Bild: Jasper Graham
Sofia Isella passt mit ihrem feministischen Dark-Pop perfekt in den Zeitgeist: Der Schmutz, mit dem sie ihren Körper bedeckt, steht sinnbildlich für ihre deprimierende Gegenwartsanalyse.
Die 21-Jährige Sofia Isella ist gebannt von den unschönen Seiten des zeitgenössischen Lebens: In den vergangenen drei Jahren hat sie sich – über Social Media und als Support-Act für eine Reihe prominenter Künstlerinnen, darunter für Florence + The Machine und sogar Taylor Swift – ein Publikum erspielt, mit an Billie Eilish erinnerndem Dark Pop, der sich – man möchte beinahe sagen: naturgemäß – gegen insbesondere das Patriarchat auflehnt. Passend dazu: Insbesondere bei Festivalauftritten wirft sie sich vor ihren Auftritten regelmäßig in den schlammigen Boden, um mit Dreck beschmiert auf die Bühne zu gehen – eine physische Manifestation des gesellschaftlichen Ekels, der sie alltäglich umgibt, ja regelrecht verschlingt – und somit das Fundament ihres musikalischen Schaffens bildet.
So jung, so ernst und hochpolitisch? In der heutigen Zeit mag es für die Millennials etwas wundersam wirken – aber damit fügt sich Sofia Isella perfekt in einen Zeitgeist ein, der von einem ökosozialen Gedanken durchfurcht ist, mit Namen von Greta Thunberg und Luisa Neubauer über Carlota Bruna und Dylan Mulvaney bis hin zu Musikerinnen wie Billie Eilish, FKA Twigs, Arlo Parks, Rosalía und Taylor Swift. Bei Isella liegt es aber nicht nur am Zeitgeist, sondern vermutlich auch an ihrer Prägung: Ihre Mutter ist die Autorin Kelli Bean, ihr Vater der Kameramann Claudio Miranda, mit Arbeiten von der Dokumentation “U2: Rattle and Hum” über einige David-Fincher-Filme ("Sieben", “Fight Club”) bis hin zu “Life of Pi”, für den er sogar einen Oscar bekam. Ihre Eltern unterrichteten sie fernab von Social Media, dafür inmitten von Gedichten, zuhause, schickten sie aber auch auf die renommierte Colburn School in Los Angeles, wo sie sich als klassische Geigerin einen Namen machte. “Ich war schon als Kind sehr leidenschaftlich und habe ständig diskutiert”, erzählt Isella etwa in einem Interview.
Vergangenen Freitag ist ihre neue EP “Something Is A Shell” erschienen. Produziert unter anderem gemeinsam mit Mr Hudson – bekannt für seine Arbeit mit Kanye West und Jay-Z – enthält die EP auch Songs über das Verhältnis zwischen Pädophilie und Pornografie ("Above the Neck"), Misogynie und Religion ("Numbers 31:17-18"). Ihrer Musik haftet eine raue Brutalität an, zerlegt dabei die größten Themen und wirkt körperlich: Man merkt, Isella möchte nicht nur die Ohren ansprechen.
Geschrieben aus den Trümmern einer Gegenwart, die zwischen Objektifizierung (Stichwort OnlyFans) und konservativen Tradwives changiert, wirkt das, was Isella hier aufführt, fast schon wie ein Body-Horror-Szenario: “Der Kontext ist nicht schön”, sagt sie. “Die Inhalte, über die ich spreche, sind erschreckend. Sie sind beängstigend und verstörend.” Ihre wütenden Analysen von Misogynie und Weiblichkeit treffen einen Nerv bei einer Generation junger – insbesondere – Frauen.
Von der Klassik hat sie sich mittlerweile entfernt, wenngleich sie live weiterhin nicht nur Gitarre und Keyboard, sondern auch Geige spielt. Ihre aktuellen Bezugspunkte findet man im aktuellen Pop: Ihre Musik und ihre Ästhetik erinnert an Billie Eilish zu ihren Anfängen, ihre Texte an die düstere Poesie von Ethel Cain, in Punkto Dramatik an Halseys Arbeiten mit Trent Reznor und Atticus Ross von Nine Inch Nails. Doch Isella zeichnet sich mehr als ihre Kolleginnen durch ihre absolute Kompromisslosigkeit aus: Sie sucht die direkte Konfrontation mit Tabuthemen und gesellschaftlichen Bruchlinien – und lebt dies auf der Bühne bis zum Extrem gepeitscht aus; Ihre Performance ist körperlich intensiv, im Social-Media-Zeitalter fast kalkuliert im Hinblick auf ihre Viralität: Gitarrensoli mit Lollipop im Mundwinkel, gespuckte Wasserfontänen, das Wegwerfen ihres Shirts bei “Hot Gum”, das demonstrative Herabziehen ihrer Hose bei “Above The Neck”. Passend dazu verrenkt sie gern ihren Körper ins Absurde, springt sie auch gerne einmal ins Publikum, um auf Tuchfühlung zu gehen: Durch dieses Adrenalin blüht sie auf, ihre Konzerte steigern sich gewöhnlich von den ersten Klängen bis hin zum Schlussakkord zu einem Crescendo. Ihre konfrontative Art hat ihr (natürlich in Amerika) auch schon den Vorwurf eingebracht, “dämonisch” zu sein – es wurde ihrer Bubble sogar schon mehr als einmal empfohlen, lieber zu Gott zu beten.
Für jemanden mit diesem Hang zum Extremen ist sie erstaunlich weit ins Zentrum der Popkultur vorgestoßen: Ihre Ästhetik hat wenig mit den glitzernden Pastellwelten gemein, sondern steht im eklatanten Kontrast dazu, erinnert viel mehr an Industrial, Gothic oder gar Metal. Vielleicht ist es aber gerade dieser Bruch, der sie in Windeseile vom Nischenphänomen gar auf die Wembley-Bühne rauschen ließ: Denn bei Sofia Isellas Musik, bei ihren Konzerten, wird der Abgrund, in dem sich eine ganze Generation wähnt, tatsächlich erlebbar.
Ihr Österreich-Debüt gibt Sofia Isella Ende Mai in der Wiener Arena – das Konzert musste sogar von der großen Halle ins Open-Air-Areal verlegt werden, da der Ansturm dermaßen enorm war. Es ist nicht mehr zu ignorieren: Weibliche Selbstermächtigung kann man nicht mehr kleinreden, es ist Zeit für Reibung und einen Perspektivwechsel.
Dafür sorgt selbstverständlich auch das Vorprogramm: Eröffnet wird der Abend von Cloudy June, einer Singer-Songwriterin aus Berlin – mit kubanischen Wurzeln. Seit 2020 zeichnet sie nach anfänglichen Gehversuchen bei einer Death-Metal-Band (!) für Electro Pop verantwortlich, der in erster Linie angriffslustig und explizit ist: Wenn junge Frauen wie sie über Queerness, parasoziale Beziehungen und Selbstliebe singen, dann sorgt das bei so manchem Boomer wahrscheinlich immer noch für Schnappatmung und Unverständnis, für junge Frauen ist sie aber ein Sprachrohr, das Empowerment aufs Podest hebt und verdeutlicht, dass ein Struggeln mit der mentalen Gesundheit absolut okay ist. Lieder, die die eigenen Probleme des Publikums widerspiegeln sind wichtig zu hören um sich gesehen und weniger allein zu fühlen.
Im Anschluss spielt Seb Lowe aus Manchester, ein Auswurf der Covid-Pandemie: Vom Jugendzimmer aus ging er auf TikTok viral und spielte bereits im Vorprogramm des “Godfather of Britpop”, Paul Weller. Irgendwo zwischen Indie Rock und Folk mag er musikalisch an diesem Abend vielleicht als Fremdkörper wirken, aber auch er ist hochpolitisch, bei ihm stehen Klassenfragen und Rassismus im Fokus: “Musik bringt Menschen zusammen – und gibt ihnen Raum, wütend darüber zu sein, was um sie herum passiert.” Wenn er sich in seiner Melancholie suhlt, dann wird es fast schon cineastisch – man möchte gar sagen: Er ist ein helldunkler, witzigernster Troubadour, als wäre er ein Kind entsprungen den Lenden von Eminem und Sinead O’Connor.