Foto: John McMurtie
Als Sänger der weltgrößten Heavy-Metal-Band hat man eigentlich genug zu tun. Doch Bruce Dickinson findet bei Iron Maiden kein Auslangen: Nebenbei ficht er unter anderem auf Spitzenniveau, fliegt Jumbojets und braut Bier. Über all dies erzählt er nicht nur in seiner Autobiografie, sondern auch im Rahmen von „An Evening with ...” (am 16. Jänner im Gasometer) – und hat gar so viel Material, dass er trotz Abendfüllung seinen Brötchengeber lediglich in einer Fußnote erwähnen muss. Wenn überhaupt.
Rockstars legen sich gern exaltierte Hobbys zu, denen sie eifrig nachgehen, um die mitunter durchaus erwähnenswerten Erfolge schließlich in ihren Autobiografien auszubreiten. Neil Young nimmt Zuggeräusche auf und spielt sie in seiner Scheune, in der sich eine spektakuläre Miniatur-Eisenbahnanlage findet, ab. Blurs Alex James macht Käse, Tools Maynard James Keenan Wein. Alice Cooper hat das Golfspiel, Ronnie Wood sammelt Briefmarken und Gene Simmons gefällt sich als Wirtschaftshai. Slash lebt(e) unter Schlangen, James Hetfield schießt in der sibirischen Pampa auf Bären und besitzt eine stattliche Hotroad-Sammlung, sein Kollege Kirk Hammett nennt einen Horror-Zirkus sein Eigen, und Mötley Crüe haben sich ziemlich oft verliebt.
Iron-Maiden-Sänger (Paul) Bruce Dickinson hingegen tut sich in seiner Freizeit als Fechter der britischen Nationalmannschaft, Linienpilot für Verkehrsmaschinen, Luftfahrtunternehmer, Radiomoderator und -DJ, Roman- und Drehbuchautor und sogar als Motivationsredner hervor, und – als wäre dem noch nicht genug – verantwortet nebenbei gemeinsam mit der Brauerei Robinsons auch noch Trooper, das Iron-Maiden-Bier.
Bei so vielen Beschäftigungen mag man vermeinen, Dickinson suhle sich im Luxus eines millionenschweren Neureichen, der alles, dabei aber nichts tut – doch bei ihm wird sogar ein Hobby zur Profession. Das mag höchstwahrscheinlich auf seine frühkindliche Prägung zurückzuführen sein: Für seine kleinbürgerlichen Eltern war er eher ein Klotz am Bein, er wuchs in der traditionsreichen Oundle School auf, einem Eliteinternat, das bis heute „anständige, aufgeschlossene Erwachsene“ heranzüchten will, „die den festen Willen haben, etwas zu leisten“: Hinter verschlossenen Türen und vorgehaltener Hand beginnt ein Martyrium aus Züchtigungen – wie immer, wenn Anstand in Versalien gepredigt wird. So erzählen auch der große Radiomann John Peel und Monty Pythons Michael Palin ähnliche Geschichten von britischen Kaderschmieden.
Ob autoritäre Erziehung funktioniert, darüber scheiden sich freilich die Geister. Dickinson reagiert – indem er revoltiert. Nicht nur im Ventil des Rock ’n’ Roll, sondern auch indem er etwa den Honoratioren ins Essen pisst oder ihnen kiloweise Fäkalien vor die Haustür kippt.
An der Universität (Studienfach Geschichte) tut er sich später nur bedingt als strebsamer Kommilitone hervor: Lieber lernt er die für Punk obligatorischen drei Griffe und schließt sich der zu schnell, zu laut und zu falsch spielenden Punkband Speed an. Dies wird jedoch rasch öde, geschult von Arthur Brown wechselt er zu Shots, wo man sich mit Gruselkostümen an Theatralik versucht – Dickinson dekonstruiert nebenher aber den Hokuspokus, indem er zwischen den Songs Witze erzählt. Das calvinistische Ethos seiner Eltern zeigt immer mehr seine Spuren – Dickinson als Leistungsschwein zu bezeichnen, wäre zu weit gegriffen, aber er gibt sich ehrgeizig.
Mit Samson schafft er hierfür das Fundament, zeichnet sich durch seinen irresistiblen Gesang aus, der bald auch seine Vorbilder Ian Gillan und Ronnie James Dio in den Schatten stellt – und seinen Mitstreitern rasch über den Kopf wächst. Und so erfüllen auch Samson nur die Funktion eines Durchlauferhitzers für Dickinsons Aufstieg: Den letzten Gig mit ihnen spielt er 1981 auf dem Reading Festival, gleich nach dem Auftritt heuern ihn Iron Maiden an, damals die Band der Stunde.
Mit ihnen revolutioniert er in den Folgejahren den Heavy Metal, schafft mit Alben wie „The Number of the Beast“, „Piece of Mind“, „Powerslave“, „Somewhere in Time“ (welches kommenden Sommer im Rahmen der „The Future Past”-Tour zelebriert und betourt wird – mit Terminen unter anderem in Ljubljana, Prag und München) und „Seventh Son of the Seventh Son“ den eisernen Kanon, auf den sich fortan alles im Genre beziehen wird.
Der Rest ist Geschichte, zu den Band-Interna, etwa zu seinem späteren zwischenzeitlichen Ausstieg, der in eine veritable Solokarriere fußt, spart sich Dickinson in seiner bereits 2018 erschienen Autobiografie „What Does This Button Do?“ jedoch aus – das mag britische Benimmschule sein, oder ihm einfach zu profan erscheinen. Viel lieber erzählt er darüber, was ihn neben dem zwar beeindruckenden, letztlich aber wohl langweiligen Album-Tour-Rhythmus wirklich antreibt – gerade die Fliegerei nimmt, seit den frühkindlichen Modellflugzeugbauten, viel Platz in seinem Leben ein, Whirlpool-Orgien, wie es sie dereinst bei Maiden auch gab, verwirrten ihn sogar als Twen. Derartige Begleiterscheinungen des Ruhms, die Otto Normal wie ein Schlaraffenland vorkommen müssen, öden Dickinson an, er entkommt ihnen etwa in Fechtclubs in München, Tokio und New York, wo ihn die besten Lehrer zur eigenen Meisterschaft coachten. So vielschichtig und progressiv wie die Musik von Iron Maiden ist auch sein Leben, nicht einmal vom Krebs lässt er sich besiegen. Und während Dickinson bis dato zumindest sieben Leben und Karrieren bereits gelebt hat, hat Chuck Norris lediglich zweimal bis zur Unendlichkeit gezählt.
Bruce Dickinsons Autobiographie ist 2019 auf Deutsch bei Heyne erschienen und hier oder im gut sortierten Buchhandel erhältlich.
Bruce Dickinson gastiert am 16. Jänner im Gasometer. In der ersten Showhälfte erzählt er Anekdoten aus seinem Leben, die zweite Hälfte des Abends ist einer Fragerunde des Publikums gewidmet. Tickets sind bei oeticket.com erhältlich - aktuell und nur solange der Vorrat reicht in einer ermäßigten Weihnachtsaktion!
Auch die anderen Maiden-Mitglieder sind neben der Band nicht untätig (gewesen):
Bassist Steve Harris spielte vor seiner Musik-Karriere im Jugendteam von West Ham United. Schweißbänder mit dem Banner trägt Harris bei den Konzerten bis heute, und überdies haben die Iron-Maiden-Fußballtrikots, in denen Iron Maiden bei Wohltätigkeitsturnieren mit einer eigenen Mannschaft antritt, große Ähnlichkeit mit jenen von West Ham United. Neben Maiden spielt Harris bei British Lion, die bereits zwei Alben veröffentlicht haben.
Schlagzeuger Nicko McBrain ist zwar kein Linienpilot wie sein Kollege Bruce, aber immerhin als Privatpilot aktiv. 2009 eröffnete er sein eigenes Restaurant Rock n Roll Ribs in Coral Springs, Florida. !ticket Chefredakteur Stefan Baumgartner traf Nicko McBrain 2012 in dessen Restaurant in Florida - siehe Foto.
Auch Gitarrist Dave Murray war in seiner Jugend leidenschaftlicher Fußballspieler, heute zählt neben dem Fußball auch Golf – nicht nur mit Nicko McBrain – zu seinen Hobbies.
Gitarrist Adrian Smith ist beinahe ausschließlich musikalisch aktiv: Er begleitete Bruce Dickinson auch auf dessen Soloschaffen, hatte aber auch die Nebenprojekte Primal Rock Rebellion und Smith/Kotzen am Laufen. Er ist zudem leidenschaftlicher Angler, wie man in seiner Autobiografie „Monsters of River and Rock“ nachlesen kann.
Gitarrist Janick Gers hat Bruce Dickinson ebenfalls in seinem Soloschaffen unterstützt, außerdem im BBC Drama „The Paradise Club“ von 1990 eine kleine Rolle gespielt. Ansonsten ist über seine Hobbies und Tätigkeiten außerhalb der Band nichts bekannt.