Martin Eklund
Vorneweg: wer sich für gewöhnlich in Staatsopern-Kreisen bewegt und sein Entspannungsheil im Theater an der Josefstadt sucht, an dem ist die unnötigste Diskussion dieses Sommers möglicherweise vorbeigegangen: Die beiden illustren Künstler DJ Robin und Schürze wagten es mit dem Song „Layla“, die darin befindliche Puffmutter als „schöner, jünger und geiler“ zu bezeichnen, dabei aber ganz auf die inneren Werte zu vergessen. Ein Shitstorm epischen Ausmaßes war die Folge, der globale Probleme wie den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine, die zunehmenden Affenpocken-Toten oder die für viele existenzbedrohende Rekordinflation zu Nichtigkeitsmeldungen degradierte. Wer hätte Songschreiber Schürze ein solches Niveaulimbo auch zutrauen können, nachdem er seine Ballermann-Karriere bislang mit inhaltsvollen Songpreziosen wie „Bierbomberpiloten“, „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd“ oder „Sommer Sonne Geil“ forciert hat?
Während sich Entrüstete auf der virtuellen Schädelspalterplattform Twitter geifernd über den Untergang des Abendlandes mokierten, merkte die österreichische Welt-Chefreporterin Anna Schneider dazu an, dass „jeder ein gutes Recht auf schlechten Geschmack“ hätte. Denn was auch immer der musikalisch als auch lyrisch sinnbefreite Song ausstrahlen mag – gesellschaftsgefährdend ist er mitnichten. Die Ambivalenz der menschlichen Meinungen und Ansichten ist in Krisenzeiten wie dieser so ausgeprägt wie noch nie zuvor. Längst geht es nicht mehr nur um die bekannten Generationskonflikte, man maßt sich allenthalben die unverwässerte, einzig gültige Wahrheit an und verliert in seiner affektierten Borniertheit die Fähigkeit zum simplen Diskurs. Jede der eigenen Bubble abweichende Meinung wird gecancelt, der Absender sofort breitenwirksam an den Pranger gestellt. Das führt mitunter dazu, dass man in seiner permanenten Schnappatmigkeit den Überblick verliert, wer denn noch gut und wer böse ist? Und gibt es nicht auch ein Dazwischen?
So galt etwa David Schalko als Erfinder der immer noch laufenden Erfolgsserie „Willkommen Österreich“ und der „Sendung ohne Namen“ einst als Gottseibeiuns des linken Kulturflügels, als er aber Skandalrapper Yung Hurn zur diesjährigen Eröffnung der Wiener Festwochen lud, wurde er quasi über Nacht zur Persona non Grata. Für Hurn wurde der Song „Ponny“ zum Bumerang, der vor allem mit der Textzeile „Sie hat Wichse auf ihrem G’sicht, sie braucht Zewa“ exerzierte Sexismus hätte bei einer solchen Aufführung keinen Platz – so die entrüstete Kollektivmeinung. Die Sexismus-Anklage ist per se natürlich richtig, doch dass der Song mittlerweile drei Jahre am Buckel hat und der Künstler von einem bekannten alternativen Radiosender zuerst als junger Gott gefeiert und dann wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wurde, sollte zu denken geben. Wer bestimmt, was okay ist und was nicht und vor allem wann? Was passt noch in die Norm und wo müssen wir ein besseres Bewusstsein entwickeln? Und, um sich an Danger Dans zeitgemäßen Song zu orientieren, was ist denn alles von der Kunstfreiheit gedeckt?
Als der deutsche Rüpelrapper Sido zuletzt Tausende Menschen in der Wiener Metastadt begeisterte, intonierte er stolz seinen 2004er Gassenhauer „Arschficksong“. Ein kurzer Auszug gefällig? „Katrin war schockiert / sie hat nicht gewusst, dass der Negerdildo auch vibriert / ihr Arsch hat geblutet und ich bin gekommen / seit diesem Tag sing’ ich den Arschficksong“ Während sich die Medien bei „Layla“ und Yung Hurn mit Entrüstung überschlugen, kam Sido genauso unbeachtet über sein Set, wie ein paar Wochen davor das leutselige Zeitgeistphänomen Finch am Nova Rock. Nils Wehowsky, so sein bürgerlicher Name, eckt vor allem mit seinen alten, durchaus frauenfeindlichen Texten stark an und hält nicht allzu viel vom Feminismus der modernen Sorte, doch dass sein im März 2023 stattfindendes Konzert gerade von der Ottakringer Brauerei in den Gasometer hochverlegt wurde und die Nachfrage keine Grenzen kennt, steht diametral gegen die durchaus verbreitete Meinung, der Asi-Rapper mit dem Hang zum Kirmes-Techno wäre ein verzichtbares Irrlicht. Man sieht: wenn es um die schnelle Empörung geht, wird gerne mit zweierlei Maß gemessen.
Die durchaus gut gemeinten und teils wichtigen Gedankengänge hinter der eigenen Wokeness bombardiert die Generation Z mit ihrer Liebe zum Hedonismus. Nur so ist es zu erklären, dass sich so mancher an einem Tag bei einem Kerosin95-Konzert für Trans*Personen starkmacht, dann aber, weil Party ist ja schon geil, doch auch wieder die frauenfeindlichen Hymnen von Bonez MC, Gzuz oder auch Finch abfeiert. Die Künstler aus diesem Segment nehmen diese interessante Doppelbödigkeit mit großer Freude auf. Man erkennt das Empörungspotenzial, ist in Medien, sozialen Netzwerken und Chatgruppen dauerpräsent und schraubt damit die Streamingzugriffe und Chartplatzierungen in lichte Höhen. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die Tatsache, dass nach mehreren Generationen Abgestumpftheit Provokation wieder salonfähig ist. In Zeiten der politischen Korrektheit wird ein Zündholz-Textchen schnell zum lyrischen Flächenbrand und das bewusste Aufwiegeln des Künstlers wird durch Aufruhr potenziert – die Empörten wiederum merken zu spät, dass sie dem verachteten Sexisten auf der Bühne (Name bitte einsetzen) als Steigbügelhalter zur Popularitätsgipfelerklimmung verhalfen.
Wo genau ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Death-Metal-Band, die das Ausweiden von Babys besingt und einem Rapper, der in seinen Texten Frauen schlägt? Zwischen reinem Fantum zum Reggae, weshalb sich Weiße gerne Rasta-Locken zwirbeln lassen und der rundum aufgebauschten kulturellen Aneignung, die ebenjenen gerade zunehmend vorgeworfen wird? Zwischen einem schlechten Schmäh über Hitler oder einem schlechten Schmäh über Martin Luther King? Sollte wirklich alles von der Kunstfreiheit gedeckt sein? Und falls nicht, wer entscheidet, wo die jeweiligen Linien zu ziehen sind? Keine Beleidigung oder Diffamierung sollte ins Lächerliche gezogen oder ignoriert werden, doch täte es allen Beteiligten ganz gut, sich dem ständigen Alarmismus zu entziehen und vermeintlich Verwerfliches mit etwas mehr Entspannung zu sehen. Respekt und Toleranz müssen auch in der Kunst durch ständigen Diskurs erarbeitet werden. Scheuklappen aufsetzen und mit dem Finger auf den Opponenten zeigen wird zu keiner Lösung beitragen. Außer jener, dass der Angeprangerte sich in der zusätzlichen Gratiswerbung suhlt ...