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Konzerte

System Of A Down in Berlin: eine fulminante Rückkehr

10.07.2026 von Stefan Baumgartner

21 Jahre nach ihrem letzten Album und neun Jahre nach ihren letzten Europa-Besuch sind System Of A Down endlich wieder da – und zelebrierten im Berliner Olympiastadion eine fulminate Rückkehr, zudem mit einem formidablen Vorprogramm!

Um die Jahrtausendwende waren System Of A Down für viele ein veritables Erweckungserlebnis, neben Slipknot, Avenged Sevenfold und Lamb Of God zählen sie zu den vier größten Neo-Metal-Bands der Nullerjahre, aber gleichzeitig auch als unwahrscheinliche Nutznießer des Nu-Metal-Hypes: Während andere wie Limp Bizkits Fred Durst mit Sex und Party protzten, sangen sie in scheinbar schiefen Harmonien und in einem bis dato unerhörten, aber auch kompromisslosen Clash aus Alternative, Crossover und armenischer Folklore über den Genozid und Charles Manson – Themen, zu denen es sich eigentlich nicht locker-flockig mitgrölen lässt.

Einziger Wermutstropfen: Ihre österreichischen Fans kamen erst viermal zum persönlichen Handkuss: 2005 waren sie bei uns am allerersten Nova Rock zu Gast – mit ihrem bisher letzten (Doppel)album “Mezmerize” und “Hypnotize” im Gepäck. 2011 sollten sie – nach einer kurzen Bandpause und demnach auch ohne neue Musik – dann dort nochmals aufspielen, der Zustrom zur Red Stage war da gar so stark, dass ein zusätzliches Gelände auf einem Feld geöffnet werden musste. Dabei zeigten die amerikanisch-armenischen Haudegen auf beeindruckende Weise, wie aktuell und hochpolitisch Musik sein kann – entsprechend war die Stimmung am Siedepunkt. Ebenfalls dann auch 2013 am FM4 Frequency und bei ihrem bisher letzten Gastspiel in Österreich, 2017 erneut am Nova Rock – und das dem Starkregen zum Trotz.

Seitdem jedoch: Funkstille. Zugegeben, 2020 gab es mit “Protect The Land” und “Genocidal Humanoidz” zwei neue Songs, aber ihre Liveauftritte beschränkten sich stringent auf den amerikanischen Kontinent. Als Grund nennen System Of A Down immer wieder mal künstlerische, organisatorische, aber auch politische Meinungsverschiedenheiten, die aber nichts an ihrer grundsätzlichen Freundschaft änderten: Schlagzeuger John Dolmayan etwa ist, anders als der regierungskritische, linksliberale Aktivist, Sänger und Songwriter Serj Tankian, seit Jahren bekennender Trump-Supporter. Aber nun sind System Of A Down endlich zurück: Zwar verwehrt sich Gitarrist Daron Malakian immer noch einem neuen Album, aber immerhin spielten sie nach Stockholm, Paris und Mailand diese Woche Mittwoch auch im – natürlich – ausverkauften Berliner Olympiastadion: 70.000 teils internationale Besucher haben die monumentale Bühne randvoll gefüllt.

Acid Bath, Queens Of The Stone Age und System of A Down im Olympiastadion Berlin. Bilder: Stefan Baumgartner

Schon ab Wochenanfang gab es da einen Pop-up-Shop – viel Aufhebens um Merch für eine Band, die eins eines ihrer Alben “Steal This Album!” genannt hatte. Aber: Fans nahmen das Angebot dankend an, wie man am Konzerttag sehen konnte – zumindest im Golden Circle gab es kaum Besucher, die nicht in die aktuellen Trikots gewandet waren. Das Wetter war zudem auch perfekt, ohne allzu sehr ins Schwitzen zu kommen – es sei denn, man pogt, mosht, tanzt: Auch wenn einige Fans altersbedingt zumindest zwischen den Sets mit Sitzpausen ihren Rücken zu schonen trachteten, waren zumindest die Beginnzeiten – SOAD betraten bereits um 20 Uhr die Bühne – dienlich.

Acid Bath

Aber spulen wir erst einmal drei Stunden zurück, denn bereits um 17:30 Uhr standen andere Legenden auf der Bühne: nämlich die amerikanischen Sludge-Metaller Acid Bath, die in den Neunzigern mit ihren beiden Alben “When The Kite String Pops” und “Paegan Terrorism Tactics” von sich hören machten – und auch von sich reden, stammt doch das Cover ihres ersten Albums vom Massenmörder John Wayne Gacy, von ihrem zweiten von Dr. Jack Kevorkian, einem Pathologen, der durch seinen energischen Kampf für das “Recht zu sterben” bekannt wurde und über 130 Menschen “auf die andere Seite” begleitet hat – in einem Fall gar wegen Totschlag verurteilt wurde. Aufgelegt, dass Acid Bath von Slipknot als größte Inspiration für ihr Debütalbum genannt werden! Nach zwei Jahrzehnten Funkstille feierten sie nun im Olympiastadium überhaupt erst ihr Live-Debüt in Europa, wenngleich nicht in der originalen Besetzung: Neben den ursprünglichen Mitgliedern Dax Riggs, Sammy Duet und Mike Sanchez heißt man nun Zack Simmons von Goatwhore am Schlagzeug und Shane Wesley von Crowbar am Bass willkommen – lieferte entsprechend einen Wumms, der zwischen Black Sabbath und Lynyrd Skynrd changiert, begleitet von Visuals, die in einen ziemlich spacigen Pilzetrip entführten.

Queens Of The Stone Age

Bereits bei Acid Bath waren einige vereinzelte, beseelte Fanzellen am Toben – mehr noch, als dann eine Stunde später Queens Of The Stone Age die Bühne betraten, eine Band, die als Vorband ob ihrer Größenordnung fast schon deplatziert wirkte. Zumal sich Josh Homme, der wohl am besten gealterte Herr der Rockwelt, gemeinsam mit seiner Mannschaft in absoluter Pracht präsentierte: Entsprechend war der Golden Circle bei ihrem Potpourri aus Stoner und Hardrock bereits amtlich gequetscht, und spätestens bei ihrer finalen Überhymne “A Song For The Dead” sprangen dann bereits die ersten Mittdreißiger im Moshpit gegeneinander. Und auch Homme hatte, wie er schelmisch grinsend meinte, eine “fucking gute Zeit”: Nach gesundheitlich schwierigen Jahren scheint er tatsächlich in der Form seines Lebens, man sieht ihm deutlich an, dass es ihm gut geht, seine Stimme voll da ist und nicht nur die Band mit sichtbarer Freude durch ein Set spielt, das die Wartezeit auf System Of A Down nicht nur verkürzt, sondern bereits ein weiteres Highlight des Abends markiert. Das Publikum dankte es mit ohrenbetäubendem Jubel, bevor noch eine letzte Klopause vor dem großen Finale anstand.

System Of A Down

Interessant ist aber vorerst, was nicht passiert: System Of A Down verzichten – im Gegensatz zum Gros ihrer ebenbürtigen Kollegschaft – auf eine überdimensionierte Showproduktion, vielmehr lassen sie das ohnehin beeindruckende Olympiastadion für sich sprechen. Und natürlich sich selbst, vier Musiker: Sie wissen, dass der größenwahnsinnige Protzbau aus der Nazizeit vom ersten Akkord an ohnehin schon für eine greifbare, ideologische Reibung sorgen wird.

Pünktlich zum Hauptabendprogramm eröffnen System Of A Down mit “Soldier Side” und “B.Y.O.B.”, exakt so wie das 2005 erschienene “Mezmerize”, das, zusammen mit dem ein halbes Jahr später erschienenen “Hypnotize”, das letzte Album war, das man den Fans gönnte. Das Stadion ist sofort auf 180 und befindet sich inmitten des kontrollierten Wahnsinns, bemerkenswert: Serj Tankian mag wenig Bewegung auf der Bühne brauchen, aber sein Charisma strahlt bis in die obersten Ränge. Er, der klassische Komponist und sinfonische Musiker, lebt für seine Kunst - und dirigiert nicht nur seine Band, sondern auch das Publikum. Die Ränge stehen komplett, und wenn Daron Malakian mit gewohnt irrem Blick "Everybody jump up and down!" fordert, springt ganz Berlin: Von so einem Publikum können manche Kollegen nur träumen - "Pogo Pogo Pogo Pogo Pogo Pogo Pogo!”. Allerdings: Die Ansagen und die Publikumsinteraktion bleiben rar, gerade Serj Tankian interessiert sich nicht für die vermeintliche Pflicht, gleichzeitig auch Entertainer zu sein: Diese Plattitüden hat er bei dem Songmaterial einfach nicht nötig. Lediglich Bassist Shavo Odadjian schmeißt immer wieder Plektren ins Publikum, die er speziell für Berlin mit einem Konterfei von David Hasselhoff bedrucken hat lassen: Immerhin war er es, der Berlin wiedervereinigt hat!

Schwerpunkt in der gut dreißig Song starken Setlist waren aber freilich die Frühwerke “Toxicity” und das Debütalbum, wenngleich insbesondere die lautstark vom Stadion mitgesungenen “Radio/Video” ("Mezmerize") und “I-E-A-I-A-I-O” ("Steal This Album!") frühe Highlights des Abends waren. Doch System Of A Down arbeiten sich nicht einfach pflichtbewusst durch ihre Hits - “Prison Song”, “Violent Pornography” und “Needles” klingen immer noch zeitlos, frisch und wütend. Bei “Psycho” zeigt sich endgültig, dass Nostalgie hier eigentlich keine Rolle spielt: System Of A Down funktionieren immer noch brutal gut, unzählige Körper schwitzen vor der Bühne dicht and dicht - es ist ein kathartischer Kontrollverlust, der im Olympiastadion passiert. Auch bei “Chop Suey!” brüllt das komplette Stadion - Jubel endlos: “I don’t think you trust in my self-righteous suicide, I cry when angels deserve to die!” Und während sich im Innenraum mehrere Circle Pits öffnen, steht fast unbemerkt hinten am Schlagzeug John Dolmayans Tochter mit pinken Noise-Cancelling-Kopfhörern und klimpert bei “Deer Dance” auch einmal mit den Schellen. Bei “Aerials” steigen erstmals rote Rauchbomben im Golden Circle auf - so etwas hat das Olympiastadion wohl selten erlebt, weil es eigentlich auch verboten ist …

Für Hydration Breaks hat vielleicht die FIFA Platz, System Of A Down gestatten sie kaum. Nach eindreiviertel Stunden gipfelt das Konzert in “Toxicity”, erneut mit zahlreichen Circle Pits, und setzt mit “Sugar” und der surrealen Zeile "The kombucha mushroom people, sitting around all day” einen schnörkellosen Schlusspunkt. Keine Spielereien, keine Zugaben - der Abgang um kurz vor 22 Uhr wirkt arg plötzlich. System Of A Down haben aber mit dieser geballten Ladung, die sie Berlin vor den Latz knallten, bewiesen, dass sie es nicht nur immer noch können. Sondern vielmehr, dass sie selbst ein Stadion zum Kochen bringen können, als stünden sie in einer intimen Asselbude, bei der der Schweiß ohnehin von der Decke tropft. Bleibt nur die Frage, wie lange man sich bis zum nächsten Mal gedulden muss: Aber vielleicht kommen System Of A Down nach diesen vereinzelten Europa-Konzerten kommendes Jahr als einer der Headliner aufs Nova Rock?


Live-Termine


System Of A Down

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Infos auf dem Stand vom 10.07.2026  

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