Bild: Megan Cullen
Kommenden Sommer tritt Nick Cave auf Burg Clam gemeinsam mit seinen Bad Seeds auf – in der Rolle des Musikers, Priesters und Handelsvertreters gleichermaßen.
Musiker*innen – und Gen-Z-Pop-Stars im Speziellen – haben heute üblicherweise zumindest zwei Professionen, sind sie doch mehr als reine Unterhalter*innen. Für ihre Bubble sind sie zudem auch Sprachrohr und heilsbringender Anker gleichermaßen: Sie nehmen eine klare sozialpolitische Haltung ein, machen die Sorgen und Probleme einer ganzen Generation zum popkulturellen Thema – und mancherorts überhaupt erst sichtbar. Viele ihrer Fans fühlen sich dadurch erstmals verstanden und in einem speziell für sie eingerichteten Safe Space sicher aufgehoben, weil sie merken, sie stehen mit ihren Wirren nicht allein auf weiter Flur.
Doch es ist nicht ausschließlich das junge Spektrum zwischen Billie Eilish und Harry Styles, das zur Lichtgestalt für sein Publikum wird – auch ein etablierter Musiker wie Nick Cave ist für seine „Jünger“ ein Künstler, dessen Lieder, aber auch seine Interaktion über ein reines Delektieren hinausreicht: Und ja, angesichts des beinah schon klerikalen Charakters dieser Beziehung muss man bei seinem Publikum tatsächlich von „Jüngern“ (beiderlei Geschlechts) sprechen.
Doch die enge Verbindung zwischen ihm und seinem Publikum beschränkt sich nicht auf die intensiven Livekonzerte allein, bei denen er nicht selten einem Messias gleich von der Bühne herabsteigt und seine ekstatischen Jünger umarmt, berührt und ihnen dabei Kraft spendet, sondern reicht hin bis zu einem Online-Briefkasten namens Red Hand Files, der seit seiner Gründung 2018 für viele seiner Anhänger*innen über die Jahre hinweg gar zu einem Lebensratgeber geworden ist.
Ursprünglich waren die Red Hand Files als direkter Austausch zwischen Künstler und Fan gedacht, anfangs kreisten die eingesendeten Fragen noch eng allein um Nick Caves musikalisches Schaffen. Doch über die Jahre hinweg hat die Plattform ein Eigenleben entwickelt, haben sich die Red Hand Files zu einer ganz unikalen, digitalen Bubble entwickelt, die von kollektiver Verletzlichkeit und intimer Offenheit lebt. Jede Woche gehen da Hunderte von E-Mails ein, in denen eine außerordentlich vielfältige Palette von Fragen gestellt wird, nicht selten sehr tiefgründig, philosophisch und persönlich. Und Nick Cave als Adressat tritt da als überaus gewitzter Hobby-Psychologe und -Theologe ins Spiel, wenn er den Fragestellern aus aller Welt zur Seite steht und ihnen durchaus lebensverändernde, aber zumindest bereichernde und weise Ratschläge erteilt: „He’ll wrap you in his arms, tell you that you’ve been a good boy. (…) He’ll reach deep into the hole, heal your shrinking soul“, wie es in seinem Song „Red Right Hand” (bekannt aus dem “Peaky Blinders”-Soundtrack) so schön heißt.
„You’ve got to sell them the dream”, erklärt Schauspieler Matt Smith („House of the Dragon”) im Trailer zur kommenden Sky-Serie „The Death Of Bunny Munro”, eine Serie, die auf Nick Caves zweiten gleichnamigen Roman aus dem Jahre 2009 basiert.
Bereits sein erster Roman „And the Ass Saw the Angel” (1989) war ein überwältigendes Werk – eines, das zwar leichtfüßig, aber trotzdem ernsthaft mit so großen Kalibern wie Tod, Liebe, Hass und Lust umging. Und auch „The Death Of Bunny Munro“ ist ein Roman, in dem Nick Cave wie auch in seinen Liedern konsequent die alttestamentarischen Ausmaße von Schuld und Vergebung, von Lust und Sühne thematisiert: Der titelgebende Bunny Munro (in der Serie eben von Matt Smith gespielt) ist ein Handelsvertreter für mindere Kosmetikartikel, die er von Haus zu Haus verkauft. Er ist aber auch ein widerwärtiger Egoist, ein verkommener Trunkenbold und dauergeil: Statt der Sonne sieht Bunny Munro in seiner Vernebelung sogar eine Riesenvagina am Himmel stehen. Mit seinem antiquierten, halbseidenen Charme kommt er aber auch tatsächlich recht häufig auf seine Kosten. Eines Tages radikalisiert sich allerdings seine triebhafte Welt, als sich seine Frau das Leben nimmt und er plötzlich mit seinem hochintelligenten Sohn allein dasteht.
Gemeinsam mit ihm geht Bunny Munro auf seine letzte Handlungsreise an der Südküste Englands, in Brighton – und gibt ihm sein Erfolgsmodell mit auf den Weg: „You’ve got to sell them the dream.“
Wie Bunny Munro verkauft auch Nick Cave in seiner nach Musiker und Priester dritten Profession als Handelsvertreter zwar keine minderen Kosmetikartikel, sondern zum Leidwesen seiner Jünger unglaublich uninspiriertes Merchandise – dafür aber tatsächlich: Träume. Träume mit ganz viel revitalisierender Hoffnung. Und einer Idee von: Glück. Da kann sich selbst der kroatische Heiler Braco noch etwas – Trommelwirbel! – abschauen.
Aber nicht nur Bunny Munro cruist durch Brighton, auch Nick Cave wird dort kommenden Sommer nicht nur seine einzige Show auf der Insel, sondern auch eine „ganz spezielle“ spielen: „It’s going to be big, bad and beautiful“, kündigt Nick Cave für den 31. Juli in Preston Park an. Die Details sind zwar noch nicht bekannt, die Show dafür schon restlos ausverkauft – und für Nick Cave selbst wird dies wohl Teil seines eigenen Heilungsprozesses werden, ist sein damals erst 15-jähriger Sohn Arthur immerhin vor 10 Jahren in Brighton von den Klippen in den Tod gestürzt.
Ein einschneidender Moment nicht nur in seiner Rolle des Vaters, sondern auch als Künstler: Um seine Trauer zu bewältigen ging Cave, der zuvor eigentlich eine distanziertere Rolle zu seinem Publikum einnahm, erst auf die zuvor angesprochene Tuchfühlung mit seinen Fans. „When Arthur died I realised I was part of a greater thing. I’m fully aware what my music means to people. And the energy from the audience has been really different in the last years – because my son died”, wird er zitiert. „The moments during concerts help us understand the world meaningfully and show our beautiful capacity, as human beings, to rise beyond various losses. Losses isolate you. You feel no-one has experienced anything like this pain, but quickly you realise that, actually, it’s the binding agent to humanity, because everyone is going through these things, or they will.”
Einen kathartischen Moment wie diesen zelebriert Nick Cave bereits am 21. Juni dann auch in der malerischen Kulisse auf Burg Clam – und ganz gleich, ob man als Publikum und Teil dieser Messe ein Leid zu verarbeiten hat oder in der glücklichen Position ist, sorgenfrei durchs Leben zu gehen: Nick Cave berührt – physisch und psychisch. „Into my arms!“