Bild: Lusterboden / Erwin Miglinci Bild: Lusterboden / Erwin Miglinci
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Lusterboden zelebriert das Wienerlied

24.02.2025 von Stefan Baumgartner

Im zarten Alter von 13 Jahren haben sich Florian Klingler und Merlin Miglinci beim Erich-Kästner-Stück „Pünktchen und Anton“ auf der Probe-Bühne im Dachgeschoss des Burgtheaters, dem sogenannten Lusterboden, kennengelernt. Seitdem ist nicht nur viel Wasser die Donau hinabgeflossen – für Zahlenfetischisten: grob 1,5 Billionen Kubikmeter – sondern auch ein paar Weiße Spritzer die Kehlen der jungen Wiener, die mittlerweile Anfang 20 sind und vergangenes Jahr dem Lusterboden auch ein musikalisches Gewand verpasst haben. 2024 erschien nämlich ihr erstes gemeinsames Musikalbum „Sturz auf Wien“ – ihrer Generation zum Trotz ganz im Geiste des archaischen Wienerlieds.

Das Wienerlied

Das Wienerlied, eine äußerst bodenständige Gattung, die Wien nebst der international gerühmten Klassik wie kaum eine andere musikalisch geprägt hat, erzählt vom ambivalenten Leben der Wiener Bevölkerung – vom alltäglichen Wirrwarr, den Höhen und Tiefen. Seit seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert steht es für ein Wien zwischen Eleganz und Melancholie, einem Schuss Ironie und viel „Schmäh“. Seinen Ursprung hat das Wienerlied in den 1830ern, als die „Schrammeln“ (daher auch das Name des beliebten niederösterreichischen Schrammel.Klang.Festival) die Wiener Lokale unsicher machten. Das Duo Johann und Josef Schrammel, zwei Geigen spielende Brüder, entwickelten einen Stil, der sowohl die Volksmusik als auch Elemente des Walzers und der Polka integrierte. Mit Themen wie „Wein, Weib und Gesang“ wurde das Wienerlied zum Sprachrohr der einfachen Leute und fand in einer Stadt, die am Aufbruch in die Moderne stand, sein Publikum. Die Texte wurden von der sozialen und politischen Realität beeinflusst: Das Wienerlied beschönigte nichts und behandelte mit einer charmanten Leichtigkeit auch die raueren Seiten des Lebens. Doch diese Volksnähe und Authentizität wurden in den folgenden Jahrzehnten zunehmend von einer romantisierten „Wiener Gemütlichkeit“ überlagert, einer sentimentalen Vorstellung von Wien als Stadt der Heurigen, des Weins und der Melancholie.

Obwohl das Wienerlied tief in der Kultur der Stadt verankert ist, trägt es heute einen Anstrich von Nostalgie und wird (zumindest in seiner ursprünglichen Form) oft als „angestaubt“ wahrgenommen. Es wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, einer Stadt, die in ihrer Ironie verharrt und wenig Raum für aktuelle Themen bietet und es somit für jüngere Generationen schwer greifbar macht. Doch es befindet sich im Wandel – wie auch die Stadt selbst. Geblieben ist freilich die „Wiener Seele“, mit einem Hauch aus Traurigkeit und Resignation. Dank Künstler*innen wie Voodoo Jürgens, Nino aus Wien (dem „Bob Dylan vom Praterstern”), Ernst Molden, Ursula Strauss, Clara Luzia und Bands wie Wanda oder Die Strottern hat das Wienerlied ein neues, zeitgemäßes Gesicht bekommen: Sie greifen typische Elemente des Wienerlieds auf – den Schmäh, die Ironie, die Melancholie – und vermischen sie mit Pop-, Indie- und Rock-Elementen. Statt Akkordeon erklingen E-Gitarren, und die Themen haben sich gewandelt: Die Romantisierung des Wiener Alltags wird gebrochen, die Texte sprechen von Vereinsamung, Exzess und Entfremdung in der modernen Stadt. Das heutige Wienerlied bewegt sich also auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und Innovation, die Musiker des „neuen Wienerlieds” schätzen die Wurzeln, stauben das antiquierte Zeitdokument ab und laden die Nostalgie so auf mit Versatzstücken, die den Gedanken einer kosmopolitischen und digitalen Generation anspricht.

Lusterboden

Florian Klingler und Merlin Miglinci ist ihrem Alter zum Trotz der ureigene Charme des Wienerlieds bereits in die Wiege gelegt worden: Merlin ist Ur-Ur-Ur-Enkel vom zuvor erwähnten Johann Schrammel, während Florian mit Georg Kreisler („Tauben vergiften“, „Der Tod, das muss ein Wiener sein“, „Wien ohne Wiener“) auf der elterlichen Couch aufgewachsen ist, weil er der beste Freund seines Opas war – seinen Einfluss hört man vielleicht am deutlichsten am Meisterstück „Der Guckguck“ auf „Sturz auf Wien“.

Doch nicht nur der zum „Gluck-Gluck“ umgedichtete Guckguck singt auf „Sturz auf Wien“: Lusterboden erzählt da Geschichten vom Tretbootfahren auf der Donau, von Meidlinger Romanzen, von der gefühlt immer kurzgeführten U4 und natürlich dem Weltuntergang, der als Damoklesschwert seit jeher drohender über Wien schwebt als selbst im nahen St. Pölten oder Eisenstadt. Dabei changiert das Duo gekonnt zwischen dem melancholischen Charme von Voodoo Jürgens und der euphorisierenden Keckheit von Die Ärzte und lässt „Sturz auf Wien“ so zu einem kurzweiligen Stück kontemporärer Musikgeschichte gereichen, das es wie kaum ein anderes modernes Album versteht, die enervierende Hektik der Moderne für einen Moment auszublenden und stattdessen bei einer weiteren Runde Weißer Spritzer in der flauschigen Melancholie des Einst Erdung und Revitalisierung gleichermaßen zu finden: Glühwürmchen Walzer statt Teams Call it is!

Heurigenflair

Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Eltern in den Achtzigern und Neunzigern nur zu gern ihre raren Mußestunden bei den zahlreichen Heurigen in Speising und Mauer genossen, mit Schmalzbrot, Blunzn, Buchtln, ein paar Spritzern (für mich: Himbeerkracherl) und begleitet von den Bänkelsängern des Wienerlieds. Mehr noch als für mich als Kind war für meine Eltern diese knisternde, aufregende Zwischenwelt zwischen Glückseligkeit und Trübsal eine Realitätsflucht, die für sie wie eine Powerbank für das Morgen wirkte.

Auch Florian und Merlin schätzen dieses einzigartige Flair und schöpfen Energie und kreativen Geist bei Heurigen, wie sie uns verraten. Etwa bei der Mohrenberger Alm 2 in Perchtoldsdorf: „Oft sitzt man da bei einem Aufstrichbrot und Cabanossi und danach mit Gitarre mitten zwischen den Weinreben singt Wienerlieder, trinkt Wein und wärmt sich in der Nacht an der Feuerstelle.“ Gerne ziehen Florian und Merlin dann noch weiter durch Mauer, etwa ins legendäre Kakadu, oder durch Perchtoldsdorf, da dort einige ihrer Freund*innen ausschenken: „Diese Ziaga sind grundlegend für unsere Liebe zu Heurigen: die Stimmung, die Gesellschaft, das lockere Beisammensein und der gute Wein.“

Dieses lockere Beisammensein, diese gelösten Momente bringt Lusterboden nun zwar nicht nach Perchtoldsdorf, dafür nach Heiligenstadt, ins in den U-Bahn-Bögen gelegene G5.

Lusterboden im G5

Am 21. März spielen Florian Klingler und Merlin Miglinci unterstützt von Timon Grohs (Gitarre), Lea-Carlotta Walenta (Bass) und Jonas Kočnik (Schlagzeug) im G5 nicht nur die Lieder ihres Debütalbums „Sturz auf Wien“, sondern auch bereits ein paar neue Lieder des kommenden Albums und Klassiker zwischen Austropop (Ambros, Udo Jürgens) und Wienerlied (Johann Schrammel, Karl Hodina).

Bevor Lusterboden ab 21 Uhr das G5 in urige Heurigen-Gewänder tauchen, wird der Schauspieler Simon Schofeld bereits ab 20 Uhr die Liedtexte von Lusterboden szenisch und auf ausgefallene Weise performen.

Es empfiehlt sich, bereits vorab Lusterboden in voller Länge auf Spotify zu lauschen - denn das Wienerlied funktioniert live bekanntlich am Besten, wenn das Publikum mitsingt!

Alle, die online ein Ticket für Lusterboden kaufen, erhalten beim Einlass einen Kristall: Dieser kann bei der Bar gegen einen ermäßigten Spritzer getauscht werden - der Spritzer kostet dann nur € 2,50 statt € 4,50!


Live-Termine


Lusterboden - "Sturz auf Wien"

21. März 2025 | Wien, G5


Infos auf dem Stand vom 24.02.2025  

Tickets

Mehr Lust aufs Wienerlied?

André Heller, Ursula Strauss und Ernst Molden laden ab 14. März im stadtTheater Walfischgasse bei “Remassuri” zu einer faszinierenden Reise zur Vielfalt wienerischer Musik. Ernst Molden hören wir außerdem unter anderem mit Nino aus Wien, Ursula Strauss und den Neuen Wiener Concert Schrammeln in ganz Österreich, den Nino aus Wien unter anderem mit seiner AusWienBand in der Wiener Arena. Außerdem freuen wir uns auch auf die zweite Runde der Clubtour von Voodoo Jürgens! Und Die Strottern besuchen wir gerne in der Wiener Sargfabrik oder in der Csello Mühle Oslip.

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