Man kennt einige Begriffe der Erdgeschichte ja - auch wenn man sie selten auf Anhieb richtig schreibt. Im Mesoproterozoikum tauchen zum ersten Mal in der Erdgeschichte Eukaryoten, Lebewesen die Zellkerne aufweisen, auf; zum Ende der Ära gibt es erstmals eine geschlechtliche Fortpflanzung. Im Paläozoikum beschränkte sich das Leben noch auf die Ozeane. Bald gab es aber die ersten Amphibien, später sogar schon Reptilien und Insekten. Im Mesozoikum lebten die Dinosaurier, der älteste Mensch wird auf das Pleistozän zurückdatiert. Tja, und heute, da leben wir im Anthropozän, einem Zeitabschnitt, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist - und das nur selten im positiven Sinne. Dies ist das Kernthema des neuen Longplayers des Quintetts Japanische Kampfhörspiele aus dem Ruhrgebiet. Erst kürzlich durften wir mit "Weiß"
den ersten Eindruck des neuen Albums "The Golden Anthropocene" präsentieren, nun unterhielten wir uns mit Schlagzeuger, Texter, Grafiker, Bandgründer und -kopf Christof Kather über das Pro und das Contra des Menschen.
First things first: Die kleinkindliche "Warum-Phase" ist zwar anstrengend, aber wichtig. Von daher: Warum wurde erstmals in der Geschichte ein Album der Japanischen Kampfhörspiele auf Englisch benamst?
Es gibt Titel, die klingen auf Englisch einfach besser. "The Golden Anthropocene" ist so einer. Vielleicht, weil man Atombombentests und Plastik und Wegwerfkultur, also alles, worüber das Anthropozän definiert wird, zunächst einmal mit Amerika verbindet.
Siehst du einen Grund dafür, dass sich Amerika bei einem Gros der neuzeitlichen Idiotie als Gründungsvater und/oder Marktführer etabliert hat?
Wieso Idiotie? Das Wort "Golden" ist ganz und gar nicht ironisch gemeint! Wie sonst sollte man die kulturellen Errungenschaften verteidigen und zementieren, wenn nicht durch die totale Unbelebbarmachung des Planeten? Daran helfen wir hier ja nun alle mit. Und es geht uns sehr gut dabei. Paradiesisch gut. Wenn du mich fragst, kann man den Neid und den Hass und den Terror in der Welt nur bekämpfen, indem man die Natur nachhaltig zu Grunde richtet, so dass am Ende nur noch unsere maschinellen Nachfahren, denen Umweltgifte und Strahlung egal sind, weiter existieren können.
Bis einer heult - aber dann will es keiner gewesen sein: Ist das jetzt eine extreme fatalistische Weltsicht oder verbitterter Zynismus von dir?
Es ist gezuckerter Determinismus, glaube ich. Seit es Menschen gibt beziehungsweise seit die das mit dem Feuermachen raus bekommen haben, geht es doch nur um eins: Die Natur zu bekämpfen. Dass man im Silicon Valley nun daran schraubt, auch die menschliche Natur auszuschalten, ist nur konsequent. Heulen tun eine ganze Menge Leute. Komischerweise auch bei uns. Wenn du mich fragst, sind das aber bloß naive Spinner oder romantische Nazis.
Wenn man will, kann man die Japanischen Kampfhörspiele ja durchaus frech als "Konzeptband" titulieren, da geht es immer um das eine: den wohlstandsverwahrlosten Mensch, der sich mit Pauken und Trompeten zugrunde richtet. Irgendwie scheint die moderne Tischgesellschaft wie in Petronius' "Gastmahl des Trimalchio" zu sein: sie ist mit Pomp und Tollerei gesegnet, sie ist dekadent und eine Inszenierung, dabei aber inhaltsleer und selbstbezüglich. Irgendwie klingt das wie ein Jetset ins eigene Begräbnis.
Japanische Kampfhörspiele spiegeln ganz einfach die Realität. Die Realität, der niemand entrinnen kann, weil das ja auch keiner wirklich will - also jedenfalls nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Linksradikale halten uns für rechtsintellektuell, Rechtsintellektuelle für linksradikal. Tatsächlich sind wir aber weder radikal noch intellektuell. Und rechts oder links schon mal gar nicht. Ok, manchmal tun wir so, spielen mit der Beschränktheit der unterschiedlichen Fraktionen, die da allen Ernstes an Gut und Böse und Schwarz und Weiß glauben. "Es gibt kein Richtig und kein Wrong, jeder nach seiner Façon", das ist eine Weisheit, die Friedrich der Große mal so ähnlich geäußert hat, nachdem er begriffen hatte, dass Niccolò Machiavelli kein Teufel gewesen ist, sondern einfach nur Realist. Friedrich war ja eher so ein Machiavelli-Hater, bevor ihm klar wurde, dass man sich die Welt nicht einfach so Pippi-Langstrumpf-mäßig machen kann, wie sie einem gefällt. Von Machiavelli stammt übrigens der Spruch: "Der Klügere gibt vor, nachzugeben", oder so. Eine Praxis, die bis heute nicht nur in der großen Politik, sondern auch im kleinsten Alltagsclinch gelebt wird.
Japanische Kampfhörspiele sind keine "intellektuelle Band"? Das kann ich nur unterschreiben, wenn du von einem Bildungsbegriff der rechten Fraktion ausgehst: Japanische Kampfhörspiele sind nicht aufgeblasen, nicht weltfremd - das nicht. Und nein, sie haben sich auch nicht alle bei Elitepartner kennen und lieben gelernt. Aber du willst doch nicht allen ernstes erklären, hinter der Band stecke kein Anspruch, kein Gedankenkonstrukt, das über "Schalala, es gibt kein Bier auf Hawaii" hinausgeht?
Äh, doch. Also irgendwie schon. Sind wir doch mal ehrlich: viel weiter hinaus als über das ewige Schalala geht das menschliche Denken doch gar nicht. Manche kommen noch bis zum Shalalalom. Das war‘s dann aber auch schon.
Apropos "Schalala": Ich habe einmal eine Schlager-Band interviewt - ich glaube, es waren Die Amigos. Ich habe sie gefragt, warum es in der Schlagerwelt immer dieses zuckersüße Heile-Welt-Bild gibt, und selbst, wenn einmal "ernstere Themen" angesprochen werden, alles irgendwie nach Zuckerwatte klingt. Die Antwort: "Die Welt ist eh schon so schlecht, da muss es die Kunst nicht auch noch sein." Das erinnert irgendwie an die barocke Schäferdichtung. Andersrum: Ist es nicht ziemlich enervierend, stets so gedankenschwanger zu sein, wie du? Immerhin heißt es, andersrum lebt es sich irgendwie sorgenfreier.
Was soll das heißen? Dass Homos keine Sorgen hätten? Was die Amigos angeht, könnte dir Martin
(Freund, Gesang - Anm.) jetzt paar geile Geschichten erzählen. Der hatte mit denen mal handfesten Streit mit Morddrohungen und allem Drum und Dran. Voll heavy. Ich glaube seitdem, dass Schlager die gefährlichste Musikrichtung überhaupt ist, während im Gangstarap und im Blackmetal ja eher viel umarmt und geschmust wird hinter den Kulissen.
Na dann sind wir froh, dass Martin da noch mit Ach und Krach und Leib und Seel' davon gekommen ist. Wär ewig schad‘ um den Jungen! Aber wenn wir schon bei den Genre-Schubladen sind: Wikipedia kategorisiert euch ziemlich patschert als "Deathgrind", Metal Archives schon etwas treffender als "Grindcore". Die Eigenbezeichnung wandelte sich von "Grindpunk" über "Popgrind" hin zum "Hyperpunk": In wie fern hat sich über die Jahre hinweg - fernab von augenzwinkenden Wortspielchen - der Sound tatsächlich gewandelt?
Wikipedia sollte man nicht anklicken! Da steht vor allem über Japanische Kampfhörspiele nur Scheiße drin. Und die Fotos! Ich möchte echt mal wissen, wer diese Seite verbrochen hat bzw. möchte den- oder diejenigen auf diesem Wege bitten, da doch mal für Ordnung zu sorgen! Tipps, wie man eine Wikipedia-Seite ordentlich aufbaut, findet ihr unter
www.christofkather.de. Zu deiner Genrefrage aber: Der Begriff "Hyperpunk" stammt von meinem Freund Michael Zuckle, der ihn wiederum bei einem Besuch auf dem Tempelberg aufgeschnappt hat. Ob es dabei um Japanische Kampfhörspiele ging, weiß er selber nicht. Vielleicht hat er sich auch verhört und war gar nicht auf dem Tempel-, sondern auf dem Sampleberg. Oder auf dem Drempelberg bei Arnheim. Unser Sound jedenfalls wandelt sich ständig. Und zwar nicht nur von Release zu Release, sondern auch auf den jeweiligen Releases selbst. Der Grund dafür ist, dass wir immer alles reinhämmern, was geht, um bloß keine Langeweile aufkommen zu lassen. Das macht den Japanische Kampfhörspiele-Style aus: Dass immer alles komplett überladen ist. Manche mögen das. Andere fühlen sich dadurch belästigt.
Wobei es heißt, dass "The Golden Anthropocene" nun nicht nur erstmals englisch betitelt wurde, sondern zudem auch im Gegensatz zu bisher "generalstabsmäßig durchgeplant" wurde. Wurde damit auch der bisherige Nukleus Kather/Hoff gelockert?
"Durchgeplant" ist sicher schwer übertrieben. Der Zufall behielt dann doch die Oberhoheit. Wir - das heißt aber eher Robert
(Nowak, Gitarre - Anm.) und ich - haben lediglich schon im Vorfeld mal paar Riffs und Reihenfolgen festgelegt. Also für Japanische Kampfhörspiele-Verhältnisse war das dann schon irgendwie durchgeplant. Ansonsten handelt es sich bei der Behauptung, wir hätten dieses Mal gewusst, was wir taten, um eine dreiste Werbelüge.
Bony (Hoff, Gesang - Anm.) hatte so wenig Zeit wie nie zuvor. Er ist ja seit geraumer Zeit vor allem der Produzent von Obscurity, bei denen er auch manchmal als Gitarrist aushilft.
Kann man bei einer derartigen Arbeitsweise Japanische Kampfhörspiele eigentlich noch den üblichen "Band"-Begriff aufdrücken? Oder wie sieht man selbst die Form des Zusammenschlusses?
Gute Frage, was das sein soll, ein Band-Begriff. Ich denke mal, es gibt mindestens 17 verschiedene Formen von "Band". Mag sein, dass das freundschaftlich-esoterische Modell in Ausnahmefällen auch Erfolg hat. Japanische Kampfhörspiele ist eher so ein wenig kumpelhafter Zusammenschluss von Leuten, die sich privat eher aus dem Weg gehen und auf der Bühne Freundschaft nur heucheln. Spaß haben sie trotzdem und Erfolg trotzdem nicht. Jedenfalls achten wir mit eisenharter Disziplin darauf, dass das nicht Überhand nimmt mit dem Erfolg. Wenn Erfolg ins Spiel kommt, hört der Spaß nämlich oft auf. Na gut, Spaß beiseite: Japanische Kampfhörspiele sind Japanische Kampfhörspiele, nehmen das mit der Musik nicht allzu wichtig und mailen immerhin ab und zu mal miteinander. Die Platten machen sich von selbst beziehungsweise weil ich gar nicht anders kann als ständig an irgendwas zu basteln, oder besser gesagt, so halb bewusst etwas entstehen zu lassen.
Ist das auch der Grund, warum Japanische Kampfhörspiele mittlerweile beinahe zur "Studio"band verkommen sind, und eigentlich nie sonders tourfreudig waren? Immerhin heißt es, in Zeiten sinkender Albumverkäufe liegt das Geld für den Musiker nur auf der Straße ...
Japanische Kampfhörspiele haben als reine Studio-Band begonnen. Die ersten fünf Jahre waren sie ja nur zu zweit und haben nur aufgenommen. Viel live gespielt haben Japanische Kampfhörspiele aber auch nicht, nachdem sie zu einer richtigen Band angewachsen waren. Das muss sich jetzt ändern, wie ein Blick in die Kasse verrät. Tatsächlich muss unser Label immer wieder zu Spendenaktionen aufrufen, weil sein Zugpferd, also wir, einfach zu faul ist.
Gerade eben wurde eh wieder der Bauchladen aufgemacht. Gibt es eigentlich diesen ominösen Holger wirklich, der sich die allererste Testpressung von "The Golden Anthropocene" geschnappt hat - oder ist das viel mehr ein symbolträchtiger Max Mustermann?
Den gibt es wirklich. Und es haben noch andere Leute die Testpressung bestellt. Insgesamt haben unundeux 10 Stück zu verkaufen. Auf unundeux ist meines Wissens nach
alles echt. Auch die Metal-Classics-Sammelkarten. Die sollte man unbedingt sammeln! Für das komplette Album gibt es sicher irgendwann irgend etwas zu gewinnen.
Wie hoch steht eigentlich das haptische Objekt beim "typischen" unundeux-Kunden im Kurs? Die Sammelkarten muss man sich ja selbst ausdrucken, wenn man will. Der eine alte Backdrop wurde zu einem ganz akzeptablen Preis hochgepfeffert. Dafür bin ich auf meine "Welt ohne Werbung"-Testpressung, die ich mir damals gönnte, schon irgendwie stolz. Und ich bin immer noch grantig, dass so viele geile alte Japanische Kampfhörspiele-Shirts eine einmalige Aktion bleiben.
Haptik rules, sag ich mal. Noch sind wir ja Menschen. Bisschen anfassen und dran riechen ist nach wie vor ziemlich angesagt.
Von daher: "Disse statt Porno", nur mal so als Songtextidee. Aber zurück zur Haptik: Deswegen gibt es "The Golden Anthropocene" ja nicht nur in der höher bepreisten Testpressung, sondern für Otto und Ottilie auch normal u.a. auf (wie spitzfindig-treffend!) goldenem Vinyl. Da haben die großen Labels nun eine ganz dolle Möglichkeit gefunden, wie ein Scharlatan dem konsumgierigen Individuum das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da erscheint die neue Slayer gleich mal in 17 verschiedenen Vinylfarben, und irgendwie klingt das färbige Vinyl dann auch noch beschissener als das schnöde Schwarz. Wie wirkt sich so eine Modeerscheinung auf Kleinlabels wie euer unundeux aus?
Keine Ahnung. Dass farbiges Vinyl schlechter klingt als schwarzes, war doch schon immer so. unundeux machen aber ja gar kein Vinyl. Das geben die immer raus an echte Vinyl-Labels. "The Golden Anthropocene"erscheint, wie auch das letzte Album schon, auf Phantom-Records. Das ist übrigens ein Unterlabel von Apocaplexy-Records und wird betrieben von unserem T-Shirt-Drucker Maik. So klein ist die Welt. Und sie wird immer kleiner!