Bild: Sophie Löw / Hannes Tschürtz
Als Labelchef von Ink Music mit Künstler*innen wie Garish, Leyya und Mira Lu Kovacs und Mitbegründer von NTRY ist der Burgenländer Hannes Tschürtz seit zwei Jahrzehnten elementares Rädchen in der österreichischen Musikszene. Nun hat er sich einen Lebenstraum erfüllt und erzählt in einem Buch (und auf der Bühne) über das “unnütze Musikwissen”, das sich in den vergangenen Jahrzehnten bei ihm angesammelt hat: Es ist eine Zeitreise durch die Popkultur der letzten Jahrzehnte mit zahlreichen “Aha!”- und “Oho!”-Momenten, irgendwo zwischen dreisten Diebstählen, tragischen Unglücken und erstaunlichen Zusammenhängen.
Genau weil es archaisch ist. Mit dem Medium „Buch“ verbindet mich eine Rückbesinnung oder eine Sehnsucht nach etwas, wo man das Gefühl verspürt, man hat etwas geschafft – oder „geschaffen“. Die Idee zu „einem Buch“ trage ich tatsächlich schon mindestens 15 Jahre vor mir her, anfangs vielleicht auch so ein bisschen als Scherz. Irgendwann habe ich begonnen, Geschichten aus der Musikwelt, die mich interessiert haben oder die ich lustig gefunden habe, zu sammeln. Vor ewigen Zeiten habe ich dann einen damals noch Twitter-Account aufgesetzt, wo ich mehr oder weniger als Notiz an mich selbst Facts gepostet habe. Tja, und irgendwann war genug Material für ein Buch vorhanden (lacht).
(lacht) Noch nicht, nein. Es ist primär ein Projekt, an dem ich meinen Spaß hatte. Es fasziniert mich aber auch, was für Wellen es geschlagen hat, wie weit es sich trägt – noch dazu ohne den obligatorischen Promo-Aufwand. Beim Buch ist alles sehr organisch und natürlich, wie das gewachsen ist. Nun wird das Buch auch live vorgestellt, ich spiele jetzt mehr oder weniger so etwas wie ein Kabarett-Programm zum Buch. Selbst das finde ich immer noch ein bisschen skurril. Aber es macht wahnsinnig Spaß und wer weiß, was da noch hinter der Ecke lauert: Ich bin auch schon darauf angesprochen worden, dass das eigentlich ein super Fernsehformat wäre (lacht). Aber ich bin auch realistisch: Ein weiterer Hauptberuf wird aus dem Buch nicht (lacht).
Es ist jedenfalls keine Lesung: Musik nur zu erzählen ist ja immer ein bisschen schwierig, daher gibt es im Buch ja auch schon Playlisten, die über das erzählerische Format hinausgehen. Auf der Bühne spiele ich auch Musik dazu und man bekommt etwas zum Anschauen. Es geht mir einfach darum, einen unterhaltsamen Abend zu gestalten – das hat dann ein bisschen einen Pub-Quiz-Charakter. Aber keine Sorge: Man wird nicht abgeprüft, wenn man den Saal verlässt, aber es gibt schon ein paar interaktive Momente … In erster Linie soll es einfach Spaß machen!
Das Schöne an der Musik ist ja: Man muss nichts wissen. Man kann sich auch nur berieseln oder berühren lassen, ohne zu wissen, wer für die Musik verantwortlich zeichnet, was die Geschichte dahinter ist. Musik ist eine magische Sprache, die alle hören und verstehen können – und theoretisch auch machen. Beim Buch war mein Ansatz, kein Lexikon, sondern ein Unterhaltungsbuch zu schreiben: Wer sich ein bisschen kulturhistorisches Wissen aufbauen möchte, kann hier viel Spaß haben. Aber ja, natürlich gibt es dann noch die Nerds, die zu jeder Geschichte noch einmal 27 Geschichten nachlegen könnten (lacht).
Ich kann das schon unterstreichen, was du sagst. Wenn man sich so wie ich aber langsam auf den Fünfziger zubewegt, dann ist man vielleicht auch empfänglicher für Geschichten, die einen an die Jugend erinnern. Ich bin mir aber sicher, dass die heutige Jugend später einmal nicht anders über Taylor Swift oder Charli XCX spricht als wir über Fleetwood Mac oder Michael Jackson heute.
Ich glaube aber auch, dass sich Rolle von Popmusik sehr stark verändert: Wenn du überlegst, welche Messenger-Rolle Musik früher hatte, auch gesellschaftspolitische Sachen anzusprechen bis hin zu vermeintlichen Revolutionen auszulösen – oder wenn du an einen John Lennon denkst, der ein Sprachrohr einer Generation war. Heute gibt es hundert andere Kanäle auch – dadurch hat sich die Botschaft eines Musikers, einer Musikerin verändert. Ich glaube, Pop-Phänomene von heute bilden viel mehr einen Zeitgeist ab, der sich viel stärker um das singuläre Ich, das Individuum und die Persönlichkeit dreht – mit Problemen wie mentale Gesundheit. Und das steht schon im Gegensatz zum Mitverhandeln von gesellschaftlichen Bewegungen in den Sechzigern und Siebzigern.
Michael Jackson ist Bart Simpsons Ghostwriter für dessen Single-Hit “Do The Bartman” für den Simpsons-Kinofilm.
(aus: “Unnützes Musikwissen” von Hannes Tschürtz)
Ich finde vor allem die Spiegelseite interessant: Zu merken und zu lernen, dass all diese Stars letztlich auch nur Menschen sind. Das war eine meiner ersten Lektionen, die ich als Jugendlicher bei meinem ersten Job in Wiesen gelernt habe: Da begegnest du den Toten Hosen und Björk Backstage in einem quasi intimen Rahmen, betreust sie - aber du stellst sehr schnell fest, dass das nicht diese außerirdischen Wesen sind, als die man sie in den Medien darstellt. Sondern das sind ganz normale Menschen, die genauso ihre Issues, ihre Probleme haben. Und in dem Kontext wiederum ist es interessant zu sehen, was sie schaffen können, welchen Einfluss sie haben, was sie im Imstande waren, in Worte und Musik zu verpacken. Das ist dann wiederum umso beindruckender und faszinierender und bringt der Kunst eine immense Wertschätzung.
Genau. Der musikalische Wert von Helene Fischer hält sich für mich beispielsweise in Grenzen, aber was bei ihr für eine Disziplin und Athletik dahintersteckt, das ist dann doch wieder beeindruckend.
Ich habe tatsächlich eine elendslange Liste an Notizen und Geschichten, manche sind tatsächlich schon älter, insofern ist es klar, dass es sich nicht um die neuesten Stars dreht. Letzten Sommer habe ich ausgesiebt, welche Geschichten ich für verdaubar und gut lesbar hielt: Ich habe mir überlegt, wer so ein Buch kaufen würde und wie man die Geschichten so verpackt, dass sie möglichst vielen schmecken. Dann gab es einen Vorabdruck, den ich unter Freunden verteilt und mir Feedback eingeholt habe – man will ja letztlich doch auch gefallen (lacht).
Allerdings muss ich schon sagen: Viele jüngere Geschichten finde ich einfach nicht so spannend. Es gebe zum Beispiel wahnsinnig viel zu erzählen über Dua Lipa, vor allem im Hinblick aufs Urheberrecht, was in meinem Buch ja auch eine große Rolle spielt. Es ist aber weniger Zauber dahinter, weil die Musikindustrie heute viel industrieller arbeitet. Wenn man hingegen Led Zeppelin und die Urheberrechtsthematik hernimmt, dann hat das diesen roughen Scharm, weil die Industrie früher noch nicht so durchprofessionalisiert wie heute war. Umso mehr fasziniert dich dann aber das in dieser Retrospektive, weil man weiß, was Led Zeppelin in fünfzig Jahren geschaffen haben, wie sie verehrt worden sind. Das ist ein vollkommen anderer Kontext, als wenn du eine ähnliche Geschichte zu einer aktuellen Nummer-1 der Charts hörst.
Schon auch. Natürlich habe ich primär Geschichten gesammelt von Künstler*innen, die mich interessieren. Aber bei der Auswahl habe ich dann versucht, die Künstler*innen rauszupicken, mit denen ich möglichst viele Leute abhole. Aber es ist schon auch ein Buch aus und für meine Generation - aber die dehnt sich eh sehr weit von Pop über Rock bis hin zum Hip-Hop. So ist auch das Feedback meiner Leser*innen sehr bunt und weitläufig.
Der Stand Up-Comedian und Schauspieler Ricky Gervais war in den 1980ern in einer wenig erfolgreichen Synth-Pop-Band, später wechselt er die Seiten im Musikgeschäft und ist kurzzeitig Manager der Britpop-Größen Suede.
(aus: “Unnützes Musikwissen” von Hannes Tschürtz)
Nun, zur Habsburger Zeit hat Österreich generell noch einen ganz anderen Stand in der Welt als heute gehabt (lacht). Vieles, was wir heute an der klassischen Wiener Kultur feiern, stammt aus der damaligen Zeit. Und alles, was nach der Republiksgründung passiert ist, ist eine Verherrlichung und Nostalgifizierung dieser Kaiserzeit. Das ist schon aus sehr vielen Aspekten her seltsam und komisch. Aber grundsätzlich habe ich schon ein sehr großes Problem damit, wie dual "Kultur" heute gesehen wird: Mozart und Strauss waren verdammte Popstars ihrer Zeit, heute tut man sehr wenig, Räume und Möglichkeiten zu schaffen, damit solche Popstars wieder entstehen können. Und die Ausrede, die wir seit 100 Jahren hören, dass wir nur ein kleines Land sind, halte ich für genau das: eine Ausrede. Weil Island oder Schweden und viele andere Länder können es auch. Ich glaube, wir machen uns klein und verstecken uns hinter einer glorreichen Vergangenheit.
Ja und nein. Es hat schon immer einen Aspekt, der in die Kultur einzahlt. Und da fällt schon auf, dass man es auch aus einem Kulturkreis in die Welt hinausschaffen kann – Stichwort Bad Bunny und die Latinowelle, oder auch K-Pop als signifikante Beispiele: Da findet die authentische Sprache einer lokalen Kultur plötzlich globalen Zuspruch und plötzlich hört man diesen Ton dann auch in einer europäischen Band wieder. Diese wechselseitigen Einflüsse sind schon ein Merkmal von Musikgeschichte. Du hast schon recht damit, dass es nicht per se wichtig ist, woher Künstler*innen kommen, dass Grenzen immer mehr verwischen, nichtsdestotrotz hat alles irgendwo einen Ursprung.
Aus der jüngeren Vergangenheit würde ich es als positives Merkmal sehen, dass österreichische Musik einfach nur anders ist. Das ist vielleicht ein blödes Wort, aber was insbesondere FM4 in den Nullerjahren als Grundlage geschaffen hat, war: „Macht’s irgendeinen originellen Schaß, wir werden’s schon spielen.“ Das hat eine gewisse künstlerische Freiheit gegeben, wo gleichzeitig der wirtschaftliche Druck nicht da war, weil alle von vornherein ohnehin ausgeschlossen hatten, große internationale Superstars zu werden. Aus dem sind dann völlig obskure Sachen zwischen Soap&Skin, Ja, Panik, Bilderbuch, Dorian Concept und Cid Rim herausgewachsen. Das zeigt die Breite, aber auch die internationalen Einflüsse, die bei uns lokal einen Raum gefunden haben. Gerade in Deutschland war es lange Zeit so, dass alles auf Radio und Playlisten hingetrimmt war und die spannenden Sachen aus Österreich gekommen sind - das ist auch das Feedback, das ich in den letzten Jahren am häufigsten bekommen habe. Und wenn wir heute mit so etwas wie Leyya daherkommen, dann hören wir noch immer, dass wir uns trauen, etwas Anderes, etwas Spannendes abzuliefern.
Ich habe erst letztens einen Podcast aufgenommen, wo ich über das Album „Absender auf Achse“ von Garish aus dem Jahr 2004 gesprochen habe. Das war an Verrückheit kaum zu überbieten, was die da gemacht haben: Eigentlich war das ein kitschiges Popalbum, aber was da an Einflüssen und Selbstvertrauen drinnen steckt, das zeugt schon von Mut, anders zu sein, etwas zu machen, was so noch nicht da war. Und das macht für mich im Kern auch die Musik aus.
In den letzten Jahren fällt aber auf, dass ein paar Dinge so erfolgreich werden, dass sie einfach durchkopiert und breitentauglich werden. Das muss jetzt nicht unbedingt schlecht sein, aber du merkst schon, dass man mittlerweile nach dem Nino aus Wien, Voodoo Jürgens und Wanda draufgekommen ist, dass das Wienerische "auf dem Markt funktioniert“. Und ich weigere mich, das dann als typisch wienerische Musik anzuerkennen, weil es einfach nur eine Reaktion auf das ist, was der Markt als gut erachtet. Die Orginalität ist dann oft aber weg.
Die Autorin des Helene-Fischer-Hits “Atemlos durch die Nacht”, Kristina Bach, ist seit ihrer Kindheit an Asthma erkrankt und Schirmherrin des Deutschen Allergie- und Asthmabundes.
(aus: “Unnützes Musikwissen” von Hannes Tschürtz)
Das ist für mich insofern eine spannende Frage, weil wir bei Ink Music fast ausschließlich mit Künstler*innen zu tun haben, die ihre Songs selbst schreiben oder an ihnen mitschreiben. Von daher ist es für mich eine fremde Welt, von reinen Interpret*innen zu sprechen: Stichwort Elvis, Joe Cocker und Nina Simone - aber natürlich gibt es noch viele andere schöne Beispiele. Aus der Distanz ist natürlich eine Bewunderung da, zumal man durch die Kraft der Interpretation auch einen Mehrwert aus den Stücken herausholen kann: Wenn Cindy Lauper „Girls Just Wanna have Fun“ singt, ist das plötzlich kein Machotitel mehr wie in der Ur-Version, sondern ein feministischer Partytrack. Da habe ich dann schon auch eine große Bewunderung!
Nein, so ein arger Nerd bin ich gar nicht – bei mir geht es eher in die Breite als in die Tiefe. Schon zu Schulzeiten bin ich ausgelacht worden, weil ich neben Platten von Pearl Jam und Nirvana auch Platten von Ace of Base und Mariah Carey im Regal hatte, oder mit Herbie Hancock in jazzige Nischen eingetaucht bin. Aber das ging sich für mich aus, weil ich das alles irgendwie abgefeiert habe und mehr ein generelles Interesse an Musik hatte, als an zum Beispiel allen 48 Platten von Herbie Hancock bis ins letzte Detail (lacht).
So ein Die-Hard-Beatles-oder-Stones-Fan, wie du ihn beschreibst, wird über das „Wissen“ in meinem Buch natürlich lachen, weil es nur oberflächlich und kurz abhandelt und sich nicht ausschließlich über “Beistrichfehler im Artwork vom vierten Beatles-Album” beschäftigt. Umgekehrt komme ich auch immer wieder auf Überraschungen drauf, erst letzte Woche habe ich gelernt dass der Rick James, von dem MC Hammer „Super Freak“ für „U Can’t Touch This“ sampelt, 15 Jahre davor mit Neil Young in einer Band war. Und so eine Geschichte überrascht dann sogar mich wieder - man sieht also, man lernt nie aus!
Zum Thema „Hidden Track“ gibt es auch eine persönliche Geschichte! Eines der ersten Alben, an denen ich aktiv mitgewirkt habe, war das erste Garish-Album „Amaurose pur.“ - ein seltsames, schräges Album, auf dem die Band noch eine sehr andere als heute war. Bei einer Session hat sich Thomas ans Klavier gesetzt, bisschen herumgespielt - und wir haben das aufgezeichnet und als Hidden Track nach “Es ist Juli” versteckt. Und genau dieses Piano-Stück ist jahrelang über Berichte und Anmoderationen bei FM4 gelegt worden, und ich glaube, kein anderer Garish-Titel hat so viele Tantiemen wie der eingespielt (lacht).
Wie My Ugly Clementine entstanden sind, haben wir uns dem Begriff bedient, um zu erklären, dass sich Menschen neu finden, die in der Vergangenheit auch schon in anderen Konstellationen etwas erreicht haben. Das war eher als eine Einordnung, denn als ein glorifizierender Begriff zu verstehen. Nachdem aber heutzutage generell mehr Kollaborationen passieren als früher, ist der Begriff einer “Supergroup” heute wohl eher überm Berg: Früher sind Musiker*innen anders vermarket worden, und wenn ich beispielhaft an die Traveling Wilburys zurückdenke, ist das ziemlich beeindruckend, welche Musikgeschichte da mit George Harrison, Jeff Lynne, Roy Orbison, Tom Petty und Bob Dylan gebündelt wird. Das war damals noch kein Industriekalkül wie heute, das hatte noch etwas Romantisches an sich, eine Romantik, die heute immer mehr verschwindet.
Die für ihre langen Bärte bekannte Band ZZ Top hat ein Mitglied ohne Bart. Der Mann heißt Frank Beard.
(aus: “Unnützes Musikwissen” von Hannes Tschürtz)
Das Thema verdient ein eigenes Buch (lacht). Ich würde sagen: Namen sind nicht irrelevant. Wenn ich als Band Die Blunznfettn Taupfnnauckal heiße – und ja, die Band gibt es! – dann hat man vermutlich eine sehr präzise Vorstellung davon, was die für eine Musik machen. Oder beim Blasmusikverein Oberpetersdorf: Auch da weiß man, was man kriegt.
Aber eigentlich erklärt sich deine Frage ganz gut am Beispiel von Bilderbuch: Sie haben den Namen gewählt, weil sie zu Beginn ihrer Karriere Bilder- beziehungsweise Märchenbücher vertont haben. Wie dann ihre erste Platte gekommen ist, haben ganz viele gemeint, dass der Name selten deppert ist. Aber: Er ist aufgefallen. Und: Die Band hat den Namen geprägt, weil sie so anders, so unique waren. Sie haben “Bilderbuch” definiert. Und wenn du eine Band bist, deren Identität so stark ist, dass plötzlich ein Begriff mit dir in Bezug gebracht wird, dann hast du gewonnen.
Aber natürlich gibt es noch viele andere Kunstgriffe, die funktionieren können - wie zum Beispiel die „paradoxe Intervention“: Eine Grazer Künstlerin – Künstlerin wohlgemerkt – heißt Jo The Man The Music. Und Kristian Matsson kennt man als The Tallest Man on Earth, obwohl er eigentlich recht klein ist. Sowas irritiert, fällt auf!
Zumindest nicht bewusst. Aber es ist schon so, dass man als Konsument Namen als erste Reaktion mehr oder weniger attraktiv findet.
(lacht) Du wärst schockiert, wie höllisch unordentlich meine Plattensammlung ist. Nachdem ich zwischen Wien und Burgenland hin- und herpendle habe ich nicht eine einheitliche Plattensammlung, sondern einfach nur viele Plattenregale. Und in denen gibt es dann einen zeithistorischen Kontext – Platten, die ich selten höre, sind in anderen Regalen als Platten, die ich oft höre. Und dazwischen ist sehr viel Chaos – aber: Ich finde immer alles.
Ein ganz aktuelles Beispiel: Janelle Monáe! Da weiß ich gar nicht, ob ich sie zuerst als Musikerin oder als Schauspielerin super gefunden habe und ich weiß auch nicht, ob sie sich als Musikerin oder als Schauspielerin sehen würde. Aber die feiere ich total! Und Helene Fischer betreibt mit ihrer Weihnachtsshow auch fantastisches Family-Entertainment - so wie Cher, die ja auch eine TV-Show gehabt hat.
Mau finde ich es hingegen, wenn Harry Styles in einem Film wie “My Policeman” mitspielt, einfach nur, weil er Harry Styles ist - no offence!
Eines der größten Missverständnisse ist, dass Musik im Film wurscht ist. Ich bin daher fast religiöser Verfechter von sinnvollem und klugem Einsatz von Musik, weil das eine erzählerische Ebene hinzufügen kann. Und da müssen wir nicht gleich an den großen Quentin Tarantino denken, selbst vergleichsweise billige, kleine Teenager-Serien setzen ganz stark auf die Wirkung von Musik.
Wenn du dir zum Beispiel die Schlussszene vom sechsten Star Wars-Teil ohne dem orchestralen Ende anschaust, ist das plötzlich ein ganz anderer Film! Diese Score-Kompositionen kommen ja von Strauss und Co. und mittlerweile haben wir als Zuseher*innen im Kopf, wie eine bestimmte Szene zu klingen hat. Da kann man natürlich auch schon damit brechen - da fällt mir spontan „Interstellar“ ein, wo statt des klassischen Sounds eine Wall Of Noise auf dich zukommt, mit verstörenden Geräuschen, die aber sehr viel miterklären, ohne wirklich etwas zu sagen.
Und manchmal baut Filmmusik so wie mein Buch auch auf einen Kontext auf, als Beispiel: Eine Freundin von mir hat die Musik für die Serie „The Crown“ ausgesucht, und da gibt es den Moment, wo Prince Charles in den Achtzigern versucht, die Königin zum Rücktritt zu bewegen. Damit er das durchbringt, hat er eine kleine Verschwörungstheorie am Laufen und trifft diverse Lords – die Musik, die währenddessen gespielt wird, ist die vom „Paten“. Wenn du das erkennst, sagt diese Szene plötzlich viel mehr aus!
Das ist eine Verantwortung, der ich nicht nachkommen könnte, glaube ich (lacht). Aber vielleicht Marvin Gaye oder John Lennon – weil sie keine Drogentoten sind, sondern sehr jung Mordopfer wurden. Da wäre es schon spannend zu wissen, was die heute im Alter von 80 machen würden, was sie zu sagen hätten!
Bei Kurt Cobain bin ich mir hingegen nicht sicher, ob er heute noch eine relevante Zeitgeistfigur wäre, weil er so schnell gelebt hat. Der hat in seiner kurzen Zeit so viel gemacht und gesagt, das dieses Faszinosum über ihn erst hat entstehen lassen. Nicht falsch verstehen: Ich möchte jetzt nicht sagen, dass es nicht schade um ihn ist, aber ich glaube nicht, dass er einen Langlebigkeitscharakter wie John Lennon oder Marvin Gaye gehabt hätte.