Der Jubel hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen: Anstatt gemütlich in einer Wiese zu lungern, sich unter prächtig blühenden Laubbäumen zu stärken oder einfach einmal gemütlich durch eine naturbelassene Szenerie zu flanieren, galt es, am brennheißen Asphalt zu sitzen, die semilustigen Ottakringer-Brauhochzeiten zu erdulden und das unnachahmliche Flair einer Stadt einzuatmen, die gefühlte 40 Grad Celsius von Glasscheiben und Betonmauern auf die Häupter der Anwesenden reflektierte. Denn nach einem Streit mit dem Location-Betreiber wanderte das renommierte Indie-Festival Harvest Of Art vom beschaulichen Wiesen in die industriell-unterkühlte Marx-Halle in den dritten Wiener Gemeindebezirk ab (erfuhr aber, ähnlich wie das Lovely Days Festivals, auf Burg Clam ebenfalls eine Doppelung).
Dass langjährige Wiesen-Pilgerer darob nicht sonderlich begeistert waren, kann man sich denken, glücklicherweise ging das musikalische Programm aber nicht Hand in Hand mit der kargen Umgebung, sondern bot eine gewohnt geschmackvolle Mischung aus Underground-Helden, Zukunftssternchen, etablierten Hallenfüllern und gefeierten Headlinern. Bei sengender Sommerhitze machten sich die ersten Zuseher bereits am frühen Nachmittag auf den Weg in die Halle, wo mit dem israelischen Duo
Lola Marsh bereits ein Highlight die Bühne betrat. Noch keine drei Jahre sind Gil Landau und Yoel Shoshana Cohen zusammen unterwegs, werden in gängigen Alternative-Fachkreisen aber zurecht abgefeiert und haben unlängst die EP „You’re Mine“ veröffentlicht. Die auf FM4 rotierende Single „Sirens“ sorgte schon früh für Mitsing-Flair bei der noch überschaubaren Menge an Anwesenden, das mit vielen Blumen verzierte Bühnensetting passte optisch wunderbar in das Festival-Konzept. Hier blüht eine erfolgreiche Zukunft heran.
Das erste wirklich große Tageshighlight folgt kurz darauf in Form des australischen Singer/Songwriters
Matt Corby. Das Debütalbum „Telluric“ des 25-Jährigen sorgte diesen Frühling nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im relevanten US-amerikanischen Markt für viel Aufsehen. Seine fünfköpfige Band, die offensichtlich genau so perfekt wie er das Handwerk des Querflötenspielens beherrscht, ist dabei weit mehr als nur ein unterstützendes Element für die melancholischen, sehr inbrünstig vorgetragenen Songs, die vor allem durch die einzigartige Stimme und das Charisma des Frontmannes getragen werden. „Wrong Man“, „Monday“ oder „Empires Attraction“ entfachen einen Wirbelsturm an Emotionen, der sich direkt auf das leider immer noch spärlich anwesende Publikum überträgt, das zur frühen Uhrzeit lieber ein Sonnenbad nimmt oder sich noch in den eigenen vier Wänden stärkt. Corbys Sound wird auch durch die zwei Keyboards zu einem einzigartig-flächigen Soundteppich verwoben, der allerdings viel besser in die Intimität eines Porgy & Bess oder WUK passt, als in das seelenlose Marx-Hallen-Stahlkonstrukt. Doch selbst Glen Hansard zeigte sich im persönlichen Gespräch begeistert: „Der Typ brennt für seine Musik – großartig!“
Den ersten großen Jubel des Abends konnte kurz vor Festivalhalbzeit die Schweizer Künstlerin
Sophie Hunger verbuchen. Vor einer respektablen Menge an Fans und Schaulustigen ließ das 33-jährige Jazz/Pop-Multitalent nichts anbrennen und fühlte sich im Konzertbilling und der Atmosphäre Gleichgesinnter sicht- und hörbar wohl.