Bild: SLASH Filmfestival
Lucrecia Dalt findet Schönheit im Delirium und liefert den Soundtrack zu einem cineastischen Jahreshighlight: „Rabbit Trap“, ein "trippy Folk-Horror-Film über die Kraft des Klangs", feiert in Österreich in wenigen Tagen am SLASH Filmfestival Österreich-Premiere.
Am 25. September feiert mit „Rabbit Trap“ das Langspiel-Debüt von Bryn Chainey im Rahmen des SLASH Filmfestivals in Österreich Premiere – bereits jetzt, kurz davor, erschien via Invada Records (vorerst nur digital) der Soundtrack dazu: Erschaffen wurde die begleitende Filmmusik von der kolumbianischen Klangkünstlerin Lucrecia Dalt, die 2022 mit „¡Ay!“ eines der besten Indie-Alben des Jahres vorgelegt hat und erst kürzlich mit dem cineastischen „A Danger to Ourselves“ Nachschlag – und gleichzeitig eine Erkundung der menschlichen Psyche als eine seltsame und unheimliche Landschaft – geliefert hat.
Bevor Lucrecia Dalt zu einer international umjubelten, wenngleich überaus experimentellen Musikerin und Indie-Filmkomponistin („The Seed“, 2002) wurde, arbeitete sie als Geotechnik-Ingenieurin in ihrer Heimat Kolumbien. Angeseilt stieg sie da bis zu 20 Meter tief unter die Erde hinab, um das Grundgestein zu inspizieren. „Wegen des Wasserpegels konnte es dort unten regnen“, erzählte sie Pitchfork vor drei Jahren. „Ich habe dieses Gefühl geliebt.“ Ein Gefühl und eine Perspektive, die durchaus auch in ihren Klängen wiederzufinden ist.
Aufgewachsen ist sie an der Seite einer Mutter, die leidenschaftliche Schallplatten-Sammlerin war und an der Seite eines Vaters, der Amateurfunker war: „Frequenzen“ und „Klänge“ spielten also schon in der frühkindlichen Prägung eine prominente Rolle, gerade die absonderlichen und verqueren. Und so findet Lucrecia Dalt heute noch, auch wenn sie ihr Ingenieurs-Equipment längst zur Seite gelegt hat, immer noch Wege, die Welt aus einer einzigartigen Perspektive zu betrachten – was ihre Musik so besonders macht.
So folgt ihr bereits angesprochenes Album „!Ay!“ etwa der außerirdischen Entität Preta, die in einem Wirtskörper aus verdunsteten Hautzellen der Hydrosphäre auf die Erde herabsteigt: In diesem fleischlichen Kostüm erlebt Preta Offenbarungen über Schwerkraft, strömendes Wasser und die Weite geologischer Zeit. Wer außer Lucrecia Dalt käme sonst auf so ein Konzept?
Ihr neues Album „A Danger to Ourselves“, das am 5. September erschienen ist, ist wiederum eine Erkundung menschlicher Emotionen zwischen Lust und Angst, erwachsen aus Nachrichten, die sie ihrem Partner, dem britischen Musiker David Sylvan schickte.
Neben der Filmmusik zu „Rabbit Trap“, der in wenigen Tagen im Rahmen des SLASH Filmfestivals auch in Österreich gezeigt wird, schrieb sie zuletzt auch die Filmmusik für „On Becoming a Guinea Fowl“, ein wunderbar surreal-poetisches Sozialdrama, das hierzulande etwa im Rahmen der letztjährigen Viennale zu sehen war.
Der keltische Folk-Horror-Film „Rabbit Trap“ ist das Langspielfilm-Debüt von Bryn Chainey, als Produzent tritt unter anderem Elijah Wood (Frodo aus „Der Herr der Ringe“) in Erscheinung. In den Hauptrollen spielen Dev Patel („Slumdog Millionär“, „Lion – Der lange Weg nach Hause“), Rosy McEwen (aus dem „Rosemary’s Baby“-Prequel „Apartment 7A“) und Jade Croot.
Als Eröffnungssequenz hören wir da lediglich eine Stimme sprechen: „Mit deinen Augen betrittst du die Welt. Mit deinen Ohren betritt die Welt dich.“ Es folgt ein akustisches Bombardement, ein kontrolliertes Chaos von Daphne, die mit ihrem Mann Darcy in ein abgelegenes Haus in Wales gezogen ist und für ihr neues Album Klänge aus der Natur mit den ihrigen, handgemachten vermischen möchte. Doch ihre Anwesenheit, ihre Aufnahme eines ätherischen Geräusches in der Natur, stört alte Geister – woraufhin ein namenloses Kind an ihrer Tür erscheint, sich in ihr Leben einschleicht und Risse in der Beziehung und der Welt offenlegt …
Der Klang – seine betörende, aber auch verstörende Kraft, seine Intensität und Urgewalt – steht bei „Rabbit Trap“ also thematisch, aber auch tatsächlich im Fokus: Er öffnet die Tore zu etwas Dunklem und Übernatürlichen – die Klänge selbst stammen eben von Lucrecia Dalt, die gemeinsam mit Sounddesigner Graham Reznick einen ohrenbetäubenden Abgrund erschaffen hat. „The cosmic intensity of composer Lucrecia Dalt’s score immerses the audience in Daphne’s chaotic creative process – with one sex scene set to faery music that feels like a euphoric acid trip”, heißt es da etwa in einer Kritik von deadline.com. Und körperlich fühlt auch slugmag.com mit, wenn sie schreiben: „The humming, droning ambient noise and unnerving loops of garbled fairy chatter reverberated in my bones, creating high stakes when there were little to begin with.”
Lucrecia Dalts Soundtrack lebt von unheimlichen Verzerrungen und ätherischen Klagen, die selbst den natürlichsten Bildern des Films etwas Unheimliches verleihen oder in den Surrealismus hinein verzerren: Bei ihr verwesen die Töne, sobald sie über Hammer, Amboss und Steigbügel donnern und erwecken in unserem Kopf Bilder einer Gute-Nacht-Geschichte, die uns endlich wieder das wahre Gruseln lehrt - und lassen “Rabbit Trap” wohl zu einem bildlichen, wie auch klanglichen Highlight am diesjährigen SLASH Filmfestival gereichen.
Klanglich spannend wird es übrigens schon im Anschluss nach dem Eröffnungsfilm “Welcome Home Baby” von Andreas Prochaska ("Das finsere Tal" und das Doppel “In 3 Tagen bist du tot”), am 18. September im Foier des Gartenbaukino: Im Anschluss an den Film stellt FM4-Journalist und Musiker Christian Fuchs (Fetish 69, Bunny Lake) sein neues Bandprojekt vor.
Und am 19. September, bei “One-Way Ticket to the Other Side” im Filmcasino, wird es ebenfalls cineastisch und musikalisch: Jérôme Vandewattyne und Séverine Cayron, Power Couple des psychotronischen Kinos, machen als Dark-Wave-Formation Pornographie Exclusive auch Musik. Da lag es natürlich nahe, andere idiosynkratische Filmemacher*innen um kurze Arbeiten, inspiriert von den Tracks ihres Debütalbums, zu bitten. Dem Aufruf gefolgt sind etwa der verlässlich visionäre Edgar Pêra, Exploitationkino-Legende Buddy Giovinazzo sowie der Österreicher Andreas Horvath, die jeweils ihr Scherflein dazu beitragen, dass dieses Filmexperiment trotz minimalen Budgets maximal fetzt. Richtig dunkelmagisch wird es dann, wenn die Band ihre Songs live zum Film performt (Kino-Konzert) - und so eine unheilige Allianz zwischen Leinwand-Flirren und Bühnen-Beben entsteht.