Bild: Universal Music
Ist's “KapiTAYlism” oder einfach nur “das Leben eines Showgirls”? Zahlreiche alternative Varianten, alle limitiert: Mit ihrem heute erschienenen Album „The Life of a Showgirl” zieht (auch) Taylor Swift ihren Fans das Geld aus der Tasche.
Mittlerweile bin ich seit fast 30 Jahren Musiksammler – ich sage dies nicht, um mich selbst zu beweihräuchern, lediglich, um einzuordnen: Ich habe selbst einen Hang zu schönen, „haptischen“ Dingen – und bin verwundert, dass die Statik meiner Wohnung noch nicht aufgegeben hat. Es hat aber auch einen Vorteil: Die mehreren tausend Schallplatten und CDs sorgen für eine zusätzliche Wärmedämmung in meiner Wohnung, sodass ich mir zumindest im Herbst die Heizungskosten erspare. Und wenn die Temperatur in der Wohnung doch einmal unter 20 Grad fallen sollte, dann habe ich zumindest ausreichend zum Anziehen: Mit der Menge an T-Shirts und Pullis, die sich in meinen Kleiderkästen türmen, müsste ich vermutlich drei oder gar vier Jahre meine Waschmaschine nicht einmal bemühen.
Als ich damals, in den späten Neunzigern, mit dem Sammeln angefangen habe, galt ich im engen Freundeskreis schon sonderbar, wenn ich von einem neuen Album nicht nur eine Version – wahlweise auf CD oder Vinyl – hatte, sondern eventuell noch eine weitere, limitierte, mit Bonus-Tracks zum Beispiel. Aber: Damit war die Sammlerleidenschaft dann tatsächlich schon befriedigt, sofern man nicht dermaßen „die-hard“ war, dass man auch eine ausländische Pressung aus etwa Japan sein Eigen nennen musste. Und heute? Von Billie Eilish’s Debütalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?” habe ich etwa sechs minimal abweichende Versionen. Und da finden sich noch zahlreiche weitere Alben in meiner Sammlung, die ich mehrfach besitze: Mit unterschiedlichen Vinyl-Farben, mit alternativen Covern, Deluxe-Editionen mit Demo- oder Live-Bonustracks oder in unterschiedlichen Formaten, wenn es zum Beispiel „CD-only“-Stücke gibt, die es nicht auf das Vinyl geschafft haben. Geschätzt ein Fünftel meiner Sammlung besteht heute aus Veröffentlichungen, die man eigentlich nur braucht, wenn man ein „Komplettist“ ist – und darauf setzen Künstler und Künstlerinnen immer mehr.
„Legends“, das neue Album von Sabaton, erscheint da zum Beispiel nicht nur ganz klassisch auf CD, Vinyl und Tape – sondern jeder der elf Songs (!) bekommt eine eigene Version, mit unterschiedlichen Vinyl-Farben und speziellen Grafiken. Yungblud, der mit seinem durchaus kostengünstigen „Bludfest“-Festival eigentlich den Ansatz vertritt, auch seinen einkommensschwachen Fans einen niederschwelligen Zugang zu Konzerten zu bescheren, hat sein neues Album „Idols“ auch nicht nur in unterschiedlichen Formaten, sondern „zum Sammeln“ auch mit diversen Cover-Motiven angeboten – und sogar eine „Liquid Vinyl“, die angeblich mit einer zumindest homöopathischen Menge an Eigenblut gefüllt ist. Von „Man’s Best Friend“ von Sabrina Carpenter gibt es ebenso nicht nur unterschiedliche Formate und Farben, sondern auch zwei verschiedene Cover-Versionen: Eines, das von vielen Fans als „misogyn“ erachtet wurde, und eines – Zitat der Künstlerin – „approved by God“.
Ebenso Taylor Swift: Seit der Ankündigung Mitte August gab es da in regelmäßigen Abständen zeitlich begrenzt verfügbare, limitierte Versionen ihres Albums – die einen auf glitzerndem Vinyl, die anderen auf färbigem Vinyl, dann wieder mit abweichenden Covers. Wenn ich mich nicht verzählt habe, gibt es allein vier verschiedene CD-Versionen plus acht abweichende Vinyl-Versionen, alle davon noch zusätzlich in mehreren Farben erhältlich. Natürlich kann man jetzt strenggenommen sagen: Man muss, nicht einmal als Fan, dieses Spiel mitspielen. Doch wer selbst Fan ist, weiß, wie schwer es ist, nicht Teil dieser Epidemie zu sein. Zumal diese Epidemie ordentlich viel Geld kostet: Unter 40 Euro gibt es heute kaum noch eine Pop-Schallplatte, Porto und gegebenenfalls Zoll nicht eingerechnet.
Und tatsächlich treibt Taylor Swift das Spiel an die Spitze: Während eine Vielzahl an Kolleginnen und Kollegen wenigstens so fair sind, alle Varianten gleichzeitig feilzubieten, sodass man sich als Fan seine bevorzugte Variante (oder: Varianten) rauspicken kann, hat Taylor Swift bei ihrem „The Life of a Showgirl“ Woche für Woche neue Versionen nachgeschossen, sodass der Druck auf Fans immer wieder aufs Neue erhöht wurde, sich dann doch noch eine weitere Version zu kaufen: Vielleicht ist ja die neue Variante noch besser, noch schöner, noch begehrter, noch limitierter als die davor.
Dieses Spiel mit dem „Fan-FOMO“ ist ein überaus perfides: Mir ist durchaus bewusst, dass sich seit meinen Sammler-Anfängen die Einkunftsquellen von Bands und Musikerinnen und Musikern verschoben haben, alles teurer geworden ist – auch die Konzerte. Und natürlich sollen Künstler*innen auch im Spotify-Zeitalter ihr Essen auf den Tisch bekommen, entsprechend entlohnt werden: Aber mittlerweile ziehen gerade Pop-Superstars, die es eigentlich nicht zwingend nötig hätten, gerade ihren treuesten (und meist sehr jungen) Die-Hard-Fans das ohnehin nicht im Übermaß vorhandene Geld dermaßen frech aus der Tasche, dass man ihnen mit spitzer Zunge beinahe vorwerfen möchte, sich das Geschäftsmodell bei Drogendealern abgeschaut zu haben – auch die spielen mit der Schwäche ihrer Kundschaft. Und eigentlich hätte es gerade die reichste weibliche Musikerin, Taylor Swift, nicht wirklich nötig: Mit einem Net Worth von 1,6 Milliarden US-Dollar könnte sich Taytay locker bis zum Lebensende problemlos mit mehreren „Kanzlermenüs“ täglich versorgen, ohne am Hungertuch zu nagen.
Mir ist schon bewusst, dass wir Fans auch Sammler sind, die gerade die Vielfalt und die Jagd auf unterschiedliche Versionen ebenso lieben wie das Album selbst – „The Life of a Showgirl“ ist jedenfalls ein absolutes Highlight in der Discographie von Taylor Swift geworden! –, und ja, die Exklusivität von speziellen Versionen ist durchaus etwas, das auch Fans zugutekommt. Aber gerade an der oberen Spitze der Popmusik wäre es an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten und etwas moderater mit seinen Fans umzugehen: Denn, die Polemik meines „Rants“ außen vorgelassen, ergibt sich noch ein weiteres Problem, das über eine*n Künstler*in hinausgeht. Wenn Superstars mit so vielen unterschiedlichen Pressungen die Presswerke „blockieren“, dann haben zahlreiche kleinere Künstler*innen das Nachsehen und müssen warten, warten, warten, bis auch sie endlich zum Zug kommen und ihr Album veröffentlichen können – sofern dann nicht wieder ein anderer Superstar mit einer nachgeschobenen „Deluxe“-Version reingrätscht. Metallica haben sich zumindest mittlerweile ihr eigenes Presswerk gekauft, um niemanden Ressourcen wegzunehmen.