Bild: Netflix
Die neue Netflix-Dokumentation „Der Fall Bertrand Cantat: Vom Rockstar zum Killer“ erzählt nicht nur die Geschichte eines gewaltsamen Femizids, sondern zeigt auch, wie viel man einem Künstler durchgehen lässt, wenn er ausreichend Charisma mitbringt. Und sie wirft einmal mehr die Frage auf: Kann oder darf man die Kunst von Menschen weiterhin gutheißen, wenn ihre Biografie von Gewalt, Missbrauch oder ideologischer Entgleisung geprägt ist?
Diese Debatte flammt immer wieder neu auf. Als gegen Till Lindemann Missbrauchsvorwürfe laut wurden, stand Rammstein weiterhin auf der Bühne – von der Mehrheit des Publikums unbeirrt gefeiert. Man müsse nicht alles gutheißen, was ein Künstler tue – am Ende zähle allein die Musik. Nachsatz: Außerdem sei Lindemann nicht verurteilt worden.
Ähnlich äußerte sich kürzlich der australische Musiker Nick Cave: Trotz der „verachtenswerten Ansichten“ von Kanye West – darunter der Verkauf eines T-Shirts mit Hakenkreuz – könne er dessen Musik nicht den Rücken kehren: „Schönheit sei zu suchen, wo immer sie sich zeigt.” Gleichzeitig verweigerte er sich aber der Idee, man müsse einen problematischen Künstler von seinem Werk trennen: „Ein Künstler und seine Kunst sind grundlegend miteinander verwoben, denn Kunst ist das Wesen des Künstlers, das zum Ausdruck kommt.“
Auch mein Plattenregal ist nicht frei von Musikern, die in ihrer Karriere mit Skandalen und fragwürdigem Verhalten Schlagzeilen machten – und trotzdem für ihre künstlerische Brillanz gefeiert werden: Marilyn Manson wurde Missbrauch und Gewalt in Beziehungen vorgeworfen. Morrissey sorgt immer wieder mit provokanten Aussagen für Aufsehen, insbesondere mit seiner Unterstützung rechtspopulistischer Parteien in Großbritannien. Michael Jackson soll Kinder missbraucht haben, und David Bowie nannte einst Adolf Hitler einen Rockstar.
Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern – und würde auch mein Bücherregal betreffen: Darf man “Harry Potter” noch lieben, obwohl J.K. Rowling mit transfeindlichen Äußerungen polarisiert? Ist “Alice im Wunderland” immer noch eine fantastische Geschichte, obwohl Lewis Carroll für seine auffallend enge Freundschaft zu jungen Mädchen bekannt war? Und ist “Die Blechtrommel” keine Weltliteratur mehr, weil Günter Grass in der Waffen-SS war? Konsequent weitergedacht, müsste man auch nach Hollywood blicken: Kevin Spacey – für “American Beauty” und “House of Cards” gefeiert – ist trotz Freispruch mittlerweile eine Persona non grata. Mel Gibson ("Braveheart") fiel durch antisemitische Tiraden auf, während Johnny Depp ("Der Fluch der Karibik") sich den Gewaltvorwürfen seiner Ex-Frau Amber Heard stellen musste und Tom Cruise ("Mission: Impossible") auch für sein extremes Engagement in der umstrittenen Scientology-Sekte bekannt ist. And the list goes on and on and on …
Eines der herausragendsten Alben der letzten Jahrzehnte ist für mich “Des Visages des Figures” von 2001, das sechste und letzte Werk der französischen Rock-Band Noir Désir. Auch wenn der Name hierzulande eher wenig bekannt ist – sie haben während ihrer Karriere nie in Österreich gespielt –, so genießen Noir Désir in ihrer Heimat einen ähnlich legendären Status wie bei uns Rammstein. Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2010 wurden sie von ihren Fans verehrt und füllten die größten Hallen. An ihrer Spitze stand der charismatische Sänger Bertrand Cantat - ein “Vorzeigelinker” und “politisch engagierter Weltverbesserer”.
Doch Cantat ist nicht für sein Charisma allein bekannt: Die dreiteilige Netflix-Dokumentation mit dem provokanten Titel “Vom Rockstar zum Killer” beleuchtet nun eine verhängnisvolle Nacht in seinem Leben, eine Nacht im Sommer 2003, in der er zum Mörder von seiner Freundin, der Schauspielerin Marie Trintignant, wurde. Juristisch, von einem Gros der Presse und vor allem von seinen Fans wurde das nur leider nicht ganz so eng gesehen.
Marie Trintignant, 41, die Tochter der Filmlegende Jean-Louis Trintignant, drehte gerade in Vilnius unter der Regie ihrer Mutter und an der Seite ihres Sohnes den Fernsehfilm “Colette”. Am Set stets an ihrer Seite war ihr frischer Freund, Rocksänger Bertrand Cantat, 39. Cantat hatte sich erst im Jahr davor nach der Geburt seines zweiten Kindes von der Kindsmutter Krisztina Rády getrennt, nachdem ihm Trintignant bei einem Konzert vorgestellt wurde - und es für beide “Liebe auf den ersten Blick” war.
Doch die Liebe war eine vereinnahmende und toxische, Eifersuchtsszenen prägten Trintignants Alltag - eine Eifersucht, die Cantat schließlich in der Nacht auf den 27. Juli 2003 rotsehen ließ: Man hatte ohnehin bereits den ganzen Abend über und unter Alkoholeinfluss wegen Nichtigkeiten gestritten, da bekam Trintignant von ihrem Ex-Mann eine SMS. In der Nachricht ging es hauptsächlich um die Promotion ihres gemeinsamen Films “Janis und John”, unterschrieben war sie mit “Ich küsse dich, meine kleine Janis.” Und da ist Bertrand Cantat explodiert.
Ein später durchgeführter Autopsie-Bericht beweist, dass Trintignant nicht lediglich von Cantat im Streit gestoßen wurde und “unglücklich” gegen den Heizkörper gestolpert war - ein Unfall also, wie Cantat es am Folgetag den Behörden schildern wird. Vielmehr zeigt der Bericht, dass Trintignant totgeprügelt wurde, ihr Gesicht völlig entstellt, ihr Kehlkopf zerquetscht war. Tatsache ist auch, dass Cantat nicht umgehend die Rettung informierte, sondern seine ohnmächtige Freundin ins Bett legte und erst nach mehreren Stunden um medizinische Hilfe rief. Doch für Trintignant war es bereits zu spät, sie fiel ins Koma und erlag wenige Tage später ihren Verletzungen.
Fürs litauische Gericht war zwar klar, dass Cantat die Schuld an ihrem Tod trug, aber dem Autopsie-Bericht zum Trotz wurde er lediglich zu 8 statt 15 möglichen Jahren Haft verurteilt und bereits nach vier Jahren im Oktober 2007 wegen guter Führung entlassen. Grund für das geringe Strafmaß war in erster Linie, dass das Gericht den Mord lediglich als Totschlag einordnete. Die Presse berichtete damals von einer “Tat aus Leidenschaft”, eine seiner Fürsprecherinnen vor Gericht war auch seine Ex-Frau Rády, die zu Protokoll gab, dass Cantat kein gewalttätiger Mann sei. Kurz: Das Wort “Femizid” kam vor Gericht und in der öffentlichen Debatte damals noch nicht auf, vorwiegend männliche Entscheidungsträger tendierten dazu, die Schwere der Tatsachen abzuschwächen: Lediglich ein Drama, kein Mord.
Nach seiner Haftentlassung befand sich Cantat wieder an der Seite seiner Ex-Frau und der gemeinsamen Kinder, spielte weiterhin und von Presse und Publikum gleichermaßen umjubelt mit Noir Désir live, veröffentlichte sogar neue Musik. Am 10. Januar 2010 nahm sich seine Ex-Frau Krisztina Rády das Leben, Ende des Jahres wurde Noir Désir aufgelöst - doch Cantat musizierte in unterschiedlichen Besetzungen bis heute weiter, ist gar auf den Titelseiten der größten Musikmagazine abgebildet. Erst vergangenen Dezember veröffentlichte er mit Détroit sein bis dato letztes Album “L'Angle” und lebt das Bild eines genialen Rockstars, der zwei Verluste - die seiner ihm liebsten Menschen - durchstehen musste. Cantat inszeniert sich als Opfer, als ein Mann, der immer wieder Dramen überlebt. Ein Stehaufmännchen also.
In der Netflix-Dokumentation, die auf den Recherchen der Le Point-Journalistin Anne-Sophie Jahn basiert, verschiebt sich das Bild nun eklatant: Wir erfahren nicht nur, dass Rády vor Gericht falsch ausgesagt hat, Cantat bei ihr auch schon handgreiflich wurde - und sie mit seinen Wutausbrüchen schließlich in den Selbstmord trieb. Ehemalige Bandmitglieder berichten sogar darüber, dass er bereits in früheren Beziehungen dieses Verhalten an den Tag legte. Dem entgegen stehen weiterhin Einschätzungen von etwa dem ehemaligen Tourmanager von Noir Désir und vom ehemaligen CEO von Universal France, dem Label der Band: Sie sehen Cantat nach wie vor als “genialen Getriebenen, wie Jim Morrison”, sehen den Tod von Trintignant wie bisher als “tragischen Unfall”. Und es hallt sogar ein Satz von Cantats Anwalt nach: “Ohne seine übermäßige Liebe hätte das Drama nicht existiert.”
Während heute viele immer noch argumentieren, Cantat habe ein Recht auf Rehabilitation - immerhin habe er seine Strafe verbüßt -, finden es andere und immer mehr abscheulich, einem Mann eine Bühne zu geben, der nicht nur eine Frau getötet hat, sondern auch den Tod einer zweiten zumindest verschuldet hat - und augenscheinlich ein Gewaltproblem hat.
Häusliche Gewalt, eine Gewalt an Frauen hätte zu keinem Zeitpunkt der Geschichte milde betrachtet werden dürfen, als Folge einer galoppierenden, aber fehlgeleiteten Leidenschaft gesehen werden. Aber glücklicherweise hat die Menschheit in den vergangenen zwanzig Jahren zumindest zaghafte Fortschritte gemacht, heute stehen die Begriffe “Femizid” und “toxische Männlichkeit” im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten und korrigieren somit zumindest am Papier eine Ära, in der Taten wie diese noch trivialisiert wurden.
Jedoch sind immer noch zwei Fragen brandaktuell: Nicht nur die eingangs gestellte, wie man mit der Kunst eines Menschen umgeht, dessen Biografie von Gewalt, Missbrauch oder ideologischer Entgleisung geprägt ist. Noch schwerer wiegt jedoch die Krux, warum wir bei Künstlern so oft bereit sind, Taten zu relativieren, woher der Reflex kommt, ihre Ausbrüche eher zu verzeihen und zu entschulden. Auf beide Problematiken habe ich für mich noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden.