Bild: Michael Palm
Loredana, Juju, Mariybu, Badmomzjay, Haiyti oder Katja Krasavice – die weibliche Deutschrap-Szene hat sich in den letzten Jahren vom Dicke-Hose-Geballer der Männer emanzipiert und ist längst auch kommerziell erfolgreich. Viele Jahre nach der Pionierin Sabrina Setlur hat sich eine ganze Heerschar an Hip-Hopperinnen einen Platz im Rap-Game erkämpft und eindrucksvoll bewiesen, dass die verkrusteten Strukturen des Patriarchats nun auch in dieser Bastion aufgebrochen sind. Doch wo Krasavice mit ihrem Album „Pussy Power“ die inoffizielle Hymne für weibliche Selbstermächtigung im Genre verfasst hat, ist Shirin David die ungekrönte Königin dieser Welt. Krasavice ging zwar mit all ihren drei Alben auf Platz eins der deutschen Charts, aber im durch Streaming-Plattformen und TikTok-Trends längst wichtigeren Markt der Singles ist David unbesiegbar. Gleich fünfmal stürmte sie mit Songs wie „90-60-111“, „Gib ihm“ oder „Ich darf das“ ganz nach oben, dazu hat sie insgesamt rund 1,8 Millionen Tonträger verkauft, was den Wert von Krasavice um mehr als das Vierfache übertrumpft.
Shirin David ist aber nicht nur musikalisch wahnsinnig erfolgreich, sondern genoss im Gegensatz zu den meisten ihrer Konkurrentinnen auch eine klassische Ausbildung. An der Ballettschule des Hamburg Balletts erhielt sie klassischen Tanzunterricht, ihre musikalische Ausbildung rundete sie an der Jugend-Opern-Akademie mit Gesang, Schauspiel und Tanz ab. Sie spielt Klavier, Geige und Oboe und wirkte in jungen Jahren an verschiedenen Produktionen der Hamburgischen Staatsoper mit. Weder wuchs Shirin David in prekären Verhältnissen auf, noch hatte sie in jungen Jahren mit Alkoholmissbrauch oder anderweitigen Entwicklungsstörsendern zu kämpfen.
Noch viel wichtiger als ihre musikalische Reifung sind Davids Gespür für das richtige Timing und die Kunst, sich perfekt zu vermarkten. Im März 2014 eröffnete sie von Hamburg aus ihren YouTube-Kanal und machte ihn innerhalb kürzester Zeit zu einem der meistabonnierten Deutschlands. Es folgten erste musikalische Gehversuche, eine Jurorenrolle bei „Deutschland sucht den Superstar“ und die erste verdiente Million – mit gerade einmal 22 Jahren. „Ich war genau zur richtigen Zeit auf YouTube, denn damals wussten Unternehmen noch nicht, wie man damit umgeht“, sollte sie später ihren rasanten Aufstieg in einem ihrer seltenen Interviews erklären.
Das Leben der Shirin David ist aber nicht nur die märchenhafte Geschichte einer Selfmade-Millionärin, die ein ganzes Genre veränderte, sondern auch eines vieler Missverständnisse und fragwürdiger Nebengeräusche. So arbeitete sie mit den offen homophoben Rappern Mert und Gims zusammen, nur um sich später deutlich von Ersterem zu distanzieren. 2019 nahmt sie mit dem bekannten Corona-Leugner und Reichsbürger Xavier Naidoo zusammen den Song „Nur mit dir“ auf, ließ ihn dann während der Pandemie aber von allen Plattformen löschen. Dazu kam ein lukrativer Werbevertrag mit dem Fast-Food-Riesen McDonald’s, für den David über die deutschen Landesgrenzen hinaus von ihren Fans kritisiert wurde. „Ich sage nicht, dass die Leute jeden Tag dorthin essen gehen sollen“, erklärte sie sich dazu, „außerdem habe ich nie darum gebeten, ein Vorbild zu sein.“ Es sind genau diese Ambivalenzen, die in Fankreisen für Verunsicherung sorgen. Soll man Shirin David dafür feiern, dass sie sich für Frauenpower in einer Männerdomäne einsetzt und sich stets klar gegen patriarchale Strukturen ausspricht oder sie schelten, weil sie mit sexistischen Symbolen spielt? Einerseits weigerte sie sich etwa erfolgreich im Video zu Shindys Song „Affalterbach“ zu erscheinen, weil sie nicht als sein „Sidechick“, respektive als weibliches Accessoire eines gockelhaften Mannes dargestellt werden wollte.
Andererseits kaufte sie sich 2019 einen 612 PS-starken Mercedes mit Dieselmotor, den sie nach zahlreichen Unkenrufen auf Instagram und Co. aufgrund ihrer Liebe für das Klima zurückgab – später bekundete sie aber, dass ihr schlichtweg die Farbe nicht gefiel. Shirin David geht in ihren Songtexten und auf den eigenen Social-Media-Plattformen auch sehr offen mit Schönheitsoperationen um und hat sich seit ihrem Bekanntwerden vor knapp neun Jahren bereits mehrfach stark verändert. Auf dem Plattencover ihres Debütalbums „Supersize“ posiert sie im Adamskostüm, in Songs wie „Bitches brauchen Rap“, „Ice“ oder „Be A Hoe/Break A Hoe“ propagiert sie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Die heute 28-Jährige wirkt wie eine wandelnde Doppeldeutigkeit, ist aber vielleicht auch nur das Gegenstück zur grassierenden Schwarz/Weiß-Denke, die bei so gut wie jeder virtuellen Situation Einzug gehalten hat. Shirin Davids Bild in der Öffentlichkeit weist viele Graustufen auf, sie lässt sich weder von ihren Fans, noch von erbitterten Gegnern in eine thematische Ecke drängen. Wie keine zweite Künstlerin inszeniert sie sich als plastisches Sexsymbol und kämpft gleichzeitig und unermüdlich für mehr Respekt und Rechte bei Frauen: „Am Ende des Tages sollte man mit sich und seinem Körper machen können, was man möchte“, erzählte sie dem Focus online.
Shirin David war nicht nur eine bahnbrechende YouTuberin, sondern ist auch die erfolgreichste Rapperin Deutschlands, ein Marketing-Genie und zudem vif genug, um sich nicht von jeder lautstark in den digitalen Orbit gerülpsten Empörungswelle aus dem Tritt bringen zu lassen. Dass sich dabei der eine oder andere Fehltritt einschleicht und sie manchmal zurückrudert, sollte man nicht per se als Schwäche auffassen. Dinge einzusehen und sich zu entschuldigen sind heute rar gewordene Fähigkeiten. Bevor das dritte Album langsam real wird, steht die Erfolgsfrau vor den beiden nächsten Highlights ihrer Karriere. Bei der kommenden Staffel von „The Voice Of Germany“ wird sie neben Tom und Bill Kaulitz, Giovanni Zarrella und Ronan Keating als Coach zu sehen sein und im Herbst führt sie ihre erste Konzerttour überhaupt durch amtliche Hallen zwischen Berlin und Wien. All den Ambivalenzen zum Trotz – Shirin David folgt weiter ihrem Bauchgefühl. Bislang tat sie gut daran.
Shirin David gastiert am 19. November in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.