz vor dem finanziellen Ruin steht, zu retten. Um das nötige Geld aufzubringen, will man diesmal gleich auf Wacken, dem weltgrößten Heavy-Metal-Festival, spielen. Dabei ist Sänger Xytrax anfangs noch dagegen: „Wacken is an overcommercial festival for wannabe metalheads.“
So sehr sich Heavy-Metal-Fans, die etwas auf sich halten, wie schon gegen „Heavy Trip“ nun auch gegen „Heavier Trip“ sperren werden (ich denke da auch an das Szene-Feedback etwa zu „Deathgasm“, „Happy Metal – All We Need Is Love“ und „Metal Lords“): Inmitten all der halblustigen Klischees und der stellenweisen überkitschigen, reduzierten Darstellung eines Musikgenres ist die Frage nach der Wertigkeit von Wacken zumindest keine blöde.
Das Wacken Open Air wurde erstmals 1990 abgehalten, es findet seitdem traditionell jährlich am ersten Augustwochenende in der Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein (Norddeutschland) statt. Wacken, das ist ein beschauliches Kaff mit grob 2.000 Einwohnern – während des Festivalwochenendes steigt die örtliche Kopfanzahl jedoch auf fast 90.000. Das ist dann in etwa so, wie wenn das Nova Rock Festival plötzlich auf den Hauptplatz im niederösterreichischen Ebergassing verlegt werden würde.
Die Idee zu Wacken entstand 1989 – im Jahr, als Sepultura „Beneath the Remains“, Sodom „Agent Orange“, Kreator „Extreme Aggression“ und Annihilator „Alice in Hell” veröffentlichten, Carcass ihre Kakophonie „Symphonies of Sickness“, Bolt Thrower „Realm of Chaos“, Autopsy „Severed Survival“ und Obituary „Slowly We Rot“. Inmitten dieser heute zurecht als Kultklassiker gefeierten Alben trafen sich die beiden Freunde Thomas Jensen und Holger Hübner eines Abends auf ein paar Bier – und jeder von uns weiß, dass nach 12 oder 14 Hopfenkaltschalten immer die besten Ideen geboren werden. Tatsächlich fand bereits ein Jahr später das erste Wacken vor gleich 800 Besuchern statt – schon damals mit dabei: Das bis heute eingesetzte ikonische Schädel-Logo, das auf die Kuhwiese als Veranstaltungsort sowie auf Jensen und Hübner als „Jungs vom Land“ verweist.
Bereits zwei Jahre später konnten mit Blind Guardian und Saxon zwei international renommierte Bands gewonnen werden – und der Siegeszug von Wacken war (trotz einiger Hürden unterwegs) nicht mehr aufzuhalten, insbesondere, weil Wacken oft auch auf besondere Bandkonstellationen, exotische Beiträge und Wiedervereinigungen setzte – ich denke da etwa an die Avantasia’s Metal Operas, Fates Warning, DarkThrone/Satyricon, Doch Chkae und Trainwreck. Aber auch, dass Giganten wie Slayer und Motörhead Dauergast auf Wacken waren, hat seinen Ruf über die Jahre freilich gefestigt.
Heute nimmt Wacken, das als kleines Liebhaberprojekt begann, einen der Höhepunkte des Jahres innerhalb der Metalszene ein: Die deutlich über 80.000 Besucher*innen kommen – wie auch die Bands – zu großen Teilen sogar aus dem fernen Ausland, alljährlich ist das Festival mittlerweile innerhalb weniger Stunden ausverkauft.
Aber: Ist es auch ein Ausverkauf?
Gegen viele der Bands, die bisher auf Wacken gespielt haben, kann selbst der engstirnigste Metaller wenig sagen. Natürlich ist ein Festival dieser Größenordnung auf Breitenwirksamkeit ausgerichtet, sodass im Gegensatz zu kleineren Festivals wie etwa dem Party San oder dem Brutal Assault die komplette Bandbreite (und nicht nur ein reduzierter Ausschnitt) des Heavy Metals abgedeckt werden muss – und so spielen 2025 etwa Apocalyptica, Clawfinger, Dimmu Borgir, Grave Digger, Machine Head, Mimi Barks, Obituary, Saxon und Within Temptation in einer erstaunlichen Harmonie nebeneinander (beziehungsweise: nacheinander).
Bei der einen Band gibt es dann also schwülstige Keyboards und operettenhaften Ariengesang von Damen in eng geschnürten Korsetten, bei der anderen Band Met-geschwängertes Gegröle aus den benetzen Kehlen bärtiger Trolle, während bei wiederum einer anderen Band ein schwarz-weiß bemalter Teufel (freilich der Deibel höchstpersönlich!) in Flammen steht und sein Zetermordio in die Menge keift.
Vor der Bühne finden wir folgerichtig ein Publikum, das ebenso bunt wie das Treiben auf der Bühne ist: Das ist auch das Schöne an der Metal-Szene, dass im Gegensatz zu vielen anderen Musik-Soziotopen hier wirklich jede*r willkommen ist, solang er sich nicht wie ein Arschloch aufführt. Für wenige Tage ist es dann ganz egal, ob dein Nachbar Deutscher, Franzose, Türke oder gar Japaner ist, ob er im täglichen Leben biederer Staatsbediensteter, Außenpolitik-Kapazunder bei einer der größten europäischen Tageszeitungen oder bei der Müllabfuhr ist. Und ja, da stehen dann plötzlich auch Menschen, die mit Metallica bereits zu „Master of Puppets“-Zeiten aufgewachsen sind in Harmonie neben jenen, die erst zu „Death Magnetic“ dazugestoßen sind. Hauptsache das Bier ist kalt.
Wacken ist über die Jahre aber nicht nur ein bedeutendes Aushängeschild für die unglaubliche Breite der Metal-Kultur geblieben, die Kommerzialisierung durch die Vermarktung und den Ansturm von Sponsoren hat aber auch spätestens seit 2014 für einen deutlichen Verlust an Authentizität gesorgt: Für Puristen ist das Festival heute eher ein Event für „Partytouristen“, ein „Kindergeburtstag“ für all jene, die ihre Kraut-und-Rüben-Metal-Sozialisation im aktuellen EMP-Katalog vollziehen und einer Mutprobe gleich einmal ein Wochenende „in der Wildnis“ begehen wollen. Die umfassende Markenstrategie, die vom klischeetriefenden Merchandise bis hin zu Kreuzfahrten reicht, hat bei vielen traditionellen Fans für Unmut gesorgt, der Festivalcharakter wird zunehmend als austauschbare Massenware wahrgenommen. Auch die Fokussierung auf „sichere Headliner“ wird als kreativer Stillstand kritisiert: Der Spirit der frühen Jahre, experimentellere oder unbekannte Acts einzuladen, scheint verloren – zumal sich im Line-up auch immer wieder szenefremde Künstler wie etwa der Comedian Bülent Ceylan finden, die es freilich zum Ziel haben, neue Besucher*innen zu gewinnen. Das wird sich in den nächsten Jahren wohl noch potenzieren, denn:
Der aktuelle Haupteigentümer von Wacken ist seit Juni 2024 die US-Investmentfirma KKR (Kohlberg Kravis Roberts & Co.). Diese übernahm die Mehrheit der Anteile am Festival, nachdem Superstruct Entertainment, eine britische Eventholding, die zuvor unter Beteiligung von CTS Eventim agierte, ihre Anteile verkauft hatte. Die Übernahme durch KKR sorgt für erhebliche Diskussionen in der Metal-Community. Kritisiert wird vor allem die erwartete noch stärkere Fokussierung auf Gewinnmaximierung, die bei Investoren naturgemäß häufig im Vordergrund steht. Viele Fans befürchten, dass diese Entwicklung langfristig die ursprüngliche (und seit Jahren ohnehin schon aufgeweichte) Festivalatmosphäre beeinträchtigen könnte: Vom einstigen DIY-Projekt von Metal-Fans für Metal-Fans ist ohnehin nur noch wenig geblieben.
1,3 Milliarden Euro dürften Thomas Jensen und Holger Hübner für ein Gros ihrer Anteile bekommen haben – und KKR ist branchenintern bekannt als „Heuschrecke“ mit kurzfristigen oder überzogenen Renditeerwartungen. Wacken, als Marke, ist eigentlich organisch gewachsen: Über viele Jahre hinweg hat man ein richtiges Gespür dafür gezeigt, was immer da sein muss und was neu hinzukommen muss. Gerade das Beständige, das hat Wacken über viele Jahrzehnte ausgemacht. Inwieweit dieser authentische Geist nun aus ökonomischen Gründen aufgebrochen wird, das werden wir noch sehen – und wie lang die eingeschworene, jahrzehntealte Wacken-Gemeinschaft noch dabeibleibt. Oder ob die ökonomische Gier dieses soziale Phänomen auffrisst.
Ich würde Wacken gerne mit einem Menschen vergleichen, weil Musik und gerade der Heavy Metal etwas Ur-Menschliches, zutiefst Organisches ist: Auch der Mensch wird winzig geboren, wird dann von klein zu groß. Aber irgendwann hört sein Wachstum auf, wird der Mensch nicht mehr größer – und es erwartet auch keiner von ihm. Niemand wird einem erwachsenen Mann auf der Straße gegenübertreten, mit dem Finger auf ihn zeigen und auslachen: „Du bist ja nur 1 Meter 85! Du Versager!“ Tatsächlich wäre es auch ziemlich blöd, wenn wir stets weiterwachsen würden – Jungeltern wissen nur zu gut, was für Unsummen es verschlingt, wenn sie ihren Sprösslingen gefühlt jede zweite Woche neue Schuhe, neue Hosen, neue T-Shirts kaufen müssen, und auch das Bett peu à peu mitwachsen muss. Und jedem ist bekannt, dass übergroße Menschen häufig unter Gelenk- und Rückenbeschwerden klagen.
Wacken, das ist keine Maschine, die immer schneller performen muss, am besten an 365 Tagen im Jahr 24/7 Rendite ausspuckt – aber erklär das einmal einer gierigen Finanz-Heinis, deren Urinstinkt es ist, eine gute Idee wie eine Zitrone auszupressen, um sie anschließend auf den Müll zu werfen. Vielleicht wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, dass Thomas Jensen und Holger Hübner ihr Festival „gesundschrumpfen“, ihr Erbe mit Würde in die Nachwelt tragen. Eigentlich ist euer Publikum ja schon zufrieden, wenn das Bier kalt und die Musik laut ist. Und ihr, wenn ihr ehrlich seid, doch auch?