Bild: Noel Richter
Die deutsche Band Tocotronic hat die Hamburger Schule mit gutem Erfolg abgeschlossen und steht seit mehr als 30 Jahren für intelligente Texte und kunstvolle Rockmusik. Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow spricht über das neue Album, das den Titel „Golden Years“ trägt. Angesichts von Trump, AfD und Co.: Kann er das ernst meinen?
Für uns hat sich der Albumtitel genau aus dem Grund angeboten, weil er doppelsinnig ist. Bei mir ändert sich die Lesart je nach Tagesform ständig. Man kann ihn als Hoffnung auf die kommende Zeit verstehen, aber natürlich auch als sarkastischen Kommentar auf die Gegenwart. Der Titel funktioniert am Cover am besten. Da steht „Golden Years“ in einer stacheligen Schrift irgendwo zwischen Crust Punk und Black Metal. Das bringt die Doppelsinnigkeit vielleicht am besten zum Ausdruck.
„Golden Years“, um das noch fortzusetzen, ist auch ein Verweis auf unsere ersten Alben. Die sind auf dem Label L’age d’or erschienen, was übersetzt goldenes Zeitalter heißt. Die neue Platte hat einige Anknüpfungspunkte an unser frühes Werk. Dieses hatte eine unmittelbare Qualität, eine Spontanität, die uns wieder oder immer noch sehr sympathisch ist. Wo wir gerade stehen, ist aus der Innenperspektive nicht so leicht zu sagen. Wir sind auf jeden Fall wieder zur Ursprungsformation zurückgekehrt: Jan, Arne, Dirk. Rick McPhail war 20 Jahre dabei und hat auch beim Album noch mitgewirkt, aber jetzt nicht mehr. So ist das Leben.
Es gab schon ein großes Konzert in Hamburg. Und in Wien haben wir zwei Abende Werkschau in der Arena gemacht, auch das war Teil des Jubiläums. Ansonsten war uns diese Zahl so ein bisschen wurscht. Wichtiger sind mir neue Songs.
Nicht ganz. Manchmal komme ich als Songwriter beim Schreiben in eine leicht manische Phase. Grundsätzlich ist diese Songsammlung aber über einen längeren Zeitraum entstanden. Der Produktionsprozess war ziemlich zerrissen. Wir haben räumlich unabhängig voneinander gearbeitet. Zuerst wurden Gesang und Gitarre aufgenommen, dann Bass, Schlagzeug und die restlichen Gitarren. Das war sehr ergebnisoffen und spannend. Ich kenne die Stücke von Anfang an, weil ich sie in meiner Küche auf der Akustikgitarre schreibe, war am Ende aber doch überrascht, wie sie klingen.
Ja, der Sound ist eine tolle Mischung aus Direktheit und Künstlichkeit. So klangen manche Bands Ende der 1980er. Das ist meine Lieblingsära für Gitarrenmusik.
„Sie“ werden im Song nicht benannt. Natürlich ahnt man, dass es sich um Menschen der AfD oder FPÖ handeln könnte. Diese Menschen arbeiten mit Fiesheit und Niedertracht, um ihre Ziele zu erreichen.. Ich glaube jedoch, ein bisschen was davon steckt in uns allen. Gerade in diesen Zeiten, wo im Netz Hass und Hetze verbreitet werden und Krieg herrscht. Davon kann man sich schwer befreien. Darum geht es im Lied auch.
Jein. Es gibt durchaus Gruppen von Songs oder Stücke, die sich aufeinander beziehen. „Der Tod ist nur ein Traum“ ist ein Zwilling von „Bleib am Leben“. In „Mein unfreiwillig asoziales Jahr“ und „Niedrig“ geht es um Isolation. Aber es ist kein Konzeptalbum, das stimmt.
Absolut. Es ist uns wichtig, nicht einem Genre verhaftet zu sein. Nehmen wir ein Stück wie „Niedrig“. Im Grunde habe ich das auf meiner Akustikgitarre als Ballade geschrieben. Man könnte sagen, es ist ein langsamer Countrysong. Durch die Produktion wurde es aber eine Art Dub Reggae. Dann taucht plötzlich eine Maultrommel auf, und schon klingt es ein bisschen nach Counry oder Italowestern. Die Songs wechseln permanent ihre Gestalt.
Ich finde es einerseits wichtig, sich zu verändern. Aber man ist am Ende dann doch derselbe Mensch. Außerdem sind es ja wunderschöne Songs, die damals entstanden sind. Einige davon spielen wir bis heute und mir kommt vor, sie werden durch die Wiederholung nur besser.
Nicht wahnsinnig. Ich schreibe bei mir zu Hause mit irgendeiner Gitarre. Was ich eben zur Hand habe. Gut, in der Zwischenzeit habe ich auch zwei Bücher geschrieben. Manche Songs fließen als Prosatexte in die Bücher ein - und Texte aus den Büchern wiederum fließen in Songtexte ein. Das passiert gar nicht bewusst, ich bemerke es meist erst im Nachhinein.
Bin ich ein verklemmter Hedonist? Naja, ein bisschen stimmt es wohl. Dieses Ich ist ja immer eine große und komplizierte Sache. Man entkommt sich aber nur bis zu einem gewissen Grad. Im lyrischen Ich steckt eine Menge von mir drin. Gleichzeitig ist es immer ein Eiertanz. Als Songschreiber schreibe ich ja explizit für die Band mit. Die Anderen müssen sich zumindest stückweise damit identifizieren können. Ich spreche nicht nur für mich, sondern für das Kollektiv.
Das Stück geht zurück auf ein Bild eines amerikanischen Künstlers aus Detroit. Er heißt Austin Martin White, ist aber schwarz und malt viel zu Sklaverei, aber auch Clubkultur. Ein Bild von ihm heißt „Bye bye Berghain, Fire in the Church of Clubs“. Davon ausgehend habe ich ein Bild von Berlin aus der Vogelperspektive entwickelt, so wie bei Hitchcock. Ich wollte den Niedergang zeigen. Berlin wird gerade zugrunde gespart, vor allem die Kultur.
Ja, es ist eine große Freude. Gleichzeitig kann man nicht so tun, als hätte sich die Musiklandschaft in den letzten zehn Jahren nicht stark verändert. Vor allem durch Streaming und die Art, wie man heute Musik hört und wahrnimmt. Die Stelle, die Sie erwähnen, ist vielleicht das erste Mal, dass das Wort Spotify in einem Lied als Reim vorkommt. Ich mag es, wenn ich beim Liederschreiben manchmal selber von meinen Gedanken überrumpelt werde. Plötzlich drängt sich ein Reim auf, der unerwartet Witz und Hintersinn produziert. Diese Momente beim Schreiben sind genauso schön wie die Begegnungen bei Konzerten.