Bild: Kaiser Rauber Wimmer
Das kompakte Slang-Groove-Duo Attwenger ist ein Phänomen. Auch nach 36 Jahren zählt es zu den relevantesten Bands aus Österreich, wie das neue Album “Wos”, das diese Woche Freitag erscheint, eindrucksvoll demonstriert.
Der Schlagzeuger Markus Binder und der Harmonikaspieler Hans-Peter Falkner lernten einander 1990 in der alternativen Linzer Musikszene kennen und wurden Attwenger. Der Name stammt aus einem Gstanzl, das im oberösterreichischen Regionalradio lief, der erste Auftritt fand im April 1990 in der Wiener Arena statt.
Das Duo kombinieren goschert-progressive Volksmusik - gern auch mit politischen Inhalten - mit Punk, Funk, Hip-Hop und Techno. Über die Jahre spielten Attwenger mehr als 1.000 Konzerte, ihre Reisen führten sie auch schon nach Sibirien, Mexiko, Vietnam, Indonesien und in die USA. Live sind Attwenger sowieso eine Macht.
Markus Binder zeigt sich am Rand des Interviews selbst erstaunt über die Langlebigkeit des Projekts: “Wenn du mich 1996 gefragt hättest, ob wir in 30 Jahren noch spielen, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Kann ich mir nicht vorstellen! Neulich habe ich mir alte Aufnahmen von uns angehört. Wir spielen die alten Songs heute sogar viel schneller als früher.”
Es geht darum, sich ein Update des Sozialismus auszudenken oder vorzustellen. Ich merke in den Interviews bisher, dass der Sozialismus halt auch eine problematische Geschichte hat. Man muss ihn positiv und futuristisch sehen. Er gehört weiterentwickelt. Sagen wir mal so: Eine gerechte Vermögensverteilung wäre sehr sinnvoll und schön. Und Discos steht als Synonym für Musik, Kommunikation und Treffen.
Im Grunde geht es um ähnliche Dinge, ja. Für uns ist es immer schwer zu sagen, welcher Song auf dem Album für die Leute der interessantere wird. Bei “Kaklakariada” habe ich mir damals gedacht, dass der Text wahrscheinlich zu arg ist. Und jetzt ist es tatsächlich unser bekanntestes Lied. Bei “Sozialismus in Discos” hatte ich diesmal das Gefühl, dass es der interessantere Song werden könnte, darum habe ich auch recht lang an dem discoiden Groove rumgeschraubt. Aber wissen kann man es nie. Ich lasse mich überraschen, wie die Rezeption ist.
Als Drummer fand ich Trap zum Beispiel sehr interessant. Die Hi-Hat hat darin eine prominente Position. Früher hat im Hip-Hop ja vor allem die Kick-Drum dominiert. Wobei ich draufgekommen bin, dass ich das mit der Hi-Hat selber früher auch schon immer wieder ein bisschen gemacht habe. Ich glaube nicht, dass wir je ans Ende der Entwicklung der Popmusik kommen werden. Es fällt doch immer wieder jemand was Neues ein. Und es gibt immer noch Dinge, die ich gerne hören würde. Das ist auch die Grundidee hinter Attwenger: Wir machen Sachen, die wir gerne hören würden. Weil sie aber niemand Anderer macht, müssten wir sie selber machen. Diese Idee oder dieses Bedürfnis treibt uns nach wie vor an. Wir wollen immer wieder Sachen auf Sound- und auch auf Text-Ebene ausprobieren.
Man kann mit Sprache endlos experimentieren und probieren. Ich denke mir manchmal, ich könnte das noch viel extremer betreiben, dass nur mehr irgendwelche Silben überbleiben und es keine Reime gibt. Aber dann falle ich meist doch wieder in das Schema Reim, Strophe, Refrain.
Die Frage finde ich gut, weil oft unterschätzt wird, dass eine Band nicht nur ein künstlerisches Projekt ist, sondern auch eine Beziehung. Es ist quasi so, wie wenn du mit einem Partner zusammenlebst. Also so eng ist es natürlich nicht, aber du hast sehr viel miteinander zu tun. Um diese Beziehung muss man sich kümmern. In längeren Beziehungen ist es oft so, dass man schon weiß, was der Andere auf eine Frage sagen und wie er reagieren wird. Die Kunst einer langen Beziehung ist, glaube ich, dass man sich immer wieder auch hinterfragt und versucht, gemeinsam auf neue Levels zu kommen. In der österreichischen Szene gibt es nicht viele Bands, die so lang existieren. Viele zerstreiten sich, weil Künstleregos oft schon sehr ausgeprägt sind. Bei uns ist es auch nicht immer lustig, aber meistens schon.
Kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, wie sich großer kommerzieller Erfolg anfühlt. Aber wie du richtig gesagt hast, ist es sich bisher immer ganz gut ausgegangen. Es hilft natürlich, dass wir nur zu zweit sind, nicht zu viert oder zu fünft. Da würde es mit den Gagen schon ganz anders aussehen. Was mir aber auffällt, ist, wie Bands rundherum heute funktionieren. Sobald eine Band ein bisschen größer wird, arbeitet sie im Prinzip wie eine kleine Firma. Da setzt sich auf Tour ein Tross von zehn bis zwanzig Leuten in Bewegung. Wir haben das alles nicht. Wir haben bis heute keine Agentur, wir checken uns die Konzerte selber. Das bringt auch was. Wenn ich mit dem Veranstalter oder der Veranstalterin im Vorfeld rede, bekomme ich schon ein Feeling, wie das dort vor Ort sein wird. Wir sind für das neue Album nicht einmal in ein Studio gegangen, die Musik mache ich auf meinem Laptop. Attwenger ist ein komplettes DIY-Projekt.
Dieser Song hat sehr viel Text. Es ist, wenn man so will, mein Kommentar zum Thema männliche Dominanz. Die fällt einem auf, wenn man ins Bücherregal schaut. Bis vor wenigen Jahren war fast alles, was publiziert wurde, von Männern. Auch bei der Musik und den Line-Ups auf Festivals konnte man das lange sehen und sieht es heute noch. Erst jetzt versteht man langsam, dass fast alles auf männliche Sichtweisen zurückgeht. Auch die Infrastruktur: Straßen und Tankstellen haben Männer gebaut. Die Wege, auf denen wir uns alle bewegen, sind so, weil sich Männer gedacht haben, so sollte es sein. Aber das ist in Wahrheit nur eine mögliche Variante, wie es sein kann. Ich finde es sehr gut, wie sich immer mehr ein Bewusstsein dafür bildet, dass wir in einer ziemlich verkehrten Welt leben.
Es ist grundkatholisch und misogyn. Ganz am Anfang von Attwenger habe ich mir gedacht, ich hole mir aus diesem traditionellen Pool ein paar Inspirationen raus. Aber viel war da nicht zu holen, darum habe ich nach der zweiten Platte angefangen, die Texte selber zu machen. In den letzten Jahren ist dann der Wunsch immer stärker geworden, etwas über das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern zu schreiben. Im Zuge der Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut habe ich den Auftrag bekommen, feministische Gstanzln zu schreiben. Und aus diesen 32 Vierzeilern wurde später der Songtext.
Ich glaube auch. In der Literatur und im Theater war das lang ein Riesenthema. Aber so einen knackigen Song zum Thema kenne ich nicht. Ich habe den Song im Jänner 2025 geschrieben, als die FPÖ in der Position war, den Bundeskanzler zu stellen. Ich habe mir gedacht: Das passiert jetzt aber nicht wirklich. Und dann war gleich diese Zeile da: “Die Entnazifizierung hat nicht funktioniert, ist bis heute nicht passiert.”
Damit sind wir wieder beim entspannten Sozialismus angelangt, der wünschenswert wäre. Dieser ganze Konkurrenzstress ständig geht eh allen auf die Nerven. Aber alle machen mit. Wie zu Weihnachten. Für mich ist Weihnachten die Spitze der kapitalistischen Situation. Alle sind hektisch, alle jammern und alle machen mit.
Ich habe Familie und drei Kinder. Natürlich mache ich mit. Und ich jammere auch. Jetzt sind wir eigentlich bei der alten Frage nach dem richtigen Leben im falschen angelangt.
Ich weiß leider auch nicht, wie es geht.