Bild: Heavy Psych Sounds
Mit dem süßlichen Duft von Marihuana wird heute in der breiten Masse üblicherweise Reggae (und zuvörderst natürlich Bob Marley) in Verbindung gebracht: Trotz der zahlreichen, vermutlich vielerorts unbegründeten negativen Assoziationen war Marihuana aufgrund seiner Funktion als psychoakustischer Verstärker jedoch ein Teil des kreativen Prozesses vieler Musikgenies, auch über dieses eine Genre hinaus.
In der populären Musik, insbesondere im Jazz, taucht Marihuana erstmals in den Zwanzigern auf. Der legendäre Trompeter Louis Armstrong war ein überzeugter Anhänger der beruhigenden und kreativen Eigenschaften von Marihuana und nahm 1928 ein Instrumentalstück namens „Muggles“ auf - einem Slang für „Gras“. Allerdings war Kiffen zu dieser Zeit noch lange kein Mainstream – die Assoziation von Kiffen mit schwarzer Kultur und Musik verleiht dem Kiffen bis heute einen negativen Beigeschmack, bis in die Strafverfolgung hinein. Und das, obwohl es vielleicht einer der größten Verdienste von Bob Dylan – nebst seiner Musik – war, dass er John Lennon mit Cannabis bekannt gemacht hat, und die Beatles mit subtilen Anspielungen in Songs wie „Got to Get You in My Life“ Gras in den breiten Mainstream der (weißen) Gegenkultur eingeführt haben.
Eine Einführung, die Mitte/Ende der Neunziger im Psychedelic Rock heillos ausgelebt wurde – man denke nur an die spacigen Geflechte, die etwa Jimi Hendrix und The Jefferson Airplane durch die Nebelschwaden im „Summer of Love“ aufsteigen ließen. Auch in der Ära des Gangsta-Raps in den Achtzigern und Neunzigern war Cannabis ein wiederkehrendes Thema, das wiederum in der Kultur einer marginalisierten Minderheit verankert war, die von den Konservativen und Präsident Ronald Reagans Krieg gegen Drogen verteufelt wurde. Snoop Dogg, einst ein Rapper aus den Straßen von Long Beach, der zu einer Ikone der Popkultur wurde, ist nach wie vor eine der bekanntesten Symbolfiguren des Cannabiskonsums – immerhin hat er einen eigenen Mitarbeiter, der nur zum Jointdrehen abgestellt ist.
Heute ist Kiffen tatsächlich im gesamten musikalischen Spektrum allgegenwärtig, vom Downtempo-Indie-Pop bis zum düsteren SoundCloud-Trap. Man denke an die eingenebelten Fotos von Miley Cyrus, an „High by the Beach“ von Lana Del Rey, „Smokin‘ out the Window“ von Bruno Mars und vielen mehr. Kiffen ist heute kein Akt der Rebellion mehr, und vor allem im Gegensatz zum heute oft verpönten überbordenden Alkoholkonsum vielmehr ein Lifestyle, der dem regenativen Moment der Musik nur zu gern die Hand gibt. Jörg Fachner, Professor für Musik, Gesundheit und Gehirn an der Anglia Ruskin University in Cambridge, führt aus, dass „Marihuana wie ein psycho-akustischer Verstärker wirkt, man besser in der Lage ist, etwas aufzunehmen, sich auf etwas zu konzentrieren und ein etwas breiteres Spektrum zu haben.“ Marihuana verändert nicht die Musik, es verändert nicht die Funktionsweise des Ohrs. Aber es verändert die Art und Weise, wie wir den Hörraum in der Musik wahrnehmen. Und Daniel J. Levitin, Musikpsychologe und Professor für Psychologie und Verhaltensneurowissenschaften an der McGill University, erklärt in seinem Buch „The World in Six Songs“, dass der Wirkstoff THC „dafür bekannt ist, die natürlichen Lustzentren des Gehirns zu stimulieren und gleichzeitig das Kurzzeitgedächtnis zu stören“. Die Störung des Kurzzeitgedächtnisses versetzt den Hörer in den Moment der Musik, in dem sie sich entfaltet; unfähig, sich explizit an das zu erinnern, was gerade gespielt wurde, oder an das zu denken, was noch gespielt werden könnte, neigen bekiffte Menschen dazu, Musik von Note zu Note zu hören – ein besonders intensives Unterfangen, also. Mit anderen Worten: Kiffen ermöglicht es dem Zuhörer, sich ganz auf die Musik einzulassen – im Gegensatz zur Literatur heißt es ja hier nicht, sie zu rationalisieren, die Euphorie steht allein im Vordergrund.
Eine Euphorie, die zudem Basis für ein ganzes Genre ist: Sludge-Bands wie Weedeater, Sleep, Bongripper, Belzebong, Buzzoven, Dopethrone, Bongzilla und viele mehr widmen sich seit Mitte der Neunziger in schwerfälligen, teils ausufernden Musikstücken, die oft auf den Frühwerken von Black Sabbath fußen, dem Hang zur grünen Entrückung. Letztgenannte, also Bongzilla, sind zweifelsohne nicht nur Wegbereiter, sondern haben mit „Amerijuanican“ (2005) zudem eines der Genre-Highlights verfasst – das leider in einen Hiatus führte. Doch 2015 meldeten sich die Herren aus Wisconsin zurück, und spielten dann kurz darauf, 2017, mit den Salzburgern Sativa Root auch in der Wiener Arena. Ihr erstes neues Album nach der Pause, „Weedsconsin“ (2021) zeigte, dass der alte Geist nicht verdampft war, und nun steht mit „Dab City“ (2. Juni) bereits das nächste Album von Muleboy, Spanky und Magma in den Starlöchern – die erste Single „Hippie Stick“ ist ab sofort zu hören, das Album bereits vorbestellbar.
Mit einer Länge von sechs Minuten und etwas mehr liegt sie genau zwischen den monolithischen Epen des Albums und den vergleichsweise „kurzen“ Stücken – ADHS darf man hier jedoch nicht mitbringen. Es mag für Außenstehende vielleicht amüsant sein, wenn mittelalte Männer die Centerfolds in den „High Times“ ähnlich erregt anstarren, wie Jugendliche das vom Penthouse – aber den ungebrochenen Enthusiasmus hört man bei Bongzilla in jeder Note, die aus dem Nebel ausbricht, heraus, und das ganz gleich, ob man selbst ebenfalls benebelt ist oder nicht. Allein das beinahe niedlich aufgedrehte Pressestatement zur Single spricht schon Bände: „In diesem Song geht es darum, dass man einen SUPER starken Joint geschenkt bekommt.“
Wie auch schon 2017, spielen Bongzilla am 25. Mai erneut mit Sativa Root in der Arena, diesmal in der kleinen Halle. Tickets gibt es bei oeticket.com.