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Konzerte

Max Raabe & eine kleine Irritation

03.05.2023 von Stefan Baumgartner

Die steife, ranke Figur, sein knarrender Bariton, die Pomade im Haar, dazu Frack und Fliege und stets ein verschmitztes Schmunzeln im stoischen Antlitz: Max Raabe begeistert mit seinem zwölfköpfigen Palastorchester mit einer musikalischen Zeitreise in die Lieder der Goldenen Zwanziger und Dreißiger, aber auch mit an diese Ära angelehnten Eigenkompositionen oder Neugestaltungen, etwa Tom Jones‘ „Sex Bomb“. Mit leiser Ironie und etwas verschrobenem Humor weiß auch das aktuelle Album „Wer hat hier schlechte Laune“ alltägliche, manchmal übergroße Widrigkeiten zu lediglich kleinen Irritationen verpuffen zu lassen.

„Wer hat hier schlechte Laune“ heißt Ihr aktuelles Album. Wie ist es um Ihre Launen, nicht nur im Privatimen, sondern auch im beruflichen Umfeld bestellt?

Eigentlich kennt das jeder, dass man auch mal eine muffige Phase hat. Aber eigentlich bin ich doch ziemlich entspannt. Ich bin schon zufrieden, wenn ich zufrieden bin – es muss ja nicht gleich immer das Beste von allem sein. Ob ich jemals wirklich schlecht gelaunt bin, ist vielleicht auch eine Frage, die Sie eher meinen Kollegen stellen müssten (lacht). Wir sind auch schon seit so vielen Jahren als festes Ensemble zusammen, wenn ich also ein schlimmer Charakter wäre, wäre der Laden schon längst auseinander gegangen. Ich denke, ich bin ganz umgänglich.

Ihr Orchester besteht, samt der Belegschaft im Hintergrund, aus zwei Dutzend Menschen. Wenn man da ständig aufeinander hockt und auch Widrigkeiten – wie etwa Verspätungen der Deutschen Bahn, die Sie ja sehr stark frequentieren – zu bekämpfen hat, kann die Laune auch mal leiden – wie in jeder Beziehung. Wie reißen Sie hier das Ruder rum?

Wenn die Bahn mal später kommt, oder wenn die Wagenreihung nicht stimmt und wir mit unserem ganzen Gepäck über den Bahnsteig galoppieren müssen, dann sind wir auch schon mal einfach so fatalistisch, dass wir einfach froh sind, dass wir überhaupt mal ankommen (lacht). Das hilft ungemein.

„Irgendwas ist immer“ ist eines Ihrer Lieder. Hilft diese Erkenntnis, eine gewisse „Wurschtigkeit“, wie es in Wien heißt, an den Tag zu legen?

Den Spruch haben wir uns nicht als Erste ausgedacht, das ist doch schon ein Standard. Ich denke mir, man muss einfach entspannt bleiben – was will man auch sonst machen?

Dem Wiener, also auch mir, wird ein gewisser Grundpessimissmus, ein ständiger Grant zugeschrieben. Im Freundeskreis wird mit einem saloppen „Alles wird gut“ versucht, dagegen anzukämpfen. Nun haben auch Sie das Lied „Es wird wieder gut“ in Ihrem Talon. Angesichts der zahlreichen Krisen – von Corona, über Krieg bis hin zur Inflation – fällt es immer schwerer, daran zu glauben, finden Sie nicht?

Die Lieder, die Texte sollen nicht das Weltgeschehen kommentieren. Mir geht es darum, wenn es zwischenmenschlich einmal nicht rund läuft, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Die Zeile stand auch schon lange bevor Putin durchgedreht ist – und als Corona nicht mehr wirklich das brisante Thema war. Ich möchte nicht kommentieren, was in der Welt passiert, sondern dass Leute im Konzert vergessen, was draußen los ist, sich von uns in eine Parallelwelt schießen lassen. Wenn wir auf der Bühne stehen, blenden wir aus, was draußen vor der Halle passiert oder morgen am Plan steht.

Es gibt bei Ihren Konzerten keinen Dresscode – achten Sie dennoch darauf, wie sich Ihr doch diverses Publikum gewandet?

Ich freue mich, wenn sich die Leute in Schale werfen, finde das aber auch genauso klasse, wenn immer wieder so Rocker wie Sie im Parkett sitzen. Wenn ich jemandem gegenübertrete, gucke ich ihm in die Augen und in das Gesicht und frage mich nicht, was für eine Krawatte oder Schuhe er trägt. Auch wenn ich den Eindruck mache, da lege ich gar nicht so den Wert drauf – nur im Restaurant, da denke ich mir: Keine kurzen Hosen, das Fleisch bitte nur am Teller (lacht).

Den großen Nick Cave sieht man auf der Bühne mittlerweile, nach wilden, zerfetzten Jugendtagen, nur mehr im edlen Zwirn. In einem Interview hat er verraten, dass er auch zuhause nie leger gekleidet auf der Couch lümmelt. Werfen Sie Smoking und Fliege mal ins Eck und genießen die Annehmlichkeiten von lockeren T-Shirts und Jogginghosen?

Zuhause gönne ich mir die eine oder andere Nachlässigkeit, aber in meinem Kleiderschrank findet sich keine Hose mit Gummizug. Da ich nicht jogge, brauche ich das nicht.

Sie haben zuvor angesprochen, dass Ihre Konzerte eine sorgenfreie Parallelwelt erblühen lassen sollen. Nun war in den 20ern und 30ern auch nicht alles Gold, was glänzt. „Cancel Culture“ ist heute ein Begriff, der die Kulturszene mehr denn je bewegt. Hinterfragen auch Sie manchmal die originalen Komponisten und deren Lieder, auf die Sie zurückgreifen?

Es gibt durchaus Stücke, die wir nicht mehr spielen – aber auch schon, bevor die Diskussion groß wurde. „Ja und Nein, das kann dasselbe sein“ kann man heute nicht mehr singen. Wenn da jemand im Saal sitzt, der eine schlechte Erfahrung gemacht hat, finde ich das unpassend. Aber wir haben 600 Titel im Repertoire, da kann man schon einmal ausmisten, wenn mir hie und da die Leichtigkeit abhandenkommt.

Das betrifft aber letztlich nur die Texte, etwa antiquarische Frauenbilder, und nicht die Autorenbiografien, die zeitgeschichtlich etwa aus einem belasteten Umfeld kommen?

Der Großteil unseres Repertoires ist in der Weimarer Republik entstanden, der Humor, auf den ich zurückgreife, ist der von Autoren wie Fritz Rotter oder Robert Gilbert – das waren zumeist Juden, und die Namen zu erwähnen, das war mir immer schon wichtig, weil sie bei uns vergessen gemacht werden sollten. Das ist ein Respekt, den ich den originalen Textern entgegenbringe – aber das würde mich auch heute im Radio oft interessieren, ob etwa Lady Gaga den Text selbst geschrieben hat, oder ihn nur vorträgt.

Ein weiteres großes Thema ist der „Gender Gap“, auch in der Musik. Annette Humpe ist erneut in Ihrem Songwriting-Team, das Orchester ist jedoch bis auf Geigerin Cecilia Crisafulli männlich. Wie wichtig sind Ihnen in der Kunstbetrachtung Geschlechterfragen?

Dafür führt unsere Geigerin das Orchester und die Choreografie an, sie ist die Königin über die Pinguine (lacht) – und das schon lange bevor Diskussionen wie diese aufkamen.

Bleiben wir in der Tierwelt: Sie teilen aktuell das Cover mit einem Zebra, zuletzt gab es Sie auf dem „Perfekten Moment“ mit ihren Namensvettern, den Raben, Sie wollen Hummeln streicheln, pirschen mit Hirschen durch den Wald, dabei ruft Sie aber kein Schwein an. Welches Tier wären Sie, wenn Sie kein Mensch wären?

Am besten eines, welches man nicht isst – oder zumindest nicht gerne essen möchte (lacht).

Also ist nicht zwangsweise Ihr Namensvetter auch Ihr Favorit in der Tierwelt?

Nein, der Künstlername ist nur ein Verbeugen vor dem Raben von Wilhelm Busch.

Wenn Sie nicht gegessen werden wollen – ernähren Sie sich auch vegetarisch oder gar vegan?

Nein, ich esse alles – nur in Maßen. Aber Fleisch sollte vorher schon ein schönes Leben gehabt haben. In Wien stehen auch immer Wiener Schnitzel und Käsekrainer auf unserer Speisekarte. Auf Tour haben wir jedoch immer unseren eigenen Koch mit dabei – wir sind ja 13 Leute auf der Bühne und nochmal circa 15 Leute, die Licht, Ton und Aufbau machen und uns Abend für Abend retten. Und die sollen um 17 Uhr dann schon etwas Gutes zu Essen bekommen. Da ist ein eigener Koch viel effektiver, der macht auch schöne Salate, kocht gesund und abwechslungsreich und das, was am Tag zuvor nicht verbraucht wurde, taucht dann in den Tagen danach irgendwie wieder auf. Das ist für die Lebensqualität, gerade bei Zeitmangel, enorm wichtig. Wir können nicht das ganze Jahr von Pizza und belegten Brötchen leben.

Wenn man in ein asiatisches Restaurant geht, gibt es am Schluss immer einen Glückskeks. Könnte man die Aura Ihrer Lieder auch als einen solchen beschreiben?

Ich würde unseren Texten schon mehr Aussagekraft zubilligen (lacht). Andererseits bin ich einmal in Berlin sehr schlecht asiatisch Essen gewesen, den Spruch des Glückskeks fand ich jedoch phänomenal, den habe ich mir aufgehoben und ins Auto geklebt: „Sie werden nie wieder Probleme haben.“ Da denke ich mir nun jedes Mal, wenn es ein Problem gibt: Das ist doch nur eine kleine Irritation.

Max Raabe live

Gute Laune versprüht Max Raabe mit seinem Palastorchester Mitte September in Wien, Linz und Graz, im Dezember in Bregenz. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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