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Paul McCarthy und Lilith Stangenberg: Night Vater

29.08.2022 von Stefan Baumgartner

Seit 2017 arbeiten der US-amerikanische Künstler Paul McCarthy und sein Sohn Damon am Projekt „NV / NIGHT VATER“ – ausgehend vom berühmt-berüchtigten, in Wien gedrehten Film „The Night Porter“ (1974) der italienischen Regisseurin Liliana Cavani. Der Film thematisiert die sadomasochistische Beziehung des ehemaligen SS-Offiziers Max mit seinem ehemaligen Opfer Lucia, einer ehemaligen KZ-Insassin. Max tauchte nach dem Krieg unter und arbeitet als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Dort begegnen er und Lucia sich zufällig wieder – und sie sind sich immer noch verfallen, so dass ihr Verhältnis neu auflebt.

Der Film wie auch McCarthys Projekt greifen die Überschneidungen von Sex und Macht, die Wiederkehr des Verdrängten, den Vaterkomplex in der Politik und die anhaltende Anziehungskraft des Faschismus als Ideologie und Ästhetik auf – eine Adaption als Neuinszenierung politischer Landschaften. „NV / Night Vater“ wurde in einem labyrinthartigen Set gedreht, das eine Reihe von Räumen umfasst – darunter Nachbildungen von Sets des Originalfilms sowie Flure und Zimmer eines Marriott-Hotels in direkter Nachbarschaft des Filmstudios in Pasadena.

McCarthy spielt Max, einen alternden Hollywood-Produzenten, der von Faschismus und Kontrolle besessen ist. Lilith Stangenberg spielt eine junge Schauspielerin, die nach Los Angeles kommt, um für einen Film vorzusprechen, der von Max gedreht wird. Diese Handlung ist das Grundgerüst – der Ausgangspunkt, von dem in ein sadomasochistisches Reich der psychologischen Ausgrenzung eingedrungen wird.

Nach Abschluss der Dreharbeiten beschlossen McCarthy und Stangenberg, das Thema weiter zu vertiefen. Das Wiener Publikum wird heuer die seltene Gelegenheit haben, einer Performance von McCarthy in Form von öffentlichen Dreharbeiten beizuwohnen – sofern es über 18 Jahre alt und der englischen Sprache mächtig ist. Über vier Tage hinweg werden sowohl improvisierte, als auch im Skript fixierte Aktionen eine geschlossene Erzählung bilden, wobei jeder Tag eine andere Episode darstellt. Was man sich darunter nun genau vorstellen kann – oder auch nicht – hat Volkstheater-Dramaturg Henning Nass im Vorfeld mit McCarthy geklärt.

Ich denke, wir sollten damit beginnen, wie das ganze Projekt „NV / NIGHT VATER“ zustande kam. Das war 2015, als du während deines Aufenthalts für ein Projekt an der Berliner Volksbühne ebenda Lilith Stangenberg kennengelernt und zum ersten Mal mit ihr zusammengearbeitet hast.

Der Film war früher an diesem Tag oder am Vortag als Thema mit meinem Sohn Damon aufgekommen, und ich machte eine Ausstellung in einem Künstlerraum, der Keller hatte hinten einen gekachelter Raum mit gekachelten Wänden. Der Plan war, Fotografien in diesem Raum aufzuhängen. Als wir dort drin waren, sprachen wir beide über „The Night Porter“ – diese Szene, in der Lucia nackt ist und Max in einem gekachelten Raum auf sie schießt. Und dann an diesem oder nächsten Tag während einer Probe mit Bernhard Schütz und Lilith in einem Badezimmer der Volksbühne – Lilith war nackt auf dem Boden gelandet, das Badezimmer hatte Fliesenboden und Wände – sagte ich so etwas wie: „The Night Porter“. Und Lilith antwortete: „Das ist einer meiner Lieblingsfilme!“ Dann sagte ich so etwas wie: „Wir sollten den Nachtportier neu machen.“ Es war eine Art Witz, in einem Gespräch. Da fing es an, glaube ich, und dann ergab sich durch dich die Möglichkeit, dieses Projekt in Wien für die Festwochen zu machen, was aus verschiedenen Gründen scheiterte, und wir landeten schließlich im Studio in LA.

Du hast die Aufnahmen dann in Los Angeles in deinem Studio gemacht, in einem erstaunlich großen Set, das aus einigen Nachbauten von Räumen aus dem Film „The Night Porter“ besteht, wie einem Badezimmer oder einer kleinen Wohnung, in der Max im Film lebte. Und dann hast du es mit Zimmern aus dem Marriott Hotel kombiniert, in dem Lilith in Pasadena wohnte. Und daraus wurde eine Art Labyrinth konstruiert und in diesem fanden dann die Dreharbeiten statt.

Ursprünglich war geplant, sowohl in Wien als auch in LA zu drehen. Wir waren nach Wien gefahren, um nach Drehorten zu suchen, um einige der Originalschauplätze von „The Night Porter“ zu finden. Ich habe dort vier oder fünf Tage verbracht. Ursprünglich war geplant, den Film vielleicht 2016 zu drehen, aber mir wurde klar, dass nicht genug Zeit war, um den Film – wie eigentlich geplant – für die kommenden Wiener Festwochen fertigzustellen, also beschlossen wir, ihn auf die nächste Spielzeit zu verschieben. Die Organisatoren des Festivals waren mit unserer Entscheidung einverstanden, aber als wir in das zweite Jahr kamen, war das Geld plötzlich weg … irgendetwas wurde dort vermasselt und wir haben das Geld nie gesehen und steckten fest.

Aber während dieser zwei Jahre hatten wir bereits an dem Film gearbeitet, ein Drehbuch geschrieben und mit der Arbeit an einem Set in LA begonnen. Wir haben die Wohnung von Max aus „The Night Porter“ nachgebaut: eine Küche, einen Flur, ein Schlafzimmer, einen Wohnbereich und ein Badezimmer. Und als Lilith nach LA gekommen war, um über das Projekt zu sprechen, hat sie im Marriott Hotel übernachtet, und das fand ich interessant, denn in „The Night Porter“ gibt es auch ein Hotel. Ich beschloss dann Liliths Zimmer im Marriott Hotel nachzubauen. Ich habe auch eine zusätzliche Küche, einen Flur und ein weiteres Badezimmer aus Max’ Wohnung bauen lassen, also haben wir Max’ Badezimmer und die Küche zweimal reproduziert, aber das Schlafzimmer und den Wohnbereich nur einmal. Das Set, das wir aus dreizehn, vierzehn Räumen und Fluren gebaut haben, ist ein großes Rechteck. Ich bezeichne es als „The Maze“ (Labyrinth), eine Struktur, in der die Performance-Aktion dann stattfand.

Das Geld aus Wien war aber weg, und auch die Idee, in Wien zu drehen, war weg. Mein „NV / NIGHT VATER“-Drehbuch änderte sich, es handelte sich um eine junge Schauspielerin aus Berlin, Lucia, die nach LA kommt, um für einen Film vorzusprechen und den Produzenten Max zu treffen. Der Film ist eigentlich geteilt wie in „The Night Porter“: da ist die Hälfte, als Max in ihr Hotelzimmer geht, sie streiten sich auf dem Boden, sie finden wieder zusammen. Am nächsten Tag geht Lucias Charakter zu Max’ Wohnung und damit beginnt die Abwärtsspirale.

Und in „NV / NIGHT VATER“ ist es ähnlich: Lucia kommt am Flughafen an, von dort wird sie von seiner Assistentin She Hole zu Max ins Büro gebracht. Lucia wird verhört und gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Später am Abend landet sie mit Max und seinen Freunden auf einer Party im Beverly Hills Hotel. Irgendwann sind alle betrunken. Es beginnt eine Reihe von gewalttätigen, absurden Ereignissen. Die Party endet mit Max und Lucia im Flur des Marriott Hotels. Am nächsten Tag geht Max in ihr Hotelzimmer, sie kämpfen und landen auf dem Boden, das ist sozusagen die Halbzeit. In der nächsten Szene geht sie zu Max’ Wohnung.

„NV / NIGHT VATER“ hat Momente, die an das Original „The Night Porter“ erinnern, aber „NV / NIGHT VATER“ ist gebrochener und abstrakter und die Handlung ist extremer, die Erzählung ist aufgebrochen. Wir bearbeiten das gerade, wir wissen nicht, wie lang diese Version dann dauern wird, vielleicht zehn Stunden oder so. Wir zeigen Ausschnitte des Ganzen als unabhängige Teile, während wir daran weiterarbeiten.

Wird es jemals einen „NV / NIGHT VATER“-Film geben?

Ja.

Hundert Stunden lang?

Wir haben „The Party“ und „The Haircut“ bearbeitet. Es gibt so viele Teile, oder Kapitel von „NV / NIGHT VATER“! Zu diesem Zeitpunkt wird es nicht als (Kino)Film bearbeitet. Allein die Party dauert anderthalb Stunden. Damon und ich arbeiten daran als eine Serie von Episoden.

Also eine Fernsehserie?

Ja. „Bergen“ ist jetzt auch bearbeitet. Es sind zwei Stunden und zwanzig Minuten, und es sind zwei Video-Kanäle. Ich würde es gerne auf Filmfestivals zeigen. Es ist als Dokument einer Aktion bearbeitet, aber ich denke, es spiegelt etwas Reales wider, es ist intensiv. Die Bearbeitung steht jetzt ganz oben auf der Liste.

Aus den „NV / NIGHT VATER“-Dreharbeiten entwickelte sich ein weiteres Prokjekt namens „A&E“, das letztes Wochenende im Schauspielhaus Hamburg gezeigt wurde: Max wird zu Adolf Hitler, Lucia zu Eva Braun, sie werden zu Adam und Eva.

Ich habe diese Charakterverschiebungen in den letzten zwanzig Jahren gemacht, die Charaktere scheinen sich zu verwandeln, sie verändern sich, sie werden zu etwas Anderem. Ronald Raygun, nicht Reagan, in „CSSC“ (CoachStageStageCoach), der JP Morgan nachempfunden ist, wird in „DADDA“ (DonaldAndDaisyDuckAdventure) zu Donald Trump. Aus einem Projekt entsteht ein anderes Projekt. Aus „Rebel Debble Babble“ wurde „White Snow“, davor wurde aus „Picadilly“ dann „Bunker Basement“. Ich mache ein Projekt und daraus entsteht ein anderes Projekt. Und es ist nie Teil des ursprünglichen Plans. Ich habe nie einen Plan, dass daraus ein zweites Projekt wird. Und oft ändern sich die Charaktere, wenn sich das Projekt weiterentwickelt.

In den frühen Stadien der Neuauflage von „The Night Porter“ war es offensichtlich, dass Lilith Lucia, die Figur von Charlotte Rampling, spielen würde, und die Frage für mich war, wer würde Max sein? Ich hatte gesagt: „Vielleicht sollten wir einen jüngeren Schauspieler finden?“ Dirk Bogarde und Charlotte Rampling – ihr Alter ist näher beieinander, OK, er ist älter und sie ist jünger, aber ihre Affäre ist glaubwürdig. Bei Lilith und mir gibt es einen Altersunterschied von 30 Jahren oder mehr. Lilith wollte, dass ich Max spiele. Das ist interessant, denn es verschiebt diese Begegnung, diese Liebesaffäre, aus der akzeptablen Norm und löst den Betrachter auf. Was und warum ist SIE bei IHM? Außerdem könnte Max der Vater von Lucia sein. Daher der Titel „NV / NIGHT VATER“ mit dem deutschen Wort für Vater. Ich denke, es verdreht „The Night Porter“. Dann könnten wir mit dem Thema Inzest spielen. Ob Max wirklich ihr Vater ist, erschließt sich dem Zuschauer nie. Ist es nur ein Teil ihres perversen erotischen Spiels? In „NV / NIGHT VATER“ gibt es nichts, was sie von außen bedroht, keine Nazi-Schläger wie in „The Night Porter“. Sind sie in der Wohnung, in der Höhle, weil sie es sich selbst ausgesucht haben?

Auf halbem Weg, als sie zu Max’ Wohnung kommt, beginnt die Reihe von Handlungen, Episoden, die sich auf die letzte, den Selbstmord, zubewegen. Wir hatten zwei verschiedene Versionen des Selbstmords. Die erste, die wir gemacht haben, war außerhalb des Sets, sie haben sich gegenseitig erschossen. Ich glaube, keiner von uns mochte diese Szene wirklich, zunächst einmal verließen wir das Set und gingen hinaus, um uns selbst zu erschießen. Wir kamen dann auf die Idee, direkt in der Natur zu drehen, in den Bergen außerhalb von LA, den Angeles Crest Mountains, die berühmt für ihre dort abgelegten Leichen sind. Die Berge sind in der Nähe, wo wir leben. Diese Idee, in die Berge zu gehen und dort Selbstmord zu begehen, indem man sich gegenseitig erschießt … Irgendwann in dieser ganzen Diskussion kam die Idee von Adolf und Eva auf, die Idee eines separaten Stücks: „ADOLF & EVA“. Und daraus entstand die Idee vom Garten Eden und „A&E“. Wir entschieden uns, dass dies das nächste Projekt sein würde. Wir fuhren also mit „NV / NIGHT VATER“ fort, Max und Lucia erschossen sich gegenseitig im Set, im Labyrinth: Max und Lucia verlassen die Wohnung nie, sie begehen Selbstmord im Schlafzimmer, im Wohnzimmer, sie bleiben immer im Labyrinth. Eine Abwärtsspirale, Alkohol-Delirium in der Wohnung. Adolf will sterben, aber er will, dass Eva ihn erschießt. Sie erschießt ihn, dann erschießt sie sich.

Lass mich eine allgemeine Frage stellen: Wie stehst du zu dem Begriff beziehungsweise der Forderung nach einer künstlerischen Arbeit im Zeichen der Political Correctness? Ich frage das, weil deine ganze Bildwelt nicht ganz einfach zu konsumieren ist.

Gewalt in populären Kulturmedien. Die Darstellung von Gewalt im Fernsehen, fiktive Gewalt. Und die Nachrichten, das was gesehen oder nicht gesehen wird. Wir sind ständiger Gewalt ausgesetzt, sie ist wie eine Droge und unsere Kultur ist süchtig danach. Nachrichten sind wie ein rotierender Teller voller Spektakel, es gibt gerahmte Ereignisse eines folgt direkt nach dem anderen. Es wird schwierig, das Reale und das Fiktionale zu trennen. Das Echte wird oft durch einen kontrollierten Filter geleitet. Wer kontrolliert diesen Filter? Die eigentlichen Gräueltaten folgen direkt hintereinander. Und dann ist da noch das, was in Hollywood gemacht wird, in diesen Fiktionen. Wie viele Menschen können dort in einem Film sterben? 50, 100, 200? Gewalt ist so sehr ein Teil dessen, was die Welt sieht und will. Ukraine ... Die Welt schaut zu ... Woher wissen wir, was los ist? Alles kommt durch einen Filter. Wie viel von diesem Material wird von den Nachrichtenmedien des Westens und den Nachrichtenmedien innerhalb Russlands manipuliert? In Amerika, in Europa, in Russland wird ständig mit dem Wort Faschismus um sich geworfen. Es ist Teil dieses Geschwätzes. Es ist Teil der Tatsachen, es ist Teil dessen, was wir essen, verdauen. Ich versuche, das, was in meinen Kopf eindringt, als Sprache, als Kunst zu formen und wieder hervorzuwürgen.

Eines der Dinge, die ich innerhalb der aktuellen Bewegung, die als politisch korrekt bezeichnet wird, für gefährlich halte, ist Missverständnisse, nicht in der Lage zu sein, den Unterschied zwischen etwas zu erkennen, bei dem es darum geht, was abscheulich ist, die Aufdeckung, die Verwendung eines abscheulichen Themas, möglicherweise als Metapher oder Karikatur, und des eigentlichen abscheulichen, gewalttätigen Themas selbst.

Wenn diese Bewegung in Bevölkerungsgruppen eindringt, die keinen Zugang zum Verständnis von Kunst haben, können Verurteilungen zu einer Form der Tyrannei werden. Ich gehe offen auf Themen zu, um sie intuitiv zu sezieren, um aufzudecken, womit ich konfrontiert bin. Ich schaffe eine Situation, in der etwas passieren kann. Meine Arbeit, meine Stücke werden zu Schichten mehrerer Dinge, die widersprüchlich sein können. Die Themen sind miteinander vermischt, das kann verwirrend sein für jemanden, der festgefahren ist und Klarheit will, der möchte, dass Kunst einem offensichtlichen sozialen Zweck dient. Ich schlüpfe in Performances oft in die Rolle des Patriarchen, des Tyrannen. Die Action-Performances sind oft düster, düstere Possenreißer-Karikaturen, die Realität ist nicht klar, die Menschen sind brutal, die menschliche Existenz ist das Elend, eine Form nicht realisierter Absurdität. Ich glaube, es ist wichtig, in das Thema einzudringen und es zu benutzen, es offenzulegen. Ich betrachte meine Arbeit, die Schichten, als neu geformte Träume. Ich bin schockiert von der Existenz … schockiert darüber, dass es ETWAS statt NICHTS gibt. Warum gibt es Etwas? Und was ist die Natur des Etwas? Kunst als eine fließende poetische Traum-Sprache, möglicherweise eine konkrete, aktuelle zu dem, was ist. Die restriktive politisch-korrekte Bewegung und der gegenwärtig dominierende Einfluss von uninformierten wohlhabenden Personen auf die Kunst sind beide eine Beeinträchtigung dessen, was ich für Kunst halte.

"NV / NIGHT VATER" wird am 3., 4., 6. und 7. September im Wiener Volkstheater gezeigt - es sind öffentliche Dreharbeiten. Ein Besuch der Vorstellung ist nur ab einem Mindestalter von 18 Jahren erlaubt. Tickets sind bei oeticket erhältlich.

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