Bild: Warner Music
Wer im großen Rock’n’Roll-Zirkus an vorderster Front mitspielen will, der darf nicht zimperlich sein. Eine gewisse Form der Unbarmherzigkeit zieht sich durch das exakt vier Dekaden andauernde Schaffen der kalifornischen Alternative-Funk-Rocker Red Hot Chili Peppers. Auf der einen Seite wundervolle, zurückgelehnte Hymnen für die Ewigkeit, auf der anderen Seite Exzess, Exaltiertheit und ausufernder Expressionismus. Es ist kurioserweise kein Widerspruch, dass die Bandmitglieder bei Live-Gigs in den späten 80er-Jahren ihre Penisse mit roten Socken verdeckten und sonst im Adamskostüm auftraten, gleichzeitig aber bereits mehr als 120 Millionen Alben verkauften und Rekorde für die Ewigkeit halten. Etwa jenen für die meisten Nummer-eins-Singles in den USA (14) oder die längste Zeit, in der man durchgehend auf Platz eins der Albumcharts war (85 Wochen). Die sechs Grammys, eine Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame und der taufrische Stern am Hollywood Walk Of Fame müssten eigentlich nicht mehr extra gelistet werden.
Zwischen Genie und Wahnsinn mäandernd, haben sich die Peppers zeit ihres Lebens niemals künstlerisch verbogen. Als die Kalifornier mithilfe von Produzenten-Rauschebart Rick Rubin 1991 durch das Kultwerk „Blood Sugar Sex Magik“ den Sprung von der sonnigen Insider-Hinterbank in Venice Beach in den globalen Mainstream schafften, hatte man schon acht Jahre Bandkarriere und einen tragischen Heroin-Tod von Gründungsmitglied Hillel Slovak hinter sich. Die Peppers waren in den USA das sonnige Gesicht im verregneten Aufkommen des Grunge und hatten schon früh mit sich und der Öffentlichkeit zu kämpfen. Slovak-Nachfolger John Frusciante stieg im Frühling 1992 auf Tour in Japan aus der Band aus, weil er mit der überbordenden Popularität und dem Hype um die Band nicht mehr klarkam. Er isolierte sich mit Fortdauer zunehmend und wurde ebenfalls schwer heroinabhängig (siehe Kasten). Rick Rubin gelang auf Langstrecke aber eine elementare Veränderung in der Band-Hybris. Aus den wilden Spät-Teenager-Rabauken wurden meditierende Zen-Meister, die ihr Heil mit der Fortdauer der Jahre in der Kreativität suchten und Drogen durch Yoga ersetzten.
Trotz Fleas markantem Bassspiel und Bühnengehopse, trotz Drummer Chad Smiths frappanter Ähnlichkeit mit Hollywood-Komiker Will Ferrell und trotz der einzigartig-nasalen Stimme von Ladykiller und Frontmann Anthony Kiedis bleibt tatsächlich Frusciante das elementarste Bindeglied der Erfolgsgeschichte. Nach seiner ersten Rückkehr 1998 feierte das Quartett seine kommerzielle Erleuchtung. Mit dem Studioalbums-Trio „Californication“ (1999), „By The Way“ (2002) und „Stadium Arcadium“ (2006), letzteres sogar ein Doppelwerk, setzten sich die Peppers nicht nur auf den Chartthron quer über den Globus, sondern schafften es endgültig in die Annalen der Pop-Geschichte. Singles wie „Otherside“, „By The Way“, „Can’t Stop“ oder „Snow (Hey Oh)“ wurden zu akustischen Liturgien für mehrere Generationen, das Video zu „Californication“, wo sich die die Musiker im Jahr 2000 selbst als Videospiel-Avatare in Szene setzten, knackte unlängst die 1-Milliarde-Stream-Marke bei YouTube. Ein immer noch elitärer Kreis, der nur den Allergrößten vorbehalten ist.
Als Frusciante die Band 2008 ein weiteres Mal verließ, um sich seinen experimentellen Elektro-Klängen als Solokünstler zu widmen, rutschten auch seine einstigen Arbeitgeber ins kompositorische Mittelmaß. Frusciante-Ersatz Josh Klinghoffer erwies sich als treuer Parteisoldat, konnte aber nicht wesentlich zur Fortführung der Kultgeschichte beitragen. Das 2011 erschienene „I’m With You“ ließ es an markanten Hits vermissen, für das 2016 nachgelegte „The Getaway“ tauschten Kiedis und Co. gar Rick Rubin gegen den ungemein populären Danger Mouse ein. Ein vielleicht notwendiger, am Ende aber leidlich misslungener Versuch. Kompromisslos legten die Stammmitglieder Klinghoffer 2019 nahe, sich nach neuen Ufern umzusehen, weil Frusciante nach seinen Ausflügen ins Abgedrehte wieder Lust auf Beständigkeit (und wohl auch gutes Geld) hatte. Als dann auch noch das Comeback von Rick Rubin durchsickerte, schlackerten die Fans zurecht freudig mit den Ohren.
Aus der heiß ersehnten Rückkehr wurde ein fulminanter Doppelschlag, der keine Wünsche offenließ und in seiner Frische und qualitätvollen Umsetzung den Großtaten der zweiten Frusciante-Ära wenig nachsteht. Dem am 1. April scherzlos veröffentlichten „Unlimited Love“ ließen die Peppers im Oktober das fast noch stärkere „Return Of The Dream Canteen“ folgen. Dass sich drei Viertel der Band mittlerweile in den Sechzigern befindet, sieht und hört man ihnen glücklicherweise zu keiner Zeit an, dafür sind Ideenreichtum, Spielfreude und der nötige Punch viel zu markant vorhanden. Mit einer lässigen Selbstverständlichkeit zitieren die Kalifornier die Großtaten ihrer eigenen Vergangenheit, ohne allzu offensichtlich abzukupfern oder sich in der vielfach erfolgreich erprobten Hit-Rezeptur zu suhlen. Fetzige Funk-Anklänge, juvenile Punk-Ausritte, nachdenkliche Balladen und Hip-Hop-Reminiszenzen halten sich die Waage, Spuren von Krautrock und sanft eingebaute 80er-Synthesizer wurden in vollem Bewusstsein eingeknüpft. Die Selbstironie feiert fröhliche Urständ.
Mit derart voller Hose ist gut stinken – und so lässt sich auch gemütlich eine große Stadiontour planen, die am 14. Juli im Wiener Ernst-Happel-Stadion Halt macht. Im Vorprogramm hat man niemand Geringeren als Punk-Urvater und Szene-Ikone Iggy Pop, der erst vor wenigen Monaten bei einem vielumjubelten Konzert nonchalant auf den Boden des Konzerthauses rotzte. Die Querverstrebungen beider Größen reichen weit über die gemeinsame Tour hinaus: Auf Iggys brandaktuellem Studioalbum „Every Loser“ setzt er u.a. auf RHCP-Drummer Chad Smith und den gnadenlos geschassten Klinghoffer (siehe dazu etwa "Strung Out Johnny"). Das eine oder andere gemeinsame Ständchen zwischen den beiden Kult-Koryphäen auf der opulenten Happel-Bühne könnte somit mehr sein als nur schnödes Wunschdenken. Fakt ist jedenfalls – mit diesen drei Alben im Rücken können alle Beteiligten mit stolz geschwellter Brust ins Rampenlicht treten. Und das – wir wissen es alle – tun die honorigen Herren am liebsten nackt, so wie Gott sie schuf.
Red Hot Chili Peppers gastieren mit Iggy Pop und King Princess im Vorprogramm am 14. Juli im Ernst-Happel-Stadion. Tickets gibt es bei oeticket.com.
„I’m forever near a stereo saying, ‘What the fuck is this garbage?’ And the answer is always the Red Hot Chili Peppers”, wird der große Nick Cave rund um das Erscheinen von „Stadium Arcadium” zitiert. Die Peppers haben es ihm verziehen, ja sie schätzen ihn nicht nur als Songwriter, sondern eben auch als Mann mit klarer Meinung und deutlichen Worten. Freilich gibt es auch Menschen, die hier mit Cave d’accord gehen und das Ernst-Happel-Stadion nach Iggy Pop am liebsten verlassen würden, aber nicht außer Acht lassen darf man das Soloschaffen von RHCP-Gitarrist John Frusciante: Dabei waren die Peppers des Jugendlichen Frusciante Lieblingsband, der damalige Gitarrist Hillel Slovak sein größtes Idol und doch ist er (selbst bei den Peppers) mehr als nur massentauglicher Funk.
Gerade in seinen sechs Peppers-losen Jahren führte Frusciante das Leben eines millionenschweren Einsiedlers, der sich in seinem Haus in L.A. einschloss und penibel auf uneingeschränkte Drogenzufuhr achtete, und dabei jeden fröhlichen Funk aus sämtlichen Poren pustete. Wie das klingt, wenn man voll zugedröhnt Musik macht, hört man etwa auf dem Doppelalbum „Niandra Lades” / „Usually Just a T-Shirt”, das gar nicht veröffentlicht werden sollte, sondern ein privates Bannen seiner „wahren Gefühle, die ihm Seelen aus dem weiten Universum zuflüstern”.
Auch auf dem Nachfolger von 1997 krächzt John seine unmittelbaren, nunmehr stark von Heroin kontrollierten Emotionen ungefiltert zur Akustikklampfe ins Aufnahmegerät, das verstörte und leidende Winseln auf „Smile From The Streets You Hold" gilt als das Paradebeispiel eines Junkie-Albums.
Doch auch nach dem tiefen Drogen-Loch und seiner Wiederkehr zu den Peppers schafft es Frusciante, sich seinen unikalen, räudigen, dabei aber kunstvollen Stil zu behalten, etwa auf „The Will to Death” und „Automatic Writing”, Reminiszenzen an raue Hippie-Aufnahmetechniken mit vorwiegend düsteren Songs. Mit dabei übrigens Josh Klinghoffer, der ihn bekanntlich später bei den Peppers für einen Moment ersetzen sollte.
Aktuell verschränkt sich Frusciante, wie etwa auch auf „Enclosure” von 2014, mit Synth- und Electronica-Klängen - zu hören auf „Maya”, sowie ganz aktuell auf „.I:”, „:II.”. Wer also die Peppers so richtig übel findet, dabei aber auf herausfordernde Klänge abfährt, sollte Frusciante definitiv ein Ohr leihen!