Bild: Richard Beland
In einer anderen Welt wäre womöglich alles ganz anders gekommen: Frontmann Chad Kroeger würde als kanadischer Rockgott verehrt werden, man würde Nickelback mit den Foo Fighters auf eine Stufe stellen und die vielen Hit-Singles würden nicht nur Fans, sondern auch Kritiker zu jauchzenden Freudensprüngen bewegen. Nun befinden wir uns aber nicht in einer derartigen Parallelwelt, in der verbal Milch und Honig fließen. Dass Nickelback bis dato mehr als 50 Millionen Alben verkauft haben, im letzten Jahr in die kanadische Music Hall Of Fame einzogen und quer über den Globus opulente Hallen ausverkaufen, schützt vor Häme nicht: Seit mehr als 20 Jahren, also gut zwei Drittel ihrer Karriere, gelten Chad Kroeger und Co. als meistgehasste Band der Welt – und das bei einer renommierten Konkurrenz von U2, Maroon 5 über Imagine Dragons bis hin zu Coldplay oder Limp Bizkit. Ganz zu schweigen von all den Boybands, die in den Frühzeiten des Internets in den virtuellen Todestrakt geschickt wurden.
Doch viele der einst so geschmähten Combos erfuhren über die Jahre Rehabilitation. Die Refrains der Backstreet Boys werden auf trashigen 90er-Jahre-Partys lauthals von jenen mitgegrölt, die sie einst als Untergang der modernen Welt titulierten. Die Hamburger Techno-Institution Scooter hat dank der Beharrlichkeit und Selbstironie des dauerplatinblonden Kultobjekts H.P. Baxxter ihren Ruf über die Jahre von „unausstehlich“ auf „legendärer Kult“ gedreht. Warum sich manche Bands im öffentlichen Verständnis über die Jahre ins Positive bewegen und andere nicht, das muss wissenschaftlich noch genauer analysiert werden. Genannte Charakteristiken wie Beharrlichkeit und Selbstironie schaden jedenfalls nicht. Letzteres hat schlussendlich auch den Millenniums-Nu-Metal-Proleten Limp Bizkit ein neues Bild verschafft: Als der dauerpolternde Vorturner Fred Durst in den letzten Jahren entdeckte, dass man „Break Stuff“ genauso gut mittels Dad Bod und lächerlicher Bartmode in die Festival-Crowd hämmern kann, waren selbst erbitterte Gegner versöhnt – zumindest war ihnen die einstige Nemesis mit Base-Cap und Baggy-Hosen plötzlich ziemlich egal.
Der (Internet)-Hass auf Nickelback ist jedoch von einer ganz besonderen Güte. Man kann ihn rational gar nicht mehr erklären. Als sie 2001 mit ihrem dritten Album „Silver Side Up“ und der dazugehörigen Erfolgssingle „How You Remind Me“ endgültig zu Rock-Weltstars wurden, blies der virtuelle Gegenwind das erste Mal kräftig – und sollte sich bis heute nicht mehr beruhigen. Slipknot-Frontmann und Lästermaul Corey Taylor gehörte 2002 zu den ersten Raunzern, der Chad Kroeger als „Shaggy from Scooby-Doo“ und seine Band als „fucking pretty boys“ bezeichnete. Bemerkenswert: All das passierte noch, bevor (a-)soziale Medien salonfähig wurden. Auf Twitter verglich sie der einstige kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger humorig mit Herpes, eine kanadische Polizeistation drohte betrunkenen Verkehrsteilnehmern damit, sie mit Nickelbacks Musik zu bestrafen. Die australische Queensland Police machte sich 2015 gar den Spaß, steckbrieflich für „Crimes Against Music“ nach den vier Bandmitgliedern zu fahnden.
Die Mischung aus echter Ablehnung und augenzwinkerndem Trittbrettfahren entwickelte sich über die Jahre zu einem globalen Konsens. So erkennt etwa das kostenlose Browser-Plugin „Nickelblock“ beim Surfen jede Erwähnung der Kanadier, und hält sie einem vom Leib. 2011 unterzeichneten mehr als 50.000 Menschen eine Petition, damit die Kanadier nicht in der Halbzeitpause eines Football-Spiels der Detroit Lions auftreten. Die Krönung des Veralberns kam von Mark Zuckerberg, Mr. Facebook, himself: In einem Video, das den digitalen Heim-Assistenten „Jarvis“ präsentierte, wird dieser gebeten, einige gute Nickelback-Songs zu spielen. Selbstredlich verneinte der Assistent, weil es solche nicht gäbe.
Im Laufe der Jahre nahmen all diese kleinen Details einen derartigen Negativlauf, dass Nickelback noch heute und möglicherweise bis in alle Ewigkeit als Blaupause für eine absolute „Out-Band“ im Internet gelten. „How You Remind Me“ zählte zwar zu den am meisten gespielten Songs in den nordamerikanischen Radios zwischen 2001 und 2009 und trotzdem fand man bei Straßenumfragen nur selten jemanden, der sich offiziell als Fan der Band bekannte. Neben der Aversion gegen vor allem Chad Kroeger (man denke an die Scheidung von Avril Lavigne oder offen zur Schau gestellter Trunksucht und unglücklichen Interviews) kam der allumfassende Hass gegen die Musik selbst. Zu uncool für Grunge, zu anbiedernd für Alternative Rock, aber doch zu kantig für den Mainstream – Nickelback sind die Personifizierung des alten Kalauers „nicht Fisch, nicht Fleisch“. Die finnische Doktorandin Salli Anttonen wühlte sich für eine Arbeit an einer ostfinnischen Uni vor einiger Zeit durch 14 Jahre Nickelback-Rezensionen und arbeitete das Thema wissenschaftlich auf. Ihre Arbeit trägt den klangvollen Titel „Durch knirschende Zähne ausgeübter heuchlerischer Bullshit: Authentizitäts-Abhandlung von Nickelback-Albenrezensionen in finnischen Medien“.
Die wichtigste Erkenntnis daraus? „Nickelback sind zu viel von allem, um genug von irgendwas zu sein. Sie folgen Genre-Erwartungen zu gut, was als leere Imitation angesehen wird, aber nicht zu gut, was wiederum als kommerzielle Taktik und das Fehlen einer stabilen und ehrlichen Identität interpretiert wird.“ Eine weitere, durchaus nachvollziehbare Erkenntnis: „Es war ein Phänomen, dass Journalisten die immer gleichen Gründe verwendeten, um die Band zu diskreditieren. Daraus wurde schon fast eine Art Kunstform.“
Nickelback können also längst nichts mehr richtig machen, selbst wenn sie es tun würden. Doch aus diesem Selbstläufer der Antipathie stanzte sich auch eine treue und devote Fan-Gegenbewegung, die ihre Helden selbst bei Mord und Totschlag verteidigen würde. Nickelback selbst ist das – zumindest nach außen hin – relativ egal. Die Alben verkaufen sich, die Singles charten, die Hallen sind vollgefüllt. Mit der Doku „Hate To Love: Nickelback“ sei alles gesagt und die Band werde in Interviews nicht mehr darauf Bezug nehmen. Das letzte Wort spricht aber sowieso das Internet.
Nickelback gastieren am 4. Juni in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.