Bild: EON Productions, 1962-2023 Danjaq. LLC & Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.
Während in Sölden bereits seit 2018 eine James-Bond-Ausstellung stationiert ist, zieht ab 007. September mit 007 ACTION VIENNA nun auch in Wien eine actiongeladene Zeitreise durch das Franchise ein.
James Bond, den fiktiven Agenten des britischen Geheimdiensts MI6, vorzustellen, hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Oder besser gesagt, „Pferde nach Wien“, hat Wien immerhin nicht nur eine lange Tradition mit Lipizzanern, sondern tatsächlich auch mit dem Agenten mit der „Lizenz zum Töten“ vorzuweisen: In den beiden Romanen „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und „Liebesgrüße aus Moskau“ von Ian Flemming reist Bond auf dem Weg nach Jamaika beziehungsweise Istanbul jeweils durch Wien; in zweitem hebt er sogar die Schönheit und Geschichte Wiens hervor. Und 1987 stand Timothy Dalton, in meinen Augen ein stark unterschätzter Mime, sogar in Wien vor der Kamera. Gedreht wurde im Wiener Prater, bei der Volksoper und beim Gasometer. Dass auch andere Orte in Österreich – der Kärntner Weißensee, die Seebühne in Bregenz („Ein Quantum Trost“), Sölden und Altaussee („Spectre“) – Drehorte für James-Bond-Filme waren: geschenkt. Auch in weiteren Filmen finden sich Szenen wieder, die in den österreichischen Alpen gedreht wurden, ohne direkt in den Filmen als solche erwähnt zu werden. Und doch heben wir bewusst Wien, unsere Hauptstadt, hervor, und lassen ohne Geringschätzung das umliegende „Land der Berge“ einmal bewusst bei Seite, denn während bereits seit 2018 in Sölden (da sind wir wieder!) auf dem Gipfel des Gaislachkogls mit 007 Elements ein interaktives Museum zur Franchise zu finden ist, zieht ab 007. September nun in der Wiener METAStadt nach Stationen im französischen Beaulieu, London, Los Angeles, New York, Brüssel und Prag die offizielle, von der Bond-Filmproduktionsgesellschaft Eon Productions verantwortete 007 ACTION-Ausstellung ein.
Der Schwerpunkt – zu finden auf dem Areal, in dem bereits etwa die Harry-Potter- und bis vor kurzem die Formel-1-Ausstellung gastierten – liegt auf den Fahrzeugen, die 007 in seinem Kampf gegen all die Übeltäter von Ernst Stavro Blofeld, dem Kopf der kriminellen Organisation SPECTRE und in „Spectre“ und „Keine Zeit zu sterben“ impersoniert vom Wiener Christoph Waltz, über Le Chiffre, Francisco Scaramanga und Raoul Silva bis hin zu Elektra King begleitet haben – und nicht selten dabei mehr oder weniger arg in Mitleidenschaft gezogen wurden: Autos, Motorräder, U-Boote, Flugzeuge und Helikopter. Auf knapp 3.500 Quadratmetern tauchen wir (nicht chronologisch gereiht) mit über 50 Originalen (nicht Nachbauten!) und 30 Miniaturen ein in die Franchise von Sean Connery bis Daniel Craig, aufgeteilt in die vier Zonen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Jeder Raum bietet ein immersives Erlebnis, das legendären Filmszenen gewidmet ist: Nicht fehlen dürfen dabei auch Blicke hinter die Kulissen, zahlreiche Kostüme von Bond, seinen Gespielinnen und Antagonisten und die Gadgets, die von Q entwickelt wurden – darunter sämtliche (!) Uhren, die Bond über 25 Filme hinweg getragen hat. Ein gleich multisensorisches Erlebnis bieten zudem Soundeffekte und die Filmmusik von John Barry (der die berühmte Titelmusik geschrieben hat) über Tom Jones und Tina Turner bis hin zu Billie Eilish – und auch eine Bar, die inmitten der Ausstellung platziert ist und dazu einlädt, wie auch James Bond zwischendurch einmal einen Wodka-Martini (geschüttelt, nicht gerührt) zu schmecken.
So pophistorisch relevant die James-Bond-Franchise, so beeindruckend und spektakulär die Filme auch waren: Wenngleich sein Charakter und sein Umgang stellenweise in den letzten Jahren entschärft und einem moderneren Zeitgeist angenähert wurde, darf man sich heute freilich fragen, ob es denn Not tut, einem sexistischen Schwerstalkoholiker – einem „Dinosaurier“, wie Judi Bench es als M in „GoldenEye“ pointiert formulierte – eine dermaßen große Bühne zu bieten. Wir denken: ja. Und erklären auch, warum.
Seit nunmehr 62 Jahren ist der britische Geheimagent mit der Lizenz zum Töten Teil des popkulturellen Weltkulturerbes. Doch seit einigen Jahren steht die einst so beliebte Figur am gesellschaftlichen Pranger, selbst direkt auf der Leinwand wurde Bond schon von seiner Chefin als „sexistischer Dinosaurier“ heruntergeputzt. Und dennoch brauchen wir genau solche Typen auf der Leinwand!
Als Ian Fleming, selbst noch von den Kriegswirren geprägt, in den 1950er Jahren nach dem Vorbild einiger tatsächlicher Agenten seinen prototypischen harten Kerl schuf, musste ausgerechnet der sanfte Vogelkundler James Bond als Inspiration für den Namen herhalten. Und wiewohl die von Fleming verfassten Romane durchaus populär waren, begann der Bond-Hype erst viel später mit der ersten offiziellen Verfilmung „007 jagt Dr. No“ 1962. In der Hauptrolle ein bis dahin eher unbekannter, aber sehr maskuliner und fescher Kampl namens Sean Connery. Das damals etablierte Strickmuster aus High Society, technischen Gimmicks, ikonischem Bösewicht und natürlich jeder Menge wunderschönen Gespielinnen und rauen Mengen Alkohol blieb seither im längstlaufenden Film-Franchise der Kinogeschichte unverändert.
Und das aus gutem Grund. Obwohl im Lauf der Jahre sechs verschiedene Schauspieler in die Rolle des MI6-Agenten schlüpften, blieb der Grund für den Erfolg der Filme gleich: Frauen wollten vom kultivierten, charmanten, aber auch testosterongesteuerten Raubein begehrt und umgarnt werden, Männer wollten wie er sein, dazu seine Uhren und Autos besitzen. Und am Ende triumphierend die Welt vor einem Irren gerettet haben. Natürlich in einem halbwegs plausiblen, aber in der Praxis völlig an den Haaren herbeigezogenen Szenario. Das Zauberwort heißt Eskapismus. Erdacht in der Zeit des kalten Krieges, dienten die Agentengeschichten mit der schlussendlichen Weltrettung als willkommene Flucht vor der tristen Realität. Die wenigsten Menschen kommen in die privilegierte Lage, am helllichten Tag im Smoking Martinis zu schlürfen, in den schönsten Locations der Welt Steuergeld zu verprassen, Modelmaterial nach Lust und Laune abzuschleppen und zwischendurch auch einmal völlig ohne Konsequenzen Menschen zu töten. Aber ihm gönnen es alle, denn er tut es ja a) im Auftrag Ihrer Majestät und b) um die Welt zu retten, falls das noch nicht erwähnt wurde. Simple Filmzutaten, von echten Kapazundern am Regiesessel und einer schier unüberschaubaren Schar an A-List-Schauspielern in Szene gesetzt.
Während im Lauf der Jahrzehnte der einst grobe Agent immer mehr zu einer selbstironischen Gaudiversion mit flapsigen Sprüchen und begleitet von immer absurderen Gimmicks erodierte, fand mit der Bestellung von Daniel Craig als Bond für den 2006er Film „Casino Royale“ die Klamauk-Phase ein jähes Ende. Schroff, hart, und mehr denn je ganz offensichtlich von Alkoholsucht und Beziehungsunfähigkeit gebeutelt, zeichnete man erstmals wieder einen realistisch anmutenden Topagenten. Da gibt es halt wenig zu lachen. Wiewohl diese, der originalen Romanfigur deutlich nähere, Interpretation von Fans und Kritikern ausgesprochen positiv aufgenommen wurde als, sagen wir, Roger Moore in Clownschminke, schlich sich unbemerkt ein anderes Gift in den sonst so unverwundbaren Bond-Kreislauf: Wokeismus. Unbemerkt von den Produzenten, die in der Ära mit Pierce Brosnan den superfeschen, auch kräftig zulangenden Bond durch immer absurdere Inszenierungen (unsichtbare Autos, anyone?) immer mehr ins Lächerliche zogen, wandelte sich die Gesellschaft. Und zwar deutlich. Ohnehin von Anfang überhöhte, fiktive Rollen und Eigenschaften wurden plötzlich ernsthaft analysiert, ganz besonders Bonds misogynes Verhalten.
Ein Staatsdiener, der im Auftrag einer höchst intransparenten Behörde um die Welt jettet, Leuten aufs Maul gibt, Eigentum ihrer Majestät zu Schrott fährt, dabei ständig einen in der Kanzel hat und Frauen völlig ohne vorherige Einholung des Einverständnisses anfasst – unerhört! Dieser grobe Klotz, so ereiferten sich viele, ist ein unmögliches Vorbild, ein Schlag ins Gesicht für die moderne Gesellschaft, nicht tragbar.
Jo eh! Aber es kann nur ein kompromissloser, Regeln biegender und brechender Einzelgänger ohne Gewissen und Reue einem Gegenspieler Paroli bieten, der sich ebenfalls nicht an gesellschaftliche Konventionen hält. Einer, der aus beruflichen Gründen Wachposten erwürgt, ist halt keiner, der erst beim dritten Date verschämt mit dem Fuß scharrt und schüchtern um ein Busserl bittet. Bond ist nun mal, alle angelernten Jet-Set-Manierismen beiseitegelassen, ein primitiver Alpha-Macho. Primitiv, aber in sich konsistent. Wäre er jemand, der ohne mit der Wimper zu zucken einem Bösewicht die Rübe wegpustet und im Anschluss mit seiner Liebschaft zum Häkelkurs geht, wäre er nicht normal. Sondern ein Psychopath ersten Ranges wie Serienkiller Ted Bundy – und somit für heikle Einsätze völlig ungeeignet. Tatsache ist: jemand, der auf fast täglicher Basis sein Leben riskiert, andere ausknipst und generell dauernd in einer Zone der Grenzüberschreitung agiert, bekommt irgendwann einen Dachschaden. Substanzabhängigkeit und schwindende Empathie gehören zu einer traumatischen Verrohung nun mal dazu. Das wollen aber viele aus ihrem Safe Space im Elfenbeinturm nicht wahrhaben.
Auf der einen Seite will der erwachsene Kinogeher von heute also einen Leinwandhelden, der echt und glaubwürdig agiert, aber das nur in einem gesellschaftlich akzeptablen Rahmen – ohne jemanden zu beleidigen. Sorry, aber das geht sich nicht aus. Bond-Filme sind weder Arte-Dokumentationen noch Fan-Fiction, sondern ein über Jahrzehnte etabliertes, fantastisches Kinospektakel, das schon aufgrund von komplexen rechtlichen und geschäftlichen Verflechtungen in einem sehr starren Rahmen gefangen ist. Wer heute ins Kino geht oder Netflix anwirft, weiß schon beim ersten Ton der legendärem Titelmusik von John Barry, was auf ihn/sie zukommt. Ganz ehrlich: schon in den ersten Momenten jedes Films blickt man durch den gezogenen Lauf einer Waffe, nur um wenig später eine Kugel von Bond einzufangen und taumelnd zu verbluten. Was erwarten sich die Zuseher dann? Rosenkavalier Ryan Reynolds? Selbst im Kontext der Filme und Romanvorlagen endeten wagemutige Versuche, ihm ein wenig Menschlichkeit oder gar Verletzlichkeit einzuhauchen, für den armen James immer in einem persönlichen Fiasko. Warum also versuchen, das schottische PTSD-Waisenkind passend zur Woke-Agenda weichzuspülen? Bond ist, was er sein muss: eine tragische Heldenfigur, der pflichtbewusst Leib und Seele hingibt, um die Menschheit zu retten. Fast ein bisschen so wie Jesus.
Die Ausstellung „007 ACTION Vienna” gastiert ab 7. September in der METAStadt. Tickets gibt es bei oeticket.