Bild: Vinyl & Music Festival
Seit über 10 Jahren ist das Ottakringer Vinyl & Music Festival Anfang März Treffpunkt für Musikliebhaber*innen - nicht nur für Sammler*innen von “schwarzem Gold”, sondern auch für all jene, die bei Livemusik noch ein Stück mehr spüren.
In Zeiten der Inflation und der Digitalisierung darf man es ja fast nicht mehr laut sagen, aber die wöchentlichen Plattenbestellungen gehören bei mir zu den Fixkosten wie das täglich Brot. Und auch im engen Freundeskreis hört man die geliebten Ehefrauen nicht selten seufzen, wenn der Göttergatte höchstgradig erregt erneut mit einem Stoß an neuen Schallplatten in den ohnehin schon gut gefüllten eigenen vier Wänden auftaucht. Da folgt dann zwangsweigerlich die weltfremde, beinahe schon als keck und pampig einzuordnende Nachfrage, ob die x-te Pressung von etwa Neil Young's “Harvest” denn wirklich nottue - oder (wenn das Fräulein Tochter mit beim Plattendealer war) ob man das neue Album von Taylor Swift tatsächlich in 10 unterschiedlichen Farben benötigt.
Aber auch abseits von meinem Freundeskreis, den Außenstehende vielleicht nicht selten als skurrile Sonderlinge abtun mögen, boomt der Schallplattenverkauf - so sehr, dass zuletzt in Corona-Zeiten die Presswerke die Nachfrage nur schwer decken konnten. Kein Wunder: Superstars veröffentlichen ihre neuen Alben in zahlreichen Versionen und setzen selbst im Streamingzeitalter davon Unmengen ab, Metallica kauften sich kurzerhand gar ein eigenes Presswerk, um nicht mehr vom Markt abhängig zu sein.
Aber nicht nur die Superstars, auch der Mittelstand an KünstlerInnen und selbst Proberaum-Bands setzen neben Streaming auch fürderhin verstärkt auf Vinyl (und Kassette, nebst der banalen CD): Die angesprochene Käuferschicht bleibt im Fall des Falles lieber ein paar Tage bei Nudeln mit Tomatensauce, als auf das nächste Vinyl fürs Regal oder gar als “It-Peace” für die Wand-Dekoration zu verzichten.
Und so kommt es nicht von ungefähr, dass das Vinyl & Music Festival in der Wiener Ottakringer Brauerei vom großen Erfolg und Zuspruch verwöhnt erneut - dieses Jahr am 7. und 8. März - seine nächste Runde zwischen Hopfen, Malz und Gerste aus dem Sechzehnten Hieb dreht, sich dort “alte Männer”, die mit Vinyl aufgewachsen sind, jungen Indie-Mädchen die Klinke in die Hand geben - um mit einem Augenzwinkern einmal ein Klischee zu droppen. Soll heißen: Vinyl ist nicht (nur) von gestern, sondern auch von heute und morgen. Vinyl, das wird nicht nur verkauft, wenn Beatles, Elvis, AC/DC oder The Rolling Stones draufsteht, sondern auch, wenn Namen wie eben Taylor Swift, Rosalía, sombr oder Billie Eilish in großen Lettern am Cover prangen. Und (knospende) Vinyl-Sammlungen sind, und das ist vielleicht noch schöner: geschlechtsunabhängig. Gerüchte besagen, dass eine der jugendlichen Töchter im Freundeskreis schon ein eigenes Regelfach benötigt und der Vater fürchtet, dass einige seiner Schätze kommentarlos und selbständig annektiert werden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Kernstück des Vinyl & Music Festivals sind selbstverständlich die Plattenkisten zahlreicher nationaler und internationaler Plattenverkäufer: An über 100 Ständen kann der geneigte Besucher (und eben auch: die geneigte Besucherin!) zwischen Raritäten und Neuerscheinungen stöbern. Ganz gleich, ob man einfach nur das neue Album von Bruno Mars sein Eigen nennen möchte, oder auf der Suche nach der japanischen Erstpressung des Stones-Debüts ist: Hier wird man definitiv fündig - das Genre spielt keine Rolle! Nahtlos aneinander gereiht findet man hier Pop oder Indie, Rock und Metal, Schlager aus den Fünfzigern bis heute oder Filmmusiken.
Dass zudem einige österreichische Labels ihre Bands beim Indie Label Markt zudem in den Fokus rücken, ist da noch ein weiterer Mehrwert: Denn der “heißeste Scheiß" kommt nicht immer ausschließlich aus Übersee, sondern auch hierzulande finden sich immer wieder tolle Bands und Künstler*innen. Eine kleine Empfehlung an dieser Stelle: Schaut bei Tape Capitol Music vorbei und fragt nach “Polaroid Style” von ELAV, bei Noise Appeal droppt ihr am besten den Namen “Christian Fuchs” mit seinen zahlreichen Bands und bei Konkord sucht unbedingt nach Bad Ida!
Aber auch all jene, die selbst Hand anlegen und Musik machen, sind in der Ottakringer Brauerei gut aufgehoben: Im Instrumente Salon werden zahlreiche handgefertigte Instrumente feilgeboten - von individuellen Streich- und Zupfinstrumenten über natürlich E-Gitarren bis hin zu Schlagzeugen.
Wenn bei all diesem Programm der kleine oder große Hunger und Durst sich melden: Natürlich ist in der Beats ‘n’ Bites Area bei zahlreichen Streetfood-Ständen und Bars auch dafür gesorgt, dass man zwischen all der Musik nicht hangry wird!
Aber natürlich steht nicht nur die gepresste Musik im Fokus, sondern auch die Livemusik: Immerhin gehört der Slogan “Live spürt man mehr” schon fast zum heimischen Volksmund dazu. Und so werden an beiden Tagen insgesamt über ein Dutzend Bands auf der Bühne der Ottakringer Brauerei stehen, die es zu entdecken lohnt. Ein paar Highlights gefällig?
Da ist einerseits Julia Steen live zu hören, eine Kärntnerin mit fantastischer Stimme - und die gerade eben erst in der Endauswahl für den österreichischen ESC-Vorentscheid stand. Aber auch Christian Fuchs ist mit einer seiner Bands vertreten, nämlich den Buben im Pelz - für Fans von The Velvet Underground ein absolutes Muss! Da kann man sich dann auch gleich die zuvor am Stand erstandenen Platten signieren lassen! Auch für Bad Ida habe ich bereits eine Empfehlung ausgesprochen - bevor man sich bei Konkord die Platte checkt, kann man sich noch von ihren Livequalitäten überzeugen - aber bei ihrer gelungenen Mischung aus Soul, RnB, Rock und Blues wird dies wohl ziemlich schnell passieren! Wer hingegen bei jazzig-progressiven Klängen lieber ins Nirwana rauscht, der wird beim Wiener Quartett Cadû auf eine wundersame Reise eingeladen, während Freunde von keltisch-irischer Tradition bei Spinning Wheel vollends auf ihre Kosten kommen.
Das komplette Liveprogramm liest sich wie folgt:
Samstag, 7. März:
13:00 Navajos Blues Band (Open Air Stage)
14:00 The Makers (Open Air Stage)
14:30 Tünde Jakob (Gerstenboden)
16:00 Bruther (Open Air Stage)
16:30 The Morricones (Gerstenboden)
17:00 Krooked Tooth (Open Air Stage)
18:30 Kindlein (Gerstenboden)
18:30 Die Buben im Pelz (Open Air Stage)
Sonntag, 8. März:
11:00 Bad Ida (Open Air Stage)
14:00 Spinning Wheel (Open Air Stage)
14:30 Mr Unbekannt (Gerstenboden)
16:00 Julia Steen (Open Air Stage)
16:30 Cellyfish (Gerstenboden)
17:00 Cadû (Open Air Stage)
Festivalpässe für beide Tage sind um 32,50 Euro bei oeticket erhältlich, die Tageskarte für Samstag kostet 18 Euro, die für Sonntag 15 Euro. Für Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr ist der Eintritt frei: Da kann man das Taschengeld dann gleich für die vielleicht erste Platte investieren.
Ein kleiner Hinweis am Rande: Während bei den meisten Ständen Kartenzahlung möglich ist, empfiehlt es sich, für den Notfall zumindest einen Notgroschen in bar eingesteckt zu haben!