Bild: Christopher Mavric
In “Ausreden”, dem neuen Buch von Jurist und Falter-Chefredakteur Florian Klenk, geht es um den Fall Elfriede Blauensteiner: “Sie war keine Bestie, sie war das Produkt eines kalten Jahrhunderts”, schreibt Klenk. Dabei gerät “Ausreden” weder zu einer Apologie - noch reiht es sich in den Hype um “True Crime” ein, sondern rückt den Kriminalfall aus dem gesellschaftlichen Abseits in deren Mitte.
Elfriede Blauensteiner, 1931 in Wien geboren, war eine der prominentesten österreichischen Serienmörderinnen. Älteren Semestern sind noch gut die boulevardesken Magazin- und Zeitungs-Titelseiten aus den späten Neunzigern in Erinnerung: Zu sehen ist da “der Weibsteufel”, die “Schwarze Witwe”, im Gerichtssaal, mit Kruzifix in der Hand. “Ich wasche meine Hände in Unschuld”, zitiert sie im Blitzlichtgewitter Pontius Pilatus aus dem Neuen Testament, bevor sie zu lebenslanger Haft verurteilt wird: Zumindest drei ältere Menschen hat sie “zu Tode gepflegt”. Nicht aus Mitleid, wie sie selbst erklärt – sondern aus Gier: Um ihre eigene Spielsucht zu finanzieren, hat sie sich so deren Erbe erschlichen.
In seinem neuen Buch “Ausreden” rollt Jurist und Falter-Chefredakteur Florian Klenk den Fall nochmals auf, lässt zuerst in einem Monolog Blauensteiner selbst zu Wort kommen, bevor er in seiner Nachrede den “Fall Blauensteiner” in einen sozialen und politischen Kontext einzuordnen trachtet, sie nicht als Bestie, sondern als “Produkt eines kalten Jahrhunderts” verortet.
Dabei fußt das Buch einerseits auf den Erkenntnissen des Gerichtsmediziners Christian Reiter, der maßgeblich an den Untersuchungen Blauensteiners Opfer beteiligt war. Bereits 2022 war der Fall Thema einer Episode des gemeinsamen Podcast mit Florian Klenk, auch in ihrem Buch “Über Leben und Tod” (2024) widmen sie Blauensteiner ein ganzes Kapitel. Zudem stützt sich “Ausreden” auf das Gesprächsprotokoll zwischen der Gerichtspsychologin Sigrun Roßmanith und Elfriede Blauensteiner - sowie auf jene Gesprächen, die Florian Klenk selbst mit ihren Hinterbliebenen geführt hat.
Das Ergebnis ist alles andere als ein “True Crime”-Puzzlestück – und noch viel weniger eine Apologie, eine “Seligsprechung” oder “Reinwaschung”, wie es sich Blauensteiner selbst vielleicht gewünscht hätte: Das Verbrechen fungiert lediglich als eine “Vorderbühne”, Blauensteiner selbst wird als mehr als nur eine Täterin verstanden - vielmehr ist “Ausreden” ein Guckkasten in ein Gesellschaftsporträt zwischen sozialer Kälte und Verrohung, das bis heute nachwirkt.
Demnach war es naheliegend, sich dem Thema im Gespräch mit Florian Klenk auf gleich mehreren Ebenen anzunähern: natürlich juristisch, aber eben auch soziopolitisch und nicht zuletzt auch: emotional.
Mich interessieren Menschen, die in ihrer Biografie etwas über die Gesellschaft aussagen. Der Bergbauer Christian Bachler ist jemand, der etwas über die Lebensrealitäten am Land, über die Bauern, die unsere Nahrungsmittel produzieren, erzählt – und Christian Reiter ist jemand, der als Gerichtsmediziner jeden Tag nicht nur Kriminalfälle obduziert, sondern damit auch Einblick in die Gesellschaft gibt. Nehmen Sie den Leichnam von Marcus Omofuma oder die Opfer der Lainz-Schwestern her: Dadurch schält sich auch ein Stück österreichische Zeitgeschichte heraus.
Über ihn bin ich auch auf den Fall Blauensteiner gestoßen: Er enthüllte die chemisch-toxologische Geschichte, die Raffinesse einer Mörderin, während die eigentliche Heldin die Gerichtspsychologin Sigrun Roßmanith ist, die eine weitere Facette eingebracht hat - nämlich Blauensteiners Lebensgeschichte, die aber nie wirklich erzählt wurde.
Ein Bericht im Falter ist viel kürzer, das sind maximal 20.000 Zeichen. Ein Buch hat bis zu 400.000 Zeichen – ein Buch ist also viel ausführlicher und kann mehr mutieren. “Ausreden” ist, wenn man so will, mein erstes literarisches Experiment: Es wäre mir zu plump gewesen, das Protokoll zwischen Sigrun Roßmanith und Elfriede Blauensteiner einfach so abzudrucken, wie man etwa ein Grasser-Protokoll inszeniert. Ich habe es verdichtet und dramatisiert.
Das ist eine interessante Assoziation. Ihre Kindheitserinnerung hat mich an Friedrich Zawrel erinnert, an den Überlebenden vom Spiegelgrund. Auch er war ein Kind dieser Notzeit der Zwanziger und Dreißiger, der Zwischenkriegszeit, die dann in den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus gekippt ist. Doch Zawrel war nicht nur einer, der befreit wurde, sondern der sich auch selbst befreien konnte – sich im Gefängnis resozialisiert hat, während sich Blauensteiner für den “bösen Weg” entschieden hat. Diese Kriegskinder-Biografien finde ich spannend – auch wenn es natürlich nicht heißt, dass jemand, der diese Brutalität erfahren musste, zwangsweise Mörder wird.
Mich erinnert Blauensteiners Protokoll aber auch an den “Herrn Karl”: Auch da sitzt jemand und redet sich in seinem Monolog das Leben schön. Aber man kann natürlich auch die Verhörprotokolle des deutschen Mörders Fritz Haarmann heranziehen, oder Felix Mitterers “Sibirien” – als Monolog eines Alten, der zornig über sein Leben erzählt.
Mich hat die klassische Kriminalberichterstattung, die Faszination am Verbrechen, die “Bestie Mensch” nie wahnsinnig interessiert. Für mich muss ein Kriminalfall anhand der Täter, aber auch der Opfer, immer etwas über die Gesellschaft miterzählen. Vor 30 Jahren, als ich als Journalist begonnen habe, war der Fall Blauensteiner eine klassische Kronenzeitung-Geschichte – mit fünf Seiten über den “Weibsteufel”. Da war klar, wo das Gute und das Böse ist - mich interessiert es, wenn es in die Zwischentöne geht, wenn bewusst wird, dass nicht mit Geburt entschieden ist, ob du eine Bestie oder ein Engerl wirst.
Meine Nachrede soll klarstellen, dass nichts, das von Blauensteiner in ihrer “Ausrede” gesagt wird, eine Relativierung sein soll. Blauensteiner als Opfer zu zeigen, das wäre die klassische österreichische Vergangenheitsbewältigung. Mit war wichtig klarzustellen: Das war eine grausame Frau, sie hat die Gewalt, die sie selbst erlebt hat, nicht durchbrochen, sondern vielmehr sogar verstärkt weitergegeben.
Wie wir das gemeinsame Buch gemacht haben, hatte ich das Protokoll schon vorliegen und auch zitiert. Ich habe dann begonnen, es abzutippen und in enge Spalten zu bringen – so wie die Bühnenfassungen für Schauspieler. Da habe ich gemerkt, es bekommt eine gänzlich andere Wirkungskraft, dieses Stakkato eine literarische Bedeutung. Dann habe ich begonnen, es zu redigieren und wollte es wie ein Theaterstück bringen.
Ich sehe drei große gesellschaftliche Themen im Stoff: Das eine ist die Brutalisierung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration – in der Erziehung und im Umgang. Das zweite ist diese Glücksspieltangente: Es ist uns – Stichwort “Ibiza” – erst später bewusst geworden, wie korrupt diese Branche eigentlich ist, und wie sehr Glücksspielunternehmen Leute in die Armut treiben, ohne dass interveniert wird. Das dritte ist das Pflegethema, wo infrage gestellt wird, wer sich eigentlich um die Alten kümmert.
Das Interessante bei diesen in erster Linie männlichen Pflegefällen ist aber, dass sie am Anfang gar keine Pflegefälle waren, sondern eigentlich nur vereinsamte Männer, die ohne Frau nicht leben konnten. Eines der Opfer, Alois Pichler, hatte eine Frau, die ihm vor ihrem Tod einen Koffer gepackt hatte, falls er ins Spital muss - weil er offensichtlich nicht fähig war, dies selbst zu tun. Ich weiß nicht, ob es außerhalb von “Liebesg'schichten und Heiratssachen” diese Produkte einer patriarchalen Gesellschaft, die nicht kochen oder die Wäsche waschen können und demnach eine Mischung aus Magd, Pflegerin und Liebesdienerin suchen, heute überhaupt noch gibt. Mitte der Neunziger war zwar der Eiserne Vorhang schon gefallen, aber dieses organisierte Business einer 24-Stunden-Pflegerin, wie wir es heute haben, gab es damals noch nicht: Damals haben sich diese vereinsamten Männer über Annoncen Frauen, die sich das zum Geschäft gemacht haben, ausgeliefert - Blauensteiner war ja eigentlich eine klassische Erbschleicherin.
Der “True Crime”-Hype ist nichts Neues – auch ich bin mit “Aktenzeichen XY”, “Tatort”, “Derrick” und “Der Alte” aufgewachsen. Auch damals gab es schon keinen Abend, an dem man keinen Mord im Fernsehen gesehen hat. Menschen haben sich immer schon gern Krimis angeschaut, weil sie sich vergewissern wollten, dass sie selbst nicht so böse sind, und natürlich sind Krimis spannend.
Ich sehe das Buch ja tatsächlich nicht als “True Crime”, sondern als Gesellschaftsgeschichte – ich ziehe aus dem Fall Blauensteiner ein Stück Geschichte aus dem kalten zwanzigsten Jahrhundert hinaus. Da ist das Verbrechen nur eine Vorderbühne – und wie gehen gemeinsam mit der Gerichtspsychiaterin in Blauensteiners Zelle, um ihr zuzuhören, was sie erlebt hat. Ihr Monolog ist all das, was sie vor Gericht nicht erzählt hat - weil es auch nicht verhandelt werden muss: Ihre Kindheit ist für die Frage der Morde wurscht, aber nicht egal, wenn wir etwas über unsere Gesellschaft verstehen wollen. Insofern ist es weder ein apologetisches Stück, das sie in irgendeiner Form entschuldigen will, noch ist es ein reiner Krimi.
(lacht) Das ist immer so. Aber ich habe bewusst auch nicht das Foto von Elfriede Blauensteiner mit ihrem Kruzifix aufs Buchcover genommen, sondern ein Foto von Paul Kranzler, den ich als einen der begabtesten Gesellschaftsfotografen Österreichs halte: Der Vorhang symbolisiert, dass von außen das Licht in diese dunkle, österreichische Realität scheint.
Tatsächlich ist für mich die Form des Schreibens auch eine Verarbeitung. Ich sehe meinen Job als Journalist wie den eines Radiologen: Ich lege diese Fälle auf den Tisch und versuche zu verstehen, was da passiert. Auch ein Radiologe wird nicht depressiv, nur weil er jeden Tag Knochenbrüche begutachtet. Man legt halt etwas unter das Mikroskop und beschreibt es, um im Anschluss eine Therapie verordnen zu können und einen Heilungsprozess anzustoßen. So ähnlich sehe ich auch den Beruf des Journalisten - wir sind die Radiologen der Gesellschaft, die Dinge durchleuchten und beleuchten, und sie dadurch sichtbar machen. Insofern ist diese Arbeit eine sehr konstruktive und sehr progressive.
Ich habe meine Dissertation 1997 und 1998, also zeitgleich zum Fall Blauensteiner, erarbeitet und da auch juristisch untersucht, ob ein Begriff wie der der “Schwarze Witwe” eine Vorverurteilung darstellt. Die Mediengerichte haben damals gesagt, es ist zulässig – man dürfte sie auch eine “Killerin” nennen, weil das noch keine juristische Beurteilung ist. Natürlich ist es aber problematisch, weil das ein Label ist. Aber das wird man nicht aus den Medien kriegen, weil die Medien diese Schlagzeilen brauchen - das ist ganz archaisch, ein Hexenprozess: Das Böse muss benannt und verbrannt werden. So wie auch die Gesellschaft Spitznamen und Codes braucht, haben wir das Bedürfnis, das Böse metaphysisch zu bezeichnen und dadurch in Luft aufzulösen.
Diese Hexenverbrennung dient ja, anders als die Hinrichtung in totalitären Systemen, nicht der Abschreckung, sondern der Erlösung. Die Hexe geht im Rauch auf und verschwindet, es ist ein Theater des Schreckens. Das Verbrennen ist eine Befreiung, während die Hinrichtungen etwa bei den Nazis versteckt passieren: Da sieht man eben nicht, wie das vermeintlich Böse der Regimekritiker getötet wird, das findet im Verborgenen, an einem Ort des Schreckens statt und soll auf diese Weise Angst machen. Die Hinrichtung der Hexe soll keine Angst machen, sondern zeigen, dass das Gute gesiegt hat - darum werden ja etwa auch die islamistischen Hinrichtungen öffentlich gezeigt.
Klar, wenn Elfriede Blauensteiner als “Weibsteufel” bezeichnet wird, hat sie mit uns nichts mehr zu tun. Und genau damit räumt das Buch auf: Natürlich ist Blauensteiner eine von uns, hat mit der Stadt eine Vorgeschichte. Aber nochmal: Ihre Vorgeschichte entschuldigt nichts, aber auch sie ist Teil dieser Gesellschaft.
Darüber müsste man eine Gerichtspsychiaterin befragen, aber gerade in Österreich gibt es schon auch einige Frauen: Ich denke da etwa an die Eislady (Estibaliz Carranza, sie tötete 2008 ihren Ehemann und 2010 ihren Lebensgefährten und deponierte die zerstückelten Leichen in einer Tiefkühltruhe unterhalb ihres Eissalons in Meidling. Anm.) und die “Todesengel von Lainz” (Waltraud Wagner, Irene Leidolf, Stefanija Meyer und Maria Gruber ermordeten im Krankenhaus Lainz in den Achtzigern eine größere Anzahl an Patienten. Anm.).
Was bei Blauensteiner aber interessant ist, ist was Roßmanith die Verschränkung von “füttern, pflegen und töten” nennt, diese Machtausübung an jemanden, der sich ausliefern muss. Das Reichen von Speisen ist natürlich ein liebevoller Akt, aber man kann jemand durchs Vollstopfen auch unter Kontrolle bringen. Es ist eine Form der Abhängigkeit, wir alle kennen Großmütter, die gerne anstopfen: Geht es da noch um das Wohl des Kindes, oder um Machtausübung gegenüber dem Kind? Der Hunger, der spielt bei Blauensteiner in ihrem ganzen Leben eine Rolle – und auch das ist eine der vielen verdrängten österreichischen Erfahrungen: Dass die Generation der Vierziger und Fünfziger wirklich Hunger erlebt hat und davon geprägt war, wie auch Hannes Androsch (ehem. BM für Finanzen. Anm.) einmal in einem Interview erzählt hat.
(lacht) Österreich aus der Perspektive des Hungers zu erleben, die Frage nach der Selbstversorgung und des immer vollen Tellers – da sind wir wieder beim Christian Bachler – ist schon noch immer da.
Ohne, dass ich in mein Privatleben zu sehr vordringe, aber: das Essen war auch für meine Großeltern ein wichtiger Punkt. Ich habe eine Großmutter, die war Bäuerin – da war es immer ganz wichtig, dass es immer etwas zum Essen gab, dass sich alle um den Tisch versammelt haben. Aber auch für die andere Großmutter war das Anessen ein wichtiges Kommunikationsmittel.
Das hat mit Elfriede Blauensteiner zwar wenig zu tun, aber heute spielt das Essen eine viel genussvollere Rolle, es geht nicht darum, dass man satt wird und möglichst viel isst – zumindest nicht in meiner Peergroup. Das Essen hat sich in eine Foodie-Gesellschaft veredelt, man kocht besonders gut oder will sich besonders gesund ernähren.
Es gibt die Zurechnungsunfähigen, die, die das Unrecht ihrer Tat nicht erkennen können. Elfriede Blauensteiner war aber keine, die im Wahn gehandelt hat – das hat die Gerichtspsychiaterin festgestellt. Sie konnte das Unrecht ihrer Taten erkennen und hat trotzdem so gehandelt. Dass dieser Hirntumor eine Rolle gespielt hat, das ist eine bestrittene Theorie. Aber, und das ist das Argument von Christian Reiter, es könnte sein, dass dieser hirsekorngroße Tumor eine Persönlichkeitsstörung mitausgelöst hat. Roßmanith schließt das aber aus. Ich glaube, Blauensteiner war einfach eine berechnende, gierige Frau.
Ich habe ihr gegenüber überhaupt keine Emotion, eher mit ihren Hinterbliebenen, die ich sehr dafür bewundere, wie sie diesen Gewaltkreislauf durchbrochen haben. Das ist für mich auch eine Lektion: Gewalt ist zwar sehr oft vererbt, aber man kann auch Mechanismen finden, um da herauszukommen.
Davor hat die Familie lang Angst gehabt – auch, weil ihr die Medien damals die Türe eingetreten und unterstellt haben, man hätte ja etwas mitbekommen müssen. Dass da auch ihre Tochter, die heute Psychotherapeutin ist, sich befreien konnte, das reflektiert hat, einen Schnitt mit ihrer Mutter vollzogen hat – das ist auch eine wichtige Lektion: Man kann sich von Menschen mit toxischen Verhaltensweisen distanzieren. Dass man auch ausbrechen kann, das ist vielleicht die positive Nachricht an dieser Geschichte.
Wir dürfen den Krimi nicht von hinten erzählen: Die Tochter hat Elfriede Blauensteiner nicht als Mörderin wahrgenommen, sondern als gestörte Mutter. Viele Bosheiten sieht man nicht unmittelbar – wer kennt keine Familien mit gestörten Großeltern, Eltern oder Schwiegereltern? Vielleicht will man der Großmutter die Enkelkinder ja auch nicht vollends entziehen – sie waren ihr ja auch nicht ausgeliefert. Im Gegenteil, ich habe schon das Gefühl gehabt, dass die Mutter genau hingeschaut hat und die Kinder sehr ferngehalten hat, der Großmutter nie anvertrauen wollte.
Das ist eine gute Frage, aber das weiß ich nicht.
Wenn man nachliest, wie Alois Pichler am Schluss gequält wurde, wie er sich auf allen Vieren durch die Wohnung schleift und in der Badewanne kalt abgewaschen wird, das geht einem schon nahe - zumal er nur etwas über Siebzig war, das könnte auch der eigene Vater oder man eines Tages auch selbst sein. Da reflektiert man schon, dass das Menschen unserer Gesellschaft sind, dass alte Menschen genauso ihre Würde haben, sie sind Schutzbefohlene, so wie Kinder.
Noch vor fünf Jahren gab es unweit von hier, in Kirchstetten, einen Prozess gegen Pflegerinnen, die alte Leute gequält haben. Es ist leider so, dass auch solche Institutionen wie Pflegeheime sadistische Menschen anziehen, weil sie dort ihre Macht ausüben können: Dieses Quälen von Alten durch überforderte, aber eben auch sadistische Menschen - darauf muss man ein Augenmerk legen.
Blauensteiner hat zuerst gestanden, und sich dann gute Anwälte genommen, darunter Rudolf Mayer mit Walter Rosenkranz (heutiger Nationalratspräsident. Anm.) als Konzipient. Für Anwälte gibt es zwei Strategien: Entweder, man gibt alles zu und hofft, dass man statt lebenslang nur zwanzig Jahre bekommt. Aber Anwälte neigen dazu, alles zu widerrufen und einmal abzuwarten, was von der Staatsanwaltschaft überhaupt bewiesen werden kann, ob man die Geschworenen vielleicht doch verwirren kann. Ich glaube, das war keine besonders gute Strategie im Fall Blauensteiner, aber zweites führt dazu, dass ein Verfahren länger dauert - und die Anwälte mehr Arbeit haben. Juristisch ist das egal, letztlich muss der Staat den Schuldbeweis erbringen - wenn kein Geständnis vorliegt, muss er das mit anderen Mitteln erreichen.
Wir verurteilen Häftlinge zum Entzug der Freiheit, aber nicht zum Entzug der menschlichen Würde. Wir verurteilen sie auch nicht zum Entzug der Gesundheit oder zu Hunger. Die Zeiten, als man noch “karges Lager und einfache Kost” verhängen konnte, um die Verurteilten am Jahrestag der Tat daran zu erinnern, sind vorbei. Wir verletzen und quälen den Körper nicht mehr, wir martern und foltern nicht - wir nehmen die Freiheit zum Schutz der anderen. Während wir die Freiheit entziehen, versuchen wir, Täter wieder zu einem Mitglied der Gesellschaft zu machen. Das ist der aufgeklärte Ansatz des Strafvollzuges.
Es gibt tatsächlich ein Missverhältnis zwischen Bestrafung von Vermögensdelikten und Gewaltverbrechen. Das hat damit zu tun, dass man früher der Ansicht war, dass wenn jemand Gewalt angetan wird, kann das schnell wieder heilen. Wenn man aber das Vermögen - etwa einem alten Menschen das Sparbuch - stiehlt, hat das Auswirkung auf die Zukunft, dann nimmt man ihm beispielsweise 10 Jahre seines Lebens. Die Interpretation ist also, dass der Schutz des Vermögens auch der Schutz der Zukunft ist. Vielleicht war die Gesellschaft früher aber auch einfach gewalttätiger.
Mittlerweile hat sich das etwas eingependelt, ich glaube, dass die Strafen insgesamt hoch genug sind. Ich halte eine Debatte über höhere Strafen für kontraproduktiv, sie führt nur dazu, dass Menschen noch länger im Gefängnis sitzen und die Gefängnisse noch voller werden – während wir wissen, dass längere Haftstrafen nicht zu einer besseren Resozialisierung oder zu weniger Kriminalität führen. Im Gegenteil: In den Niederlanden haben wir geringere Haftstrafen, aber keine höhere Kriminalitätsrate. Österreich ist vergleichsweise ein Land, dass sehr viel und sehr lang einsperrt.
Ihre Tochter hat erzählt, dass ihre Mutter einmal im Gefängnis gemeint hat, dass sie sich dafür schämt, was sie den Kindern angetan hat. Es gab also zumindest einen Moment, wo sie sehr wohl wusste, was sie da tat. Aber am Schluss ist es wohl eine Form der Selbstverleumdung, eine klassische Rolle, dass man leugnet und sich als Opfer präsentiert: In den Briefen spricht sie ja auch nicht über ihre Taten, sondern nur, dass es ihr in Haft gutgeht. Innen drin wusste sie, glaube ich, schon, was sie gemacht hat. Aber ich glaube, sie hat auch sehr darunter gelitten, dass der zweite Prozess überhaupt kein Spektakel mehr war.