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Kultur

Der Bücherwurm #6

03.03.2026 von Stefan Baumgartner

In der HEADLINER-Serie "Bücherwurm" empfehlen wir euch in regelmäßigen Abständen aktuelle Bücher und Lesungen. Denn Lesen ist, so finden wir, eine der wertvollsten Gewohnheiten, die das Leben bereichern: Wir tauchen ab in eine andere Welt, unsere Gedanken werden entfesselt und unser Bewusstsein erweitert. Wir lernen dazu, werden unterhalten oder schaffen es, für einen kurzen Moment aus der Realität auszubrechen. Lesen ist Entspannung und Bildung gleichzeitig!

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen.

(Jorge Bucay)

Eine Reise in die Unterwelt der Musik

Im Wikipedia-Zeitalter haben klassische Künstler-Biographien weitestgehend ausgedient - Informationen findet man dort knapp und bündig. Einen interessanten Mehrwert bieten sie jedoch dann, wenn Künstler*innen einen raren Blick hinter die Kulissen oder gar in ihre Seele gestatten. Ein Paradebeispiel legt hierfür der Linzer Musiker Parov Stelar vor, der sich mit seinem aktuellen Werk “Artifact” zudem vom Electro-Swing emanzipiert hat: “Trip” ist weit mehr als eine chronologische Erzählung seiner respektablen Karriere, diese dient nur als Fundament einer Erzählung über seinen innersten Antrieb, über seine Ängste, seine Zweifel, sein Hadern mit der Existenz. “'I am Parov.' Was bedeuten diese Wörter?”, fragt er an einer Stelle im Buch - und mit “Trip” nähern sich auch die Leser*innen dem Charakter nicht nur hinter der Kunstfigur, sondern auch dem Menschen an: Parov Stelar, das ist weniger ein Körper, sondern vielmehr eine Kraft, die in Musik Ausdruck findet.

Parov Stelar gastiert im Mai in Grafenegg, im August in Gmunden und im Dezember in der Wiener Stadthalle.

Eine Ikone zwischen Religion und Punk

Patti Smith (79) zählt heute zu den größten Musikerinnen unserer Zeit, als “Godmother of Punk” - und nebenbei als eine der Ikonen der Frauenbewegung. Sie hat also viel zu erzählen - und tut dies auch, in einem weiteren Lebensrückblick. Doch es ist dies wie schon die bisherigen keine saubere Lebenschronik, sondern ein Mäandern in einem Universum zwischen religiöser Erweckung und traumwandlerischen Erwekungserlebnissen. Auch wenn sie hierin kein ganzheitliches Bild ihres Lebens (und noch viel weniger das eines Rockstars) zeichnet, gibt sie insbesondere ihrer Kindheit viel Raum: Stets kränkelnd aufgewachsen in einem religiösen, aber ärmlichen Haushalt, ist ihre kindliche Neugier der Funken, der bis heute in ihrem künstlerischen Schaffen nachhallt. Schon früh hieß es von einer Lehrerin, sie sei ein komisches Kind, wie aus einer Erzählung von H.C. Andersen - und diese Einzigartigkeit hat sie sich bis heute bewahrt.

Patti Smith gastiert im Mai bei den Festwochen, im Theater Akzent und in der Arena.

Über die lauteste Band der Welt

Weihnachtszeit ist bekanntlich auch Motörhead-Zeit: Lemmy wurde am 24. Dezember 1945 geboren - und starb siebzigjährig am 28. Dezember 2015. Frank Schäfer, Musikkritiker für u. a. Rolling Stone und Rock Hard, legte nun pünktlich zu Lemmys 80. Geburts- und 10. Todestag die erste deutschsprachige Bandbiographie vor. Aufgrund seiner Profession ist es naheliegend, dass sein Wissen über Motörhead profund ist, im Vorwort präsentiert er sich aber zudem als erklärter Die-Hard-Fan - nicht unähnlich zu Schauspieler Charly Hübner, der im KiWi-Verlag vor 4 Jahren eine Liebeserklärung an Motörhead vorgelegt hat. Leider ist von “Leidenschaft” hier nur wenig spürbar, vielmehr ist's lediglich eine chronologische Leistungsschau geworden - jedoch ohne nennenswerte Neu-Informationen: Es liest sich zwar plastisch und flockig, Erweckungserlebnisse werden zumindest Fans hingegen wohl vergeblich suchen.

Zwar spielen naturgemäß Motörhead nicht mehr live, aber laut wird es bei zahlreichen Heavy-Events dennoch. Ein paar Tipps [hier].

Über Sexismus in der Musikindustrie

Sonja Eismann ist Kulturwissenschaftlerin und Journalistin - darunter auch fürs Spex gewesen. Sie schreibt über Popkultur aus feministischer Perspektive und ist Mitgründerin und Mitherausgeberin des popfeministischen Missy Magazins. Nun ist im Nautilus Verlag ihr Buch “Candy Girls: Sexismus in der Musikindustrie” erschienen: Dabei steht nicht nur der oft zitierte “Row-Zero”-Diskurs (wir denken an Rammstein) im Mittelpunkt, sondern vor allem die tief verwurzelten patriarchalen Strukturen, die in der vermeintlich progressiven Bereiche immer noch vorherrschen: Etwa, wenn Frauen in Songtexten idealisiert, sexualisiert oder herabgewürdigt werden und wie ihre Körper auf Bühnen objektifiziert werden. Oder auch, wenn weibliche Fans als hysterisch gelesen werden, oder allein männlichen Fans als "Experten" verstanden werden. Ein präziser, wichtiger Beitrag zur Zeit, der zudem aufdeckt, dass mit dem Erfolg von Billie Eilish bis Taylor Swift die Männerdominanz zumindest in unseren Köpfen noch lang nicht überwunden ist.

Was macht Musik eigentlich mit uns?

Über vieles, das einem auch selbst Freude bereitet, macht man sich viel zu wenig Gedanken: Wieso fühlt sich eine Umarmung eigentlich so gut an? Wieso ist gutes Essen mehr als nur eine Nahrungsaufnahme? Und auch: Wieso ist es eigentlich so ein gutes Gefühl, Musik zu hören - ganz gleich, ob allein daheim oder in der Masse, bei einem Konzert? Diesem Thema widmet sich nun Kulturjournalist Ullrich Fichtner - der zwar durchaus ein spitzfindiger, vifer Analyst ist, selbst aber auch Musikliebhaber mit Herz und Seele. “Dieses Buch öffnet einem Augen und Ohren für das Wunder der Musik” urteilt da etwa auch der Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen - und er hat recht: Musik mag zwar primär ein unterhaltsamer, angenehmer Zeitvertreib sein - allerdings steigert die Musik nachweislich nicht nur unser Seelenheil, lindert Stress und Schmerz. Sondern scheinbar nebenbei wirkt die Musik - von Klassik bis Pop - auch noch positiv auf unsere Intelligenz und Sozialkompetenz ein. Somit ist dieses Buch ein Plädoyer dafür, der Musik mehr Raum zu geben - zum Wohl aller!

Weder "True Crime", noch Apologie

Seit vier Jahren tauscht sich Jurist und Falter-Chefredakteur Florian Klenk in einem gemeinsamen Podcast mit dem Gerichtsmediziner Christian Reiter aus - das Ergebnis war bereits das Buch “Über Leben und Tod”. Ein Thema verdient dabei größere Beachtung: In seinem neuesten Buch “Ausreden” rollt Klenk den Fall Elfriede Blauensteiner aus den Neunzigern nochmals auf - allerdings nicht aus Sensationslust. Vielmehr geht es Klenk darum, die “Schwarze Witwe” auch in einen Kontext zu setzen - einen Kontext zwischen Nachkriegsgeneration, Spielsucht und Pflegenotstand. Somit reiht sich “Ausreden” weder in den Hype um “True Crime” ein - noch gerät es zu einer Apologie, sondern rückt vielmehr den Kriminalfall aus dem gesellschaftlichen Abseits in deren Mitte. Im Interview mit uns erklärt Klenk mehr darüber.

Florian Klenk spricht mit Christian Reiter über die Gerichtsmedizin und Leichen u. a. im Wiener Stadtsaal, dem GLOBE und im Theater im Park.

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