Bild: Sara Rechbauer
Nach wie vor ist Nena eine der authentischsten Sängerinnen unserer Zeit und eines der größten Stück Popkultur aus Deutschland: Das liegt nicht nur an ihrer Stimme und ihrer Präsenz, sondern auch an ihrer Message, die sich durch ihr jahrzehntelanges Repertoire zieht: Musik kann Brücken bauen - und zwar Brücken des Zusammenhalts. Denn: “Es ist genau jetzt an der Zeit, dass wir uns der Liebe zuwenden, das ist die große Chance, anstatt übereinander herzufallen. Liebe ist die stärkste Kraft, die wir haben.”
Ich habe nie das Bedürfnis, etwas zu erklären. Ich lasse lieber geschehen und nehme, was das Leben mir anbietet. Und was die Musik der Achtziger so zeitlos macht, das kann ich dir auch nicht beantworten. Ich sehe in meinen Konzerten oft drei Generationen Menschen und so erlebe ich auch immer wieder, dass Kinder in den ersten Reihen stehen und begeistert meine Texte mitsingen: Texte von damals und heute. Sie fühlen etwas dabei und rocken richtig mit! Mich freuen diese fließenden Übergänge, die dazu führen, dass man durch verschiedene Zeiten hindurch verbunden bleibt.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen: “Früher war alles besser.” Ich fühle mich reichlich beschenkt vom Leben und danke Gott jeden Tag dafür, dass ich hier bin. Das Leben ist Veränderung und daran können wir Menschen nichts ändern. Entweder man flowt auf den Wellen des Wandels oder man begegnet ihr, der Veränderung, mit Widerstand. Letzteres macht für mich keinen Sinn. In dem Zusammenhang lande ich immer wieder bei der Frage: Gestalte ich mein Leben oder lasse ich mich gestalten? Ich entscheide mich dann meistens für Ersteres.
Mit 17 war ich die Sängerin in meiner ersten Band. Damals hatte ich keine Ahnung von goldenen Schallplatten, ich wusste nicht einmal, dass es so etwas überhaupt gibt. Wir hatten uns und die Musik. Darum ging es. Es ging um das Lebensgefühl der Selbstbestimmung und den eigenen Lebensraum durchs Musikmachen zu erweitern. Das fühlte sich frei an, das ist Freiheit für mich und aus diesem Gefühl bin ich nie mehr ausgestiegen.
Ich hatte meine eigene Vorstellung davon, wie ich mich anziehe und was ich damit ausdrücken möchte. Ich war sehr klar damit, aber ich habe mir trotzdem das meiste immer noch von meiner besten Freundin absegnen lassen … Für mein erstes Live-Konzert, 1978, wollte ich unbedingt eine Lederjacke. Und ich fand sie auf einem Flohmarkt in meiner Gegend. Diese Jacke hat mich lange begleitet. Dass aus all dem eine Art “Nena-Style” wurde habe ich erst viel später realisiert, als mir überall auf den Straßen Mädchen begegneten, die eine Zeit lang in Frisur und Kleidung so aussahen wie ich.
Alles begann ein paar Jahre zuvor, Ende der Siebziger, mit meiner ersten Band The Stripes. Wir hatten einen Plattenvertrag und von dem ersten Geld kauften wir uns eine kleine PA-Anlage. Wir wollten so viel wie möglich live spielen und wir waren sehr viel unterwegs in Deutschland und haben wirklich viele Konzerte gespielt. Das war eine besondere Zeit für mich und diese Zeit hat mich unbewusst auf alles vorbereitet, was noch kam.
Der Erfolg danach kam nicht rasend schnell, aber er kam plötzlich und unerwartet! 1982 gründeten wir die Nena-Band und im selben Jahr haben wir uns mit “Nur geträumt” zum ersten Mal im TV gezeigt. Am Tag danach verkauften wir 40.000 Singles. Der Song hatte sich über Nacht in die Ohren der Menschen gebeamt und wurde ein riesen Hit. Ab dann hörte es gar nicht mehr auf: Vom ersten in den zweiten Gang - und immer so weiter. Wir haben viel gelacht damals und das meiste mit Humor genommen, egal was passierte. Als irgendwann der Anruf aus New York kam und uns ein ziemlich aufgeregter Mensch von der Plattenfirma mitteilte, dass “99 Luftballons” in amerikanischen Radio-Stationen rauf und runter gespielt wurde und auf dem Weg wäre, die amerikanischen Charts zu erobern, saßen wir gerade alle zufällig zusammen. Auch da haben wir erst mal geschmunzelt und gelacht. So viele unerwartete coole Dinge, die passierten - mit dem Verstand konnte man da nicht mithalten! Wie waren erfolgreich unterwegs auf der ganzen Welt und sind mit offenen Armen durch diese Zeit gesegelt.
Auch in Japan war es krass. Wir haben dort zwei Tourneen gespielt und die japanischen Fans haben unsere Texte auf Deutsch mitgesungen! Das alles passierte in einer Zeit, wo es noch kein Internet gab. Das sollte wohl alles so sein und wir haben das kompromisslos mitgenommen. Jeder auf seine eigene Weise.
Die Menschen, die in meine Konzerte kommen, wissen ganz genau, dass sie mich niemals bitten oder fragen müssen, ob ich auch meine Hits aus den Achtzigern singe - weil ich es selbstverständlich tue und das auch mit großer Freude. Ich liebe diese Lieder. Solange ich auf der Bühne bin, wird es kein Nena-Konzert ohne Luftballons und auch keines ohne Leuchttürme, Fragezeichen, Schlösser aus Sand und Wunder, die geschehen, geben. Die vielen anderen Songs, die im Laufe der Jahre dazu kommen, erlauben mir aus dem Vollen zu schöpfen. Meine Setlisten gestalte ich immer wieder neu und ich spiele nie unter zwei Stunden. Ich bin dankbar für jedes Konzert, es macht mir einfach Spaß.
Oh ja, sie heißt Zaho de Sagazan und ihre Version hat mich sehr berührt. Sie als Französin singt den Song in deutsch und sie singt ihn sehr schön. Es gibt wirklich viele Coverversionen, auch eine von Homer Simpson (lacht) … Die Luftballons findet man überall! Auch in Fernsehserien und großen Filmen, und ich habe mich bisher über jede Version gefreut!
Ja, das habe ich. Ich bin überzeugt, dass uns der krasse Prozess, in dem wir uns alle befinden, in eine neue, friedliche Welt führen wird. Die meisten Menschen wollen Frieden. Der Song “99 Luftballons” ist eine Friedensbotschaft, die von den Menschen auch bis heute so verstanden wird. Wir alle befinden uns in einem großen Wandlungsprozess und auch Musik kann Brücken bauen. Wenn man gemeinsam singt, strömt Herzenergie aus, in alle Richtungen. Herzenergie ist Liebe. Und wenn wir uns für die Liebe entscheiden, können wir als Menschheitsfamilie wieder zusammenkommen und ein neues Miteinander erschaffen.
Es ist genau jetzt an der Zeit, dass wir uns der Liebe zuwenden, das ist die große Chance, anstatt übereinander herzufallen. Liebe ist die stärkste Kraft, die wir haben.
Wenn ich in Österreich Konzerte spiele, planen wir drum herum immer schöne Wanderungen in den Bergen und jedes Mal danach habe ich das Gefühl, innerlich zu leuchten, so herrlich ist die Natur. Seit meiner frühen Kindheit komme ich zum Skifahren nach Österreich. Ich habe zwei Cousinen und einen Cousin in Wien und einer meiner Söhne lebt inzwischen auch dort, mit seiner Freundin, einer waschechten Wienerin. Also, um es kurz zu machen, Österreich fühlt sich für mich vertraut an und ich komme immer wieder gerne zu Besuch.