Bild: Greg Blakey
Manchmal sind es diese flüchtigen Momente, in denen das Leben innehält, als würde es selbst kurz den Atem anhalten: Wenn der Horizont langsam glüht und du den warmen Sand zwischen deinen Zehen spürst, während das Meer den ersten Sonnenstrahl wie eine Offenbarung empfängt. Wenn du mit einem Glas Whisky in der Hand auf einem Felsen an der schottischen Küste sitzt, der Wind salzig in deinem Gesicht, und der Himmel sich in Farben färbt, für die dir in diesem Augenblick alle Namen entfallen sind. Oder wenn sich zwei Blicke treffen – zwischen Fremden oder Liebenden – und plötzlich ist da dieses unausgesprochene Verstehen.
Solche Augenblicke sind in unserer hektischen, durchgetakteten Welt rar gesät – aber hin und wieder blitzen sie auf. Du fühlst dich geborgen, gelöst, als wärst du ganz bei dir. Und wie einst Goethes Faust möchtest du diesem Moment nur sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“
Auch in manchen Nächten flüstert meine Gedankenwelt diesen Satz, wenn Musik durch den Körper pulsiert, wir uns im Rhythmus verlieren, und Namen, Berufe, Sorgen – der Alltag – keine Rolle mehr spielen. Nur Bewegung, Nähe, Atmen, Schweiß. Es ist 3 Uhr früh im Club, jedes Zeitgefühl ist längst verflogen. Der Boden klebt, die Lichter zucken, es riecht nach Tanz, und das Getränk in der Hand wird nicht das letzte sein. Das Herz schlägt im Takt des Basses, alles verschwimmt – und für einen Moment ist da dieses Gefühl von Schwerelosigkeit. Verweile doch … - denn was morgen ist, ist mir jetzt gerade scheißegal.
Den perfekten Soundtrack für solche Momente liefert Kerala Dust, ein zwischen Berlin, London und Zürich oszillierendes Kollektiv rund um Edmund Kenny. 2016 gegründet, hat die Band bislang zwei Alben veröffentlicht: “Light, West” (2020) und “Violet Drive” (2023). Mit fast 31 Millionen Streams auf Spotify ist “Nevada” ihr bislang größter Hit. Soeben ist ihre neue Single “Bell” erschienen – ein Vorgeschmack auf das kommende Album “An Echo of Love”, mit dem sie am 19. September auch im Wiener WUK gastieren werden.
Die monotonen, pulsierenden Electro-Hymnen sind Musik für Großstädte und die Anonymität der Nacht: Während Kenny skurrile, abstrakte Kurzgeschichten ins Mikrofon flüstert – irgendwo zwischen David Lynch und Hinterhof-Philosophie –, wummern die Techno-Bässe über den Dancefloor und vermischen sich mit Einflüssen aus Wüstenblues, Funk und Jazz. Besonders angetan haben es mir die endlosen Wiederholungen – diese hypnotischen Elemente sind nicht nur prägend für Kerala Dust, sondern entfalten gerade in den frühen Morgenstunden ihre volle Wirkung. Wie ein Mantra lassen sie dich mit klarem Kopf (und vielleicht einem Hauch Nebel) zurück, steigern sich bis zu einem Moment, der wie ein musikalischer Koitus die Synapsen überhitzt – bis zur totalen Entrückung, wenn der Geist den Körper verlässt.
Kerala Dust besprühen mit ihren Klängen den Frontallappen mit Muße – bis die Sonne aufgeht, oder länger. Es ist Techno im Geist heutiger Achtsamkeit, gepaart mit einer Sehnsucht nach flächiger, leicht experimenteller, aber rhythmisch kontrollierter Musik, wie sie einst deutsche Bands der Siebziger spielten. Damals nannte man das Krautrock – etwa Can aus Köln oder Kraftwerk aus Düsseldorf, bevor letztere mit Elektropop berühmt wurden. Und mittendrin tauchen plötzlich auch Tom Waits oder The Velvet Underground auf – und vor dem inneren Auge entsteht das Bild einer schummrig beleuchteten, schwitzenden Tanzfläche, durchzogen vom Zischen imaginärer Kolben, eingebettet in einen stoischen 4/4-Beat.
Und da ist er wieder, dieser Gedanke: Man möchte, dass Kerala Dust ihren Loop einfach weiterspielen lassen – als wäre der Club ein Tornado, die Tanzfläche sein Auge. Und dort verharrt man – schwerelos, zeitlos, als gäbe es kein Morgen. Verweile doch …
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