Bild: oeticket/Stefan Kuback
Die deutschen Elektropioniere Kraftwerk brachten ihr “Boing Bumm Tschak” nach Bregenz. Statt der gewohnten Oper fand am 15. September ein elektronisches Gesamtkunstwerk Einzug auf der Seebühne: Visuell wie akustisch beeindruckend.
Dort, wo in den Sommermonaten üblicherweise Oper am Programm steht, ging diese Woche Dienstag ein ganz besonderes Gesamtkunstwerk über die Bühne: “La Traviata” von Giuseppe Verdi war bereits Ende August im Rahmen der 80. Bregenzer Festspiele ausgelaufen und die malerisch gelegene Seebühne nun geöffnet für ein wahrlich einmaliges Happening der Elektropioniere Kraftwerk aus Düsseldorf.
Dass sich Kraftwerk – nach Auftritten vergangenen Dezember im Salzburger Festspielhaus, im Sommer 2024 vor Schloss Schönbrunn und 2018 im burgenländischen Römersteinbruch – erneut eine eindrucksvolle Kulisse für ihr Konzert erwählten, ist freilich naheliegend: Bei Kraftwerk geht es um deutlich mehr als um ein klassisches Konzert, sie verbinden ihre ohnehin schon unikale elektronische Musik mit unvergleichlichen Animationen, Projektionen und nicht zuletzt auch Performance-Kunst. Ihre unikale Ästhetik macht ihre Auftritte zu einem audiovisuellen Gesamterlebnis, das auch von der Örtlichkeit, der Fassade, selbst lebt. So auch in Bregenz: Vor dem Bodensee trafen da ihre kühlen, präzisen Klangwelten bei nächtlichem Kaiserwetter auf eine der ausdrucksstärksten Freiluftbühnen – wenngleich leider der markante Bühnenaufbau der Opernproduktion – der “zerbrochene Spiegel” – wider Erwarten nicht harmonisch integriert wurde.
Kraftwerk live auf der Seebühne Bregenz. Fotos: Stefan Kuback/oeticket
Aber sei’s drum: Kraftwerk gelten seit ihrer Gründung im Jahr 1970 als prägende Kraft der elektronischen Musik. Mit ihrem synthetischen Vibe und ihrem konsequent futuristischen, wegweisend-programmatischen Stil beeinflussten sie ein Gros der Populärmusik – vom Techno bis in den Hip-Hop. Titel wie “Autobahn”, “Das Model” und “Die Roboter” sind weit über die Grenzen der elektronischen Musik hinaus bekannt, und gerade die “livehaftige” Inszenierung ihres Gesamtkunstwerks verbildlicht ihren künstlerischen Anspruch an ein multimediales Kunstverständnis: Mensch und Maschine (so bekanntlich auch einer ihrer renommiertesten Titel) greifen bei Kraftwerk Hand in Hand.
Dass das letzte reguläre Album – “Electric Café” aus dem Jahre 1986 – nun schon fast musealen Charakter hat und von der klassischen Besetzung nur mehr Ralf Hütter Teil dieses Viergespanns ist, tut diesem wuchtigen Gesamtkunstwerk keinen Abspruch: Von Krawattenzwang und Abendgarderobe war, wenngleich sich Kraftwerk seit Jahrzehnten im hochkulturellen Umfeld bewegen, wenig zu sehen – das internationale und überwiegend männliche, ältere Publikum kam zuvörderst in verwaschenen Bandshirts von Kraftwerk und Artverwandtem gewandet. Wie weit das popkulturelle Renommee greift, zeigte sich da etwa an einem der Besucher, der ein Shirt zum Album mit dem Titel “Nagelbett” der Band Autobahn trug – eine fiktive deutsche Techno-Band aus dem Hollywood-Film “The Big Lebowski”, die natürlich Kraftwerk Tribut zollt.
Ihnen allen – der Fächer vor der Bühne war bis auf die Randplätze gut gefüllt – wurde an diesem lauen Spätsommerabend pünktlich zum Hauptabendprogramm eine wahre Messe kredenzt: Kaum, dass Ralf Hütter mit seinen Kompagnons Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongratz in leuchtenden Netzgitter-Anzügen auf der Bühne stand, war Dank der wuchtigen, dabei aber glasklaren Lautstärke ganz Bregenz schon in diese prophetische Tonkunst gehüllt.
Natürlich sind bei Kraftwerk einige – man weiß nicht wirklich, wie viele – der Klänge so vorbereitet, dass sie nur abgerufen werden müssen, aber dass nicht nur Maschinen, sondern tatsächlich Menschen am Werk sind, wurde deutlich, als ausgerechnet bei “The Man-Machine” ein Sample zur falschen Stelle eingespielt wurde, was aber wohl nur den Hartgesottensten im Publikum aufgefallen sein dürfte. Dazu gab es auf der meterhohen Leinwand zu jedem der Stücke speziell animierte Clips – mal rasant, mal avantgardistisch, immer ein bisschen angenehm aus der Zeit gefallen –, die die Pracht des Oeuvres nochmals unterstrichen: Insbesondere, als im letzten Konzertdrittel der “Trans-Europa Express” über den See rauschte, war auch die visuelle Omnipotenz bis ins tiefste Innere spür- und erlebbar.
Die Werkschau, die da innert einer Doppelstunde auf die Bühne und ins Publikum gehievt wurde, folgte zwar keiner stringenten Logik, zeigte aber erneut, dass die Stücke aus den Achtzigern mit ihrer Atomkraft- und Technologiekritik über die Jahrzehnte hinweg nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben. Die Zuschauer goutierten dies derart, dass sie schließlich sogar in den Sog gezogen und zu Mitwirkenden wurden: Für die letzten Stücke versammelte sich eine tanzwütige Menge direkt im Graben vor den Musikern und ließen zu den pulsierenden Krachern “Boing Boom Tschak”, “Techno Pop” und “Musique Non Stop” ihrer Ekstase freien Lauf.
Apropos Ekstase: “Nachlassverwalter” Ralf Hütter zeigte sich diesmal ebenfalls für seine Verhältnisse fast schon entrückt. Nicht nur, dass er vor dem Cover des Filmmusik-Titels “Merry Christmas Mr. Lawrence” (mit David Bowie in der Hauptrolle), eine kleine Hommage an den 2023 verstorbenen Ryūichi Sakamoto, einige Worte ans Publikum richtete: Den japanischen Komponisten lerne er 1981 bei ihrem ersten Konzert in Tokio kennen, man wurde Freunde und er übersetzte ihr “Radioaktivität” sogar ins Japanische. Mit solcher Einlassung verließ Hütter seine traditionelle Rolle als sonst anonymer Teil einer Menschmaschine, als welche sich Kraftwerk geradezu Roboter-artig präsentiert. Zudem wippte Hütter, den man üblicherweise wie auch seine drei Mitmusiker als stoische, bewegungslose Säule auf der Bühne wahrnimmt, fast durchgehend mit seinem rechten Bein: Es scheint, dass er in seinem achtzigsten Lenz nun fast schon eine kindliche Freude an seinem Schaffen wiedergefunden hat – was sich auch dadurch zeigt, dass sich erneut und bereits früh in der Setlist “Tango” findet, ein unveröffentlichtes Instrumentalstück aus der Wüste der Neunziger, als Kraftwerk für einen Moment “ziemlich lost” waren, wie es der mich begleitende Kollege Sebastian Fasthuber von der Wochenzeitung Der Falter trefflich auf den Punkt brachte.
Mit dieser akustischen wie visuellen Pracht bewiesen Kraftwerk in Bregenz erneut, dass man modernen Pop-Produktionen zum Trotz wohl noch lange nach einem Act suchen wird müssen, bei dem das Gesamtkunstwerk dermaßen fasziniert und beinah erdrückt: Dieses hat kein Ablaufdatum, die Eleganz der Arrangements ist alles andere als “retro”, und nicht nur zeitlos – sondern stringent brandaktuell. Das Fundament, das Kraftwerk für Populärmusik vor fünf Jahrzehnten gelegt haben, ist mittlerweile zu einem Haus gewachsen, einem futuristischen Bau, vor dem man selbst als Erwachsener mit staunenden Kinderaugen steht und den Kopf in die Höhe reckt. Denn Kraftwerk lösen mit ihrer Grätsche zwischen Menschen und Maschine immer noch ein unglaubliches Sentiment aus: ein pulsierendes Nachhallen im Kopf.