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Kultur

Körperwelten: Voll das Leben

02.06.2023 von Sebastian Fasthuber

Die einst wild umstrittene Körperwelten-Schau ist längst ein Dauerbrenner. Mehr als 50 Millionen Menschen in aller Welt haben sie schon besucht. Die neue Ausstellung in Innsbruck heißt „Am Puls der Zeit“ und behandelt das hektische Leben von heute. Für Macherin Dr. Angelina Whalley steht allgemein nicht der Tod, sondern das Leben im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Im Interview erzählt die Medizinerin, wie die berühmten Plastinate entstehen, wie sie selbst mit dem Dauerstress umgeht und was sie von Social Media hält.

Frau Whalley, Sie haben bei den Körperwelten bereits viele Aspekte des menschlichen Körpers und Lebens behandelt. Wie sind Sie auf den neuen Schwerpunkt „Am Puls der Zeit“ gekommen?

Auf den ersten Blick ist das Thema nicht so naheliegend. Körperwelten hat als reine Anatomie-Ausstellung begonnen. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich sie näher an das Leben der Menschen bringen? Daher suche ich immer nach Themen, die geeignet sind sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zu ziehen. Ich hatte, wie so viele, eine Phase in meinem Leben, in der mich das Gefühl plagte, immer zu wenig Zeit zu haben.

Woran liegt dieses Gefühl, das wir alle nur zu gut kennen?

Es ist paradox. Die Innovationen der letzten Jahrzehnte sollten unser Leben erleichtern. Jetzt haben wir schon so viel Zeit gespart, doch trotzdem haben wir immer weniger davon. Die Beschleunigung unseres täglichen Lebens steht nicht unbedingt im Einklang mit den Tempi unseres Körpers. Der Herzschlag, das Wachstum der Nägel – all das braucht seine Zeit. Nun können wir fast alles beschleunigen, nur unseren Körper nicht. Das ist bestimmt ein Grund für die vielen Erkrankungen in unserer modernen, hektischen Welt. Und daher fühlen sich auch immer mehr Menschen ausgebrannt. Insofern ist das ein richtig zeitgemäßes Thema für die Ausstellung.

Wie lassen sich diese Themen in der Ausstellung zeigen?

Indem ich die Exponate in einen bestimmten Kontext stelle. Die Gemeinsamkeit mit allen vorangegangen Ausstellungen ist, dass ich als Besucher einen Überblick über die allgemeinen Körperfunktionen bekomme. Neu ist der Blickwinkel aus der Beschleunigung des Lebens. Ich verstehe die Ausstellung als Anregung, sich mal zurückzunehmen und über sein eigenes Leben nachzudenken. Ich kann kein Patentrezept liefern, niemand kann das. Aber wenn man sich der Dinge bewusst wird, ist das schon mal die halbe Miete.

Wie gehen Sie selbst mit dem Dauerstress um?

Ich lasse mich nicht mehr verrückt machen. Vor allem habe ich für mich entschieden, mich nicht mehr den sozialen Medien auszusetzen. Stattdessen sorge ich dafür, in meiner Freizeit Tätigkeiten zu pflegen, bei denen ich weiß, dass sie mir gut tun.

Zum Beispiel?

Dazu gehört Gartenarbeit, die mich buchstäblich erdet. Ich tanze leidenschaftlich gern Flamenco. Das tut dem Körper gut, aber auch der Seele. Wenn ich vom Tanzen komme, schwingt noch die Musik in mir nach. Ein herrliches Gefühl. Ich verbringe meine Zeit lieber mit realen Menschen, die mir etwas bedeuten. Wie gesagt: Das ist kein Patentrezept, es muss nicht für jeden funktionieren. Aber für mich klappt das wunderbar.

Zu Beginn wurde Körperwelten auch heftig kritisiert. Woran lag das? Und fühlen Sie sich mittlerweile rundum akzeptiert?

Von fast allen. Wir sind in der Gesellschaft angekommen. Zu Beginn war es etwas völlig Neues, daher auch die Aufregung. Zunächst tat man sich schwer damit, unsere Arbeit einzuordnen. Es hieß: Da würden echte Leichen stehen, nackter als nackt, in einer öffentlichen Ausstellung. Das könne doch nicht sein. Die heftigste Kritik kam übrigens immer von jenen, die die Ausstellung gar nicht gesehen hatten. Mittlerweile haben mehr als 50 Millionen Menschen sie besucht. Da lässt sich nur noch schwerlich behaupten, dass die alle aus schierer Sensationslust reingegangen sind. Es hat sich rumgesprochen, was die Ausstellung leistet. Man kann sehr wertvolle Erkenntnisse für sein eigenes Leben daraus mitnehmen.

Das Publikumsinteresse war von Anfang an sehr groß. Lockt die Menschen vor allem die Schaulust, oder ist es ein tieferes Interesse am eigenen Körper?

Schaulust mag für manche ein Beweggrund sein. Die bedienen wir aber nicht. Dafür werden die Menschen belohnt durch einen besonderen Blick auf ihre eigene Leiblichkeit. Für mich als Ausstellungsmacherin ist weniger wichtig, warum die Leute kommen, als die Frage, wie sie die Ausstellung verlassen. Egal, in welchem Kulturkreis die Ausstellung gezeigt wird: Die Reaktionen sind weltweit mehr oder weniger identisch. Viele sagen: Ich habe einen völlig neuen Blick auf meinen Körper, ich werde ihn nicht mehr als etwas Selbstverständliches betrachten. Genau darin bemisst sich für mich als Ausstellungsmacherin der Wert und Erfolg meiner Arbeit. Nur wenn man die Menschen emotional berührt, werden sie auch über ihr Leben nachdenken.

Lohnt sich auch ein mehrfacher Besuch?

Ich bemühe mich, dass es immer frisch bleibt. Aber selbst wenn man dieselbe Ausstellung schon vor Jahren gesehen hätte, würde man etwas Neues für sich gewinnen. Man betrachtet die Dinge immer unter dem Blickwinkel der Erfahrungen, die man gemacht hat. Vielleicht hat man in der Zwischenzeit ein Kind bekommen oder einen lieben Menschen verloren. Das sind Erlebnisse, die einen die Ausstellung anders betrachten lassen.

Gibt es Kontinente oder Regionen, die den Körperwelten bislang verschlossen blieben?

Wir finanzieren alles selbst. Daher können wir nur dahin gehen, wo sich die Ausstellung wirtschaftlich trägt. Es gibt viele Länder, die diese Aufklärungsarbeit sehr nötig hätten, wo wir das alleine aber nicht stemmen können. Andere Gegenden sind aus religiösen Gründen schwierig, speziell der islamische Raum. Ich will nicht ausschließen, dass wir dort in Zukunft präsent sein werden. Wir waren auch schon mal in Abu Dhabi. Das Interesse wäre an sich groß, nur das Thema Nacktheit ist dort leider ein echtes Problem.

Sie sind von Körperspenden abhängig. Wieviele gibt es inzwischen?

Es sind etwas über 20.000. Wohlgemerkt: Spender, nicht Spenden. In all den Jahren haben wir bislang ungefähr 2.700 Verstorbene erhalten. Wir brauchen viele Körperspender, damit wir übers Jahr gesehen auch genug Spenden erhalten. Viele Spender sind ja vergleichsweise jung und haben hoffentlich noch ein langes und gutes Leben vor sich.

Und wieviele Plastinate haben Sie bis heute hergestellt?

Das lässt sich so nicht sagen. Wir machen nicht nur ganze Körper, sondern auch Einzelpräparate. Es sind auch nicht alle Plastinate für die Ausstellung gedacht, viele gehen in den anatomischen Unterricht an Universitäten und medizinischen Lehreinrichtungen. Von den 2.700 sind auch noch nicht alle plastiniert. In Formalin können die Spenden mehrere Jahre aufbewahrt werden, ohne dass sie Schaden nehmen.

Die Arbeit an einem Plastinat ist sehr aufwändig. Wie lange arbeitet Ihr Team daran?

Die Plastination ist in der Tat sehr arbeitsintensiv. Sie beginnt mit der anatomischen Präparation, also dem Herausarbeiten der anatomischen Strukturen – von Muskeln, Arterien und Nerven. Wenn das Präparat später mit Kunststoff durchtränkt ist, folgt die Phase der Positionierung. Für einen ganzen Körper veranschlagen wir ungefähr 1.500 Stunden Arbeitszeit. Da sind mehrere Teams dran. Insgesamt dauert es ein Jahr.

Kann jeder Mensch zu einem Plastinat werden?

Im Grunde schon. Es gibt einige wenige Ausschlusskriterien. Wenn ein Körper zu spät aufgefunden wird und Verwesungsprozesse schon stattgefunden haben, können wir ihn nicht mehr verwenden. Oder nach einer Obduktion. Da ist der Körper für unsere Zwecke schon zu stark zerstört. Das passiert aber nur ganz selten.

Wie schnell müssen Sie die Körper erhalten?

Im Durchschnitt ist ein Körper zwei bis drei Tage tot, wenn er zu uns gelangt. Das ist vollkommen in Ordnung. Man muss aber wissen: Bei heißen Jahreszeiten geht die Verwesung schneller vonstatten. Auch bestimmte Erkrankungen wie Krebs beschleunigen sie.

Sie kennen einige Körperspender persönlich. Wie ist das für Sie, wenn der Körper eines solchen Menschen vor Ihnen liegt?

Es berührt einen stets, wenn man einen Toten kennt. So sehr Profi kann man gar nicht sein, dass einen das kalt lässt.

Hat sich Ihre Einstellung zum Tod durch Ihre Arbeit geändert?

Ich werde das sehr oft gefragt. Früher habe ich tatsächlich geglaubt, dass ich durch meine Arbeit anders mit dem Tod umgehe. Ich hielt mich für abgeklärter. Als meine Eltern gestorben sind, habe ich gemerkt, dass ich nicht anders reagiere als jeder andere Mensch auch. Ich habe am eigenen Leib gespürt, dass der Tod eine emotionale Dimension hat, die man nicht vorwegnehmen und vorab überhaupt nicht einschätzen kann. Was sich durch meine Arbeit sehr wohl geändert hat, ist meine Einstellung zum Leben. Ich bin heute demütiger und dankbar für das, was ich jeden Tag erleben darf.

Handeln die Körperwelten also mehr vom Leben als vom Tod?

Die Ausstellung handelt vom Leben. Das mag paradox klingen. Aber am Eingang zu anatomischen Hallen steht oft der Spruch: „Hier hilft der Tod den Lebenden.“ So verstehen wir auch die Körperwelten. Was wir den Besuchern anbieten, ist eine Selbstbetrachtung ihres Körpers ohne Spiegel.

Körperwelten - Die Ausstellung

Ab 9. Juni gastiert "Körperwelten - Am Puls der Zeit" in Innsbruck. Flexi- und Zeitfenster-Tickets gibt es bei oeticket.com.

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