Bild: Thibaut Grevet Bild: Thibaut Grevet
Konzerte

Mann oder Bär? Lieber eine Frau!

03.06.2025 von Stefan Baumgartner

Während Frauen einem Social-Media-Trend zur Folge im Wald lieber auf einen Bären als auf einen Mann treffen würden, wünsche ich mir als Mann auf die Bühnen lieber eine Frau statt eines Mannes: Neben so großen Namen wie Billie Eilish, Tate McRae und Chappell Roan gibt es in den kommenden Monaten aber noch weitere Konzerte von aufstrebenden Künstlerinnen, die es sich lohnt, anzuschauen!

Ich mag Bären gern. Ein Braunbär war damals mein erstes Kuscheltier und ich habe sie immer schon um ihren Winterschlaf beneidet. Ein bäriger Social-Media-Trend, der im englischsprachigen Raum schon länger die Runde macht, ist vergangenes Jahr auch im deutschsprachigen Raum angekommen: Da werden Frauen von Straßenreporter*innen gefragt, wem sie lieber allein im Wald begegnen würden: einem Bären oder einem fremden Mann. Die Antwort ist in aller Regel: Frauen ziehen den Bären ihren männlichen Artgenossen vor.

Was oberflächlich betrachtet natürlich nicht ganz ernst und deutlich überspitzt gemeint ist, hat durchaus einen ernsten Hintergrund; Natürlich ist eine Begegnung mit einem Bären auch nicht ungefährlich – und zwar sowohl für Frauen wie auch für Männer –, aber die Begründungen für die auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche Präferenz sind andere:

  • Wenn man von einem Bären attackiert wird, wird einem danach wenigstens geglaubt.
  • Wenn man von einem Bären attackiert wird, wird nicht gefragt, was man angehabt hat (oder gar ein Glas Honig mit).
  • Wenn man von einem Bären attackiert wird, muss man nicht fürchten, dass andere Bären den Übergriff mitfilmen und ins Netz stellen.
  • Wenn man von einem Bären attackiert wird, wird einem wenigstens danach nicht vorgeworfen, dass man sich ja nur profilieren will.

Es geht bei diesem Social-Media-Trend also weniger darum, Äpfel mit Birnen zu vergleichen - das wäre hanebüchen: Natürlich werden (leider) mehr Männer als Bären übergriffig - aber wie oft begegnet man im Alltag schon einem Bären? Und natürlich sind nicht alle Männer Frauen gegenüber gewalttätig. Es geht hier viel mehr darum, den mangelhaften Umgang von Medien, Justiz und Gesellschaft mit weiblichen Opfern männlicher Gewalt aufzuzeigen.

Nicht um Äpfel oder Birnen geht es jedoch bei einer Frage, die heute (nicht nur) die Musiklandschaft dominiert: Sind Männer überrepräsentiert, haben Frauen ihnen gegenüber immer noch das Nachsehen?

Mann oder Frau?

Seit gut 10 Jahren wird in Österreich - endlich! - über das Geschlechtsverhältnis auf den Konzertbühnen teils kontrovers diskutiert: Damals lag einer Langzeitstudie des SR-Archivs zur Folge das Verhältnis von Musikerin zu Musiker hierzulande bei 1:10. Und auch auf Festivals fanden sich selten mehr als 10 Prozent an Acts mit zumindest einer Musikerin. Daran hat sich gerade bei den großen Festivals bis heute nicht allzu viel geändert, während gerade kleine Boutique-Festivals immer stärker versuchen, eine 50:50-Quote anzustreben. Aber die gute Nachricht: Zumindest in der Popmusik haben seit spätestens vergangenem Jahr die Frauen deutlich die Nase vorn!

Denn 2024 waren die fünf meistgestreamten Künstler*innen Frauen, nämlich Taylor Swift, Billie Eilish, Sabrina Carpenter, Karol G und Ariana Grande. Diese Statistik spricht für sich – und bestätigt den vielleicht richtungsweisenden Musiktrend unserer Zeit, den man wohl mit einem Songtitel von Chappell Roan (übrigens: live am FM4 Frequency!) bezeichnen könnte: “Femininomenon”. Gerade Taylor Swift mit ihrer “Eras”-Tour und Charli XCX mit ihrem “Brat Summer” prägten die Social-Media-Feeds und den generellen popkulturellen Diskurs auch über ihre Bubble hinaus - und zeigten, dass sich Frauen nicht hinter ihren männlichen Kollegen verstecken müssen oder gar wollen.

Dass Popmusik von Frauen gerade 2024 so großen Anklang fand, kann mehrere Gründe haben.

  • Zum einen liegt es natürlich daran, dass ihre Musik die Pop-Landschaft schlichtweg so aufmischte, wie es schon seit Jahren niemand mehr geschafft hat. Kein „more of the same“ also, nicht die immer wiederkehrenden Klischeemädchen, sondern stattdessen unkonventionelle (und teils queere) Weiblichkeitsbilder mit Erzählungen, die über Herzschmerz-Heulereien hinausgingen und die Lebenswelt einer Generation im Gesamtumfang abbildeten – teils offensiv und nicht „schüchtern“, wie man es von Frauen zuvor vielleicht erwartet hatte. Kurz: Weibliche Künstlerinnen haben sich selbst emanzipiert.
  • Zum anderen könnte der Pop-Hype auch an einem Phänomen namens „Recession Pop“ liegen, das besagt: In gesellschafts-politisch oder wirtschaftlich schwierigen Zeiten floriert hedonistische Musik, die uns zum Tanzen bringt und uns zumindest für ein paar Minuten die Welt um uns herum vergessen lässt – zeitgleich aber auch tiefgründig ist. Dieses Bedürfnis stillten gerade die Frauen vergangenes Jahr überdeutlich, da sie es verstanden, ihre Fans dort abzuholen, wo sie gefühlsmäßig gerade waren: ein bisschen verwirrt und überfordert, aber auch verdammt unverwüstlich und voll Widerstandskraft.
  • Und schließlich darf man auch nicht vergessen: Trends und Hypes sind das Produkt eines Kollektivs. Popmusik spricht traditionell überwiegend weibliche und queere Fans an - und vor allem diese “Female Fandoms” gelten als besonders leidenschaftlich, aktiv und kaufkräftig, nicht unähnlich ihrem wilden Pendant: den männlichen Heavy-Metal-Fans. Kurz: Sie - zum Beispiel die “Swifties” - ermöglichen durch ihre Hingabe und ihr kostenloses, virales Marketing auf Social Media den Aufschwung von ihren Idolen, indem sie in sie Geld und Energie investieren, aber auch in die Community selbst. Man denke da etwa an die Freundschaftsarmbänder der Swifties: Dieses Gemeinschaftsgefühl ist wohl eine der wichtigsten Zutaten im Hype.

Frauen auf der Bühne

Natürlich retten Billie Eilish, Taylor Swift und Chappell Roan nicht allein die Welt - es gibt noch viel mehr fantastische Musikerinnen, die es lohnt, sich anzuhören! Ein paar Empfehlungen für die nächsten Monate habe ich für euch parat - und ja, auch hier gilt wie beim Bär-oder-Mann-Dilemma: Nicht alle männlichen Musiker sind schlecht und verdienen es nicht mehr, vor teils großem Publikum auch live zu spielen - aber vielleicht ist es an der Zeit noch mehr als zuvor Frauen ein Gehör zu schenken.

GRLWOOD

2024 erschienen gleich drei Alben des queeren Punk-Duos aus Amerika: “Blood” ist stark rockig gelagert, "Sweat" dafür etwas kommerzieller und “Tears” gar fast ein bisschen poppig. Jedenfalls eine geile Mischung zwischen Ohrwürmern und ungefilterter Energie - denn gerade Rej Foresters explosive Bühnenpräsenz ist massiv!

31. Juli 2025 | Wien, Chelsea

Goldie Boutilier

Sängerin & Songwriterin, DJ & Model, eigenwillige Künstlerin und Reformerin eines Pop-Stils, der durch Granden wie Dolly Parton zu Weltruhm kam: Konsequent geht die gebürtige Kanadierin ihrer eigenen Vision nach - und zwar irgendwo zwischen Alt-Country, Dance-Pop, Disco & Indie. Wie sie wohl letztlich auf ihrem neuen Album “Goldie Montana” klingen wird?!

15. September 2025 | Wien, B72

LAUREN SPENCER SMITH

Nationale Bekanntheit erlangte die Sängerin aus Kanada bei American Idol, wo sie im zarten Alter von nur 16 Jahren “What About Us?” von Pink und “Always Remember Us This Way” von Lady Gaga sang. Zwei Jahre später, 2022, ging sie mit ihrem eigenen Song “Fingers Crossed” auf TikTok viral. Im Juni erwarten wir ihr zweites Album “The Art of Being a Mess”.

20. September 2025 | Raiffeisen Halle im Gasometer

Little Simz

Little Simz ist eine unnachahmliche Performerin, bahnbrechende Musikerin und Kulturkuratorin, die als eine der visionärsten Künstlerinnen Großbritanniens gilt. Im Juni erscheint ihr bereits sechstes Album “Lotus”, von dem bereits die Singles “Flood”, “Free” und zuletzt “Young” bekannt sind - ein Soundtrack durch die komplizierten Phasen des Lebens.

27. September 2025 | Raiffeisen Halle im Gasometer

Bekkaa

Die Frankfurter Künstlerin Bekkaa (Rebekka Czuba) fängt in ihrer Poesie und Musik das Lebensgefühl der Generation Z ein: Liebeskummer, mentale Gesundheit und das Gefühl, mit dem Leben ständig überfordert zu sein prägen ihre Songs - aber auch ihr erstes Buch “Fühlst du?", mit kleinen Texten “übers Loslassen und sich selbst auffangen”.

08. Oktober 2025 | Wien, B72

Sophia Kennedy

Sophia Kennedy ist eigentlich Amerikanerin, zog aber zum Studieren nach Hamburg: Soeben erschienen ist ihr neues Album “Squeeze Me”. Viele Songs spielen in einem Raum, aus dem es kein Entfliehen gibt: Manche dieser Räume sind bloß im Kopf, andere real. Und manchmal ist dieser Raum unsere Gegenwart, die kulturell und politisch immer enger wird.

14. Oktober 2025 | Wien, FLUCC

Kings Elliot

Kings Elliot hat sich aus dem Kanton Schwyz hinaus bereits in die Musikhauptstadt London auf die großen Bühnen gespielt - etwa im Vorprogramm für Imagine Dragons und Lana Del Rey. Nun wurde sie auch daheim, in der Schweiz, mit ihrem ersten SMA als “best breaking act” ausgezeichnet - bei ihrem theatralischen Alt-Pop auch irgendwie kein Wunder! 

16. Oktober 2025 | Wien, Szene

Tanita Tikaram

Sie könnte man eigentlich kennen - und eigentlich müsste sie auch deutlich größer sein: Mit “Twist In My Sobriety” schrieb die Britin 1988 einen der vielleicht größten Welthits. Nun steht aber auch erstmals seit 10 Jahren neue Musik von ihr an: “LIAR (Love Isn't A Right)" erscheint im Oktober, einen ersten Eindruck gibt es mit der Single “This Perfect Friend”.

29. Oktober 2025 | Wien, Porgy & Bess

Sadie Jean

Ihr Bruder hat sie vor fünf Jahren ermutigt, nicht nur für sich im Jugendzimmer zu singen: Mit dem Radiohead-Cover “Creep” tauchte sie erstmals im Netz auf, kurz darauf ging ihre erste eigene Single “WYD Now?” (natürlich!) bei TikTok viral - wenig später mit “Locksmith” erneut. Und ihre neueste Single “The One That I Want” verspricht noch Großes …

12. November 2025 | Wien, Szene
14. November 2025 | München, STROM

Alli Neumann

Zumindest in der deutschen Musikszene hat sich die Flensburgerin dank Auftritten vor AnnenMayKantereit und Coldplay (!) bereits einen Namen gemacht, allerdings nicht nur als Sängerin, sondern auch als Grenzgängerin und Aktivistin. Ganz neu erschienen ist nach zwei Alben ihre Single “Vom anderen Stern”, ein Traum von einer Flucht vor der Alltagstristesse.

27. November 2025 | Wien, FLUCC

JESSIE LEITH

Die Musik von Jessie Leith - geboren in Toronto, mittlerweile in London beheimatet - klingt wie eine Nachtfahrt durch die Stadt: still, intensiv, voller Gefühl. Eine Mischung aus Taylor Swifts “Folklore”-Ära, Gracie Abrams und einer Prise Indie-Clairo-Edge. Mit ihrer EP “Running Wild”, die vergangenes Monat erschienen ist, kommt sie auch nach Wien!

30. November 2025 | Wien, B72

Madeline Juno

Schon als Teenager machte Madeline Juno mit selbstgeschriebenen Songs auf sich aufmerksam und landete 2014 mit “Error” ihren ersten Hit. Seitdem hat die Songwriterin aus dem Schwarzwald sechs Alben veröffentlicht, im Juni erscheint ihr neues Album “Anomalie Pt. 1”. Aber heute, am 3. Juni, sehen wir sie erst einmal bei “Sing meinen Song” auf VOX!

02. Dezember 2025 | Linz, Posthof
03. Dezember 2025 | Wien, WUK

Julia Wolf

Mit ihrem neuen Album “Pressure” und der gehypten Single “In My Room” im Gepäck kommt die New Yorkerin (die auf “Iris” schon mit Machine Gun Kelly kooperierte!) erstmals auch nach Österreich: Während ihre früheren Songs noch mit einem träumerischen Pop-Sound bestachen, schlägt sie nun härtere Emo-Punk-Metal-Wege ein. Was für eine geile Dynamik!

16. Dezember 2025 | Wien, B72

A.A. Williams

Nach ihrem Live-Debüt auf dem renommierten Roadburn Festival ging es für die Britin seit 2017 steil bergauf, sie tourte gar mit The Sisters Of Mercy! Ihr Markenzeichen? Ein spannender Mix aus Post Rock und Neo Klassik - allerdings hat ihr aktuelles Album “As The Moon Rests” nun schon drei Jahre am Buckel. Ob da wohl endlich bald Neues kommt?

21. Februar 2026 | Wien, Chelsea

Und kann bitte Cloudy June nach Österreich kommen?

Cloudy June ist eine Singer-Songwriterin mit kubanischen Wurzeln, wohnt in Berlin und haut schon seit 2020 ihren Electro-Pop raus, der von ihrer angriffslustigen und expliziten Art zu texten gekennzeichnet ist - zuletzt im Februar die Single “If Jesus Saw What We Did Last Night”. Dank Millionen an Streams auf Spotify ist sie auf dem besten Weg, zu einer der erfolgreichsten Feminismus-Ikonen ihrer Generation zu werden!

Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren