Bild: Ross Halfin
Blickt man auf die lange Geschichte von populärer Musik und Schauspiel zurück, stellt man schnell fest: beides können die wenigsten. Immer wieder versuchen sich Schauspieler im musischen Fach, meist mit bescheidenen Ergebnissen. Warum es aber doch immer wieder beachtenswerte Ausnahmen gibt – ein Überblick.
Unlängst machte Jared Leto mit seiner Kletterei am Empire State Building wieder Schlagzeilen. Ich kategorisiere das mal als typisches attention whoring, so wie seine gesamte Musiklaufbahn mit seiner Combo Thirty Seconds to Mars auch (live übrigens am 18. Mai in der Wiener Stadthalle D!). Denn während der schmale Schönling durchaus ein veritabler Schauspieler ist, kann man sein musikalisches Oeuvre trotz aller kommerziellen Erfolge punkto Qualität durchaus skippen. Aber das ist bei weitem noch nicht der wahre Bodensatz aller Schauspieler, die sich mit höchst eigentümlichen Produktionen in der Musikwelt zum Gespött gemacht haben. Gwyneth Paltrow zum Beispiel, deren Bedeutung als Sängerin als ungefähr genauso wertvoll einzuschätzen ist wie ihre speziellen Kerzen mit Vagina-Duft. Oder die hochnotpeinlichen Alben von Steven Seagal, dem Schauspieler mit anderthalb Gesichtsausdrücken und Nebenjob als Kung Fu Panda. Auch Bruce Willis versuchte sich mal im Gesang, ebenso wie Eddie Murphy. Dessen „Party All the Time“, immerhin aus der Feder von Rick James, gilt aber heute zumindest als Kultklassiker, der bei Homepartys nach Mitternacht immer gerne gespielt wird. Ebenso wie das superseichte, aber doch irgendwie charmante Popgesäusel von Paris Hilton. Wobei: wenn man sich als eh schon mittel begabter Schauspieler mit ausreichend Verve und Selbstbewusstsein ans Mikro klammert, kann durchaus eine popkulturelle Perle entstehen. Man denke nur an David Hasselhoff, der auf der Welle des Erfolges mit Knight Rider sein Faible für Schlager entdeckte und damit nicht nur den Mauerfall einleitete, sondern bis heute vor allem im deutschen Sprachraum mit seinen bierseligen Songs ein großes Publikum anzieht: Teils aus echter Überzeugung, teils aus Faszination für Trash-Kult (live im Mai und September in Wien und Brunn/Gebirge!). Als absoluter Obermeister des Ironie-Fachs freilich gilt William Shatner. Der Schauspieler hinter Science-Fiction OG James Tiberius Kirk nimmt seit den späten 60er Jahren bis heute regelmäßig Alben auf, die fern von allen Schubladen irgendwo zwischen Musik, Coverversionen und Spoken Word irrlichtern.
Es ist aber per se nicht alles schlecht, was musikmäßig aus der Film-Ecke kommt. Viele Hollywood-Granden, die sich vor und hinter der Kamera einen Namen gemacht haben, arbeiten nach einem ganzheitlichen Prinzip. Kultregisseur John Carpenter zum Beispiel verlässt sich seit eh und je großteils auf sein eigenes Talent, wenn es um Soundtracks für seine Filme geht. Ebenso wie Film-Ikone Clint Eastwood, der hier und da schon Songs in seinen Filmen selbst zum Besten gab. Und Multitalent Viggo Mortensen ist nicht nur als Schauspieler, Regisseur, Produzent, Autor und so weiter erfolgreich, sondern kann auch einen beachtlichen Output als Musiker vorweisen – schadet in dem Fall auch nicht, dass er diesbezüglich sehr oft mit seinem Spezl und Ausnahmegitarristen Buckethead kollaboriert. Apropos Ausnahmemusiker: der legendäre Comedian und Schauspieler Steve Martin gilt in der Banjo-Szene seit Jahren als hochgeschätzte Koryphäe, spätestens seit seinem Grammy-Gewinn gemeinsam mit Banjo-Legende Earl Scruggs ist er diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben.
Überhaupt scheint das Country & Western Genre eines zu sein, in dem sich viele Mimen nicht nur wohlfühlen, sondern auch adäquat gutes Material produzieren. Jeff Bridges zum Beispiel, aber auch Kevin Bacon, der mit seinem Bruder Michael schon auf etliche Albumreleases und gut gebuchte Touren zurückblicken kann. Und Joaquin Phoenix konnte in „Walk the Line“ mit selbstgesungenem Material auch die Johnny Cash-Ultras überzeugen.
Ein ebenso überzeugendes Beispiel ist Miley Cyrus. Erblich vorbelastet durch Papa Billy Ray und mit Dolly Parton als Patentante, fand sie erst über den Umweg der singenden Serien-Göre Hannah Montana hauptberuflich zur Musik, ebenso aus dem Disney-Stall wie Demi Lovato. Beide pfeifen heute weitgehend aufs Schauspiel und widmen sich nur noch der Musik, ebenfalls keine ungewöhnliche Entwicklung. Das ehemalige Gossip Girl Taylor Momsen schauspielert nur noch sporadisch und widmet ihre Energie mit wachsendem Erfolg ihrer Combo The Pretty Reckless. Und der einst gefeierte Hollywood-Jungstar Juliette Lewis oszilliert aktuell eher unentschlossen zwischen Schauspiel und dem Job als Frontfrau von Juliette and the Licks. Auch Jack Black findet man, gemeinsam mit seinem Partner Kyle Gass, in der Combo Tenacious D mittlerweile auch häufiger auf Konzert- anstatt Filmplakaten.
Was aber bei allen erfolgreichen Schauspieler-zu-Musiker-Karrieren auffällt: meist haben die Künstler schon lange vor dem Erfolg vor der Kamera Musik gemacht oder überhaupt erst die Schauspielarbeit als zweites Standbein oder per Zufall gewählt. Eines der populärsten – und in jedem Fall auch kompetentesten – Beispiele ist unser aller Johnny Depp. Ursprünglich mit seiner Band und großen Zielen in LA angekommen, stellte sich der Erfolg nicht ein. Erst durch den Ratschlag von Zufallsbekanntschaft Nicolas Cage versuchte er sich als Schauspieler, der Rest ist Geschichte. Dabei verlor er aber nie seine Liebe zur Musik aus den Augen, als talentierter Gitarrist und Sänger kann er auf eine ebenso illustre wie hochkarätige Liste an Kollaborationen zurückblicken, darunter Marilyn Manson, Oasis oder Iggy Pop. Sein aktuelles Engagement in der Supergroup Hollywood Vampires mit Alice Cooper und Joe Perry, aber auch eine gemeinsame Tour mit der kürzlich verstorbenen Gitarren-Legende Jeff Beck haben ihm auch in Musiker-Fachkreisen viel Respekt eingebracht.
Auch ein anderer universell beliebter Film-Superstar greift gerne in die Saiten: Keanu Reeves, über die Jahre zum Action-Star gereift, zupft schon seit den frühen Tagen von „Bill & Ted” den Bass in seiner dreiköpfigen Band Dogstar. Die Alt-Rock-Partie hatte sich zwar nach zwei Alben und gut besuchten Gigs Anfang der 2000er aufgelöst, aber in den Lockdowns der Pandemie-Jahre wieder zueinander gefunden und letztes Jahr nicht nur die Reunion, sondern auch das heuer erschienene dritte Album „Somewhere Between the Power Lines and Palm Trees” angekündigt. Besser noch: die Mannen rund um den „Matrix”- und „John Wick”-Superstar sind auf Tour und gastieren im Zuge dieser auch am Eröffnungstag des diesjährigen Nova Rock – eines ihrer sehr wenigen Konzerte in Europa!
„Somewhere Between the Power Lines and Palm Trees” ist das dritte Album von Dogstar und wurde am 6. Oktober veröffentlicht, es ist das erste Album seit der Reunion 2023. Bret Domrose (Gesang, Gitarre), Keanu Reeves (Bass) und Robert Mailhouse (Schlagzeug) fanden sich während Corona zusammen und begannen, im lockeren Jamsessions das Album zu schreiben. In nur zweieinhalb Monaten war es fertig.
Dogstar gastieren am kommenden Nova Rock Festival, das vom 13. bis 16. Juni auf den Pannonia Fields II in Nickelsdorf stattfindet. Tickets gibt es bei oeticket.