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Konzerte

Metallica: Metal up your ass!

18.12.2023 von Stefan Baumgartner

Am 1. Juni gastiert mit Metallica die Blaupause des Heavy Metals in Österreich - the four horsemen treffend im Racino Ebreichsdorf. Während man sich auf den neueren Alben mittlerweile nur mehr schlecht den recht selbst kopiert, ist gerade live dieses geschickt inszenierte Selbstzitat immer noch ihr großer USP - in dem Sinne: METAL UP YOUR ASS!

Ja, „Metal up your Ass!”. METAL UP YOUR ASS. Diesen – zugegeben – infantilen Slogan kann man heute, 2023, problemlos schreiben – nicht nur auf Social Media, sondern auch in einem etablierten Magazin. Und das in Zeiten, wo Talkshow-Moderator Thomas Gottschalk von seiner eigenen Couch bugsiert wird, exempli causa, weil sein seit ehedem locker sitzendes Mundwerk in der finalen Show von „Wetten dass..?” der deutschen, feministischen Rapperin Shirin David unterstellt, es sei frappant, dass „so eine Person wie sie” der Oper zugetan sei. Vor 40 Jahren jedoch sorgte „Metal up your Ass!” noch für Schnappatmung, genauer gesagt bei den Plattenvertrieben Amerikas, die das Debütalbum von Metallica in die Läden bringen sollten: so sollte es nämlich betitelt werden. Die Geschichte erzählt, dass eben jene Abfuhr Cliff Burton, Metallicas damaligen Bassisten, der nur drei Jahre später bei einem Tourbusunfall tödlich verunglücken sollte, zum frustrierten Ausruf „Let’s kill ‘em all!” verleitet hat – ein neuer Albumtitel ward gefunden.

Thrash statt Trash

Also erschien 1983 mit „Kill ‘em All“ jenes Album, das gegenwärtig als der unumstößliche Klassiker des Thrash Metals gilt – ein Subgenre, das bis heute gerade von szenefernen Personen gern falsch geschrieben wird: Nicht Müll („trash”) ist gemeint, sondern das Einprügeln (auf die Instrumente?), also „thrash”.

Die beiden Nachfolgealben „Ride the Lightning“ (1984) und „Master of Puppets” (1986), das letzte Album mit Cliff Burton, festigten Metallicas Ruf, die Blaupause des Thrash Metals zu konstituieren und damit (neben etwa Black Sabbath und Iron Maiden) zum Deonym selbst für das übergeordnete Genre des Heavy Metals zu werden – wie Tempo, Nutella, Tupperware, Uhu, Edding oder Labello in ihren respektiven Bereichen.

Trash statt Thrash

„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“: Mit diesen Worten schickte Autor Stan Lee Spiderman 1962 auf den Weg. Was für den Superhelden gilt, gilt auch für Metallica: Die Bürde, zum Synonym für eine Gattung geworden zu sein, spricht zwar für eine aus Güteklasse, Innovation, unikalen Alleinstellungsmerkmalen, Bekanntheit und Marketingstrategie resultierender Potenz, mehr noch als bei den Mitstreitern (Slayer, Megadeth, Exodus, Testament, Sodom, Kreator, Destruction – you name it), die um die Gunst der Stunde eifern, so wird aber der Vorreiter – also Metallica – stets an seinem Fundament, das ihm dereinst die Popularität verschuf, gemessen werden. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass sämtliche Alben von Metallica nach dieser heiligen Trias auch einer starken szeneinternen Missbilligung ausgesetzt waren – selbst wenn wir das spätere Anbiedern an die Hochkultur mit „S&M” (1999 und 2020), die mit einem Sinfonieorchester bespielt wurden, und „Lulu” (2011), das gemeinsam mit Lou Reed verbrochen wurde, ausklammern.

Bei „… And Justice for All“ (1988) störte man sich nicht nur an den erzwungen progressiv überlangen Songs, sondern auch an der klinischen, klaustrophobischen Produktion. Das hierauf folgende schwarze Album (1991) hievte Metallica zwar in die Liga der Stadionbands, einher gingen aber radiotaugliche Hausfrauen-Songs wie „Nothing Else Matters“ und „The Unforgiven“, wobei letzteres zudem auf den Folgealben gleich für zwei grottige Fortsetzungen herhalten musste. Mehr Verzärtelung noch beim darauffolgenden Doppel „Load“ und „Reload“ (1996/1997), für die nicht nur die ehemals langen Haare fielen, sondern auf denen auch die Härte nochmals um ein ordentliches Eck zurückgeschraubt wurde und man im Fahrwasser von Country und Blues tümpelte.

Thrashing all around

Hierauf folgte „St. Anger“ (2003), das im Gegenteil nun versuchte, die Härte von „Kill ‘em All“ zu doppeln, indem man Nu-Metal-Gewänder überstülpte und den Stücken eine Produktion vom Schrottplatz verpasste. Auch mit „Death Magnetic“ (2008) schickte man sich an, die wilden Anfangstage zu revitalisieren und drehte alle Regler auf möglichst laut, vergaß dabei im Dröhnen aber auf die catchy Substanz. Und schließlich „Hardwired… to Self-Destruct“ (2016), das zwar mit „Atlas, Rise!“, „Moth Into Flame“ und „Spit Out the Bone” drei starke, überaus klassisch angehauchte Nummern zu verzeichnen wusste, ansonsten aber überaus generisch geriet – eine Krux, unter der übrigens auch schließlich das aktuelle Album „72 Seasons“ (2023) laboriert.

$5.98: No Leaf „Cover”

Dass Metallica seit ihren Frühzeiten nur allzu gern ihrer musikalischen DNA Tribut zollen, ist amtlich bekannt: Von ihrem ersten Konzert im März 1982, das neben den zwei eigenen Nummern „Hit the Lights” und „Jump in the Fire” ausschließlich aus nachgespielten Stücken von Blitzkrieg über Diamond Head bis hin zu Savage und Sweet Savage bestand, über ihre beiden Cover-Alben „The $5.98 E.P. – Garage Days Re-Revisited” und „Garage Inc.” bis hin zu ihren Livekonzerten, die bis heute nur selten „Am I Evil?” missen lassen; Ja, bei den 1996 MTV Europe Music Awards sorgten Metallica sogar für einen Eklat, als sie statt ihrem premierten „King Nothing” stattdessen „Last Caress” (Misfits) und „So What?” (Anti-Nowhere League) spielten, wobei bei Letzterem die sexuell konnotierten Lyrics dem prüden Amerika die Schamesröte vom Schritt in das Gesicht trieb.

Aber Metallica ging nach „Load“ und „Reload“ auch die bisher vorhandene Fähigkeit verlustig, Stücke zu schreiben, die von labyrinthischer Diversität, Ideenreichtum, Dynamik und Akzentuierung nur so strotzten. Seit Ende der Neunziger plätschern die Alben zum überwiegenden Gros beiläufig vor sich hin, ganz gleich ob in Rigorosität oder Sanftmut. Metallica sind, mit „72 Seasons“ mehr denn seit „St. Anger“, zur eigenen „Künstlichen Intelligenz“ verkommen – ein Schlagwort, das heute in aller Munde ist. Wie auch die Künstliche Intelligenz mittlerweile Bilder und Texte erschaffen kann, die täuschend echt und täuschend korrekt sind, dabei aber Kreativität und daraus resultierende Tiefe missen lassen, klingt Metallica heute so, als hätte man einer künstlich intelligenten „Band“ aufgetragen, Metallica-Songs zu schreiben. Das klingt nicht nur gewöhnlich – das hätte eine gewisse Hörerschaft ja schon befriedigt –, sondern einfach nur: generisch.

Ja, James Hetfield taucht mit seinen Texten tiefschürfend in seine zerrüttete Psyche ab, „72 Seasons“ ist Trauma- und Vergangenheitsbewältigung, mal kryptisch, mal eindeutig. Doch alles, was darüber hinausgeht, wirkt entmenschlicht und künstlich – vom knalligen Cover, das in der warnenden Gelb-Schwarz-Kombination schrill kläfft, über die zwar perfekt austarierte Produktion, die hart, aber nicht knackig klingt, bis hin zur Musik selbst, die auf zahlreiche Charakteristika Metallicas zurückgreift, ohne sie tatsächlich zu fühlen. Eine solche Entwicklung ist typisch für legacy acts mit langer Karriere: Erst mal Ausverkauf, dann Experiment, schließlich wieder Fanservice mit dem signature sound, sodass man bei jeder neuen Veröffentlichung gleich ein Marketingnarrativ mitliefert.

Kill ‘em all

Es sei Metallica aber zugestanden, dass sie mit 60 Lenzen und ebenso vielen Millionen am Konto keine jugendlichen Rabauken mehr sind, sondern die Geschäftsmänner, die sie 1983 noch töten wollten. Heute verkaufen sie sich am besten, wenn sie sich selbst collagieren – insbesondere auch live, da gerade Schlagzeuger Lars Ulrich wieder so (nennen wir es einmal:) salopp spielt, wie zu seinen ersten Gehversuchen in der Garage. Der große Benefit für die Fans, die immer noch in Scharen zu Metallica-Konzerte pilgern: Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Metallica live sind immer noch ein Abriss, wenn sie mehr als zwei Stunden durch ihre eigene Vergangenheit pflügen – denn bei einem Konzert ist es im Gegensatz zum Album ohnehin am besten, wenn man sich ständig selbst kopiert.

Metallica gastieren mit Five Finger Death Punch, Ice Nine Kills und Mammoth WVH im Vorprogramm am 1. Juni beim Racino Rocks in Ebreichsdorf bei Wien. Tickets gibt es bei oeticket.

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