Bild: James Minchin III. / Warner Music
Am 15. November veröffentlichen Linkin Park ihr neues Album "From Zero", bereits heute - und somit einen Tag zuvor - verkündet Ewald Tatar, Veranstalter des größten heimischen Rock-Festivals Nova Rock, jedoch eine weitere herausragende Nachricht: Linkin Park werden eine der Hauptattraktionen am Nova Rock 2025 sein und somit verspricht das Headliner-Viergespann bestehend aus Korn (Mittwoch), Linkin Park (Donnerstag), Slipknot (Freitag) und Electric Callboy (Samstag), das Festival zu einem der stärksten seiner Geschichte zu machen. Aber natürlich nicht nur sie allein: Mit Fallin In Reverse, Rise Against, Jinjer, Poppy, Kittie, Powerwolf, Refused, Lorna Shore, In Flames und vielen mehr hat das Nova Rock-Team für kommendes Jahr ein nicht nur amtliches, sondern vor allem auch äußerst fettes Line-Up gezaubert.
Aber: Wie klingt denn nun "From Zero"? Natürlich wollen wir kommendes Jahr am Festivalacker die Klassiker "In The End", "Numb", "What I've Done", "One Step Closer", "Crawling" und Co. hören - das ist bekanntlich bei jeder Band, die schon einige Jahre und Jahrzehnte am Buckel hat, so, dass die alten Hits immer die Fan-Favorites bleiben werden. Aber finden sich auf "From Zero" auch Songs, die das Potential zum modernen Klassiker haben?
Klar, Linkin Park haben sich einen vielleicht nicht vollends glücklichen Zeitpunkt ausgesucht, um die Wiedervereinigung anzukündigen: Immerhin haben dies die Gallagher-Brüder fast zeitgleich auch getan, und Oasis waren plötzlich wieder in sämtlichen (zumindest europäischen) Medien so groß präsent wie sonst nur Rammstein-Kontroversen oder Promi-News von Taylor Swift.
Allerdings muss man ja auch nicht zwingend stets Vergleiche ziehen, und zwischen nölendem Britpop und cinematisch-zerbrechlichem Nu Metal liegen schließlich auch Welten. Insofern: Lassen wir die Rüpelbrüder einmal links liegen und fokussieren uns auf den Wendepunkt von Linkin Park: Ja, nach dem Tod von Chester Bennington stand die Band vor der wohl schwierigsten, fast unmöglichen Aufgabe - wie kann man weitermachen, sich verändern, ohne sich selbst zu verlieren? Die Antwort war rückblickend wohl relativ einfach getroffen: Mit einer Frau am Gesang, die zwar ähnlich kraftvoll und nuanciert, dabei aber vollkommens anders klingt als das verstorbene Vorbild, gelingt es Linkin Park eben genau diese sehr fragile Waage zu halten. Bennington zu kopieren, das wäre eine hanebüchene Idee gewesen - vielmehr kommt seine Nachfolgerin aus der Hardcore- und Metal-Schiene und schafft es Schritt für Schritt auch live immer mehr, sich vom Damals radikal zu trennen, das Gefühlvolle aber dennoch ins Heute zu transportieren. "Die klingen ja jetzt ganz anders", hört man gern auf Social Media - und klar, "From Zero" ist nicht "Hybrid Theory". Doch das liegt nicht nur am fehlenden Chester Bennington oder an den Pop-Eskapaden der vergangenen Jahre von Mike Shinoda, sondern einfach nur daran, dass die Romantisierung nun auch schon 20 Jahre am Buckel hat.
Mit "From Zero" liefert Linkin Park eine logische Weiterentwicklung ab, aber auch eine mutige und vielseitige Platte, die ihren Fans ein breites musikalisches Spektrum bietet und die musikalische Entwicklung der Band eindrucksvoll dokumentiert. Die Entscheidung, vier Singles auszukoppeln – „The Emptiness Machine“, "Heavy Is The Crown", "Over Each Other" und "Two Faced" – gibt einen gezielten Vorgeschmack auf die Dynamik des Albums. Diese Titel sind kraftvoll und energiegeladen, und die freigesetzte Energie erinnert gar stellenweise, wenngleich etwas verhaltener, an die Intensität der Frühphase von Linkin Park. Besonders „Heavy is the Crown“ strahlt eine rohe Energie aus, die Linkin Park auf diesem Album wie selten zuvor freigesetzt zu haben scheint.
„The Emptiness Machine“ ist dabei ein echtes Highlight und könnte als einer der besten Songs im gesamten Band-Katalog gelten. Auch „Casualty“ bringt eine enorme Härte in das Album, mit seinen Korn-ähnlichen Gitarren und Stakkato-Riffs, die fast schon Hardcore-Anklänge besitzen - und gerade im Celebrity Deathmatch zwischen Shinoda und Armstrong brüllt Linkin Park 2.0 geradezu danach, wie Phoenix aus der Asche auferstanden zu sein. Dieser Titel, sofern sie in live spielen werden, verspricht, Erinnerungen an die Neunziger auf die burgenländischen Acker zu bringen – energisch, lebendig und authentisch, Alternative so wie man ihn kennen und lieben gelernt hat. Fans der alten Tage kommen auch mit „Two Faced“ voll auf ihre Kosten. Der Song folgt der bewährten "Meteora"-Formel und bringt klassische Elemente wie ein markantes Gitarrenriff, einfache Rap-Parts, Vocal Scratches und einen großen Refrain. Nach einer flüsternden Passage mündet der Song direkt in einen explosiven Scream, wie man ihn aus den frühen 2000ern kennt. „Two Faced“ könnte problemlos gar auf "Hybrid Theory" stehen und zeigt, dass Linkin Park den Nu-Metal-Sound authentisch und modern wiederbeleben können. Ein weiteres starkes Stück ist „Over Each Other“, eine monumentale Ballade mit Industrial-Rock-Anleihen. Armstrongs Stimme steht hier im Vordergrund und entfaltet ein eindrucksvolles Spektrum, auch ohne den großen emotionalen Ausbruch. Ihre Stimme bleibt intensiv und dramatisch, was dem Song eine unvergleichliche Dynamik verleiht.
Ein wenig abseits vom Standard-Powerformat bewegt sich „Cut the Bridge“. Im Vergleich zum direkt vorhergehenden „The Emptiness Machine“ wirkt dieser Song fast verloren und kann im Refrain nicht den gleichen Druck aufbauen. Doch gerade auf Albumlänge macht auch ein solcher Track Sinn, da er den übrigen Songs mehr Tiefe verleiht und die Struktur der Platte auflockert. Apropos Tiefe: „Overflow“ liefert eine gelungene Überleitung zwischen dem kraftvollen ersten Teil des Albums und den sanfteren, introspektiven Titeln. Unterlegt mit sphärischen Key-Klängen entfaltet sich ein völlig neuer Sound und zeigt eine moderne Seite der Band. Auf „Stained“ setzen Linkin Park auf eine kraftvolle Halbballade mit Single-Potenzial, die das bombastische Element der Band bewusst nur teilweise ausschöpft.
Zum Abschluss geht "From Zero mit „Good Things Go“ in eine epische, fast schon balladeske Richtung. Der Song greift das emotionale Vermächtnis der Band auf, bleibt melodisch und pompös und schafft so einen würdigen Abschluss der Platte. Trotz seiner abwechslungsreichen Stilrichtungen wirkt das Album als Einheit, die den gesamten Sound von Linkin Park auf eine neue Ebene hebt.
Linkin Park liefern mit "From Zero" also ein grundsolides, facettenreiches Album, das sowohl altgedienten Fans als auch neuen Hörern einiges bietet. Besonders Emily Armstrong, die als klare stimmliche Bereicherung die Stücke auf neue Art interpretiert, zeigt hier ihr Talent (und wir klammern an dieser Stelle und in unserer akustischen Euphorie einmal bewusst ihre privaten Verwirrungen aus, die tun an dieser Stelle nichts zur Sache). Einzig und allein Mike Shinodas Gesangseinlagen hätten etwas zurückhaltender ausfallen können, da sein begrenzter Stimmumfang auf Albumlänge auffällt. Und Colin Brittain hätte man mehr Raum geben müssen: Gerade hinsichtlich Rhythmusfraktion haben Linkin Park auch schon einmal deutlich druckvoller geklungen, als es hier möglich gewesen wäre - da bleibt einiges an Potenzial in Punkto Produktion ungenutzt, wobei: Die Spielfreude und der neu gefundene Zusammenhalt der Band ist eindeutig heraushörbar!
Linkin Park wurden 1996 unter dem Namen Xero in Kalifornien gegründet und gelten heute als eine der größten Vertreter des Nu Metals, Alternative Rocks, sowie Electro/Rap-Rocks. Nachdem 1999 Chester Bennington zur Band als Frontsänger dazu stieß, benannte sich die Band zunächst in Hybrid Theory und kurz darauf in Linkin Park um. "Hybrid Theory" wurde der Titel des Debütalbums 2000, das ihnen auch internationalen Durchbruch verschaffte. "One More Light" wurde das sechste und vorläufig letzte Album der Band, nachdem am 20. Juli 2017 Chester Bennington verstarb.
Im September 2024 gaben Linkin Park ihr Comeback bekannt, die Band besteht derzeit aus den Gründungsmitgliedern Mike Shinoda (Gitarre, Gesang), Brad Delson (Gitarre; wird live von Alex Feder ersetzt), Dave Farrell (Bass) und Joseph Hahn (DJ), sowie Colin Brittain (Schlagzeug) und Emily Armstrong (Gesang).