Bild: Slaughter To Prevail
Slaughter To Prevail: Sind sie zu hart, bist du zu schwach! Die russische Deathcore-Band lädt zum Bärenkampf in den Wiener Gasometer.
Viele Frauen würden im Wald lieber einem Bären begegnen als einem Mann: Seit gut zwei Jahren macht unter dem Hashtag #ManOrBear ein zugespitzter Trend die Runde – Frauen teilen da ihre persönlichen Erfahrungen sexualisierter Gewalt. Der Bär dient dabei als Metapher: Es geht in erster Linie darum, auf Gewalt gegen Frauen und ihr Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.
Bei der russischen Deathcore-Band Slaughter To Prevail hat man die Qual der Wahl nicht: Frontmann Aleksandr “Alex Terrible” Shikolai ist einem ausgewachsenen und misslaunigen Braunbären vermutlich nämlich näher als einem Menschen. Bereits bevor die Band überhaupt existierte, wurde er mit seinem tiefen, gutturalem Gegrunze – für das er nicht einmal immer die Verstärkung eines Mikrofons benötigt – zu einem viralen Phänomen. Seine Cover – darunter sogar Twenty One Pilots im Deathcore-Gewand – wurden millionenfach geklickt. Nebenbei prägten Drogen und Gewaltexzesse sein Aufwachsen in Jekaterinburg.
2014 gründete er über Facebook gemeinsam mit dem vormaligen Gitarristen der britischen Deathcore-Band Acrania Slaughter To Prevail. Die Idee: angestaute Aggressionen in einem internationalen Musikprojekt mit russischem Kern zu kanalisieren. Tatsächlich schlug bereits die Debüt-EP “Chapters Of Misery” in der Szene ein, bevor 2017 “Misery Sermon” die rohe Wut der Band erstmals im Langformat auf den Punkt brachte. Den globalen Durchbruch markierte schließlich die Single “Demolisher” (2020): Der Song explodierte im Netz, die markerschütternden Pig Squeals setzten neue Maßstäbe im Genre, Texte voller Hass, Schmerz und nihilistischer Gewalt prägten das Gesamtbild.
2022 verließ die Band Russland und zog nach Florida um: In ihrem Song “1984” hatten sie sich gegen Wladimir Putin und seinen Krieg in der Ukraine ausgesprochen und fürchteten dafür Konsequenzen durch den Staat. „Ich wünsche euch einen wundervollen, friedlichen Himmel über euren Köpfen“, wurde Alex Terrible damals zitiert – ein fast poetisch anmutender Satz, der im krassen Kontrast zur martialischen Ästhetik der Band steht. Zumal das Enfant Terrible in einem Punkt den russischen Aggressor sogar übertrumpft: Während es von Putin lediglich eine Fotomontage gibt, auf der er oberkörperfrei auf einem Braunbären reitet, hat Alex Terrible bereits mehrfach und vor laufender Kamera mit einem Grizzly gewrestelt. Tatsache. Und erst vergangenes Jahr hat er zwei wilde Bären zudem adoptiert.
Kein Wunder, dass sich Slaughter To Prevail mittlerweile – auch dank den gigantischen Wall of Deaths und brachialen Moshpits bei ihren Konzerten, die laufend viral gehen – zum Kultobjekt hochstilisiert haben: Irgendwo zwischen Internet-Hype, sozialpolitischem Fragezeichen, Appearance und nicht zuletzt auch musikalischer Brillanz.
Aber gerade der Brillanz, der werden sie wiederholt auf ihrem dritten Studioalbum gerecht: Vergangenen Sommer ist – Nomen est omen – “Grizzly” erschienen, und bereits “Russian Grizzly in America” kündigt programmatisch an: “Oh, it’s gonna be fucking brutal.” Auch auch “Viking” macht seinem Namen alle Ehre – der stampfende Rhythmus, der selbst Panzer durch Mark und Bein erzittern lässt, klingt wie ein Kriegsfilm, der den Abspann über Jahrzehnte hinauszögert: Insbesondere die – natürlich – russischen Lyrics knurren, bellen und brüllen dermaßen, sodass Slaughter To Prevail auch hier querbeet pflügen, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht. Ein wahrer Berserker ist da etwa auch “Rodina”, der in seinem Wechselspiel zwischen klarem Gesang und brünftigem Geröchel gar dem martialischen Charakter von Rammstein noch mehrfach eins draufsetzt. Eine Verschnaufpause? Die gibt es bei einer Naturgewalt bekanntlich nicht - oder zumindest kaum: Immerhin lichtet das Feature mit Babymetal den grollenden Himmel ein klein wenig.
Dass Alex Terrible das Enfant Terrible auf der Bühne nicht nur spielt, dem wird man vielerorts Gewahr - unter anderem auch bei der aktuellsten Ankündigung: In Wien wird es zwar nur ein normales Konzert geben, aber wer davor noch am 6. Mai nach Daytona Beach in Florida jetten kann, wird sein wahres Wunder erleben; Unter dem Titel Blood4Blood veranstaltet Alex Terible da gemeinsam mit Black Label Society (auch am Festival-Freitag vom Nova Rock Festival), Crowbar und Malevolence (auch am Sonntag am Nova Rock Festival) alles andere als ein handelsübliches Konzert: Zwischen den Konzerten gibt es zur “Auflockerung” dort auch noch bare knuckle fights - und ja, Alex steigt selbst in den Ring …
Auch wenn es beim Auftritt von Slaughter To Prevail in Wien weniger handgreiflich wird: Immerhin spielt da im Vorprogramm nicht nur Chained Saint, sondern mit Vended auch die Band von Griffin Taylor und Simon Crahan, die beiden Söhne der Slipknot-Mitglieder Corey Taylor und Shawn Crahan.
Wer damit nicht genug hat, wird auch bei folgenden Konzerten auf der Abrissbirne schwingen können:
It's heavy as shit, and it will destroy you!